Das Evangelium in der Gegenwart
a-Vortrag, gehalten am
3. Juni in
Bern und am
4. Juni 1935 in
Basel-a
Der englische Schriftsteller John Galsworthy erzählt in seinem in der Gegenwart spielenden Roman «Blühende Wildnis»21 die Geschichte eines vornehmen und gebildeten jungen Engländers, der, in die Gefangenschaft eines feindlichen Arabers geraten, vor dem Gewehrlauf desb Gegners, um sein Leben zu retten, den christlichen Glauben abschwört und zum Islam übertritt. Darüber allgemeine Empörung der guten Gesellschaft in London: der junge Mann hat mit seinem Abfall die Würde und Überlegenheit der weißen Rasse im Allgemeinen und insbesondere des britischen Imperiums gegenüber der farbigen Welt verraten. Weil der christliche Glaube zum geschichtlichen Erbe und |810 c-als Symbol wohl auch zum notwendigen Bestand der modernen Kultur und insbesondere des englischen Wesens-c gehört, darum hätte er sich für ihn totschießen lassen müssen. Auch für den christlichen Glauben als solchen? Nein, darüber ist sich die gute Gesellschaft in London nun allerdings offen oder heimlich ebenso einig: nicht für den christlichen Glauben als solchen! An sich könnte man heuted ebenso gut Mohammedaner wie Christ, wie irgend etwas Anderes, wie vielleicht auch gar nichts sein. In die Entscheidung gestellt, wird man sich heute zum christlichen Glauben vielleicht um der Moral, um der Ehre, um der Tradition, aber nimmermehr um seiner selbst willen bekennen. Das Katastrophale jenes Falles besteht nicht darin, dass der Manne seinen Glauben verleugnet, sondern darin, dass er damit England Unehre gemacht hat. Das Christentum steht – auch in den Kreisen, in denen es überhaupt noch steht – nicht mehr auf eigenen Füßen. Sofern es noch lebt, lebt es zur Miete in fremden Häusern, deren Wert und Dauerhaftigkeit übrigens auch nach Galsworthy eine Frage für sich ist.
Hat Galsworthy recht? Er wird wohl wie alle Analytiker, die sich mit ihrem Urteil an solche letzten Zeitfragen heran19wagen, nur teilweise recht haben. Es steht gewiss jedem f-von uns-f frei, zu beteuern, dass er sich auch als g-Mensch der Gegenwart-g anders benehmen, und zwar im Unterschied zu der guten Gesellschaft jenes Romans um des christlichen Glaubens selbst willen anders benehmen würde als der bewusste junge Engländer. Und das wird man ihm dann bis auf weiteres glauben müssen, schon darum, weil das Phänomen offenbar echten Martyriums schließlich auch der Gegenwart nicht ganz unbekannt ist. Immerhin: die Tatsache, dass gerade ein Mann wie Galsworthy, dem man Sinn und Verständnis für die metaphysischen Tiefen des Menschenlebens wahrhaftig nicht absprechen kann, gerade im Blick auf die von außen gesehen so intakte Kirchlichkeit Englands die Lage des Christentums in der Gegenwart – nicht nur in diesem, |811 sondern in allen seinen Büchern! – so sehen zu müssen meint, würde zu denken geben, auch wenn er nur zu einem kleineren Teil recht hätte. Er könnte aber, auf das Ganze der angeblich und vermeintlich christlichen europäisch-amerikanischen Welt gesehen, auch zu einem größeren Teil recht haben. Ich erinnere, um von der guten Gesellschaft in London jetzt abzusehen, an das typische Bild, das heute sicher jede größere Stadt, aber weithin auch schon die Kleinstadt und das Land beider Kontinente an ihren Sonntagen bieten: am Morgen die endlose Flucht der in irgend eine Ferne strebenden Autos und Motorräder, am Nachmittag Fußball-Länderkampf oder etwas Ähnliches, am Abend die überfüllten Kinos. Irgendwo dazwischen erklingen gewiss auch die Kirchenglocken, wird auch gepredigt und gebetet. Irgendwo hört man auch singen: «Wie nach einer Wasserquelle…»22 Das Bild wäre nicht vollständig, wenn das ganz fehlte. Die getaufte und konfirmierte Menschheit in diesen Städten und Dörfern ist im Ganzen weit entfernt davon, das Christentum abzulehnen oder zu hassen oder gar verfolgen zu wollen. Sie ist aber doch offensichtlich noch weiter entfernt davon, sich in ihrem anderweitig bestimmten Lauf h-auch nur ein bisschen-h von ihm stören zu lassen oder gari sich mit letztem Nachdruck dafür einzusetzen. Geschäft, Technik, Sport und etwas Politik sind notwendig; auch das Christentum ist eine gute, aber doch nur eine als mehr oder weniger überflüssiger Zusatz gute |812 Sache. Der letzte Nachdruck des Denkens und Handelns dieser Menschheit kommt offensichtlich anderswoher, um anderswohin zu gehen. Was besagt es 20 demgegenüber, wenn es tatsächlich auch in der Gegenwart eine Anzahl Leute gibt, die bereit sind, nicht nur im Krieg, nicht nur in irgend einer Sportsangelegenheit, sondern nun gerade in der Behauptung ihres christlichen Glaubens ihr Leben in die Schanze zu schlagen? j-Sie könnten ja auch die Nachzügler einer demnächst endgültig vergangenen Zeit sein.-j Die heutige Christenheit als Ganzes ist sicher nicht bereit dazu. Der Fanatismus, der allerdings ein bezeichnender Zug gerade im Gesicht unserer Gegenwart ist, hat heute seinen Sitz anderswo als in den christlichen Kirchen. Man kann das zu ihrem Ruhme sagen. Man kann sich aber auch darüber wundern, dass heute zu ihrem Ruhme gerade das zu sagen ist!
