Diesen Artikel schrieb Barth auf Bitten von Adolf Maurer1
, der gemeinsam mit anderen Pfarrern aus dem Kanton Zürich den «Zwingli-Kalender»2
herausgab und als dessen Redaktor tätig war. Es handelt sich um den ersten einer Reihe solcher Artikel, mit denen Barth bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Lesern des Kalenders seine Sicht auf die Ereignisse des Kirchenkampfes vermittelte.3
Maurer hatte Barth am
29. April 1935 brieflich gefragt: «Wollen Sie und können Sie nicht unserm Zwinglikalender 1936 einen Aufsatz |791 schreiben von 3–4–5 Druckseiten über ein Thema, das Ihnen gerade für uns Schweizer besonders aktuell erscheint und mit dem, was Ihres Lehramtes ist, zu tun hat?» Er gab zwar seiner Vorliebe für «ein biblisches Wort, etwa über: Was heisst Christus bekennen?» Ausdruck, fügte aber sogleich hinzu: «Aber ich bin auch mit etwas anderem einverstanden.»4
Zum Ort der Publikation teilte Maurer mit: «wir versuchen […], via Kalendermanier und volkstümlicher Belehrung und Unterhaltung unseren Lesern etwas von dem zu sagen, was auf und unter der Kanzel unseres Amtes ist. Da Herr Pfr. Thurneysen seit Jahren unser Mitarbeiter ist, wissen Sie wohl auch um die Richtung, in der wir reden und rufen möchten.»5
Maurer schloss seinen Brief mit dem Hinweis auf die nur recht knappe Zeit, die bis zum Redaktionsschluss des Kalenders blieb: «Ich müsste allerdings bis Ende Mai oder Mitte Juni Ihren Beitrag haben.»6
Barth muss schnell zugesagt und das vom Wunsch Maurers abweichende Thema benannt haben, denn schon wenige Tage später schrieb Maurer erneut: «Für Ihre Bereitwilligkeit vielen Dank. Natürlich bin ich mit diesem Thema einverstanden.»7
Eine weitere Korrespondenz zu diesem Artikel ist nicht erhalten, und es finden sich auch keine anderen Hinweise, wann genau Barth ihn geschrieben hat. Allein daraus, dass der Artikel im Kalender des Jahres 1936 erscheinen konnte, ist zu schließen, dass Barth ihn noch im Mai oder spätestens Anfang Juni 1935 geschrieben haben muss.
Inhaltlich und vom Aufbau her stehen die Ausführungen Barths dem wenige Monate zuvor gehaltenen Vortrag Der Weg der Bekenntniskirche 19348 sehr nahe, aber die Parallelen reichen im Wesentlichen nur bis zur Darstellung der Entwicklung hin zu den Bekenntnissynoden von Barmen im Januar und im Mai 1934. Konkrete Bezugnahmen auf die Dahlemer Synode und erst recht auf die Bildung der Vorläufigen Kirchenleitung in den darauffolgenden Wochen, wie sie im |792 Vortrag von Januar enthalten sind, fehlen hier. Vielleicht kann man im Verzicht auf eine erneut deutliche Kritik an diesen Ereignissen, ohne die Barth sie wohl nicht hätte erwähnen können, eine Rücksichtnahme darauf erkennen, dass dieser Artikel sich von vornherein an eine größere Öffentlichkeit wenden sollte. Möglich ist aber auch, dass schlicht die von A. Maurer vorgegebene Länge des Artikels der Grund für die im Vergleich zum Januar-Vortrag vorgenommene Kürzung war. Auf der anderen Seite finden sich in einigen eingestreuten Bemerkungen z. B. über die Nähe von Deutschen Christen und Freidenkern oder über die Rolle der «Religiösen Sozialisten» im Kirchenkampf, die Barth in seinen bisherigen vornehmlich an Deutsche adressierten Äußerungen weitgehend unterlassen hatte, erkennbare Reminiszenzen an die kirchliche Situation in der Schweiz und dort interessierende Fragestellungen. So stellt der hier vorliegende Artikel nicht nur aufgrund des anderen Textgenres, sondern auch inhaltlich eine so deutliche Überarbeitung des im Januar Vorgetragenen dar, dass er als eigenständig zu gelten hat.
