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von Kirschbaum an B. in
Basel
Ich liege auf einem bequemen Lager unter einem schönen alten Nußbaum und einem
lieben dunklen Holzdach auf Schwester Helenes
Balkon. Es ist
schön da, so still und ausruhend. Auf dem Tischlein neben mir
stehen Rosen von – – Katsumi Takizawa, wohl die einzigen, die ich im Leben von einem Japaner
bekomme! – Gestern abend zog ich im Auto um, wieder im Auto jenes netten
evangelischen Buchhändlers, der mich zehn Tage vorher von Bonn herausgeholt
hatte. Der Nachmittag war noch lebhaft gewesen. Erst – oh Schrecken – erschien
die Russin1, dann Lore
Schlomka mit Kind. So war ich etwas
erschöpft, als ich schließlich bei Schwester Helene landete. Aber nun geht es mir
gut. Schwester Helene ist eine jener seltenen Frauen, die Alles sieht, Alles
bedenkt, Alles tut und – fast nichts spricht und selbst fast
unsichtbar bleibt. Ich glaube, so bin ich im ganzen Leben noch nicht versorgt
worden, in dieser über die Maßen wohltuenden Lautlosigkeit und
Unaufdringlichkeit. Ich lag bis um 10 h auf dem dämmernden Balkon, Träublein setzte
sich eine Weile dazu, und dann |549 führte mich S. Helene in –
ihr Schlafzimmerchen, das sie stillschweigend geräumt hatte, um
nebenan auf den Schlafdivan zu ziehen. Und da lag ich nun, an den Wänden
Photographien aus dem Schwesternhause, auf dem Nachttisch die Andachtsbücher der
Diakonisse und über der Türe – das darf nicht fehlen – der gebrannte
Bibelspruch. Ich lag lang wach und habe über die Seltsamkeit des Lebens
nachgedacht und über die Problematik meines eigenen. Und kam zu dem Schluß, daß
es nicht anders sein sollte und wollte und daß ich dich sehr lieb habe. – Wenn du mich noch ein
drittes Mal frägst, ob du kommen und mich holen sollst, werde ich nicht mehr
Nein sagen, nicht weil es nötig, aber weil es so schön wäre. Wir
würden dann zusammen hier und bei Frau Schlomka und bei Wölflein Lebewohl sagen und noch gute
Stunden haben. Aber nein, es ist ein Luxus-Gedanke und angesichts der vielen
Auslagen jetzt wohl kein erlaubter. Ich hoffe immer noch Samstag
fahren zu dürfen, spätestens Sonntag. Ich bin auch noch ein bißchen
schwächlich.
Am Donnerstag will ich eine kleine Probefahrt nach Bonn allein unternehmen.
Gelingt sie gut, dann Samstag. In Zürich muß ich mich dann wohl noch eine
Zeitlang verbinden lassen. Etwa drei Wochen dauert es wohl noch, bis die Wunde
verheilt ist. Aber sie reinigt sich sehr schön.
Ich danke dir für deinen Brief vom Sonntag. Er klingt ein bißchen
müde und traurig. Und nun habe ich dir doch Frl. Seifert verordnet! Schlimm? Sie hat sich so
lieb angeboten, und da Nelly erklärt hatte, sehr mit Markus’ Hilfe zu rechnen,
dachte ich, du würdest zu sehr allein gelassen sein. Hoffentlich ärgerst du dich
nicht über meine «Eigenmächtigkeit». Du kannst sie ja auch, wenn nicht mehr
nötig, gut ein wenig zur Hilfe dem Hause überlassen. Um Joggeli sorge
ich mich ohnehin ein wenig. Er war so nervös und unversorgt die letzten Tage
hier. Und Matthis mit seinem Furunkel?
Ärgere dich nicht über Nellys «finanzielle Sorgen». Es ist gut, daß sie wegen des kleinen
Vermögens nun alle Wege selbst als ergebnislos ausprobiert hat. Das
beruhigt sie, und das entlastet uns. – Ob du das Zimmerchen
unten bekommen hast? Ich hoffe immer noch ein wenig und träumte
es heute gegen Morgen als den Schluß eines etwas belastenden Traumes. –
Über Asmussen
mit dir zu reden, freue ich mich. Meine Eindrücke scheinen sich mit
denen von Eichholz zu decken,
der morgen abend |550 noch herüber kommt. Dann wird es auf
diesem Balkon große theologische Gespräche geben!! Ich bin so glücklich, daß ich
doch bei dir von Jahr zu Jahr etwas mehr Übersicht über diese, ach immer noch so
schweren und zu schweren Dinge bekommen darf. Ganz langsam begreife
ich Zusammenhänge. – Gestern das große Gespräch zwischen Traub und dem Japaner in Bonn
blieb in ungelösten Bruchstücken stecken. Es ist sehr nötig, daß Takizawa mit dir noch
spricht. Er zeigte Traub Bilder von seiner Hochzeit und seiner Frau, die etwas vom
Lieblichsten sei, was man sich vorstellen könne. Sie hat übrigens an ihren Mann
geschrieben, er solle doch bitte mit ihr, wenn er heimkehre, Bibel lesen. Sein
Büblein, das zwei Monate alt war, als er ging, läuft und spricht jetzt. Und
unterdessen geht der kleine Mann nahezu ununterbrochen hier theologischen Fragen
nach, fährt heute nach Paris und ist dann noch drei Wochen in Kloster Beuron,
ehe er etwa am 20. August nach Zürich kommt. Traub sagte am Schluß des
Gespräches – ich hätte es vielleicht nicht getan -, es wäre doch
schön, wenn er hier noch
den Schritt der Taufe wage. Er soll ganz still geantwortet haben: «Ja, ich weiß.
