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von Kirschbaum an B. in
Basel
Es ist Sonntag nachmittag. Gleich wird die kleine Schar in Bonn eintreffen, und
dann ist es – für die Büblein vielleicht für immer – Deutschland
gewesen. Sie selbst werden sich alle darüber den Kopf nicht
zerbrechen. – – Nelly war gestern abend noch rasch da, sehr abgehetzt. Ich sagte
ihr, daß ich Frl. Seifert
gerufen hätte, und sie war einverstanden. Nun denke ich etwas beruhigter an
diese kommenden Tage. Sie wird dir mit Rat und Tat beistehen, umso mehr nötig,
als Markus sicher sehr von
Nelly
beansprucht wird. – Erst gestern abend hörte ich, daß du gegen die
Überweisung des Geldes von Lempp
warst. Das wußte ich nicht.
Aber ich glaube auch, daß das kein Mißgriff ist, es kommen zu lassen. Das Minus
auf der Bank wäre sehr erheblich geworden. Nun decken diese 1200.- [Mark] gerade
den Umzug. Und 500.-
[Mark] (bereits als Vorschuß auf noch bei der Bank einlaufende Bezüge) führe ich
mit Reisescheck nach Zürich ab. –
Mein Sonntag heute gehört fast ganz noch dem Asmussen-Buch1
. Du mußt es lesen. Ab S. 120ff. stehe ich in heftigem Widerspruch. Er
macht da einen methodischen Vorbehalt hinsichtlich Gesetz und Evangelium, den er – zum Glück! –
faktisch nicht wahr macht. Aber warum macht er ihn dann überhaupt?
Warum löst auch er «das schaffende Handeln Gottes» vom
«erlösenden Handeln Gottes» ab, statt das erste erst im zweiten erkannt sein zu
lassen? Oder mißverstehe ich diese Seiten? – Ich begreife nicht, wie Steck so problemlos zu
diesem Buch Stellung nehmen konnte, so gut ich seine
Freude an der Stärke und Kraft Asmussens begreife. Er hat dir übrigens das
Buch selbst zugeschickt mit
der Widmung: «Ihm muß Alles dienen» [vgl. Ps. 119,91] H. Asmussen. Du findest es wohl in der Kiste,
die die Bücher birgt, die auf deinem Schreibtisch standen. –
Die beiden Beilagen: Hast du die Versicherung gekündigt, sonst gib mir Anweisung,
daß ich die fällige Prämie noch von hier aus zahle.
|543 2. Beilage: Heute
vormittag war der Bruder jenes kleinen blonden Deutschen aus Lugano2 bei mir. Die Sache
liegt, wie ich fürchtete: er ist nicht politischer Flüchtling,
sondern hat eine Fülle von Verschwendereien und kleinen Hochstapeleien hinter
sich, und die Familie will ihn nun rücksichtslos der Polizei übergeben. Es ist
mir schrecklich, daß sie nun durch mich seine Adresse erfuhren. Aber wie konnte
ich wissen, daß die Familie so zu ihm steht, und warum hat er uns
nicht offen Alles gesagt? Ich habe an Wilhelm Vischer sofort ein Warnungstelegramm abgehen
lassen. Vielleicht kann er ihn decken. – Gewiß ist er ein Früchtchen, aber der
Bruder war sehr hart und unangenehm, und die Mutter ist seit vielen Jahren
tot. – Und was geschieht ihm – heute -, wenn er ins Gefängnis hier
kommt? – Meine Ärztin fand mich unmittelbar nach dem Besuch des
Bruders noch ganz bewegt davon, und das gab Anlaß zu einem langen Gespräch. Ich
habe ihr rückhaltlos mein Herz ausgeschüttet über den «Triumph des Willens»3 im Allgemeinen und im Besonderen.
Du solltest diese Frau auch einmal kennen lernen. Sie wird wohl etwa so alt wie
ich sein, sehr straff und doch mit großem Charme. Wir harmonieren merkwürdig gut
zusammen. – Mein Nönnlein
Gloriosa begann den
Sonntag damit, daß es mir einen großen Rosenstrauß übers Bett schüttete! Da
hättest du erst deine Freude!! Sie ist das Unbeholfenste, was ich noch sah, aber
so gutmütig, daß man ihr Alles verzeiht. –
Ja, sonst ist nicht viel heute zu erzählen. Es geht Alles gut weiter, nur außer
dem Bett bin ich noch sehr windig. Wenn der Verband morgen vormittag
befriedigend verläuft, ziehe ich abends zu Schwester Helene hinüber. Das wäre ein Schritt
weiter. –
Leb wohl, lieber Karl. Grüße alle von mir. Wie geht es Matthis mit seiner Entzündung an der Lippe? Die zwei Büblein haben
beide ruhige erholsame Tage sehr nötig. – Hoffentlich sind
deine Bücher nun auf dem Bergli. Ich habe sie dorthin adressiert
und nicht nach Zürich. –
Es grüßt dich