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Barth an v.K. in Bad Honnef
Von den vielen Briefen, die ich zweifellos auch heute schreiben werde, soll der
erste an dich gehen! Ich war eben im Dorf drunten, um mich endlich wieder einmal
selbständig mit Papier und Umschlägen einzudecken, bin nun ganz keuchend und
schwitzend wieder hier eingetroffen, und das Werk des Einsiedlers, der ich nun
hier bin, kann beginnen.
Ich danke dir so für deine lieben langen Briefe, aus denen ich ersehen habe, daß
es dir langsam wieder besser zu gehen beginnt. Zunächst habe ich freilich daraus
erst entnehmen oder doch ahnen können, wie groß der Schaden ursprünglich gewesen
ist und daß
nur we|530nig gefehlt hat und wir hätten jetzt keine Lollo
mehr. Ja, da kann es einem wohl nachträglich heiß und kalt werden, auch wenn man
es nur so nach und nach mitgeteilt bekommt wie ich jetzt. Du wirst mir dann
immer noch viel zu erzählen haben und zu erklären, denn nicht einmal das ging
aus deinen sonst so klaren Worten hervor, ob der Schaden am Kopf oder am Halse
sitzt. Und du darfst den Hals nicht bewegen? Was sind das alles für merkwürdige
Zeichen! Mit welcher doppelt und dreifachen Vorsicht werde ich von nun an mit
dir umgehen müssen, damit das schwer beschädigte edle Gefäß nicht weiter leide!
Und sag mal, wie ist das mit deiner Reise – wenn es endlich so weit sein wird?
Kannst und darfst du allein reisen, oder sollte ich nicht heimlich still und
leise dorthin kommen, dich abzuholen? Ein Wink, und ich bin dort, gelt? Ich bin
für den Augenblick sehr beruhigt, von dir – und doch nicht nur von dir, sondern
zur Kontrolle auch aus einem Brieflein von Frau Schlomka1 zu hören, daß du Vertrauen
zu den dortigen Ärzten habest und darum leidlich folgsam seist. Gelt, du gehst
auf diesem guten Weg weiter! Ich habe ja so Angst, du leistest dir irgend einen
Ausbruch ins Freie, der dir dann nicht gut bekommen könnte, so gerne ich dich
bald wieder hier hätte! Was ist übrigens bei dem allem aus meinem Wuschelköpflein
geworden? Haben sie dir einen Bubikopf geschnitten? Und wie geht es unter diesen
Umständen deinen anderen Organen und Funktionen? Frau Schlomka schreibt, du blickest jetzt wieder
«fröhlich aus den Augen»! Das habe ich gerne gelesen. Wenn es nur dabei bleibt
und von keiner Seite ein Rückfall droht! Ich nehme mir schon jetzt vor, mit
geradezu unglaublicher Vorsicht, Distanz, Rücksichtnahme, Behutsamkeit, Fürsorge
etc. mit dir umzugehen. Wenn es mir nur richtig gelingt!
Gestern habe ich ein Telephon mit Nelly gehabt. Es ging z. T. um den
Juliusturm2, den sie, da das Konto offenbar erschöpft ist, nicht angreifen möchte.
Im Übrigen lernte ich, daß es wohl besser ist, wenn ich mich am Sonntag abend
auch nach Basel verfüge, um die Befehlsgewalt von Anfang an in die Hand zu
nehmen und unnötige Ratlosig|531keiten überflüssig zu
machen. Ich bin
ohnehin zu Hauser bestellt zur
endgültigen Regelung der Besoldungsfrage. Meinen vorläufigen Wohnsitz werde ich bei Eduards aufschlagen, die
dann zwar weg sind, mir aber das kleine Zimmer von Fränzeli3 reserviert haben. Dort werden mich dann also
auch Nachrichten von dir zunächst am sichersten erreichen. Markus wird auch in Basel eintreffen und
hoffentlich auch für die Bedürfnisse der neuen
Vatikanstadt in etwa zu haben sein. Es wird ja viel
brauchen, bis dort Alles wieder einigermaßen auf einander steht. Ich denke mit
Sorge daran, wie eben jetzt meine ganze Bibliothek irgendwo im Rollen ist und ob
wir Alles ohne Schererei über die Grenze bringen werden. Z. B. auch die neuen
Möbel, die ja, wie ich jetzt sehe, in den Zollbestimmungen eigentlich gerade
nicht vorgesehen sind! Ich habe übrigens zur Erlangung der verschiedenen Basler
Papiere Max Zellweger
in Bewegung gesetzt, der gewiß Alles mit Umsicht und Sachkenntnis ins Geleise zu
bringen weiß.
