Brief Nr. 219 · 6. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Lieber Karl!

Das war eine richtige kleine Enttäuschung gestern abend. Den ganzen Tag hatte ich auf den Augenblick hingelebt, wo ich mein erstes Gänglein antreten würde, zum Fahrstuhl und hinunter ins Büro. Es kostete viel Zeit und Kraft, dann kam von weither die Stimme eines ahnungslosen Zwillings, dann viele liebe Worte von Gerty, die ich alle nicht verstand, und dann endlich, endlich deine Stimme, aber da war ich dann schon so müde, daß ich nicht mehr recht sprechen und hören konnte. Du hast recht, der Aufwand ist zu groß, und wir wollen das nicht wiederholen. Ich dachte nur, es freue dich als Lebenszeichen. –

Und nun, bis der Brief zu dir kommt, bist du mitten im Einräumen. Ich denke doch viel hin und würde das so gerne mit dir machen. Aber nun bin ich eben hieher geworfen und kann’s nicht ändern. Es geht mir aber so gut, als es nur gehen kann, und ich komme sicher bald nach. Heute – jetzt dann gleich – wird wieder verbunden. Da höre ich dann, ob immer noch viel Eiter da ist. Wenn nicht mehr, dann läßt sich vielleicht vorhersagen, wann ich heraus darf. – Meine Tage sind dadurch jetzt freundlicher, als ich auf der Liegehalle liegen darf, und zwar auf der Männerliegehalle, wo außer mir nur dann und wann ein lungenkranker Priester liegt. Dort empfing ich auch gestern Wölflein und Takizawa. Wölflein brachte mir einen Strauß schönster Rosen und war sehr nett und fast freundschaftlich aufgeschlossen. Takizawa stumm und – irritiert durch den unecht japanischen seidenen Morgenrock, den Nelly mir geliehen hatte!! Den Peter Brunner1 sieht Wolf wie ich, schade! Außerdem durfte ich einen Brief von Putz an ihn2 lesen, von dem ich dir eigentlich gern eine Abschrift mitbrin|538gen würde. Auf Wölfleins Gemüt wirke ich, glaube ich, ein wenig in deiner Richtung stärkend und straffend. Er sollte immer Jemand bei sich haben, der ihm Mut zuspricht. Ich wagte es gestern auch in direkter Wendung, die Eidesfrage zu berühren. Er ist doch ein sehr ehrlicher und feiner Mann. Von all dem dann mündlich! –

Meinen Nönnlein machte ich damit gruseln, daß ich ihnen sagte, das sei nun ein ganz richtiger Heide gewesen, dieser Japaner, worauf die rührend einfältige Schwester Gloriosa meinte: «Ach, der Arme, der weiß also von Allem noch nichts?» Wenn die wüßte, was der weiß!! –

Karl, meine Lebensgeister kommen wieder, und es lockt mich unbändig auf den Schimmel; dies ist umso komischer, als ich noch nicht einmal die Treppe steigen darf und heute mittag ganz behutsam einmal, vom Fahrstuhl hinuntergeführt, an Träubleins Arm um ein Rosenbeet im Garten spazieren werde!! Aber ich spüre, daß es wieder kommt. – Lempp schrieb gestern, daß aus den 900 Mark inzwischen 1200 geworden seien, die er nun also noch einmal nach Bonn überwiesen hat. 2/3 von Heft 253 koste ich dich also, denn die neu hinzugekommenen 300 Mark sind für Heft 25. Es wurmt mich sehr; ich dachte auch schon, ob … ach was, wir sprechen dann darüber. –

Da – wie ist es nur möglich? – wird mir schon dein großer Brief von gestern gebracht. Habe vielen Dank dafür, liebster Karl. Du wirst nun also bei Fränzeli sein. Das ist eine gute Lösung, denn sie sorgt gewiß dafür, daß in allem Trubel für dich noch das eine oder andere gemütliche Stündchen möglich wird. Löse doch Nelly, sobald es irgend geht, von dem «Umzug» ab, indem du sie mit den Buben nach En|539gelberg oder Adelboden schickst. Könnte es nicht so sein, daß mit dieser Woche Alles abgeschlossen wird? Ich hoffe, Samstag abend in Basel einzutreffen, dann könnten wir beide doch im Laufe des Sonntag aufs Bergli weiterfahren, schon damit du die nächstfolgende Woche ganz für die Genfer Vorlesungen hast. In einer Woche sollte die Vatikanstadt doch leidlich errichtet sein. Und rufe Frl. Seifert , wenn du ruhige, umsichtige Hilfe brauchst. Ich glaube, es wäre ihr ein Geschenk, auch für 2-3 Tage! Und die Reise Schwarzwald-Basel ist ganz billig. Haus Sonnenhof, Belchen-Holzinshaus, Post Schönau hat sogar Telefon! – Ich hoffe nicht, daß es mit dem Zoll Schwierigkeiten gibt. Wegen der Möbel hatte ich mit Langen4 Alles noch besprochen. Sie sind von ihm noch in das Inventar aufgenommen. Und ich bin doch so stolz, daß das noch fürs Studierzimmer glückte. Du mußt dich hoffentlich auch ein bißchen daran freuen. – Nimm die Geldgeschichten selbst in die Hand, Karl. Nelly macht sich ganz krank damit und überblickt es einfach nicht. Die Bank hier gibt ja jeden Augenblick Vorschuß. In den nächsten Monaten läuft ja noch Gehalt ein. Verkauft von den Papieren hätte ich an eurer Stelle jetzt nicht. Es ist so eine klare einfache Sache, dieses kleine Vermögen von 1500.- [Mark], das dann eben zunächst in Deutschland liegt. Und die dafür zu zahlenden Steuern trägt entweder Lempp oder das Konto, so noch etwas dort liegt. Wir werden auch noch einmal (10. September) Einkommensteuer zahlen müssen, da ja noch deutsche Bezüge laufen. Aber darum will ich mich dann gern ganz genau kümmern, das kann alles schriftlich von der Schweiz aus gemacht werden. – –

