1935

Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland

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Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland

1935

Diesen Artikel schrieb Barth auf Bitten von Adolf Maurer1 , der gemeinsam mit anderen Pfarrern aus dem Kanton Zürich den «Zwingli-Kalender»2 herausgab und als dessen Redaktor tätig war. Es handelt sich um den ersten einer Reihe solcher Artikel, mit denen Barth bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Lesern des Kalenders seine Sicht auf die Ereignisse des Kirchenkampfes vermittelte.3

Maurer hatte Barth am 29. April 1935 brieflich gefragt: «Wollen Sie und können Sie nicht unserm Zwinglikalender 1936 einen Aufsatz |791 schreiben von 3–4–5 Druckseiten über ein Thema, das Ihnen gerade für uns Schweizer besonders aktuell erscheint und mit dem, was Ihres Lehramtes ist, zu tun hat?» Er gab zwar seiner Vorliebe für «ein biblisches Wort, etwa über: Was heisst Christus bekennen?» Ausdruck, fügte aber sogleich hinzu: «Aber ich bin auch mit etwas anderem einverstanden.»4 Zum Ort der Publikation teilte Maurer mit: «wir versuchen […], via Kalendermanier und volkstümlicher Belehrung und Unterhaltung unseren Lesern etwas von dem zu sagen, was auf und unter der Kanzel unseres Amtes ist. Da Herr Pfr. Thurneysen seit Jahren unser Mitarbeiter ist, wissen Sie wohl auch um die Richtung, in der wir reden und rufen möchten.»5 Maurer schloss seinen Brief mit dem Hinweis auf die nur recht knappe Zeit, die bis zum Redaktionsschluss des Kalenders blieb: «Ich müsste allerdings bis Ende Mai oder Mitte Juni Ihren Beitrag haben.»6

Barth muss schnell zugesagt und das vom Wunsch Maurers abweichende Thema benannt haben, denn schon wenige Tage später schrieb Maurer erneut: «Für Ihre Bereitwilligkeit vielen Dank. Natürlich bin ich mit diesem Thema einverstanden.»7 Eine weitere Korrespondenz zu diesem Artikel ist nicht erhalten, und es finden sich auch keine anderen Hinweise, wann genau Barth ihn geschrieben hat. Allein daraus, dass der Artikel im Kalender des Jahres 1936 erscheinen konnte, ist zu schließen, dass Barth ihn noch im Mai oder spätestens Anfang Juni 1935 geschrieben haben muss.

Inhaltlich und vom Aufbau her stehen die Ausführungen Barths dem wenige Monate zuvor gehaltenen Vortrag Der Weg der Bekenntniskirche 19348 sehr nahe, aber die Parallelen reichen im Wesentlichen nur bis zur Darstellung der Entwicklung hin zu den Bekenntnissynoden von Barmen im Januar und im Mai 1934. Konkrete Bezugnahmen auf die Dahlemer Synode und erst recht auf die Bildung der Vorläufigen Kirchenleitung in den darauffolgenden Wochen, wie sie im |792 Vortrag von Januar enthalten sind, fehlen hier. Vielleicht kann man im Verzicht auf eine erneut deutliche Kritik an diesen Ereignissen, ohne die Barth sie wohl nicht hätte erwähnen können, eine Rücksichtnahme darauf erkennen, dass dieser Artikel sich von vornherein an eine größere Öffentlichkeit wenden sollte. Möglich ist aber auch, dass schlicht die von A. Maurer vorgegebene Länge des Artikels der Grund für die im Vergleich zum Januar-Vortrag vorgenommene Kürzung war. Auf der anderen Seite finden sich in einigen eingestreuten Bemerkungen z. B. über die Nähe von Deutschen Christen und Freidenkern oder über die Rolle der «Religiösen Sozialisten» im Kirchenkampf, die Barth in seinen bisherigen vornehmlich an Deutsche adressierten Äußerungen weitgehend unterlassen hatte, erkennbare Reminiszenzen an die kirchliche Situation in der Schweiz und dort interessierende Fragestellungen. So stellt der hier vorliegende Artikel nicht nur aufgrund des anderen Textgenres, sondern auch inhaltlich eine so deutliche Überarbeitung des im Januar Vorgetragenen dar, dass er als eigenständig zu gelten hat.

