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Barth an v.K. in Bad Honnef
Ich habe dich gestern in einem zweiten Brieflein an Traub1, das nötig wurde,
grüßen lassen. Aber die beiden Sendungen werden nun gleichzeitig abgehen und
dort eintreffen. Wenn du dies liesest, bin ich schon in Basel, wer weiß, in was
für Situationen. Heute nachmittag fahre ich dorthin.Der Möbeltransport ist
deutlich auf Montag vormittag angekündigt, und ohnehin habe ich noch mit Hauser zu tun. Die Veränderung
lastet nun doch auch sehr auf mir, und es ist recht kummervoll, daß du nicht
wenigstens dabei bist. Aber ich denke, daß dir viel erspart bleibt, und so hat
vielleicht auch dies nun eben so sein sollen. Besonders wenn die finanziellen
Sorgen wieder einmal – und
so ganz unnütz und gewiß unpraktisch – im Vordergrund stehen sollten, werde ich
mich mit viel Geduld waffnen müssen. Fräulein Seifert, so gern ich sie mag, würde wohl
doch mehr eine Komplikation bedeuten. Ich werde nun eben mit Markus herumlaufen und in
Hemdsärmeln arbeiten wie nicht gescheit, und dann wird diese Woche ja auch
umgehen und nach und nach Alles ins Geleise kommen. Wenn du eine Weile nichts von
mir hörst, so nimm an, es gehe Alles in Ordnung. Ob man zum Schreiben kommt,
hängt ja von so vielen Nebenumständen ab, über die man nicht Herr ist. Ich denke
doch fast, daß ich deine Ankunft in Basel abwarten werde. Haben sie denn schon
irgendwelche Pläne für die Berge? Einige Tage in der Stille nach dem Sturm
könnten ja auch dort ganz schön sein, besonders in Erwartung deiner.
Aber wie geht es denn dir? Deine Briefe lassen erraten, daß deine Genesung zwar im
Gange ist, aber doch noch unter allerhand Vorbehalten steht, die auch
Aufenthalte bedeuten könnten. Ja nicht, ja nicht «abbrausen», bevor du es
wirklich darfst, gelt!
Mich drückt nun freilich auch schon ein wenig der Gedanke an meine Genfer
Vorlesungen2
. Die Bücherkiste ist eingetroffen. Aber ich |545 weiß noch so gar nicht, was ich nun diesen ökumenischen
Leuten über «Die Kirche und die Kirchen» eigentlich sagen soll. Gelt, es fällt
mir dann plötzlich ein, und dann schreibe ich’s auf und dann tippemers3 und dann kommst du, wenn
nicht dein Gesundheitszustand Anderes gebietet, eben doch mit nach Genf. Schon
weil ich durch Gerty beiläufig vernommen habe, daß sie sich hier von jener Woche
eine besuchslose Zeit zur Feier von Rudis Geburtstag und vor
dem Einbruch der vielen Frauen versprochen haben! Erica hat mich nun wirklich schon von Weitem
ganz müde gemacht mit ihrem Beschreien und Befragen aller Dinge und mit ihrer
unvermeidlichen Goti4 im Hintergrunde!
Wenn ich recht verstanden habe, trifft sie morgen hier ein. Das fehlte noch, daß
ich dann womöglich mit ihr nach Genf fahren müßte!
Rudi kam
gestern abend wieder zurück. Er scheint das ihm vorschwebende «Pola»5 nicht erreicht zu haben und ist etwas
abgeschreckt durch die in Italien
herrschende Hitze, so daß die Apulienreise zu Gertys Freude
problematisiert worden ist. Eben ist er drunten – unter dem Geläute der
Kirchenglocken – damit beschäftigt, sein Auto zu putzen.
Das Törli ohne Lollo ist doch eine sehr einsame und bekümmernde Angelegenheit
gewesen, und ich bin froh, wenn das nun wieder anders wird.
Auch ich bin an Asmussen6
und finde ihn
ziemlich toll, ohne bis jetzt hindurch [zu] sehen, ob das Überraschende nun
eigentlich in wirklich neuen und weiterführenden oder eben bloß in nicht zu Ende
gedachten Gedanken besteht. Ich möchte das Buch doch wahrscheinlich lieber
nicht – oder jedenfalls nicht so geschrieben haben. Wir werden dann nach
Austausch unserer Eindrücke – du weißt ja jetzt also, was von der «persönlichen
Assistentin» erwartet ist7 – vereinbaren
müssen, was ich ihm dazu zu schreiben habe.
546W. Rühle brachte gestern noch
so einen jungen Musiker mit, einen Jüngling mit allen Eigenschaften eines jungen
Bernhardiners, der das Blaue vom Himmel herab redete und schon morgens um 6 Uhr
wieder anfing, Klavier zu spielen.
Ob du mit den 200 Mark auskommst? Im Notfall meldest du es mir noch, gelt? Es ist
ganz klar, daß du dann zweite Klasse fahren mußt und auch punkto
Gepäckaufgabe und dergl. nicht sparen darfst. Hätte ich nicht eben doch noch
kommen sollen, um Alles in die Wege zu leiten?
Von Hesse habe ich noch
keine Antwort auf meinen langen Brief8. Es ist jedenfalls
gut, wenn dieser Brief gerade unter den Jüngeren noch ein bißchen herumkommt.
Drucken kann man ja das alles nicht, aber wenn es ein paarmal vervielfältigt
ist, wird es einen Lauf auch so nehmen. Aus Allem, was ich von draußen höre,
habe ich doch den ganz bestimmten Eindruck, daß ich dort zum Weiterarbeiten
keinen Boden mehr unter den Füßen hatte und daß es
eine Torheit gewesen wäre, jetzt nicht abzubrechen. Sie wollten nun einmal nicht
so, wie man etwas Derartiges wollen müßte, und da konnte ich es auch nicht
wollen.
Ich denke an Alles, was in dir vorgehen mag, nun auch du mir zuliebe Deutschland
verlassen sollst und willst. Es ist besser, daß du dagegen, als es immer
deutlicher zu drohen begann, in deiner Weise «gerast» hast, als wenn du es nicht getan hättest. Wer
weiß, ob ich sonst nicht schon vor zwei Jahren ganz einfach dem Widerwillen
gegen das Gegenwärtige nachgegeben und so den Staub von den Füßen geschüttelt
hätte [vgl. Mt. 10,14], bevor
die Situation dazu da war. Jetzt ist etwas von Notwendigkeit und «Führung» dabei, das wir
gemeinsam anerkennen können. Aber du wirst wohl in besonderer Weise immer nur im
Glauben dazu Ja sagen können, und wenn du mir das auch inskünftig gelegentlich
zu spüren gibst, so wird das nur recht sein.
Grüß Gott, du andere «Lichtgestalt»! Irgend etwas wirst du sicher auch noch aus
Basel von mir zu hören bekommen.