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von Kirschbaum an B. in
Basel
Bad Honnef, Samstag, 6.7.1935 [I]
Das war eine richtige kleine Enttäuschung gestern abend. Den ganzen Tag hatte ich
auf den Augenblick hingelebt, wo ich mein erstes Gänglein antreten
würde, zum Fahrstuhl und hinunter ins Büro. Es kostete viel Zeit und Kraft, dann
kam von weither die Stimme eines ahnungslosen Zwillings, dann viele liebe Worte
von Gerty,
die ich alle nicht verstand, und dann endlich, endlich deine Stimme, aber da war
ich dann schon so müde, daß ich nicht mehr recht sprechen und hören konnte. Du hast
recht, der Aufwand ist zu groß, und wir wollen das nicht wiederholen. Ich dachte
nur, es freue dich als Lebenszeichen. –
Und nun, bis der Brief zu dir kommt, bist du mitten im Einräumen. Ich denke doch
viel hin und würde das so gerne mit dir machen. Aber nun bin
ich eben hieher
geworfen und kann’s nicht ändern. Es geht mir aber so gut, als es nur gehen
kann, und ich komme sicher bald nach. Heute – jetzt dann gleich –
wird wieder verbunden. Da höre ich dann, ob immer noch viel Eiter da ist. Wenn nicht
mehr, dann läßt sich vielleicht vorhersagen, wann ich heraus darf. – Meine Tage
sind dadurch jetzt freundlicher, als ich auf der Liegehalle liegen darf, und
zwar auf der Männerliegehalle, wo außer mir nur dann und wann ein lungenkranker
Priester liegt. Dort empfing ich auch gestern Wölflein und Takizawa. Wölflein brachte mir einen Strauß
schönster Rosen und war sehr nett und fast freundschaftlich
aufgeschlossen. Takizawa
stumm und – irritiert durch den unecht japanischen seidenen
Morgenrock, den Nelly mir geliehen hatte!! Den Peter Brunner1 sieht Wolf wie ich,
schade! Außerdem durfte ich einen Brief von Putz an ihn2 lesen, von dem ich dir
eigentlich gern eine Abschrift mitbrin|538gen
würde. Auf Wölfleins Gemüt wirke ich, glaube ich, ein wenig in deiner Richtung stärkend und
straffend. Er sollte immer Jemand bei sich haben, der ihm Mut zuspricht. Ich
wagte es gestern auch in direkter Wendung, die Eidesfrage zu berühren. Er ist doch
ein sehr ehrlicher und feiner Mann. Von all dem dann mündlich! –
Meinen Nönnlein machte ich damit gruseln, daß ich ihnen sagte, das sei nun ein
ganz richtiger Heide gewesen, dieser
Japaner, worauf die rührend einfältige
Schwester Gloriosa
meinte: «Ach, der Arme, der weiß also von Allem noch nichts?» Wenn
die wüßte, was der weiß!! –
Karl, meine Lebensgeister kommen wieder, und es lockt mich unbändig auf den
Schimmel; dies ist umso komischer,
als ich noch nicht einmal die Treppe steigen darf und heute mittag ganz behutsam
einmal, vom Fahrstuhl hinuntergeführt, an Träubleins Arm um ein Rosenbeet im
Garten spazieren werde!! Aber ich spüre, daß es wieder kommt. – Lempp schrieb gestern, daß aus
den 900 Mark inzwischen 1200 geworden seien, die er nun also noch einmal nach
Bonn überwiesen hat. 2/3 von
Heft 253 koste ich
dich also, denn die neu hinzugekommenen 300 Mark sind für Heft 25. Es wurmt mich
sehr; ich dachte auch schon, ob … ach was, wir sprechen dann
darüber. –
Da – wie ist es nur möglich? – wird mir schon dein großer Brief von gestern
gebracht. Habe vielen Dank dafür, liebster Karl. Du wirst nun also bei Fränzeli sein. Das ist eine gute Lösung, denn sie sorgt
gewiß dafür, daß in allem Trubel für dich noch das eine oder andere gemütliche
Stündchen möglich wird. Löse doch Nelly, sobald es irgend geht, von
dem «Umzug» ab, indem
du sie mit den Buben nach En|539gelberg oder Adelboden schickst.
Könnte es nicht so sein, daß mit dieser Woche Alles abgeschlossen
wird? Ich hoffe, Samstag abend in Basel einzutreffen, dann könnten wir beide
doch im Laufe des Sonntag aufs Bergli weiterfahren, schon damit du die
nächstfolgende Woche ganz für die Genfer Vorlesungen hast. In einer Woche sollte die Vatikanstadt doch leidlich errichtet sein.
Und rufe Frl. Seifert
, wenn du ruhige, umsichtige Hilfe
brauchst. Ich glaube, es wäre ihr ein Geschenk, auch für 2-3 Tage!