Der Artikel erschien erstmals in: Zwingli-Kalender, Jg. 18 (1936), S. 73–76 📖; hierauf bezieht sich die angegebene Originalpaginierung. Ein Wiederabdruck erfolgte in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 29–35 📖. Vorarbeiten sind nicht erhalten.9 Das zu den geschichtlichen Überblicken in Der Weg der Bekenntniskirche 1934 Angemerkte gilt auch für diesen Text: Es werden nicht alle überblicksartig erwähnten Ereignisse der Jahre 1933/34, mit denen Barth sich schon zuvor mehrfach intensiv befasst hat, erneut durch Fußnoten erläutert.10

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Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland

Als der Nationalsozialismus im Frühjahr 1933 seine längst erhoffte oder gefürchtete Herrschaft in Deutschland antrat,11 da erwies er sich teils auf Grund der inneren und äußeren Lage des deutschen Volkes seit dem Weltkrieg, teils vermöge der propagandistischen Macht seiner Ideen, Symbole und Gestalten, teils kraft der ungewohnt energischen Regierungsmethoden, die er zur Anwendung brachte, alsbald als ein Allesbezwinger von bisher unerhörten Ausmaßen. Es gab sofort kein Lebensgebiet mehr, auf das er nicht Anspruch erhoben und auf dem er seinen Anspruch nicht rasch genug durchgesetzt hätte. Die politischen Parteien, das Wirtschaftsleben, die Rechtsprechung, die Kunst, die Universitäten, die Schule und Jugenderziehung im weitesten Umfang, die Presse, die öffentliche und private Fürsorge – und unzählige Menschen, die man vorher für «Charaktere» gehalten hatte, haben sich seinen Forderungen gefügt, fügen müssen und fügen können.12 Die ganze stolze Erbschaft des 18. und 19. Jahrhunderts erwies sich als nicht widerstandsfähig, offenbar darum nicht, weil sie nichts enthielt, was hier widerstehen musste und also nicht weichen konnte.13 |794 Wer hätte erwartet, dass ausgerechnet von der in der Neuzeit innerlich so schwach und äußerlich so bedeutungslos gewordenen evangelischen Kirche etwas anderes zu sagen sein werde? Eben dies ist geschehen, spärlich, mühsam, unsicher, aber unleugbar: es kam gerade in der evangelischen Kirche zur Wiederentdeckung und zum offenen Bekenntnis einer christlichen Substanz, die sich, wie sie keiner weltlichen Macht unterworfen ist, so auch nicht nationalsozialistisch «gleichschalten»14 ließ, um deretwillen die Leute also wohl oder übel gegen den Strom schwimmen mussten.

Die Fragen, vor die die evangelische Kirche im Frühjahr 1933 sozusagen über Nacht gestellt war, waren diese:15 Ob es wohl möglich sei, die plötzlich siegreich gewordenen und auf allen Gassen mit populärster Überredungskraft und doch auch mit höchster Autorität verkündigten Ideen des Nationalsozialismus (Blut, Rasse, Volkstum, Boden, Führung usw.) sozusagen in den christlichen Glauben aufzunehmen und also auch für Predigt, Unterricht und Ordnung der Kirche maßgebend werden zu lassen? Ob man das Ereignis der nationalsozialistischen Revolution als eine Art zweiter Offenbarung neben dem Evangelium von Christus oder doch als dessen Fortsetzung und zeitgemäße Form zu betrachten und zu ehren habe? Ob es neben Gott oder doch als das heute für uns gültige Werk seines Willens wirklich auch noch ein «ewiges Deutschland»16 gebe? Neben dem Gebot Gottes oder in ihm enthalten auch noch die Stimme des arischen Blutes |795 bzw. das Gebot Adolf Hitlers? Ob auch sie, die Kirche, hinfort von «Bischöfen» als von kleinen «Führern» autoritativ und militärisch regiert werden solle?17 Ob dem Staat wirklich zukomme, «totalen»18 Anspruch auf das Leben der Menschen zu erheben, der Kirche aber nur das Recht und die Pflicht, eben diesen Anspruch als göttlichen Anspruch zu wiederholen, zu verherrlichen und die Menschen mit ihm zu versöhnen und vertraut zu machen?