Von hier aus dürfte das zu verstehen sein, was sich in diesen Jahren in Sachen des Christentums in Deutschland ereignet. Die neue deutsche Staats- und Lebensordnungk behauptet bekanntlich aufs Feierlichste, «auf dem Boden des positiven Christentums» zu stehen.23 Das christliche Ausland soll sich doch ja hüten, den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen [vgl. Mt. 7,3] und hier etwa gleich von Heuchelei zu reden! Die Formel ist nämlich darum subjektiv ganz ehrlich gemeint, weil unter «positivem Christentum» sehrl schlicht und selbstverständlich ein solches Christentum zu verstehen ist, das nun eben zu dieser neuen deutschen Staats- und Lebensordnungm, der nationalsozialistischen, in einem «positiven»n Verhältnis steht, das sie bejaht, |813 das sie zu stützen und o-zu fördern-o bereit ist. Die Formel bedeutet, dass das Christentum im neuen Deutschland genau so viel inneres und äußeres Lebensrecht hat, als es in diesem Sinn «positiv» p-oder «volksverbunden»-p24 ist. Lässt es sich in diesem Sinn verstehen und nötigenfalls umgestalten? Um diese – im heutigen Deutschland im Unterschied zu früheren Zeiten und zu anderen Ländern offen und gebieterisch gestellte – Frage dreht sich der ganze deutsche «Kirchenstreit»25. Und nun hat die Erfahrung dieser Jahre gezeigt, dass man das Christentum in der Tat weithin in diesem Sinn «positiv» verstehen und umgestalten kann. Die nationale Welle trug und bedeckteq – und das im Ursprungslande der Reformation! – r-neben so viel Anderem-r weithin auch das Christentum. Sind wir sicher, dass der Staat und die Gesellschaft in Holland, in Dänemark, in Frankreich und Italien – in der Schweiz (bei verschiedenem Vorzeichen und ohne jene 21 Frage so ausdrücklich und nachdrücklich zu stellen!) unter «positivem Christentum» etwas grundsätzlich Anderes verstehen? Sind wir sicher, dass man das Christentum nicht auch in der Schweiz, wenn die Frage auch hier einmal ausdrücklich und nachdrücklich gestellt würde, sehr wohl in einem entsprechenden «positiven» Sinn verstehen und umgestalten könnte? Wer dessen sicher ist, der – aber auch nur der werfe hier den ersten Stein! [vgl. Joh 8,7] So lange ist es |814 schließlich noch nicht her, dass ein wenig in allen Ländern wenigstens protestantischen Bekenntnisses allen Ernstes versucht wurde, das Christentum sozialistisch zu verstehen und umzugestalten, und wir werden uns wohl noch erinnern, dass das damals wenigstens eine Zeitlang ganz schön ging.26 Auf diesem Hintergrunde gesehens, wird man die offene und energische Verunselbständigung des Christentums, auf die die Entwicklung in Deutschland t-hinzutreiben scheint-t, nicht als etwas Unerhörtes betrachten können.27
Was dem Christentum heute widerfährt, ist nun aber bekanntlich nicht nur dies, dass es offenkundig zu einem (eben noch als praktisch unentbehrlich mitgeschleppten) Nebenwert wird, und nicht nur dies, dass es sich im Sinn irgend eines der heute gültigen Hauptwerte «positiv» verstehen und umgestalten lassen muss. Es kann ihm auch dies geschehen, dass die angebliche und vermeintliche Christenheit allmählich oder plötzlich zum Bewusstsein kommt, dass ihr Christentum im Verhältnis zu dem, wovon sie in Wahrheit lebt, ein Fremdkörper, eine Maske, ein Irrtum gewesen sei, von dem sie sich nunmehr zugunsten einer ursprünglicheren und eigentlicheren Erkenntnis befreien müsse. Woher kommt und wohin weist das in unserer Mitte so eindrucksvoll aufgestandene und vertretene Religionstum eines Rudolf Steiner28? Woher und wohin die Entwicklung eines Mannes wie Albert Schweitzer u-und seiner theologischen Schüler-u?29 Es hat in die|815sen Jahren v-jenes «positive»-v Verstehen und Gestalten des Christentums im Sinn des Nationalsozialismus in weiten Kreisen Deutschlands zu dem merkwürdigen Ergebnis geführt, dass als das eigentliche «positive Christentum» ein teils in deutschen Studierstuben entdecktes, teils in deutschen w-Wäldern und Herzen-w unmittelbar erlebtes genuines Heidentum sichtbar wurde. Und es hat dort ein angesehener Theologe allen Ernstes die These vertreten können, dass das Christentum selbst, demütig, 22 wie es ohnehin ist, in der heutigen Lage bereit sein müsse, gegenüber den natürlichen Elementen deutscher Religion wenigstens auf eine Weile x-mit seinen Ansprüchen-x freiwillig zurückzutreten.30 Und wenn man früher wohl den Eindruck haben konnte, als ob sich das Christliche vielleicht nirgends so innig – primitiv, aber umso rührender – mit dem Volks-, Gesellschaftsy und Staatsleben vereinigt habe wie im heiligen Russland, so hat man es gerade daselbst nach der politischen Umwälzung nicht einmal erst mit jenem «positiven» Verstehen und Gestalten des Christentums versucht, sondern ist sofort zu dessen offener Negation, ja Unterdrückung und Verfolgung übergegangen.31
z-Wie sich denn diese Konse|816quenz auch in Deutschland wenigstens in einzelnen Erscheinungen bereits anzukündigen scheint.-z32 Ob wohl Galsworthy in vollem Umfang wusste, was er damit sagte, dass er seinen Helden nun doch nicht bloß das Christentum ablegen, sondern immerhin ausgerechnetaa zum Islam übertreten ließ? Dass es dem Christentum gegenüber einen bestimmten Weg gibt, auf dem ein Schritt den anderen mit einer gewissen Notwendigkeit nach sich zieht: die sympathische Indifferenz die eigenmächtige Umdeutung, diese die offene Negation, diese den Angriff und die Verfolgung, das hat man immer gewusst und im Einzelnen beobachten können. Das Neue, was sich heute abzuzeichnen beginnt, scheint dies zu sein: dass sich die angebliche und vermeintliche Christenheit der Gegenwart in Europa und Amerika ab-allgemein und im Ganzen-ab auf diesem Weg befindet. Die Folgen in den anderen Erdteilen, wo das Christentum mehr oder weniger zu Gaste ist bzw. Missionsarbeit treibt, bleiben abzuwarten. Es bleibt auch diesac ruhig abzuwarten, ob diese Entwicklung nicht doch wieder ins Stocken kommt oder durch andersartige Entwicklungen durchkreuzt wird, bevor ihre ad-schärferen und-ad letzten Spitzen überall sichtbar sein wer|817den. Es liegt mir nichts ferner, als durch ae-den Hinweis auf diese Entwicklung-ae Sensation und Gruseln erregen zu wollen. Aber es muss doch nüchtern damit gerechnet werden, dass af-dies die Entwicklung ist, in der die Dinge in der Gegenwart sich tatsächlich befinden-af. – So viel vom Christentum in der Gegenwart.