Und die Reise Schwarzwald-Basel ist ganz billig. Haus Sonnenhof,
Belchen-Holzinshaus, Post Schönau hat sogar Telefon! – Ich hoffe nicht, daß es
mit dem Zoll Schwierigkeiten gibt. Wegen der Möbel hatte ich mit Langen4 Alles noch
besprochen. Sie sind von ihm noch in das Inventar aufgenommen. Und ich bin doch
so stolz, daß das noch fürs Studierzimmer glückte. Du mußt dich hoffentlich auch
ein bißchen daran freuen. – Nimm die Geldgeschichten
selbst in die Hand, Karl. Nelly macht sich ganz krank damit
und überblickt es einfach nicht. Die Bank hier gibt ja jeden Augenblick
Vorschuß. In den nächsten Monaten läuft ja noch Gehalt ein. Verkauft von den
Papieren hätte ich an eurer Stelle jetzt nicht. Es ist so eine
klare einfache Sache, dieses kleine Vermögen von 1500.- [Mark], das dann eben
zunächst in Deutschland liegt. Und die dafür zu zahlenden Steuern trägt entweder
Lempp oder das Konto, so
noch etwas dort liegt. Wir
werden auch noch einmal (10. September) Einkommensteuer zahlen müssen, da ja
noch deutsche Bezüge laufen. Aber darum will ich mich dann gern ganz
genau kümmern, das kann alles schriftlich von der Schweiz aus gemacht
werden. – –
Beurteile die Bekennende Kirche resp. das Rheinland nicht zu hart. Sie haben es ja doch so
elend schwer in ihrer eigenen Schwäche und Torheit. Und man sieht es kommen, wie
sie zermalmt werden. Ich bin im Grunde fast unablässig daran. Sogar
die Autochauffeure in B[onn] sagen: Jetzt geht auch K. B. fort, jetzt wird’s
ganz finster!! –
Wieviel mehr sollte die Kirche dies sehen. – Von den jungen Freunden – gestern
Frl. Freiling – habe ich
Briefe gelesen, die sind einfach ein Aufschrei. –
Ich kann darüber noch fast nicht reden, ich weiß nur, daß dies das eigentliche
«Loch» in mir ist, von dem das am Halse nur ein lächerliches Zeichen sein
kann. – Aber nun muß es so sein. Und ich will |540 es mir
sicher sagen lassen. – – Deutsche Studenten wollen im Winter kommen; Wolf sagte, eine Reihe
hätte sich schon exmatrikuliert zu diesem Zweck. –
Eben trifft Traub ein, hat Abschied genommen in Bonn, was ihm vom Hause schwer
fiel. Über die Umzugsstimmung schüttelte er sich vor Lachen und rief nur immer
wieder aus: «Ich bin ja so froh, daß Sie da nicht dazwischen sind!!» Es sei
unbeschreiblich. Aber mit Nelly hatte er dann anscheinend
noch ein gutes kleines Gesprächlein und schied im Frieden von
ihr. – Schwester Helene kam
gerade einen Augenblick mit ihm und lud mich, sobald ich hier
weg darf und wegen des Verbindens noch in Honnef sein muß, zu sich ein. Das ist
natürlich sehr lieb, und ich kann eine Menge sparen. Und im Liegestuhl auf der
Terrasse liegen kann ich dort auch. – So richte du bitte alle Zeichen, die du
mir zuwendest in der nächsten Woche, an Ch. v. K. bei Schwester Helene, Göringheim,
Linzerstr. 22, Honnef. – Tel. 525!! Wann ich übersiedeln darf, weiß
ich erst, wenn ich gleich verbunden werde. Aber Traub bringt mir meine Post
herüber, so daß du getrost dorthin schreiben kannst, so du
überhaupt zum Schreiben kommst. Mußt dich nicht noch damit plagen! Ja, es sind
so viele «Einsichten», fast zu viele für ein Leben! – –
Lieber Karl, leb wohl. Grüße Max und Fränzeli in ihrem friedlichen Dasein. Ich freue mich,
sie wiederzusehen. – Ob Nelly heute noch rasch herauskommt, scheint noch unbestimmt. Sie
jagt anscheinend noch einmal des Geldes wegen nach Köln, die Gute.
Schon lieber gar kein Geld haben!! – Traub hatte gestern noch den
Anfang eines sehr ernsthaften Gespräches mit Takizawa, das Montag eine Fortsetzung erleben
soll. Die heilige Schrift
lasse ihn nicht mehr los, und er könne sich doch nicht taufen lassen, ohne sich ganz klar zu sein. Sie «greife
ihn an», und Bultmann habe
ja da aufgehört, wo seine Frage beginne. Marburg muß eine große Enttäuschung
gewesen sein. –
Ich lasse den Brief noch offen, um das Ergebnis des Verbandes noch anzufügen. –
Lieber, lieber Karl –
Eben Verband.
Es eitert noch tüchtig, aber die Ärztin
hofft, daß es sich nächste Woche reinigt.