Brief Nr. 224 · 9. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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Lieber Karl!

Ich liege auf einem bequemen Lager unter einem schönen alten Nußbaum und einem lieben dunklen Holzdach auf Schwester Helenes Balkon. Es ist schön da, so still und ausruhend. Auf dem Tischlein neben mir stehen Rosen von – – Katsumi Takizawa, wohl die einzigen, die ich im Leben von einem Japaner bekomme! – Gestern abend zog ich im Auto um, wieder im Auto jenes netten evangelischen Buchhändlers, der mich zehn Tage vorher von Bonn herausgeholt hatte. Der Nachmittag war noch lebhaft gewesen. Erst – oh Schrecken – erschien die Russin1, dann Lore Schlomka mit Kind. So war ich etwas erschöpft, als ich schließlich bei Schwester Helene landete. Aber nun geht es mir gut. Schwester Helene ist eine jener seltenen Frauen, die Alles sieht, Alles bedenkt, Alles tut und – fast nichts spricht und selbst fast unsichtbar bleibt. Ich glaube, so bin ich im ganzen Leben noch nicht versorgt worden, in dieser über die Maßen wohltuenden Lautlosigkeit und Unaufdringlichkeit. Ich lag bis um 10 h auf dem dämmernden Balkon, Träublein setzte sich eine Weile dazu, und dann |549 führte mich S. Helene in – ihr Schlafzimmerchen, das sie stillschweigend geräumt hatte, um nebenan auf den Schlafdivan zu ziehen. Und da lag ich nun, an den Wänden Photographien aus dem Schwesternhause, auf dem Nachttisch die Andachtsbücher der Diakonisse und über der Türe – das darf nicht fehlen – der gebrannte Bibelspruch. Ich lag lang wach und habe über die Seltsamkeit des Lebens nachgedacht und über die Problematik meines eigenen. Und kam zu dem Schluß, daß es nicht anders sein sollte und wollte und daß ich dich sehr lieb habe. – Wenn du mich noch ein drittes Mal frägst, ob du kommen und mich holen sollst, werde ich nicht mehr Nein sagen, nicht weil es nötig, aber weil es so schön wäre. Wir würden dann zusammen hier und bei Frau Schlomka und bei Wölflein Lebewohl sagen und noch gute Stunden haben. Aber nein, es ist ein Luxus-Gedanke und angesichts der vielen Auslagen jetzt wohl kein erlaubter. Ich hoffe immer noch Samstag fahren zu dürfen, spätestens Sonntag. Ich bin auch noch ein bißchen schwächlich. Am Donnerstag will ich eine kleine Probefahrt nach Bonn allein unternehmen. Gelingt sie gut, dann Samstag. In Zürich muß ich mich dann wohl noch eine Zeitlang verbinden lassen. Etwa drei Wochen dauert es wohl noch, bis die Wunde verheilt ist. Aber sie reinigt sich sehr schön.

Ich danke dir für deinen Brief vom Sonntag. Er klingt ein bißchen müde und traurig. Und nun habe ich dir doch Frl. Seifert verordnet! Schlimm? Sie hat sich so lieb angeboten, und da Nelly erklärt hatte, sehr mit Markus’ Hilfe zu rechnen, dachte ich, du würdest zu sehr allein gelassen sein. Hoffentlich ärgerst du dich nicht über meine «Eigenmächtigkeit». Du kannst sie ja auch, wenn nicht mehr nötig, gut ein wenig zur Hilfe dem Hause überlassen. Um Joggeli sorge ich mich ohnehin ein wenig. Er war so nervös und unversorgt die letzten Tage hier. Und Matthis mit seinem Furunkel?

Ärgere dich nicht über Nellys «finanzielle Sorgen». Es ist gut, daß sie wegen des kleinen Vermögens nun alle Wege selbst als ergebnislos ausprobiert hat. Das beruhigt sie, und das entlastet uns. – Ob du das Zimmerchen unten bekommen hast? Ich hoffe immer noch ein wenig und träumte es heute gegen Morgen als den Schluß eines etwas belastenden Traumes. –

Über Asmussen mit dir zu reden, freue ich mich. Meine Eindrücke scheinen sich mit denen von Eichholz zu decken, der morgen abend |550 noch herüber kommt. Dann wird es auf diesem Balkon große theologische Gespräche geben!! Ich bin so glücklich, daß ich doch bei dir von Jahr zu Jahr etwas mehr Übersicht über diese, ach immer noch so schweren und zu schweren Dinge bekommen darf. Ganz langsam begreife ich Zusammenhänge. – Gestern das große Gespräch zwischen Traub und dem Japaner in Bonn blieb in ungelösten Bruchstücken stecken. Es ist sehr nötig, daß Takizawa mit dir noch spricht. Er zeigte Traub Bilder von seiner Hochzeit und seiner Frau, die etwas vom Lieblichsten sei, was man sich vorstellen könne. Sie hat übrigens an ihren Mann geschrieben, er solle doch bitte mit ihr, wenn er heimkehre, Bibel lesen. Sein Büblein, das zwei Monate alt war, als er ging, läuft und spricht jetzt. Und unterdessen geht der kleine Mann nahezu ununterbrochen hier theologischen Fragen nach, fährt heute nach Paris und ist dann noch drei Wochen in Kloster Beuron, ehe er etwa am 20. August nach Zürich kommt. Traub sagte am Schluß des Gespräches – ich hätte es vielleicht nicht getan -, es wäre doch schön, wenn er hier noch den Schritt der Taufe wage. Er soll ganz still geantwortet haben: «Ja, ich weiß. Aber ich weiß noch nicht, ob ich darf.» – Ach, gelt, Karl, wir fahren noch einmal zusammen nach Japan, aber vielleicht doch wir beide allein. Das wäre noch schöner, oder ist das häßlich gegen den lieben Ruedi? Weißt du, Ruedi dauert mich doch in all seinem Lebenwollen und Nichtlebenkönnen. Überhaupt, wie plagen sich die Menschen! Gestern zum Abschied frug mich plötzlich mein Chirurg – er fand mich eben fast immer bei der Lektüre des N. T. und [des] Galaterbriefes -, ob ich denn glaube, daß ein Mensch nicht Alles, was er täte, aus Egoismus täte. Der Eine wolle es im Diesseits und der Andere eben im Jenseits gut haben. Das sei Alles. – Meine etwas idealistische, sehr liebe Ärztin, die auch dabei war – das Ganze spielte, während sie meinen Hals umwickelten!! – schrie entsetzt: «Aber, Herr Dr., nein, das ist zu pessimistisch.» Ich lachte und sagte: Doch, doch, ich glaubte schon, daß er recht hätte. Nur daß das gar keine so entsetzlich wichtige Frage sei. Wichtig sei, daß Einer es anders gemacht hätte, und zwar für uns. –