Vorgestern habe ich also mit Peter Meyer den großen Ritt nach
Einsiedeln getan. Es war doch
erheblich weiter und anstrengender, als ich es mir nach unseren vielen bequemen
Autofahrten in jene Gegend gedacht hatte! Wenn jeder Meter mit einer jener leise
zermürbenden Bewegungen des ganzen Sitz- und sonstigen Fleisches zu bezahlen
ist, so sieht sich eine solche Sache am Abend des Tages schon ein bißchen anders
an, besonders wenn man noch so dauernd trabt, wie wir es getan haben! Auf dem Heimweg z. B. zehn
Kilometer fast ohne Unterbruch! Aber die Sache war ausgesprochen herrlich,
temperamentvoll, naturhaft, erquickend über die Maßen! In
Einsiedeln durften unsere Pferdlein im Klosterstall
stehen, einem im 18. Jahrhundert gebauten kirchenartigen Raum (die
«Rosschile»4 genannt). Und
schon das Einreiten in dieses ganze Areal mit allen seinen Höfen, unter Bögen
hindurch über hallendes Pflaster war eine irgendwie spanische, das
Selbstbewußtsein kräftigende Angelegenheit. Auf dem Heimweg mußten wir den
Etzelpaß übersteigen, vorher übrigens ein Moor, die Pferde am Zügel führend,
durchqueren, zum Schluß jener lange Trab durch strömenden Regen, für welchen
Zweck wir trefflich schützende |532 Windjacken vorne
aufgebunden hatten. O Löllchen, wenn
du doch noch zu Kräften kommen und mit mir etwas Ähnliches unternehmen könntest.
Aber ich werde dich auf keinen Fall auch nur von ferne dazu veranlassen, wenn es
dich nicht ganz von dir aus fein und gut dünkt. Aber gelt, du verstehst es, wie
wohl es mir tat und tut, nach all den Wochen und Monaten der ermüdenden Spannung
und Erregung nun so ein bißchen unbesonnen zu leben. Der Ernst des Lebens wird
ja gleich wieder da sein.
Gestern abend hat mir Gerty weitere Erklärungen
über sich selbst abgegeben. Würdest du
erwartet haben, von ihr zu hören, daß ihr Emmy Bloch geradezu «schrecklich auf die Nerven gehe»
und daß sie jeweils nach ihren Besuchen völlig erschöpft sei? Überhaupt sei
Vieles oder Alles, was uns an ihr verwundere, nur eine mühsam erkämpfte
Gegenwehr gegen die physische und psychische Mühsamkeit des Lebens, und man
könne sie nicht mehr mißverstehen, als wenn man ihr ihre Gelassenheit etc. als
siegreiches Können anrechne. Heute wird Walter Rühle5 wieder
eintreffen wie gewohnt. Gerty schreibt ihm
außerordentliche Qualitäten zu, hat ein mütterliches Verhältnis zu ihm (nachdem
sie ihn in einer Krankheit pflegen mußte), während Rudi ihn nicht mag und
Ruth, die er liebt, ihn
ihrerseits nur als Freund haben möchte. So gehen eben die menschlichen Schicksale kreuz
und quer durcheinander, und alle verlangen offenbar nur das Eine: daß man sie
nicht als Objekt zur Abreagierung eigener Komplexe, sondern in Schonung der
ihrigen als Mitgeschöpfe ehre und aufnehme und mitnehme. Am Montag trifft Erica hier ein, nach
umständlichen, z. T. auch an dich gerichteten Korrespondenzen (ich habe dich
verschont mit der Weitersendung) über Fahrkarten, Goti6, Genf, Tirol und was weiß ich für weitere
Nebenumstände. Daß ich abgesetzt sei, scheint sie aus
irgend einem Grunde noch immer nicht für wahr, sondern für eine Erfindung der
Magdeburger Presse zu halten!! Die Gute, sie wird nie klug werden! Gestern war den ganzen Tag das Ehepaar
Greiffenhagen7 aus Bremen unser Gast. Sie kosteten viel Zeit, weil sie |533 sich wirklich gründlich verewigten, aber zum Schluß
verließen sie den Schauplatz so hoch erfreut, daß wir uns sagten, das habe nun
eben gewiß so sein müssen.