Dem Allem gegenüber haben wir nun nach dem Evangelium in der Gegenwart zu fragen. Das Evangelium ist mit 23 dem Christentum nicht identisch. Das Evangelium ist die mächtige Botschaft, die im Christentum gemeint ist, auf die sich das Christentum schlecht und recht – und genaugenommen immer mehr schlecht als recht – begründet und bezieht. Gerade die Mächtigkeit dieser Botschaft lässt sich nun freilich nicht historisch feststellen und darstellen. Nüchtern rechnend mit den vorhin angeführten Tatsachen müssen wir ebenso nüchtern zunächst mit einer ag-zweiten Betrachtungs-Dimension-ag rechnen, wenn wir nun nicht nur vom Christentum, sondern vom Evangelium reden wollen. Das Evangelium lebt nicht davon, dass das Christentum die allgemeine Entwicklung, das Herz der führenden Politiker, die Gebildeten, die Jugend oder gar die Massen für sich hat. Und so kann das Evangelium auch nicht daran leiden, wenn das Christentum heute tatsächlich in London zur Attrappe gemacht, in Zürich übersehen, in Berlin verfälscht und in Petersburg verfolgt wird. Das Evangelium geht durch alle diese Möglichkeiten frei hindurch. Es ist die jeweilige Lage des Christentums sein Schauplatz, aber nimmermehr seine Bedingung, weder im Guten noch im Bösen. Denn es ist seine Mächtigkeit eine geistliche: unübersichtlich, unkontrollierbar, unberechenbar für den, der ihm mit einem anderen Maßstab als seinem eigenen beikommen33 wollte. Nichts ist leichter als ah-die Mächtigkeit des Evangeliums-ah zu leugnen, wo man diesen seinen eigenen Maßstab nicht kennt. Kennt man ihn, dann ist freilich auch nichts schwerer als dies, |818 seine Mächtigkeit zu leugnen. Bei dem Allem bleibt aberai die Mächtigkeit des Evangeliums nicht etwa unsichtbar. Sie erweist sich im Zeichen. Sie bekundet sich in Ereignissen, die dann als solche auch historisch feststellbar und darstellbar sind, die sehr wohl die Kraft haben, historische Entwicklungen aufzuhalten, zu beschleunigen, zu durchkreuzen, neue historische Entwicklungen zu begründen. Als das, was sie sind, nämlich als Zeichen der Mächtigkeit des Evangeliums, können sie freilich auch immer übersehen, missverstanden und missdeutet werden. Es eignet dem Evangelium auch in seinen historischen Gestalten die Freiheit des Geistes, der sich entzieht und aj-der sich-aj gibt, wo er will [vgl. Joh. 3,5–8], der immer durch sich selbst erkannt sein will ak-und nur durch sich selbst erkannt werden kann-ak [vgl. 1.Kor. 2,11–15].
Ein solches Zeichen, eine solche historische Gestalt des Evangeliums ist das, was man mit einem merkwürdigerweise 24 gerade in unseren Tagen wieder aktuell und inhaltsvoll gewordenen Wort das Bekenntnis nennt. Das Bekenntnis ist die vom Evangelium selbst mitten in der historischen Entwicklung des Christentums herbeigeführte und erzwungene öffentliche und verantwortliche Bejahungal des Evangeliums. Aus der historischen Entwicklung selbst heraus bzw. auf Grund eines Urteils über sie ist es noch nie zu dieser Bejahung gekommen. Gewiss auch nicht ohne klaren und bestimmten Blick auf sie und also auch nicht ohne irgend ein Urteil über sie. Aber wo es zum Bekenntnis kam, da war dieser Blick von allem Schielen und Wimperzucken ganz frei auf die Tatsachen als solche gerichtet, ohne den Wunsch, sich von ihnen belehren, bestätigen oder trösten zu lassen, und dann auch ohne die Gefahr, sich durch sie in Sorgen verwickeln, ängstigen und irre machen zu lassen. Es war dann immer ein letztlich und entscheidend nicht von den Tatsachen, sondern vom Evangelium festgehaltener und also die Tatsachen vom Evangelium aus festhaltender Blick. am-Das erste Gegebene im Bekenntnis ist ja nicht dies, dass Menschen sich aus irgendwelchen Gründen dazu ent|819schließen, sich zu Christus zu bekennen, sondern dies, dass Christus ohne allen Grund entschlossen ist, sich zu ihnen zu bekennen.-am Echtes Bekenntnis ging daruman nie mit, es ging immer gegen den Strom, gegen das geistige Fluidum, das jeweils in der Luft war, gegen die Ergebnisse der jeweiligen ao-von den Historikern vollzogenen-ao Zeitanalysen, gegen die stärkeren Bataillone,34 vor allem auch gegen die Tendenzen dessen, was jeweils Christentum hieß. Echtes Bekenntnis ist ja kein zur Verbesserung oder Verbreitung, zur Rettung oder Erhaltung des Christentums ausgedachtes Menschenwerk. Echtes Bekenntnis ist vielmehr in seinem Wesen eine vom Evangelium selbst her fallende Entscheidung,35 die dann von bestimmten Menschen schlicht damit ausgeführt werden muss, dass sie ohne Rücksicht auf Welt und Christentum und was auch aus diesen werden möge, zum Evangelium wieder einmal laut und deutlich Ja sagen. Man erkennt das echte Bekenntnis an dieser Freiheit, an dieser Sorgenfreiheit gegenüber den Fragen: Was wird daraus? ap-Wieviel und wer sind wir, die da mittun?-ap Was werden wir damit ausrichten? Wer wird uns hören, wer uns beistimmen und helfen? Es ist die Freiheit des Evangeliums selbst, die sich in dieser Freiheit des Bekenntnisses spiegelt. Man erkennt das echte Be25kenntnis weiter an der Bestimmtheit, in der es zum Evangelium in einer bestimmten Zeit so Ja sagt, dass dieses Ja einen bestimmten Ton hat, der es von allen möglichen anderen Jas – wohlverstanden: auch und gerade von den in aller Ohren klingenden christlichen Jas – dieser Zeit unterscheidet, so also, dass dieses Ja einen bestimmten Gehaltaq von Nein hat, der notwendig, wenn auch vielleicht sehrar ärgerlich mitzuhören ist.36 Es wird die göttliche Be|820stimmtheit, as-der kritische Charakter-as der evangelischen Botschaft selber in dieser menschlichen Bestimmtheit at-und Polemik-at des Bekenntnisses ihre notwendige Entsprechung finden. Man erkennt das echte Bekenntnis weiter daran, dass die Bekenner, ob sie nun heroische Persönlichkeiten oder kleine Leute seien, in der Lage und willens sind, Haltung anzunehmen und Disziplin zu halten, Schritt für Schritt au-ihrem Bekenntnis entsprechende Beschlüsse-au zu fassen und auszuführen, Entscheidungen zu vollziehen, diese Positionen zu verlassen und andere zu besetzen, wiederumav ohne Rücksicht auf Welt und Christentum das Alles! Das Evangelium selbst könnte ja nicht als Entscheidung in ihr Leben getreten sein, wenn sie nicht lebensmäßig, wie aw-gebrochen und-aw bescheiden immer, im Sinn ihres Bekenntnisses in Bewegung gesetzt wären. Man erkennt das echte Bekenntnis endlich daran, dass es Kirche begründet, vielleicht da ganz neu begründet, wo man mittenax in der Kirche gar nicht mehr wusste, was Kirche ist: Gemeinschaft des Glaubens und des Gehorsams. Bloße Meinungsäußerungen, bloße Überzeugungexplosionen können das nicht, das Bekenntnis kann und tut das. Das Bekenntnis ruftay als Antwort auf den Ruf des Evangeliums. Das Evangelium selbst aber ruft zusammen, dorthin wo Menschen allein und wirklich eins werden können.az