Der Artikel erschien erstmals in: Zwingli-Kalender, Jg. 18 (1936), S. 73–76
📖; hierauf bezieht sich die angegebene Originalpaginierung. Ein Wiederabdruck erfolgte in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 29–35
📖. Vorarbeiten sind nicht erhalten.9 Das zu den geschichtlichen Überblicken in Der Weg der Bekenntniskirche 1934 Angemerkte gilt auch für diesen Text: Es werden nicht alle überblicksartig erwähnten Ereignisse der Jahre 1933/34, mit denen Barth sich schon zuvor mehrfach intensiv befasst hat, erneut durch Fußnoten erläutert.10
793
Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland
Als der Nationalsozialismus im Frühjahr 1933 seine längst erhoffte oder gefürchtete Herrschaft in Deutschland antrat,11 da erwies er sich teils auf Grund der inneren und äußeren Lage des deutschen Volkes seit dem Weltkrieg, teils vermöge der propagandistischen Macht seiner Ideen, Symbole und Gestalten, teils kraft der ungewohnt energischen Regierungsmethoden, die er zur Anwendung brachte, alsbald als ein Allesbezwinger von bisher unerhörten Ausmaßen. Es gab sofort kein Lebensgebiet mehr, auf das er nicht Anspruch erhoben und auf dem er seinen Anspruch nicht rasch genug durchgesetzt hätte. Die politischen Parteien, das Wirtschaftsleben, die Rechtsprechung, die Kunst, die Universitäten, die Schule und Jugenderziehung im weitesten Umfang, die Presse, die öffentliche und private Fürsorge – und unzählige Menschen, die man vorher für «Charaktere» gehalten hatte, haben sich seinen Forderungen gefügt, fügen müssen und fügen können.12 Die ganze stolze Erbschaft des 18. und 19. Jahrhunderts erwies sich als nicht widerstandsfähig, offenbar darum nicht, weil sie nichts enthielt, was hier widerstehen musste und also nicht weichen konnte.13 |794 Wer hätte erwartet, dass ausgerechnet von der in der Neuzeit innerlich so schwach und äußerlich so bedeutungslos gewordenen evangelischen Kirche etwas anderes zu sagen sein werde? Eben dies ist geschehen, spärlich, mühsam, unsicher, aber unleugbar: es kam gerade in der evangelischen Kirche zur Wiederentdeckung und zum offenen Bekenntnis einer christlichen Substanz, die sich, wie sie keiner weltlichen Macht unterworfen ist, so auch nicht nationalsozialistisch «gleichschalten»14 ließ, um deretwillen die Leute also wohl oder übel gegen den Strom schwimmen mussten.
Die Fragen, vor die die evangelische Kirche im Frühjahr 1933 sozusagen über Nacht gestellt war, waren diese:15 Ob es wohl möglich sei, die plötzlich siegreich gewordenen und auf allen Gassen mit populärster Überredungskraft und doch auch mit höchster Autorität verkündigten Ideen des Nationalsozialismus (Blut, Rasse, Volkstum, Boden, Führung usw.) sozusagen in den christlichen Glauben aufzunehmen und also auch für Predigt, Unterricht und Ordnung der Kirche maßgebend werden zu lassen? Ob man das Ereignis der nationalsozialistischen Revolution als eine Art zweiter Offenbarung neben dem Evangelium von Christus oder doch als dessen Fortsetzung und zeitgemäße Form zu betrachten und zu ehren habe? Ob es neben Gott oder doch als das heute für uns gültige Werk seines Willens wirklich auch noch ein «ewiges Deutschland»16 gebe? Neben dem Gebot Gottes oder in ihm enthalten auch noch die Stimme des arischen Blutes |795 bzw. das Gebot Adolf Hitlers? Ob auch sie, die Kirche, hinfort von «Bischöfen» als von kleinen «Führern» autoritativ und militärisch regiert werden solle?17 Ob dem Staat wirklich zukomme, «totalen»18 Anspruch auf das Leben der Menschen zu erheben, der Kirche aber nur das Recht und die Pflicht, eben diesen Anspruch als göttlichen Anspruch zu wiederholen, zu verherrlichen und die Menschen mit ihm zu versöhnen und vertraut zu machen?
