Brief Nr. 221 · 7. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Lieber Karl!

Es ist Sonntag nachmittag. Gleich wird die kleine Schar in Bonn eintreffen, und dann ist es – für die Büblein vielleicht für immer – Deutschland gewesen. Sie selbst werden sich alle darüber den Kopf nicht zerbrechen. – – Nelly war gestern abend noch rasch da, sehr abgehetzt. Ich sagte ihr, daß ich Frl. Seifert gerufen hätte, und sie war einverstanden. Nun denke ich etwas beruhigter an diese kommenden Tage. Sie wird dir mit Rat und Tat beistehen, umso mehr nötig, als Markus sicher sehr von Nelly beansprucht wird. – Erst gestern abend hörte ich, daß du gegen die Überweisung des Geldes von Lempp warst. Das wußte ich nicht. Aber ich glaube auch, daß das kein Mißgriff ist, es kommen zu lassen. Das Minus auf der Bank wäre sehr erheblich geworden. Nun decken diese 1200.- [Mark] gerade den Umzug. Und 500.- [Mark] (bereits als Vorschuß auf noch bei der Bank einlaufende Bezüge) führe ich mit Reisescheck nach Zürich ab. –

Mein Sonntag heute gehört fast ganz noch dem Asmussen-Buch1 . Du mußt es lesen. Ab S. 120ff. stehe ich in heftigem Widerspruch. Er macht da einen methodischen Vorbehalt hinsichtlich Gesetz und Evangelium, den er – zum Glück! – faktisch nicht wahr macht. Aber warum macht er ihn dann überhaupt? Warum löst auch er «das schaffende Handeln Gottes» vom «erlösenden Handeln Gottes» ab, statt das erste erst im zweiten erkannt sein zu lassen? Oder mißverstehe ich diese Seiten? – Ich begreife nicht, wie Steck so problemlos zu diesem Buch Stellung nehmen konnte, so gut ich seine Freude an der Stärke und Kraft Asmussens begreife. Er hat dir übrigens das Buch selbst zugeschickt mit der Widmung: «Ihm muß Alles dienen» [vgl. Ps. 119,91] H. Asmussen. Du findest es wohl in der Kiste, die die Bücher birgt, die auf deinem Schreibtisch standen. –

Die beiden Beilagen: Hast du die Versicherung gekündigt, sonst gib mir Anweisung, daß ich die fällige Prämie noch von hier aus zahle. |543 2. Beilage: ­Heute vormittag war der Bruder jenes kleinen blonden Deutschen aus Lugano2 bei mir. Die Sache liegt, wie ich fürchtete: er ist nicht politischer Flüchtling, sondern hat eine Fülle von Verschwendereien und kleinen Hochstapeleien hinter sich, und die Familie will ihn nun rücksichtslos der Polizei übergeben. Es ist mir schrecklich, daß sie nun durch mich seine Adresse erfuhren. Aber wie konnte ich wissen, daß die Familie so zu ihm steht, und warum hat er uns nicht offen Alles gesagt? Ich habe an Wilhelm Vischer sofort ein Warnungstelegramm abgehen lassen. Vielleicht kann er ihn decken. – Gewiß ist er ein Früchtchen, aber der Bruder war sehr hart und unangenehm, und die Mutter ist seit vielen Jahren tot. – Und was geschieht ihm – heute -, wenn er ins Gefängnis hier kommt? – Meine Ärztin fand mich unmittelbar nach dem Besuch des Bruders noch ganz bewegt davon, und das gab Anlaß zu einem langen Gespräch. Ich habe ihr rückhaltlos mein Herz ausgeschüttet über den «Triumph des Willens»3 im Allgemeinen und im Besonderen. Du solltest diese Frau auch einmal kennen lernen. Sie wird wohl etwa so alt wie ich sein, sehr straff und doch mit großem Charme. Wir harmonieren merkwürdig gut zusammen. – Mein Nönnlein Gloriosa begann den Sonntag damit, daß es mir einen großen Rosenstrauß übers Bett schüttete! Da hättest du erst deine Freude!! Sie ist das Unbeholfenste, was ich noch sah, aber so gutmütig, daß man ihr Alles verzeiht. –

Ja, sonst ist nicht viel heute zu erzählen. Es geht Alles gut weiter, nur außer dem Bett bin ich noch sehr windig. Wenn der Verband morgen vormittag befriedigend verläuft, ziehe ich abends zu Schwester Helene hinüber. Das wäre ein Schritt weiter. –

Leb wohl, lieber Karl. Grüße alle von mir. Wie geht es Matthis mit seiner Entzündung an der Lippe? Die zwei Büblein haben beide ruhige erholsame Tage sehr nötig. – Hoffentlich sind deine Bücher nun auf dem Bergli. Ich habe sie dorthin adressiert und nicht nach Zürich. –

Es grüßt dich

deine
L.

Sachfußnoten

1
H. Asmussen, Theologisch-kirchliche Erwägungen zum Galaterbrief, München 1935 📖. Vgl. oben S. 491f., Anm. 4. ↩
2
Ein junger Deutscher hatte, wohl durch Barths und von Kirschbaums Vermittlung, Aufenthalt bei W. Vischer in Lugano (Kt. Tessin) nehmen können. Weitere Einzelheiten sind nicht bekannt.↩
3
Propagandafilm von Leni Riefenstahl über den VI. Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg vom 5.-10.9.1934.↩