Brief Nr. 223 · 8. Juli 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef

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223

L. L.!

Wo sitze ich? Unverkennbar an meinem treuen Schreibtisch1, wie er in Göttingen, Münster und Bonn gestanden hat und nun eben im noch leeren Studierzimmer am St. Alban-Ring steht. Die beiden Möbelwagen sind bereits entladen. Es fehlt nur noch der Inhalt des Eisenbahnwagens. So gab es heute für mich in der Hauptsache noch nicht viel zu tun. Die Platzfrage für die Bücherschäfte wird sich sehr dringlich stellen. Wir werden überhaupt wesentlich enger dran sein als in Bonn. Und der erwünschte Durchblick von einem Schreibtisch zum andern wird sich nicht schaffen lassen, weil wir doch beide an einem Fenster plazieren müssen. Aber ich denke, daß es irgendwie nett und erfreulich werden wird. Auch N. ist mit dem Haus zufrieden.

Ist es nicht ein Witz: als erste Post empfange ich hier einen feierlichen Brief von der Universität Aberdeen mit dem Auftrag, dort 1936-37 und 37-38 ([ich] weiß nicht, was das bedeutet) die Gifford Lectures on Natural Religion zu halten, eine Art Stiftung mit dem Zweck of «promoting, advancing, teaching and diffusing the study of Natural Theology».2 Offenbar wollten die Guten mir mit dieser schön bezahlten Sache zu Hilfe kommen. – Dank für deine zwei Briefe, die mich heute früh bei Fränzeli erreichten! Da deiner an Frl. S[eifert] schon unterwegs ist, wird es so auch recht sein. Bis jetzt sind hier alle ruhig und zufrieden. Hansjoggeli quitschvergnügt über Alles und Jedes! Er piepst sogar leise auch bei Tisch bei Zellwegers. – Wie geht’s dir? Daß der Eiter nicht aufhören will, ist doch sehr traurig. – Heute morgen war ich bei Hauser. Ich bekomme voraussichtlich 18T.3 nebst Um|548zugsvergütung und Einstandszahlung in die Witwen- und Waisenkasse. Und das Erziehungsdepartement hat mein Gesuch betr. meine «persönliche Assistentin» bei der Fremdenpolizei unterstützt!4 Wenn ich dich nur schon gesund und fröhlich bei mir hätte!

Ich eile nun, den nächsten Briefkasten zu suchen. Dieser Weg wird ja nun wichtig genug werden!

­L.L. sei herzlich gegrüßt von

D.
K.

Sachfußnoten

1
Ein Hochzeitsgeschenk von Barths Mutter an seinen Vater im Jahre 1884. Seit September 1964 steht er «als eine Art Devotionsobjekt» im Pittsburgh Theological Seminary (Briefe 1961-1968, S. 296 📖, vgl. S. 313f., 565).↩
2
Brief nicht erhalten; s. K. Barth, Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre. 20 Vorlesungen (Gifford-Lectures) über das Schottische Bekenntnis von 1560, 📖 gehalten an der Universität Aberdeen im Frühjahr 1937 und 1938, Zollikon 1938, besonders zum Zweck der Stiftung S. 41f.↩
3
18’000 Schweizer Franken.↩
4
Barth hatte vermutlich eine mündliche Zusage. Der Brief des Vorstehers des Erziehungsdepartements Fritz Hauser an die Fremdenpolizei trägt das Datum vom 11.7.1935 (KBA 9335.723).↩