Ich hatte unter vielen guten Briefen einen besonders guten von Heinrich Scholz8, in der Hauptsache
über das Credo
📖9, das er merkwürdig
goutiert zu haben scheint. Denk, auch er ist wieder im Krankenhaus gewesen und «dem
Ende aller Dinge nahe» [vgl. 1. Petr. 4,7], nun aber wieder genesen und will am 25. Juli mit der
kleinen Herrin10 für vier Wochen ins
Engadin. Wir müssen dann versuchen, ihn zu erreichen. Drei Morgenröten gibt es
in seinem Leben (außer der kleinen Herrin): die Mathesis universalis11, die Schönheit der logistischen
Dinge und das Phänomen Karl Barth. Das ist allerhand!, um mit ihm selber zu
reden. Ja, so schnörkelt eben auch er sich weiter durch dieses Erdenland! – Zum
Credo hat sich übrigens ebenfalls in letzten Tönen unser Freund
Gollwitzer
geäußert.12 Ich bin ja diesmal ein bißchen froh über einige
Beifallszeichen, weil ich gerade diesmal meiner Sache nicht so sicher war wie
etwa beim Anselm
📖.
Ich war dir gestern so dankbar für die Nachrichten aus dem Rheinland – und
dankbar dafür, daß sie so lauten konnten. Daß sie nun so rasch in der Lage sind, gleich
von Schuld etc. zu reden, kommt mir ja freilich auch wieder ein wenig
überraschend. Es könnte darauf hindeuten, daß die Sache für sie wie so viele
andere schnell genug auch wieder Episode werden kann. Aber man wird ihnen ihren
Gang auch in dieser Hinsicht lassen müssen. Beckmann freilich muß ein reichlich |534 unehrlicher Mensch sein. Gerade mit ihm habe ich doch
noch am 17. Mai über Alles, auch über die Nordgrenze13, eingehend gesprochen! Und daß nun ausgerechnet Klugkist
Hesse14 noch und noch einmal mit der
S. P. D.15 aufrücken konnte (mir
gefiel schon die Art, wie er in «Unter dem Wort» über die Sache
berichtete16,
wenig!), ist auch selt|535sam. Aber es ist beruhigend, daß
die ganze Art, wie die Sache sich dort nun nach der Entscheidung
auslebt, darauf hinweist, daß die Entscheidung nicht wohl anders fallen konnte,
daß die Witterung, die ich zu haben meinte, daß ich dort keinen rechten Boden
haben würde, faktisch – wie man auch das Phänomen deute – richtig war, daß den
Leuten in der Sache jedenfalls nicht ein solches Leid angetan ist, das zugleich
ein Unrecht bedeuten würde. Wer weiß, ob es nun mit der Bekenntniskirche nicht viel besser
weitergehen wird ohne mich, weil nun allerlei Kräfte und Einsichten
mobil werden, die bisher wegen Mikoxen und Gekränktheiten
gegenüber dem ewigen Besserwisser und Rechthaber in Bonn nicht zur Geltung
kamen. Ich will es also versuchen, an Humburg zu schreiben.17 Aber auch Träublein soll seinen Brief
gewißlich bekommen.18
Und nun sehe ich mit Spannung den nächsten Tagen entgegen. Es wird wohl in Basel
etlicher Weisheit bedürfen, um Alles nach allen Seiten und in jeder Hinsicht –
es gibt so viele Seiten und Hinsichten! – recht zu machen. Stürze dich nur ja nicht zu
schnell mit in den dort sicher einsetzenden Trubel! M. E. wird es sich für dich
nur um ein rasches Hereinschauen handeln können, damit du dann rasch hieher in
die Ruhe kommst. – Sag, ist es
nicht nachgerade merkwürdig, daß ich die Bücherkiste noch immer nicht habe?
Vielleicht hast du sie an die Adresse von Rudis Geschäft gesandt,
und nun stockt dort die Sache wegen Rudis Abwesenheit. Kurzum,
ich bin annoch ohne sie. Die Genfer Vorlesungen19
müssen dann plötzlich entstehen!
Genug für heute! Ich kann dir ja nicht sagen, wie froh ich bin über die guten
Nachrichten von dir. Und gelt, es wird mir doch jetzt nichts verheimlicht, was
ich auch noch wissen müßte?
Eben hatte ich ein Telephon mit Max Zellweger. Die Vorbereitungen für einen
glatten Empfang unserer Materialien am Schweizer Zoll |536
sind im besten Gang. Ich werde nun am Sonntag abend nicht im leeren
Thurneysenhaus, sondern bei Fränzeli, St. Johanns-Vorstadt 88,
einkehren. Nelly ist bei Zellwegers20
erwartet.
Und mit der Post erhielt ich eben ein Rundschreiben des Bruderrats der
altpreußischen Union, in
welchem ich eine Ehrenmeldung erhalte21, in welchem aber weiter zu der
neu aufgeworfenen Eidesfrage nur
jenes unbestimmte Edikt von Marahrens vom 6. Dezember22 und dazu ein Satz aus der zweiten Dahlemer Botschaft vom 5.
März23
wiederholt wird. Das dürfte nun doch keine gute Antwort sein. Ja,
aber da habe ich mich nun eben von jetzt an der Stimme zu enthalten.
L. L.,
dich grüßt