Brief Nr. 220 · 6. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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220

Mein ganz lieber Karl!

Nun habe ich etwas «verfügt». Ich habe nämlich Frl. Seifert eben geschrieben, sie solle mich bei dir ersetzen in dieser kommenden nicht leichten Woche. Ich weiß, daß ihr das eine Herzensfreude ist, und ich weiß, daß du dann versorgt wirst und daß überhaupt auf Alle nicht nur ein wohlmeinendes, sondern auch ein faktisch wohltuendes Auge fällt. Und das ist nötig, gerade auch für Nelly. Frl. S. sorgt dann gewiß ziemlich reihum, wenn sie auch primär für die Vatikanstadt gedacht ist. Und wenn ihr sie nicht mehr braucht, zieht sie lautlos in den Schwarzwald zurück. Nur die kleine Reise mußt du ihr ersetzen. – Gelt, das ist dir auch recht? Die kleine Hertha ist nämlich nach Traubs Schilderung auch ziemlich am Ende. Und auch darauf muß Jemand sehen.

­Lieber, mich mußt du nicht abholen. Ich hoffe so sehr, Samstag reisen zu dürfen. Aber es ist doch eine böse Infektion mit häßlichem Eiter, und die Ärztin läßt mich erst ziehen, wenn das alles heraus ist, damit kein neuer Unglücksfall entsteht. Und auch dann muß ich noch, so sagte sie heute, mit dickem Verband fahren. Erschrick dann nicht am Badischen Bahnhof ob dieser Gestalt!! – Von den Ex. Heften Nr. 251 habe ich eine kleine Reihe versendet. Laß uns die Anderen dann vom Bergli aus verschicken, du findest sie in einer Bücherkiste. An deine Familie ist noch nichts gegangen. Wenn du das tun willst? – Dein Brief an Traub ist sehr, sehr lieb.2 Er ist glückselig damit. Ach gelt, ja, wir sind darin beisammen, daß das Weggehen auch schwer ist? Aber ich bin auch mit dir überzeugt, daß es jetzt so richtig war. – Lieber Karl –

Deine
L.

Sachfußnoten

1
K. Barth, Das Evangelium in der Gegenwart (ThEx 25), München 1935 📖.↩
2
In seinem Brief vom 5.7.1935 ermutigte Barth seinen ehemaligen Hausgenossen H. Traub u. a. mit den Worten: «Also, der ‹Meister› samt der noch viel wichtigeren Meisterin entfernen sich nun aus ihrem nächsten Gesichtskreis. Dies dürfte, wenn etwas, ein signum sein, daß nunmehr unter Abtun alles dessen, was kindisch war [1.Kor. 13,11], die Zeit selbständiger Leistung endgültig für Sie angebrochen ist.» (Prolingheuer S. 342 📖)↩