Unter mir lärmen, singen, weinen, lachen die Kleinen des Kindergartens. Und dazwischen immer wieder die geduldige, unermüdliche Stimme von Tante Else, der Kindergärtnerin, einem netten Mädchen von vielleicht 26 Jahren. Sehen kann ich sie nicht, nur hören. Eben hat |551 sich die Tragödie ereignet, daß «Paulchen» seinen Spielkameraden – in die Backe biß!! «Aber, Paulchen, alle Zähne sieht man. Ist das lieb, darf man Kurt beißen?» Tiefes Schweigen. Paulchen hat jeden Kommentar verweigert. – –

Vorgestern abend hat Schwester Gloriosa mir noch lange aus ihrem Leben erzählt. Das war rührend. Traub meinte, ich sollte doch einmal ein Buch schreiben über alle diese Erlebnisse. Aber es gibt schon so viele dilettantische Bücher!! Nein, wenn schon, dann etwas Anderes. Und wahrscheinlich überhaupt nicht. – –

Ja, der August wird etwas überfüllt sein auf dem Bergli. Aber wir haben es im Törli ja gut und bleiben einfach ein bißchen abseits. Ich habe eigentlich nur vor Hertha ein bißchen Angst, aber wahrscheinlich ist auch das unangebracht. – An Steck will ich heute noch schreiben. Sein letzter Rundbrief2 – Durchschlag ging an dich aufs Bergli – , der gestern kam, gibt mir etwas zu denken. Wie empfindlich ist er gegen jeden Einspruch. Daß sein Onkel Burger starb3, tut mir leid für ihn. Er hat in seiner Familie auch fast niemand, dem er sich nah weiß. Und gerade er hat eine gewisse Anlehnung noch sehr nötig. – Unser Martin Eras soll übrigens ein Semester lang in Erlangen verbissen umhergelaufen sein, bis Trillhaas, in dessen Seminar er war, ihn sich einmal vornahm und dann durch eine Aussprache eine bessere Situation geschaffen wurde und Trillhaas ihn nun, wie er zu Wolf sagte, sehr schätzt. Aber gelt, deine armen Kücken! Immerhin: ich glaube, sie schlagen sich ganz gut, und das ist schließlich die Hauptsache! – Lieber Karl, es wird so gut sein, wenn du erst im Winter wieder an dieser deiner eigentlichen Arbeit bist, und ich bin dann so froh, wenn ein paar von hier mithören und mitlernen. Auf diese Weise sprichst du ja hier sehr gewichtig weiter mit, gewichtiger als mit allen Situationserwägungen. – Und dann wird zum Frühjahr der 2. Band4 fertig, und das ist doch auch eine große Sache! –

552Geht es dir in diesen Tagen ein bißchen gut? Wahrscheinlich seid ihr zu den Mahlzeiten bald da bald dort eingeladen. Ach du, vielleicht war es doch gnädig, daß ich so gewaltsam herausgerufen wurde. Und daß dieser Umzug nun zwischen N. und mir keine Gefahrenquelle werden mußte! – Zum Herbst nehme ich dann Alles mit neuer Kraft auf. –

Behüt dich Gott, lieber Karl. Wenn die «Unvernunft» siegen und du doch hierher kommen solltest, dann rufe mich Donnerstag abend an, Bad Honnef 525. Ich bin sofort gerufen, und keine Schneegänse sind da. Aber ich erwarte nichts in dieser Richtung und sage das mehr aus Freude an der unmöglichen Möglichkeit!! – Grüße Alle von mir.

Deine
L.

Traub läßt dich grüßen. ­Er predigt am Sonntag über den Text: «Ihr seid das Salz der Erde … das Licht der Welt» [Mt. 5,13f.]. – Heute abend muß er nach Bonn, unsere Arbeitsgemeinschaft über das 4. Gebot. –
Eben ertönt von unten herauf die Mahnung von Tante Else: «Spucken darf man aber nicht!» –
Mit den 200 Mark hoffe ich zu reichen. Gestern zahlte ich 86 Mark für das Krankenhaus, mit Operationssaalbenützung und Medikamenten.

Sachfußnoten

1
Nicht ermittelt.↩
2
Rundbrief vom 29.6.1935 (KBA 9335.664).↩
3
Oberkirchenrat D. Ernst Burger war am 30.6.1935 in München gestorben.↩
4
Die Fertigstellung von KD I/2, 📖 dem zweiten Halbband der «Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik», erfolgte freilich erst später. Am 8.6.1937 notierte Barth in seinem Pfarrerkalender «Ende der Prolegomena», am 16.6.1937 «Die ersten Druckbogen von K. D. I2!» Der Band erschien im Januar 1938.↩