Warum rede ich angesichts der heutigen Lage des Christentums gerade vom Bekenntnis? Es wäre ein Rückfall in die historische und als solche nicht weiterführende Betrachtung dieser Dinge, wenn man mich jetzt fragen wollte, ob ich denn so etwas wie echtes Bekenntnis irgendwo in der Welt zu kennen meine. Ich meine wohl so etwas zu kennen. Aber ich meine bloß. Ich weiß z. B. nicht, ba-so deutlich mir diese Sache vor Augen steht und so brennend sie mir-ba am Herzen |821 liegt, ob und inwiefern es sich bei dem, was man heute in Deutschland Bekenntniskirche, Bekenntnisfront, Bekenntnisgemeinschaft nennt, um echtes Be26kenntnis handelt. Es spricht auch sehrbb Vieles dagegen. Ich weiß aber ohne allen Zusatz von Meinung, dass das Bekenntnis unter allen Umständen angesichts der heutigen Lage des Christentums die allein mögliche Antwort auf das Evangelium ist. Wichtig in der heute sichtbaren Entwicklung wird unter allen Umständen nur dies sein, ob es geschieht oder eben nicht geschieht, dass einige Menschen in Europa und Amerika – ob es einige tausend oder nur zwei oder drei bc-sein werden-bc [vgl. Mt. 18,20], tut nichts zur Sache – an allen anderen Möglichkeiten vorbei zum Bekenntnis vorstoßen. Wichtig kann also nicht die Frage sein, ob Galsworthy und seinesgleichen recht oder halb recht oder zum größeren oder kleineren Teil recht haben – wichtig ist nicht die Frage, ob das Experiment mit dem «positiven Christentum» in Deutschland oder das noch viel radikalere Experiment in Russland zuletzt gelingt oder nicht gelingt, sondern wichtig kann nur die schließlich direktbd an uns selbst gerichtete Frage sein: ob wir uns nicht täuschen, wenn wir meinen, dass die Entscheidung vom Evangelium her nicht kraft seiner inneren Mächtigkeit in der ganzen Freiheit des Geistes auch über uns selbst schon gefallen sei, ob wir also nicht mit unserem Bekenntnis schlecht und recht – und sei es denn mehr schlecht als recht – zur Stelle sein müssten? Wichtig wird ja in der heutigen Lage nicht dies sein, obbe Millionen diese oderbf diese Stellung zum Christentumbg einnehmen, bh-ob z. B. die deutsche Bekenntniskirche sich durchsetzt oder nicht durchsetzt,-bh sondern wichtig – auch für die Lage des Christentums wichtig – wirdbi allein dies sein, obbj Einige die rechte, die sachlich gebotene Stellung zum Evangeliumbk gewinnen. Dies und nur dies würde die Schaffung einer |822 Tatsache bedeuten, während bl-durch alles Andere, wie stark es an sich in die Augen fallen mag, letztlich-bl nichts in Bewegung gebracht wird.
Wir dürfen aber nicht dabei stehen bleiben, der Mächtigkeit und der Freiheit des Geistes des Evangeliums zu gedenken und uns also sagen zu lassen, dass es die Tat des Bekenntnisses fordert. Eine bedenkliche Verkürzung unserer Einsicht in das, was heute notwendig ist, könnte sonst die Folge sein. Es kann die Frage: was denn unter dem Evangelium zu verstehen sei? und also die Frage nach dem Inhalt des Bekenntnisses nicht offen bleiben. Das Evangelium, auf das sich das Christentum be27gründet und bezieht, will ja schlicht die Wahrheit sein und es muss also das Bekenntnis zu ihm ebenso schlicht aus der Erkenntnis der Wahrheit hervorgehen. An Offenheit für die Mächtigkeit des Evangeliums und also an Mut und Entschlossenheit zum Bekenntnis fehlt es vielleicht heute so wenig wie in alten Zeiten. Es fehlt aber vielleicht bm-weithin und schon lange-bm an der Einsicht in diesen Zusammenhang zwischen Bekenntnisbn und Erkenntnis. Vielleicht ist das Christentum mit darum in so merkwürdiger Weise mitten in der Christenheit zu einem bloßen bo-mehr oder weniger-bo entbehrlichen Nebenwert geworden, weil man immer weniger wusste und zu sagen wusste, um was es sich denn handelt bei dieser Sache. Vielleicht mit darum konnte man es in Deutschland unternehmen, es so willkürlich umzudeuten und umzugestalten, und ist es in Russland so verächtlich und schließlich verhasst geworden. Was in den Kirchen Bekenntnis heißtbp, war das mehr aus Gründen der Pietät bq-oder sogar-bq der Ästhetik als aus eigenem beteiligten Wissen wiederholte Bekenntnis der Väter. Mit solcher Wiederholung kann aber dem Evangelium nicht gedient sein. Und wo dem Evangelium nicht gedient wird, da löst sich das Christentum von seinem Grund und Ziel, da wird es bei allem vielleicht immer noch warmen Eifer seiner Bekenner zu einem Spiel|823ball fremder Elemente. Wo das aber einmal geschehen ist, da ist es auchbr bei gutem Willen garbs nicht so einfach, wieder zum Bekenntnis des Evangeliums vorzustoßen. Vielleicht entdeckt man bei bt-dieser Absicht-bt erst, wie fremd man ihm eigentlich geworden, wie unsicher hinsichtlich der ihm gegenüber gebotenen sachlichen Stellungnahme. Schwere Ratlosigkeit und Uneinigkeit kann dann entstehenbu auch unter denen, die von Herzen gern Bekenner des Evangeliums sein oder werden möchten, oder was noch fastbv schlimmer ist: schwere neue Verwechslungen des geforderten, auf Erkenntnis beruhenden Bekenntnisses mit der Wiederholung bw-ehrwürdiger Väterworte-bw. Besonders die mit dem Worte bekanntlich schnell fertige Jugend37 kann dann gefährdet und auchbx gefährlich werden, wenn sie sich etwa, um rascher vorwärts zu kommen, die ganze Strenge und Not eines neuen Fragens nach dem Evangelium, einer wirklichen und zuchtvollen Sammlung und Besinnung auf seine Wahrheit ersparen zu können meint. Und man täusche sich nicht: auch das ernst und aufrichtig gemeinte Bekenntnis wird, by-wenn solche 28 Sammlung und Besinnung fehlt,-by hohl klingen und wohl rasch genug überhaupt verklingen; es wird jener kühnen Freiheit im Ernstfall doch entbehren; es wird nicht jenes notwendige Ärgernis, sondern höchstens Verwunderung und Verdruss erwecken; es wird nicht entscheidungs- und aktionsfähig sein; es wird nicht Kirche begründen. Es wird also keine Tatsachen schaffen und gleich irgend einer Ansicht auch nichts in |824 Bewegung setzen. Das sind Erfahrungen des deutschen Bekenntniskampfes, die zu Rate zu ziehen man auch anderswo guttun wird.