Wer sich schon über diese Fragen verwundern sollte, der möge bedenken, wie wenig es die evangelische Kirche in den ganzen letzten Jahrhunderten verstanden hat, auf eigenen Füßen zu gehen, fremde Zeitgeister sich vom Leibe zu halten, ihr Licht auf den Leuchter statt unter irgendeinen Scheffel zu stellen [vgl. Mt. 5,15]. So war es denn auch nicht zu verwundern, dass in der deutschen evangelischen Kirche unter dem mächtigen Eindruck der neuen Lage von 1933 alsbald eine Richtung – sie nannte sich «Deutschen Christen» – auftrat und zunächst siegreich wurde, die alle jene Fragen nicht nur getrost, sondern mit größter Begeisterung bejahen zu können meinte, Christus und Hitler, die Bibel und die herrliche Gegenwart! Kreuz und Hakenkreuz! In diesem Zeichen gedachte die «S.A. (Sturm-Abteilung) Jesu Christi!»19 zu siegen20 und hatte damit zunächst in der Tat einigen Erfolg: Einer ihrer Leute, der im Übrigen unbekannte und unbedeutende Militärpfarrer Ludwig Müller21 setzt sich als «Reichsbischof» |796 an die Spitze der evangelischen Kirche. Es geriet die oberbehördliche Macht in der Kirche der meisten Landesgegenden nicht ohne Tumult in die Hände dieser Partei. Es herrschten ihr Geist, ihre Parolen und Schlagworte, ihr begeistertes «Und»22 eine Weile so ziemlich landauf, landab auch da, wo sie äußerlich scheinbar weniger zu sagen hatten oder gar abgelehnt wurden. Was sie wollten, erschien unzähligen braven und 74 auch ernsten Christen aller bisherigen Richtungen als eine gute Sache. Man konnte damals wohl staunen, was für eine wendige, wachsweiche Angelegenheit auch das sogenannte «gläubige» Christentum doch offenbar längst geworden war, dass es so mit sich umgehen lassen konnte.
Es entstanden nun aber hinter den dem Namen nach immerhin noch «christlichen» Deutschen Christen in unverkennbarer Fortsetzung des früheren Freidenker- und Monistentums23 auch eine Reihe von anderen (heute in der «Deutschen Glaubensbewegung» zusammengefassten24) religiösen Gruppen, die jene Fragen besser unter offener |797 Weglassung von Christus, Bibel und Kreuz bejahen zu können meinten und also sehr fröhlich die Gründung einer «deutschen Nationalkirche» mit einem nichtchristlichen, ja, wie man bewusst sagte, «heidnischen» Inhalt ins Auge fassten.25 Nach § 24 seines Parteiprogramms steht nun freilich der Nationalsozialismus und also der von ihm beherrschte heutige deutsche Staat «auf dem Boden des positiven Christentums».26 Aber die Gelehrten streiten sich bis heute darüber, wie das nun eigentlich zu verstehen sei. Sicher ist dies, dass sich sowohl die «Deutschen Christen» wie diese deutschen Heiden einer weitgehenden direkten und indirekten Unterstützung seitens der Organe der nationalsozialistischen Partei und Regierung erfreuen dürfen. Sicher ist ferner auch dies, dass diese beiden Richtungen (und zwar die deutschen Heiden noch mehr als die «Deutschen Christen»!) die Konsequenz des Nationalsozialismus und also der ganzen geschichtlichen Entwicklung für sich haben. Noch hat freilich der «Führer» ein dahingehendes entscheidendes Wort nicht ausgesprochen.27
798 Die Erkenntnis dessen, was die so in Gang gekommene «Gleichschaltung» für die evangelische Kirche bedeutete, und die Erkenntnis, dass die Kirche sich ihr widersetzen müsse, erwachte nur sehr langsam und allmählich. Es waren anfangs nur das revolutionäre Tempo und das etwas robuste Vorgehen besonders der «Deutschen Christen», was in weiteren Kreisen Anstoß erregte. Man trauerte, als es nicht gelang, den Pastor von Bodelschwingh zum Reichsbischof zu erheben und damit dem kirchlichen Leben einen friedlichen Fortgang im milden Einklang mit der