Beurteile die Bekennende Kirche resp. das Rheinland nicht zu hart. Sie haben es ja doch so elend schwer in ihrer eigenen Schwäche und Torheit. Und man sieht es kommen, wie sie zermalmt werden. Ich bin im Grunde fast unablässig daran. Sogar die Autochauffeure in B[onn] sagen: Jetzt geht auch K. B. fort, jetzt wird’s ganz finster!! – Wieviel mehr sollte die Kirche dies sehen. – Von den jungen Freunden – gestern Frl. Freiling – habe ich Briefe gelesen, die sind einfach ein Aufschrei. – Ich kann darüber noch fast nicht reden, ich weiß nur, daß dies das eigentliche «Loch» in mir ist, von dem das am Halse nur ein lächerliches Zeichen sein kann. – Aber nun muß es so sein. Und ich will |540 es mir sicher sagen lassen. – – Deutsche Studenten wollen im Winter kommen; Wolf sagte, eine Reihe hätte sich schon exmatrikuliert zu diesem Zweck. –

Eben trifft Traub ein, hat Abschied genommen in Bonn, was ihm vom Hause schwer fiel. Über die Umzugsstimmung schüttelte er sich vor Lachen und rief nur immer wieder aus: «Ich bin ja so froh, daß Sie da nicht dazwischen sind!!» Es sei unbeschreiblich. Aber mit Nelly hatte er dann anscheinend noch ein gutes kleines Gesprächlein und schied im Frieden von ihr. – Schwester Helene kam gerade einen Augenblick mit ihm und lud mich, sobald ich hier weg darf und wegen des Verbindens noch in Honnef sein muß, zu sich ein. Das ist natürlich sehr lieb, und ich kann eine Menge sparen. Und im Liegestuhl auf der Terrasse liegen kann ich dort auch. – So richte du bitte alle Zeichen, die du mir zuwendest in der nächsten Woche, an Ch. v. K. bei Schwester Helene, Göringheim, Linzerstr. 22, Honnef. – Tel. 525!! Wann ich übersiedeln darf, weiß ich erst, wenn ich gleich verbunden werde. Aber Traub bringt mir meine Post herüber, so daß du getrost dorthin schreiben kannst, so du überhaupt zum Schreiben kommst. Mußt dich nicht noch damit plagen! Ja, es sind so viele «Einsichten», fast zu viele für ein Leben! – –

­Lieber Karl, leb wohl. Grüße Max und Fränzeli in ihrem friedlichen Dasein. Ich freue mich, sie wiederzusehen. – Ob Nelly heute noch rasch herauskommt, scheint noch unbestimmt. Sie jagt anscheinend noch einmal des Geldes wegen nach Köln, die Gute. Schon lieber gar kein Geld haben!! – Traub hatte gestern noch den Anfang eines sehr ernsthaften Gespräches mit Takizawa, das Montag eine Fortsetzung erleben soll. Die heilige Schrift lasse ihn nicht mehr los, und er könne sich doch nicht taufen lassen, ohne sich ganz klar zu sein. Sie «greife ihn an», und Bultmann habe ja da aufgehört, wo seine Frage beginne. Marburg muß eine große Enttäuschung gewesen sein. –

Ich lasse den Brief noch offen, um das Ergebnis des Verbandes noch anzufügen. – Lieber, lieber Karl –

Deine
L.

Eben Verband. Es eitert noch tüchtig, aber die Ärztin hofft, daß es sich nächste Woche reinigt.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 527, Anm. 13.↩
2
Der Brief des Pfarrers und Hilfsreferenten im Münchner Landeskirchenrat E. Putz vom 1.7.1935 (Prolingheuer, S. 339–341 📖) ist die Antwort auf einen Brief E. Wolfs vom 1.6. an Putz (a.a.O., S. 331f.). Wolf hatte Putz gefragt, ob von ihm das Stichwort zum Vorwurf des «Landesverrats» ausgegeben worden sei, der gegen Barth wegen seiner Äußerung über die Befestigung der Schweizer Nordgrenze (s. oben S. 534, Anm. 13) erhoben worden war. E. Putz erklärte in seiner Antwort, daß ihm in der Tat «das Wort: ‹Das ist ja Landesverrat!›» entschlüpft sei. Doch nach längerer Unterhaltung «mit Karl Barth und seinem Kreis» habe er erkannt, «daß es kein Landesverrat ist», und er begreife nun, «wie die Situation war» (a.a.O., S. 339). Er habe im übrigen «das tiefe Bewußtsein», daß er und einige Freunde «in der Pfarrerschaft Bayerns unter den jungen Pfarrern und denen, die für die Kirche gekämpft haben, für das Verständnis Karl Barths mehr getan haben, als seine sämtlichen Schüler, alle eingeschlossen. Und zwar gerade deshalb, weil ich über schwerem persönlichen Kampf zu ihm kam, weil ich nicht sein Schüler bin, weil ich chronologisch zuerst Nazi und dann Theologe war und gerade deshalb das Einzigartige seiner Botschaft verdeutschen konnte.» (a.a.O., S. 340)↩
3
K. Barth, Das Evangelium in der Gegenwart (ThExh 25), München 1935. 📖 ↩
4
Speditionsfirma Matthias Langen, Bonn.↩