Wenn wirklich vom Evangelium her jene Entscheidung fällt, die zum Bekenntnis drängt, dann wird das damit aufgerichtete Zeichen wohl vor allem die Einladung zu der Einsicht bedeuten, dass die Christenheit darum nur eine angebliche und vermeintliche Christenheit ist, weil sie Entscheidendes, was sie als Christenheit wissen müsste, vergessen hat und erstbz wieder lernen müsste. Und das Lernen unter diesem Zeichen wird dann ein Weg sein, der auf keinen Fall mit der Ausgabe und Annahme einiger noch so richtiger Parolen übersprungen werden kann, der vielmehr in zäher Übung und Gewöhnung von Schritt zu Schritt gegangen werden muss. Es ist schon das etwas Großes, ca-zu wissen, dass man-ca sich erst wieder einmal wirklich um die Quellen und Zeugnisse des Evangeliums, nämlich um die Bibel, cb-sammeln muss-cb, um sich, statt sich ein Evangelium selbst zu machen, authentischcc sagen zu lassen, was Evangelium ist. Es bedeutet etwas, einzusehen, dass die Christen als Glieder der Kirche keine Macht über die Kirche, keinecd Macht über ihre Lehre und ihr Leben haben, weil die Kirche und mit ihr sie selbst, die Christen, laut des Evangeliums ihren Herrn schon haben. Es bedeutet etwas, bei dem Wort «Gott» statt an den Inbegriff menschlicher Ideale und Sehnsüchte mit dem Evangelium wieder nüchtern an dence dem Menschen und seiner Welt real gegenüberstehenden persönlichen Schöpfer, Gebieter und Erlöser zu denken. Es bedeutet etwas, den einfachen und doch so folgenschweren Gedanken, der das Zentrum des Evangeliums bildet, nämlich den Gedanken der freien Gnade dieses Gottes so zu realisieren, dass man sieht und versteht: hier ist das Ende aller, aber auch aller menschlichen Eigenmächtigkeit und Sorgenmacherei und Schlamperei, hier geht es um die Demütigung und um die Befreiung und um die Ordnung unserer Existenz. 29 Es bedeutet etwas, sich vom Evangelium sagen zu lassen, dass diese freie Gnade Gottes |825 für die ganze Kirche und für jeden Einzelnen in ihr ganz und gar cf-aufgehoben und verschlossen ist in dem Einen, der da war und der da kommt [vgl. Apk. 1,4f.], Jesus Christus,-cf dem gegenüber wir nun ebenso ganz und gar auf den Glauben, cg-auf das Gedächtnis und auf die Erwartung seiner-cg gestellt sind, auf den Heiligen Geist, den wir uns nicht nehmen, dem wir aber auch bei Todesgefahr nicht ungehorsam sein können. Und es bedeutet etwas, nach dem Evangelium von da aus unsere Mitmenschen zu sehen als die, diech mit uns verloren, mit uns gerettet und also unsere Brüder und Schwestern sindci, an die wir gebunden sind, an die wir einen unverlierbaren und ununterbrochenen Auftrag haben. Ich sage: es bedeutet etwas, hier zu lernen, um dann zu wissen, was man getan hat und tun wird mit seinem Bekenntnis zum Evangelium. Es würde viel Arbeit von den Pfarrern, aber es würde sofort auch viel Arbeit von den Gemeinden verlangen, wenn es etwa darum gehen sollte, hier wieder ganz anders und zwar vom ABC auf anders zu lernen, als es in den Zeiten, die uns in die heutige Lage hineingeführt haben, geschehen ist. Es müsste dann wohl vor allem die Theologie in dem Sinn wieder eine ernsthaftere christliche Angelegenheit werden, als sie ihre Arbeit streng und einseitig auf die diesem Lernen dienende Forschung und Lehre zu konzentrieren hätte und als ihre Arbeit von der Gemeinde in einer Mitverantwortlichkeit zu begleiten wäre, die sie dauernd tragen und zugleich wohltätig bei der Stange halten würde.
Es ist die Erkenntnis der Wahrheitcj des Evangeliums, die dem Bekenntnis zu ihm Substanz und Metallgehalt gibt. Wieder ist es das Evangelium selbst, das uns zu solcher Erkenntnis ruft und allein rufen kann. Ruft es uns, so ruft es uns zur Besinnung. Es ist das auf solcher Besinnung beruhende Bekenntnis, das Tatsachen schafft, quer hindurch durch den scheinbar unaufhaltsamenck Lauf der Welt, quer hindurch auch durch den Lauf eines dieser Welt gleichförmig gewordenen Christentums. «Die Wahrheit wird euch frei machen.» [Joh. 8,32]
826 Blicken wir von da aus noch einmal zurück auf das, was eingangs über das Christentum in der Gegenwart gesagt wurde, so scheint nun doch auch eine bestimmte historische Erwägung 30 mit einer gewissen Notwendigkeit sich aufzudrängen. In Form einer These lässt sie sich freilich nicht vortragen. Als einer ernsten Frage mag ihr immerhin Raum gegeben sein.