neuen Zeit und Ordnung zu sichern.28 Grundsätzlichen Entscheidungen meinte man eine gute Weile ausweichen zu sollen und zu können. Man betonte mit Wärme und Ernst, dass die Bibel und die alten Bekenntnisse der Kirche auch in der Kirche des neuen Deutschland «unangetastet» bleiben müssten. Aber eben dies sagten der Reichsbischof Müller und die Deutschen Christen auch.29 Inwiefern meinte und wollte man etwas anderes als diese? Man war zunächst weder durch die Bibel noch durch die alten Bekenntnisse darauf hingewiesen, dass man auf jene so brennend gestellten Fragen klar und entscheidend eine andere Antwort geben müsse als die Deut|799schen Christen. Man kämpfte da und dort um dieses und jenes. Aber es war der Kampf einer aufgelösten Schar ohne einheitliches Ziel und gemeinsamen Weg. Der Verdacht war nicht unmöglich, es möchten die, die sich der Umgestaltung der Kirche im Sinn des Nationalsozialismus widersetzten, doch nur Rückständige im Begreifen der neuen Zeit sein. Und die Hoffnung der Gegner war nicht unmöglich, diese Abseitsstehenden würden früher oder später ihre nicht grundsätzlich gemeinten Bedenken preisgeben.30
Es geschah aber etwas anderes. Wie es dazu kam, ist letztlich kaum zu erklären. Der unvernünftige äußere Druck, mit dem die neuen Kirchenregierungen und die Deutschen Christen sich überall durchzusetzen suchten,31 die geistige und geistliche Unzulänglichkeit sozusagen aller führenden Personen auf dieser Seite, das Befremden über die heidnischen Hintergründe dieser Sache und vielleicht doch auch eine beginnende politische Ernüchterung, ja Enttäuschung, haben menschlich geredet sicher das Ihre dazu beigetragen. Es muss doch noch etwas anderes wirksam gewesen sein, als fast plötzlich zu Anfang des Jahres 1934 die Einsicht auftauchte, dass «Bekenntnis» in der evangelischen Kirche noch etwas anderes bedeuten müsse als die gläubige Wiederholung dessen, was frommer Väterglaube vor Jahrhunderten in damaliger Notzeit ausgesprochen, dass es vielmehr bedeuten müsse: eine von der Kirche mit der Gewissheit und Notwendigkeit des Glaubens heute auszusprechende Antwort auf die ihr heute gestellten Fragen. Es waren nicht die alten Kirchenführer; es waren nicht die theologischen Fakultäten, es waren weder die Kreise der freien christlichen Vereins- und Liebestätigkeit32 noch die der Ge|800meinschaftsbewegung33 (es waren auch nicht die deutschen «religiösen Sozialisten»!34), sondern es waren sehr schlicht jetzt hier, jetzt dort einige hundert Pfarrer mit ihren Gemeinden, die sich zu freien Synoden und Gemeindetagen zusammenfanden mit 75 dem Zweck, sich selbst und der übrigen Kirche, den Deutschen Christen und Heiden und dem nationalsozialistischen Staat selber Rechenschaft abzulegen darüber, was Kirche auch heute ist und nicht ist, will und nicht will. Es zeigte sich unter dem Druck der Anfechtung ganz spontan, dass der evangelischen Kirche etwas innewohnt, an dessen Dasein man in Deutschland und anderswo nicht erst in den letzten Jahren |801 wohl mit Fug hätte zweifeln können: nämlich eine selbständige, den Weltmächten nicht verpflichtete, sondern im Notfall trotzende Erkenntnis, Kraft und Lebendigkeit. Es zeigte sich, dass die evangelische Kirche eine Sendung und Botschaft hat, der sie wohl tausendfach Unehre machen, die sie aber im letzten Grunde nicht preisgeben kann, die sich vielmehr im Notfall fast wider den Willen der Christen selbst auf deren Lippen drängt und in bestimmten Sätzen in einem klaren Ja und Nein zum Zeugnis wird. Es zeigte sich, dass es Lagen gibt, in denen auch eine schwache, ja entartete Kirche bekennen muss und dann tatsächlich auch bekennen kann.
