Brief Nr. 222 · 7. Juli 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef

544

222

Liebe Lollo!

Ich habe dich gestern in einem zweiten Brieflein an Traub1, das nötig wurde, grüßen lassen. Aber die beiden Sendungen werden nun gleichzeitig abgehen und dort eintreffen. Wenn du dies liesest, bin ich schon in Basel, wer weiß, in was für Situationen. Heute nachmittag fahre ich dorthin.Der Möbeltransport ist deutlich auf Montag vormittag angekündigt, und ohnehin habe ich noch mit Hauser zu tun. Die Veränderung lastet nun doch auch sehr auf mir, und es ist recht kummervoll, daß du nicht wenigstens dabei bist. Aber ich denke, daß dir viel erspart bleibt, und so hat vielleicht auch dies nun eben so sein sollen. Besonders wenn die finanziellen Sorgen wieder einmal – und so ganz unnütz und gewiß unpraktisch – im Vordergrund stehen sollten, werde ich mich mit viel Geduld waffnen müssen. Fräulein Seifert, so gern ich sie mag, würde wohl doch mehr eine Komplikation bedeuten. Ich werde nun eben mit Markus herumlaufen und in Hemdsärmeln arbeiten wie nicht gescheit, und dann wird diese Woche ja auch umgehen und nach und nach Alles ins Geleise kommen. Wenn du eine Weile nichts von mir hörst, so nimm an, es gehe Alles in Ordnung. Ob man zum Schreiben kommt, hängt ja von so vielen Nebenumständen ab, über die man nicht Herr ist. Ich denke doch fast, daß ich deine Ankunft in Basel abwarten werde. Haben sie denn schon irgendwelche Pläne für die Berge? Einige Tage in der Stille nach dem Sturm könnten ja auch dort ganz schön sein, besonders in Erwartung deiner.

Aber wie geht es denn dir? Deine Briefe lassen erraten, daß deine Genesung zwar im Gange ist, aber doch noch unter allerhand Vorbehalten steht, die auch Aufenthalte bedeuten könnten. Ja nicht, ja nicht «abbrausen», bevor du es wirklich darfst, gelt!

Mich drückt nun freilich auch schon ein wenig der Gedanke an meine Genfer Vorlesungen2 . Die Bücherkiste ist eingetroffen. Aber ich |545 weiß noch so gar nicht, was ich nun diesen ökumenischen Leuten über «Die Kirche und die Kirchen» eigentlich sagen soll. Gelt, es fällt mir dann plötzlich ein, und dann schreibe ich’s auf und dann tippemers3 und dann kommst du, wenn nicht dein Gesundheitszustand Anderes gebietet, eben doch mit nach Genf. Schon weil ich durch Gerty beiläufig vernommen habe, daß sie sich hier von jener Woche eine besuchslose Zeit zur Feier von Rudis Geburtstag und vor dem Einbruch der vielen Frauen versprochen haben! Erica hat mich nun wirklich schon von Weitem ganz müde gemacht mit ihrem Beschreien und Befragen aller Dinge und mit ihrer unvermeidlichen Goti4 im Hintergrunde! Wenn ich recht verstanden habe, trifft sie morgen hier ein. Das fehlte noch, daß ich dann womöglich mit ihr nach Genf fahren müßte!

Rudi kam gestern abend wieder zurück. Er scheint das ihm ­vorschwebende «Pola»5 nicht erreicht zu haben und ist etwas abgeschreckt durch die in Italien herrschende Hitze, so daß die Apulienreise zu Gertys Freude problematisiert worden ist. Eben ist er drunten – unter dem Geläute der Kirchenglocken – damit beschäftigt, sein Auto zu putzen.

Das Törli ohne Lollo ist doch eine sehr einsame und bekümmernde Angelegenheit gewesen, und ich bin froh, wenn das nun wieder anders wird.

Auch ich bin an Asmussen6 und finde ihn ziemlich toll, ohne bis jetzt hindurch [zu] sehen, ob das Überraschende nun eigentlich in wirklich neuen und weiterführenden oder eben bloß in nicht zu Ende gedachten Gedanken besteht. Ich möchte das Buch doch wahrscheinlich lieber nicht – oder jedenfalls nicht so geschrieben haben. Wir werden dann nach Austausch unserer Eindrücke – du weißt ja jetzt also, was von der «persönlichen Assistentin» erwartet ist7 – vereinbaren müssen, was ich ihm dazu zu schreiben habe.

546W. Rühle brachte gestern noch so einen jungen Musiker mit, einen Jüngling mit allen Eigenschaften eines jungen Bernhardiners, der das Blaue vom Himmel herab redete und schon morgens um 6 Uhr wieder anfing, Klavier zu spielen.

Ob du mit den 200 Mark auskommst? Im Notfall meldest du es mir noch, gelt? Es ist ganz klar, daß du dann zweite Klasse fahren mußt und auch punkto Gepäckaufgabe und dergl. nicht sparen darfst. Hätte ich nicht eben doch noch kommen sollen, um Alles in die Wege zu leiten?

Von Hesse habe ich noch keine Antwort auf meinen langen Brief8. Es ist jedenfalls gut, wenn dieser Brief gerade unter den Jüngeren noch ein bißchen herumkommt. Drucken kann man ja das alles nicht, aber wenn es ein paarmal vervielfältigt ist, wird es einen Lauf auch so nehmen. Aus Allem, was ich von draußen höre, habe ich doch den ganz bestimmten Eindruck, daß ich dort zum Weiterarbeiten keinen Boden mehr unter den Füßen hatte und daß es eine Torheit gewesen wäre, jetzt nicht abzubrechen. Sie wollten nun einmal nicht so, wie man etwas Derartiges wollen müßte, und da konnte ich es auch nicht wollen.

Ich denke an Alles, was in dir vorgehen mag, nun auch du mir zuliebe Deutschland verlassen sollst und willst. Es ist besser, daß du dagegen, als es immer deutlicher zu drohen begann, in deiner Weise «gerast» hast, als wenn du es nicht getan hättest. Wer weiß, ob ich sonst nicht schon vor zwei Jahren ganz einfach dem Widerwillen gegen das Gegenwärtige nachgegeben und so den Staub von den Füßen geschüttelt hätte [vgl. Mt. 10,14], bevor die Situation dazu da war. Jetzt ist etwas von Notwendigkeit und «Führung» dabei, das wir gemeinsam anerkennen können. Aber du wirst wohl in besonderer Weise immer nur im Glauben dazu Ja sagen können, und wenn du mir das auch inskünftig gelegentlich zu spüren gibst, so wird das nur recht sein.

Grüß Gott, du andere «Lichtgestalt»! Irgend etwas wirst du sicher auch noch aus Basel von mir zu hören bekommen.

Dein
K.