Wir haben gesehen, dass die angeblich und vermeintlich christlichecl Gesellschaft heute im Begriff zu stehen scheint, ihr Verhältnis zum Christentum einer Revision zu unterziehen, auf Grund deren es offenbar zuerst zu einem entbehrlichen Nebenwert gemacht, dann ausdrücklich und nachdrücklich seiner Selbständigkeit beraubt, dann offen verneint und schließlich sogar verfolgt und unterdrückt werden muss. Und wir haben demgegenüber gesehen, dass uns das Evangelium heute ganz neu und erst recht zum Bekenntnis und zur Erkenntnis auffordert. Es könnte nun sein – und dies ist die Frage, die jetzt noch aufgeworfen werden soll – dass wir uns von beiden Seiten her gesehen vor einer ungewohnt großen Veränderung der Zeiten und darum auch vor der Notwendigkeit ungewohnt großer innerer Umstellungen befinden würden.cm Es könnte sein, dass unsere Gegenwart bedeutet: einerseits die letzten Tage eines alten, ja uralten Bundes zwischen dem Bekenntnis und der Erkenntnis des Evangeliums und den natürlichen Kräften und Mächten der menschlichen Geschichtecn – andererseits: den Anbruch von Tagen, in denen sich die Kirche, ganz auf ihre eigenen Füße co-gestellt, ohne-co den Rahmen und Schutz dieses Bundes jenen natürlichen Kräften und Mächten der menschlichen Geschichte gegenüber verantwortencp wird.
Man kann diesen heute vielleicht zu Ende gehenden Bund von zwei verhältnismäßig entgegengesetzten Auffassungen hercq charakterisieren. Auch diese Auffassungen sollen hier beidecr nur als Fragen geltend gemacht werden:
827 Man kann sagen und klagen: Die Christenheit hat sich schon nach den ersten Jahrhunderten ihres Bestandes einer großen Fiktion und Illusion, zu Deutsch: einer großen Lüge in die Arme geworfen. Sie hielt es nicht mehr aus dabei, die törichte, immer verschwindende Minderheit zu sein. Sie wollte mehr sein als das Volk in der Einöde [vgl. Ps. 74,1438], als der einsame Vogel auf dem Dach [vgl. Ps. 102,8]. Sie wollte nicht mehr leiden. Unter dem Vorwand der Ehre Gottes und des Wohles der Menschheit wollte sie es endlich auch gut haben. Und so vergaß sie, dass ihre Zeit die Zeit zwischen der Himmelfahrt und der Wiederkunft Jesu Christi und 31 also eine von einem Anfang her einem Ende entgegenlaufende Zeit, eine kurze Zeit ist [vgl. 1.Kor. 7,29], in der es für die Gefangenen der freien Gnade Gottes wohl ein Wandern, aber kein Aufhalten, wohl ein Sichbegegnen, aber kein Sichbinden, wohl Zelte, aber keine Steinhäuser gibt. cs-Und so ließ sie sich von der Welt einladen.-cs So bat sie ihrerseitsct die Welt darum, ihr Daseinsberechtigung, ja Hausrecht zu gewähren. So schloss sie Übereinkünfte mit ihr. So ließ sie sich ihr Leben garantieren. So cu-ging sie immer aufs Neue den Bund ein:-cu mit dem römischen Reich, mit der platonisch-aristotelischen Philosophie, mit dem Volks- und Brauchtum des germanischen Nordens, mit der humanistisch und später mit der technisch bestimmten Kultur der Neuzeit. Und sie hatte Erfolg. cv-Die Kirche wurde eine Macht neben den anderen Mächten dieser Welt.-cv Das Christentum erhielt seincw Leben in diesem Bund, cx-und nicht nur das: es schien bald-cx der eigentlich gewinnende, der eigentlich überlegene Teil zu werden. Es «siegte», wie man sagte.39 Es er|828schien eine Weile, auf der Höhe des Mittelalters, wie die Spitze und Krone des ganzency europäischen Menschheitslebens. cz-Es gelang ihm auch noch in den Jahrhunderten nachher lange genug, wenigstens diesen Schein und Anspruch aufrecht zu erhalten. Es ließ sich und es lässt sich ja bis in unsere Tage hinein die Stadtgemeinde wie das Dorf die milde Weihe einer angemessen temperierten Christlichkeit im Ganzen nicht ungern gefallen.-cz Aber es bezahlte einen teurenda Preis. Es verkaufte sein Erstgeburtsrecht um ein Linsengericht [vgl. Gen. 25,29–34]. Indem es sich von den Kräften und Mächten der Geschichte seine eigenedb Existenz garantieren ließ, garantierte es ihnen notwendigdc auch die ihrige. Indem es sich von ihnen halten und beschenken ließ, wurde es hineingezogen in dd-ihre ganze Vergänglichkeit-dd, in ihr Steigen und Fallen, Kommen und Gehen. Indem es sie, wie man so schön sagte, «beeinflusste», wurde es selbst noch viel mehr von ihnen beeinflusst. Sein Bekenntnis wurde matt und seine Erkenntnis leerde in diesem Bunde. Sein Salz wurde dumm [vgl. Mt. 5,13]. Seine Geschichte wurde die Geschichte seiner freiwillig-unfreiwilligen Amalgamierung mit den Ideen und Tendenzen eben des Äons, von dem es zu Anfang geheißen hatte, dass er im Kreuze Christi ein für allemal vergangen sei [vgl. 2.Kor. 5,17]. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße, |829 und heute wird sie offenbar. Die Welt, der das Christentum nur zu viel Treue entgegengebracht und bewiesen hat, war ihm 32 ihrerseits wohl heimlich immer untreu, df-verstand jene Weihe wohl immer als ziemlich unverbindlich-df und sagt es heute offen heraus, dass sie an ein ehrliches Halten des Bundes dg-auch nur noch zu denken nicht mehr-dg gesonnen ist. Das «christliche Europa» kehrt unter dem Gelächter der Hölle zu seiner ursprünglichen wilden Freiheit40 zurück. Und nun mag ihm das Christentum nachtrauern wie ein verführtes Mädchen seinem ungetreuen Liebhaber.dh Warum hat es sich di-am Leben-di erhalten wollen auf Kosten des Evangeliums, dj-statt es darauf ankommen zu lassen, aus den Kräften des Evangeliums zu leben-dj? Was ihm heute widerfährt, ist die Quittung für die große Lüge, deren es sich, deutlich seit dem verhängnisvollen Zeitalter Konstantins41, auf der ganzen Linie schuldig gemacht hat.