Dies sind einige von den Sätzen, die in dieser Zeit als Zeugnis der bekennenden Kirche in Deutschland laut wurden: Wir müssen umkehren von dem Irrtum, als ob der Mensch seine eigene Ehre neben oder über die Ehre Gottes stellen könnte.35 Wir sind nicht frei, «Gott» zu nennen, was uns göttlich dünkt, sondern wir haben uns an Gottes Offenbarung in Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, zu halten.36 Wir können keinem Gut neben Gott ein vorbehaltloses Vertrauen entgegenbringen.37 Wir können den Menschen nur dienen, indem wir Gott dienen.38 Wir leben allesamt von Gottes Gnade und nicht von irgendwelchen menschlichen Vollkommenheiten.39 Die Botschaft und Ordnung der Kirche kann sich also nicht nach irgendwelchen menschlichen Zwecken, auch nicht nach dem |802 Zweck eines «totalen» Staates, richten. Die Kirche begrenzt den Staat ebenso wie sie selber vom Staate begrenzt ist.40 Die Verantwortung für ihre Lehre, Gestalt und Ordnung hat die Gemeinde und nur sie.41 – Wem diese Sätze allzu einfach und selbstverständlich erscheinen sollten, der halte sich vor Augen, dass sie hier alle als Antworten auf bestimmte Fragen im Gegensatz zu bestimmten Irrtümern im Sinn von grundsätzlichen Entscheidungen ausgesprochen wurden. In einer Zeit und Lage, in der auf allen Gassen und in allen Zeitungen mit einem Machtaufwand ohnegleichen das genaue Gegenteil verkündigt wird! Nein, einfach und selbstverständlich waren in dieser Zeit und Lage weder die Einsicht noch die Entschlossenheit, die es zum öffentlichen Aussprechen solcher Sätze brauchte. Und weil die Leute, die sie aussprachen, schließlich weder klüger noch tapferer waren als andere Leute, wird man wohl sagen dürfen und müssen, dass der christliche Glaube in dem Bekenntnis, wie es hier auf einmal laut wurde, ein Wunder getan hat trotz der vielfachen Torheit und Schwachheit seiner Bekenner.42
Denn das muss zum Schluss auch gesagt werden: Die Geschichte der bekennenden Kirche im nationalsozialistischen Deutschland dieser Jahre ist keine Ruhmesgeschichte für die beteiligten Menschen, also keine Helden- und keine Heiligengeschichte. Was sichtbar wurde, das war eben ein dünner roter Faden von evangelischer Klarheit, Treue und Tapferkeit. Er ist mit der Zeit fester, aber auch eher noch dünner geworden. Und er wurde und wird immer wieder bedeckt von |803 ganzen Lawinen von merkwürdigster Unklarheit, von klügelnder politischer Vorsicht und Bedenklichkeit, von «Liebe» am falschen Ort,43 von eitler Geschäftigkeit und ebenso eitler Schwerfälligkeit. Die uralte Bindung des Evangeliums an die menschliche Vernunft, der Kirche an den Staat hat sich auch in der bekennenden Kirche in ihrer ganzen Gefährlichkeit erwiesen. Man kann und muss wohl dieser bekennenden Kirche vorhalten, dass sie den Feind von ferne nicht in seiner eigentlichen Gefährlichkeit erkannt und ihm das die menschliche Lüge und Ungerechtigkeit richtende Wort Gottes von ferne nicht in der Unzweideutigkeit und Kraft entgegengehalten habe, wie es ihr als der Kirche Jesu Christi zukam. Sie hat einigermaßen ernst um die Freiheit und Reinheit ihrer Verkündigung gekämpft, aber sie hat z. B. zu dem Vorgehen gegen die Juden, zu der erstaunlichen Behandlung der politischen Gegner, zu der Unterdrückung der Wahrheit in der Presse des neuen Deutschland und zu so viel anderem, zu dem die alttestamentlichen Propheten sicher geredet hätten, geschwiegen.44 Ihr Weg ist aber auch in ihrer eigensten Sache, aus der |804 Nähe gesehen, fast eine einzige Folge von Irrungen, Wirrungen und Enttäuschungen gewesen. Man kann und muss also ihr «Bekenntnis» ein sehr ungenügendes nennen. Wie ihr Kampf endigen wird? Es ist, auf das Menschliche gesehen, nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern 76 sehr wahrscheinlich, dass er mit einem faulen Kompromiss endigen wird. Man kann sich vielleicht schließlich überhaupt nur darüber wundern und freuen, dass die innere und äußere Schwäche des Christentums sich in dieser Zeit nicht als noch größer erwiesen hat. Man wird aber, wie mir scheint, nicht nur um jenes roten Fadens willen Anlass zur Dankbarkeit haben, sondern gerade auch um deswillen, dass dieses Stück Kirchengeschichte es so deutlich an den Tag gebracht hat: der Ruhm in der Kirche gehört Gott ganz allein. Gott hat sich in aller menschlichen Untreue hier wieder einmal als treu erwiesen. Das wird keiner wieder vergessen können, der diesem Kampf mit Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Verständnis gefolgt ist. Und lebte die Kirche nicht zu allen Zeiten, lebt sie nicht allerorten von der Hoffnung, die sie, verzweifelnd an sich selbst, allein auf den Herrn setzt? [vgl. Ps. 40,5; 146,5 u. ö.]