Aber ich weiß noch nicht, ob ich darf.» – Ach, gelt, Karl, wir fahren noch
einmal zusammen nach Japan,
aber vielleicht doch wir beide allein. Das wäre noch schöner, oder
ist das häßlich gegen den lieben Ruedi? Weißt du, Ruedi
dauert mich doch in all seinem Lebenwollen und
Nichtlebenkönnen. Überhaupt, wie plagen sich die
Menschen! Gestern zum Abschied frug mich plötzlich mein Chirurg – er fand mich eben fast immer bei der
Lektüre des N. T. und [des] Galaterbriefes -, ob ich denn
glaube, daß ein Mensch nicht Alles, was er täte, aus
Egoismus
täte. Der Eine wolle es
im Diesseits und der Andere eben im Jenseits gut haben. Das sei
Alles. – Meine etwas idealistische, sehr liebe Ärztin, die auch dabei war – das Ganze spielte,
während sie meinen Hals umwickelten!! – schrie entsetzt: «Aber, Herr Dr., nein, das ist zu pessimistisch.» Ich lachte
und sagte: Doch, doch, ich glaubte schon, daß er recht hätte. Nur daß
das gar keine so entsetzlich wichtige Frage sei.
Wichtig sei, daß Einer es anders
gemacht hätte, und zwar für uns. –
Unter mir lärmen, singen, weinen, lachen die Kleinen des Kindergartens. Und
dazwischen immer wieder die geduldige, unermüdliche Stimme von Tante Else, der
Kindergärtnerin, einem netten Mädchen von vielleicht 26 Jahren.
Sehen kann ich sie nicht, nur hören. Eben hat |551 sich die Tragödie ereignet, daß «Paulchen» seinen Spielkameraden – in die
Backe biß!! «Aber, Paulchen, alle Zähne sieht man. Ist das lieb, darf man Kurt
beißen?» Tiefes Schweigen. Paulchen hat jeden Kommentar verweigert. – –
Vorgestern abend hat Schwester Gloriosa mir noch lange aus ihrem Leben erzählt. Das
war rührend. Traub meinte, ich sollte doch einmal ein Buch schreiben über alle
diese Erlebnisse. Aber es gibt schon so viele dilettantische Bücher!! Nein, wenn
schon, dann etwas Anderes. Und wahrscheinlich überhaupt
nicht. – –
Ja, der August wird etwas überfüllt sein auf dem Bergli. Aber wir haben es im Törli ja gut
und bleiben einfach ein bißchen abseits. Ich habe eigentlich nur vor Hertha ein bißchen Angst, aber wahrscheinlich ist auch das
unangebracht. – An Steck will ich heute noch schreiben. Sein letzter
Rundbrief2 – Durchschlag ging an dich aufs Bergli – , der gestern kam,
gibt mir etwas zu denken. Wie empfindlich ist er gegen jeden
Einspruch. Daß sein Onkel Burger starb3, tut mir
leid für ihn. Er hat in seiner Familie auch fast niemand, dem er sich nah weiß.
Und gerade er hat eine
gewisse Anlehnung noch sehr nötig. – Unser Martin Eras soll übrigens ein Semester
lang in Erlangen verbissen umhergelaufen sein, bis Trillhaas, in dessen
Seminar er war, ihn sich einmal vornahm und dann durch eine Aussprache eine
bessere Situation geschaffen wurde und Trillhaas ihn nun, wie er zu Wolf sagte, sehr schätzt.
Aber gelt, deine armen Kücken! Immerhin: ich glaube, sie schlagen sich ganz gut, und das
ist schließlich die Hauptsache! – Lieber Karl, es wird so gut
sein, wenn du erst im Winter wieder an dieser deiner eigentlichen Arbeit bist,
und ich bin dann so froh, wenn ein paar von hier mithören und
mitlernen. Auf diese Weise sprichst du ja hier sehr gewichtig weiter mit,
gewichtiger als mit allen Situationserwägungen. – Und dann wird zum Frühjahr der
2. Band4 fertig, und das ist doch auch eine große
Sache! –
552Geht es dir in diesen Tagen ein bißchen gut? Wahrscheinlich seid ihr zu den
Mahlzeiten bald da bald dort eingeladen. Ach du, vielleicht war es doch
gnädig, daß ich so gewaltsam herausgerufen wurde. Und daß
dieser Umzug nun zwischen N. und mir keine Gefahrenquelle
werden mußte! – Zum Herbst nehme ich dann Alles mit neuer Kraft
auf. –
Behüt dich Gott, lieber Karl. Wenn die «Unvernunft» siegen und du
doch hierher kommen solltest, dann rufe mich Donnerstag abend an,
Bad Honnef 525. Ich bin sofort gerufen, und keine Schneegänse sind
da. Aber ich erwarte nichts in dieser Richtung und sage das mehr
aus Freude an der unmöglichen Möglichkeit!! – Grüße Alle von
mir.
Traub läßt
dich grüßen. Er predigt am Sonntag über den
Text: «Ihr seid das Salz der Erde … das Licht der Welt» [Mt. 5,13f.]. – Heute abend muß er nach Bonn,
unsere Arbeitsgemeinschaft über das 4. Gebot. –
Eben ertönt von
unten herauf die Mahnung von Tante Else: «Spucken darf man aber nicht!» –
Mit den 200 Mark hoffe ich zu reichen. Gestern zahlte ich 86 Mark für
das Krankenhaus, mit Operationssaalbenützung und Medikamenten.