830 Man kann nun denselben Sachverhalt gewiss auch ganzdk anders sehen. Man kann nämlich diesen merkwürdigen, vor Jahrtausenden geschlossenen und heute so problematisch gewordenen Bund zwischen dem Evangelium und den Weltmächten auch als ein Ereignis verstehen, das als ein Erweis der Geduld Gottes und unter der Leitung seiner Weisheit auf bestimmte Zeit und in bestimmten Grenzen sein Recht und seine Notwendigkeit hatte. Es sollte die Zeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft nicht einfach leer sein, nicht ohne ein großes Gleichnis der ewigen, der kommenden Welt, nicht ohne eine vorläufige Erfüllung der Verheißung, dass die Sanftmütigen das Erdreich besitzen [vgl. Mt. 5,5], dass die Reiche dieser Welt Gottes und seines Christus sein werden [vgl. Apk. 11,15]. Nicht ohne jene «erste Auferstehung» [Apk. 20,5], nicht ohne jenes tausendjährige Reich der Offenbarung Johannis [vgl. Apk. 20,2–6]. Es musste der Satan auf eine Weile gebunden werden [vgl. Apk. 20,2]. Es durften unterdessen Natur und Gnade, dl-Antike und Christus,-dl
Vernunft und Offenbarung, dm-Staat und Kirche-dm, vereint gesehen werden wie unter dem Bogen eines zweiten noachitischen Bundes [vgl. Gen. 9,13–17]. Es durfte diese Vereinigung sogardn Gestalt annehmen, widerspruchsvoll unddo problemreich in jeder Hinsicht und doch nicht ohne dp-eine gewisse Konsistenz, nicht ohne-dp einen Widerschein des Friedens, den sie dq-meinte. Sie nahm Gestalt an in der Idee und Wirklichkeit jenes cor|831pus christianum42, das sich in den Schöpfungen der Kunst und Wissenschaft des Mittelalters und noch der früheren und späteren Renaissance spiegelt, Heimweh und Sehnsucht erweckend bis auf diesen Tag. Sie nahm Gestalt an in der so wunderlichen und doch so be33deutungsvollen Idee und Wirklichkeit jenes «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation»43, das einst durch die Absonderung der schweizerischen Eidgenossenschaft einen der ersten starken Stöße erlitt,44 das noch Goethe vor Augen gehabt hat 45 und dessen letzte Trümmer wir erst in unseren Tagen mit dem alten Österreich ausein|832anderfallen sahen-dq.46 Es sollte diese Zeit der Synthese – ein einziges großes Traumgesicht sozusagen, ein dr-menschlicher, allzu menschlicher-dr Abglanz und Widerhall der Inkarnation – ein Zeichen sein, um allen Zeiten zu sagen, wo sie herkommen, wo sie hingehen. ds-Sie war ein-ds vorübergehendes Zeichen, ein vergängliches Gleichnis, aufgerichtet inmitten der Hinfälligkeit aller menschlichen Dinge und selber dieser Hinfälligkeit teilhaftig, dem Stillstand und Verderben geweiht, lange bevor es auch nur von ferne Vollkommenheit gewonnen hätte. dt-Sie war dennoch und gerade so ein Zeichen und Gleichnis ewiger Dinge, eine freundliche Veranstaltung der Vorsehung zur Überwinterung des Evangeliums.-dt47 Was wir heute erleben in der du-Verselbständigung eines Reiches der Profanität, der-du großen Ausschaltung und Säkularisierung und Negation des Christentums istdv das letzte, nicht zu bejammernde, sondern nüchtern zu anerkennende natürliche Ende dieser Zeit, die nicht umsonst gewesen ist, dw-die ihre Größe und Würde hatte und behält, wenn sie auch so nicht andauern konnte und-dw so nicht wiederkehren kann.
833 Der Gegensatz dieser beiden Auffassungen ist wohl, so scharf sie sich widersprechen, kein endgültiger, und es dürfte sich darum schwerlich lohnen, die eine gegen die andere auszuspielendx und durchsetzen zu wollen. dy-Es ist wohl nötig, um diese beiden Auffassungen zu wissen; es ist aber nicht nötig und es wäre auch nicht ratsam, sich für die eine gegen die andere zu entscheiden.-dy Man wird ja im Blick auf die Konfusion der Menschen die Vorsehung Gottes und dz-man wird-dz im Blick auf die Vorsehung Gottes die Konfusion der Menschen nicht leugnen können48 und also die Wahrheit beider Auffassungen zu bedenken haben. Sicher ist dies, dass sie im Ergebnis übereinkommen: ea-die Zeit, das christlich-bürgerliche oder bürgerlich-christliche Zeitalter ist abgelaufen, der Bund, d. h. aber das Christentum in seiner uns bisher bekannten Gestalt ist zu Ende.-ea Der Bogen, der das Evangelium und die Welt auf eine Weile überspannte, ist, ob wir ihn als menschliche Fiktion oder als göttliches Segenszeichen verstehen, 34 erloschen. Die eb-zu Unrecht oder zu Recht vereinten-eb Elemente scheiden sich wieder. ec-«Siehe, der Winter ist vergangen.»-ec [Hld. 2,11] Die Welt nimmt die Maske ab und ihre Freiheit zurück, ed-um sich wieder offen zu bekennen als das, was sie im Grunde ist und will-ed. Eben damit ee-ist aber auch dem-ee Evangelium seine Freiheit ihr gegenüber zurückgegebenef. Eben damit ist eg-heute die Christenheit, ist die Kirche zu einer ganz neuen-eg Freiheit ihres Bekenntnisses und ihrer Erkenntnis aufgerufen. Nicht eh-zu einer-eh Flucht vor der Welt |834 oder aus der Welt, aber zu einer ihr in ei-jener konstantinischen49 Ordnung-ei nicht gegebenen Freiheit in der Welt. Nicht zu einer Freiheit ej-von ihrer Solidarität mit dieser Welt und also nicht zu einer Freiheit-ej von ihrer Sendung, von ihrer Verantwortlichkeit, von ihrem Dienst in der Welt, aber zur Freiheit, inek- der Welt und fürek die Welt ihrer eigenen Sendung, ihrer eigenen Verantwortlichkeit, ihrem eigenen Dienst zu leben und nachzugehen. Zur Freiheit von allen denjenigen Voraussetzungen, Bindungen und Verpflichtungen, die ihr nicht durch das Evangelium, sondern von außen, durch die Rücksicht auf die eigene Natur und Richtung der geschichtlichen Kräfte und Mächte auferlegt wurden. Ihre Beziehungen zu diesen Kräften und Mächten el-müssen – nicht gelöst, wohl aber gelockert, sie müssen in Erfüllung jener Solidarität wieder zu Beziehungen eines lebendigen kirchlichen Handelns an ihnen-el werden. Es muss die Kirche es wieder wagen, dem Staat, em-der Wissenschaft, der Kunst, der Gesellschaft, dem Volkstum-em – gewiss nicht in ganz unnötigem Eifer als Feind, wohl aber mit der Verkündigung desen von allen Anliegen dieser vergehenden Welt unüberhörbar eo-verschiedenen göttlichen-eo Anliegens gegenüberzutreten. Sie muss ep-es wieder wagen, dem Menschen zu-ep sagen, dass ihm seine Sünden vergeben sind, ohne ihn eq-wie bisher durch ein ganzes System von Konzessionen, Brückenschlägen, Anknüpfungspunkten50 und Anpassungen im Voraus über sich selbst beruhigt und also-eq gerade für diese Botschaft taub gemacht zu haben. |835 Es könnte wohl sein, dass die Kirche heute außerhalb dieser Freiheit und also in dem trügerischen Schutz und Schatten jenes nur noch als schöneer Traumerinnerung existierenden Bundes gar nicht mehres als lebendige Kirche existieren et-und handeln-et kann, dass ein Bann auch auf ihrem ernstesten Bekennen und auf ihrem tiefsten Erkennen liegt, solange sie sich wohlmeinend aber wirklich35keitsfremd immer noch an dieser Traumerinnerung orientieren will. Dass sie, um in diese Freiheit zu kommen, viel aufs Spiel setzen, ja opfern müsste an bisher selbstverständlich behaupteten Möglichkeiten, Ansprüchen, Vorrechten, Besitztümern auf allen Gebieten, eu-dass sie arm werden müsste,-eu dass eine ganze Welt von Christlichkeit, die sich bis jetzt in ev-ihrem Raum-ev ausdehnte, zunächstew einfach zusammenbrechen würde, dass eine gewisse schmerzlicheex Trennung zwischen der christlichen Gemeinde und der getauften und konfirmierten Menschheit unvermeidlich würde, dass ey-die Kirche sich ohne Ängstlichkeit gegenüber den bisherigen Inhalten der Begriffe «Volkskirche» und «Freikirche»51 weithin-ey äußerlich ganz neu konstituieren und innerlich auf eine ganz neue Strategie und Taktik ez-– die Strategie und Taktik der Freiheit –-ez einstellen müsste, dass sie wieder ernstlich und praktisch mit dem rechnen müsste, was das Neue Testament «Leiden» heißt, das Allesfa lässt sich nicht leugnen. Man kann dazu nur sagen, dass sie dann eben, fb-indem sie das wagte,-fb das Gottvertrauen haben und bewähren fc-und |836 auch dessen Verheißung in Erfüllung gehen sehen-fc würde, von dem sie unter den ganzen Voraussetzungen des christlichen und doch unchristlichen Europa vielleicht längst nicht mehr ganzfd glaubwürdig zu reden wusstefe. Und man kann mit aller Bestimmtheit sagen: dass sie dann wieder ein Licht werden würde in der Welt [vgl. Mt. 5,14]. Diese zu Ende gehende Welt ff-in ihrer ganzen Herrlichkeit und in ihrem ganzen Jammer-ff wartet gerade auf das: auf fg-die Botschaft einer freien-fg, nämlich für das Evangelium ganz freienfh Kirche.
Man kann nun gewiss sagen und ich sage es selber: Dass jener Bund wirklich abgelaufen und fi-dass, auch historisch betrachtet,-fi eine neue Zeit der Kirche angebrochen sei, das ist, fj-ob man es nun im Sinn der ersten oder der zweiten jener beiden Auffassungen behaupte,-fj eine Fragefk-, eine historische Hypothesefk wie eine andere. fl-Es ist der Kirche nötig, mit dieser neuen Zeit zu rechnen und sich also auch heute für jene Frage jedenfalls offen zu halten. Es ist ihr aber nicht nötig und es wäre auch nicht ratsam, sie darauf bauen zu wollen, dass diese neue Zeit heute schon angebrochen sei.-fl Man kann und mag fm-also über diese Hypothese-fm diskutieren. fn-Aber was-fn wir zuletzt gesagt haben, fo-gilt grundsätzlich auch abgesehen von der Richtigkeit dieser Hypothese. Es würde auch dann gelten, wenn, historisch betrachtet,-fo jener Bund heute 36 fp-noch nicht abgelaufen, sein relatives Recht noch nicht aufgehoben, seine relativen Möglichkeiten noch nicht erschöpft sein sollten,-fp wenn das, was wir die große Fiktion oder das große Gleichnis nannten, heutefq noch immer in Geltung stehen sollte. Die |837 Kirche war und ist auch unter diesem Zeichen nur insofern Kirche, als sie trotz jenes Bundes und in ihm heimlich freie Kirche war. Mitten in jener Zeit des Gleichnisses hat es ja – man möchte sagen: als fr-Gegengleichnis für das-fr, was auch mitten in dieser Zeit letztefs Wahrheit und Wirklichkeit war – eine Reformationft gegeben. Es kann sein, dass die Zeit des Gleichnisses, fu-die Zeit der babylonischen Gefangenschaft52 nach den Einen, die Zeit des tausendjährigen Reiches53 nach den Andern,-fu noch nicht vorbei ist. Es kann alsofv sein, dass die Kirche auch fernerhin als fw-heimlich freie bewahrt werden, existieren und handeln-fw soll. fx-Aber das Gegengleichnis der Reformation ist auch dann zu bedenken.-fx Treues Bekenntnis und echte Erkenntnis fy-des Evangeliums-fy werden auch dann und so ihre Kraft und ihren Lohn haben, fz-und den Bann, von dem sie dann freilich bedroht sind, faktisch durchbrechen,-fz wie es wahrhaftig auch in den anderthalb Jahrtausenden hinter uns immer wieder der Fall war. Es wird heute wie zu allen Zeiten alles darauf ankommen, dass Einige zu solcher Treue und Echtheit berufen und willig sind ga-– berufen und willig, sich nicht zu fürchten und in der Hoffnung nicht müde zu werden-ga.
838 Wir schließen mit einigen Worten aus dem 33. Psalmgb:
Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählet hat!
Der Herr schauet vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder.
Von seinem festen Thron siehet er auf alle, die auf Erden wohnen.
Er lenket ihnen allen das Herz; er merket auf alle ihre Werke.
Einem Könige hilft nicht seine große Macht; ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft.
Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht.
Siehe, des Herrn Auge siehet auf die, so ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen,
dass er ihre Seele errette vom Tode und ernähre sie in der Teuerung.
Unsere Seele harret auf den Herrn; er ist unsere Hilfe und Schild.
Denn unser Herz freuet sich sein, und wir trauen auf seinen heiligen Namen.
Deine Güte, Herr, sei über uns, wie wir auf dich hoffen. [
Ps. 33,12–22]