Wer sich schon über diese Fragen verwundern sollte, der möge bedenken, wie wenig es die evangelische Kirche in den ganzen letzten Jahrhunderten verstanden hat, auf eigenen Füßen zu gehen, fremde Zeitgeister sich vom Leibe zu halten, ihr Licht auf den Leuchter statt unter irgendeinen Scheffel zu stellen [vgl. Mt. 5,15]. So war es denn auch nicht zu verwundern, dass in der deutschen evangelischen Kirche unter dem mächtigen Eindruck der neuen Lage von 1933 alsbald eine Richtung – sie nannte sich «Deutschen Christen» – auftrat und zunächst siegreich wurde, die alle jene Fragen nicht nur getrost, sondern mit größter Begeisterung bejahen zu können meinte, Christus und Hitler, die Bibel und die herrliche Gegenwart! Kreuz und Hakenkreuz! In diesem Zeichen gedachte die «S.A. (Sturm-Abteilung) Jesu Christi!»19 zu siegen20 und hatte damit zunächst in der Tat einigen Erfolg: Einer ihrer Leute, der im Übrigen unbekannte und unbedeutende Militärpfarrer Ludwig Müller21 setzt sich als «Reichsbischof» |796 an die Spitze der evangelischen Kirche. Es geriet die oberbehördliche Macht in der Kirche der meisten Landesgegenden nicht ohne Tumult in die Hände dieser Partei. Es herrschten ihr Geist, ihre Parolen und Schlagworte, ihr begeistertes «Und»22 eine Weile so ziemlich landauf, landab auch da, wo sie äußerlich scheinbar weniger zu sagen hatten oder gar abgelehnt wurden. Was sie wollten, erschien unzähligen braven und 74 auch ernsten Christen aller bisherigen Richtungen als eine gute Sache. Man konnte damals wohl staunen, was für eine wendige, wachsweiche Angelegenheit auch das sogenannte «gläubige» Christentum doch offenbar längst geworden war, dass es so mit sich umgehen lassen konnte.

Es entstanden nun aber hinter den dem Namen nach immerhin noch «christlichen» Deutschen Christen in unverkennbarer Fortsetzung des früheren Freidenker- und Monistentums23 auch eine Reihe von anderen (heute in der «Deutschen Glaubensbewegung» zusammengefassten24) religiösen Gruppen, die jene Fragen besser unter offener |797 Weglassung von Christus, Bibel und Kreuz bejahen zu können meinten und also sehr fröhlich die Gründung einer «deutschen Nationalkirche» mit einem nichtchristlichen, ja, wie man bewusst sagte, «heidnischen» Inhalt ins Auge fassten.25 Nach § 24 seines Parteiprogramms steht nun freilich der Nationalsozialismus und also der von ihm beherrschte heutige deutsche Staat «auf dem Boden des positiven Christentums».26 Aber die Gelehrten streiten sich bis heute darüber, wie das nun eigentlich zu verstehen sei. Sicher ist dies, dass sich sowohl die «Deutschen Christen» wie diese deutschen Heiden einer weitgehenden direkten und indirekten Unterstützung seitens der Organe der nationalsozialistischen Partei und Regierung erfreuen dürfen. Sicher ist ferner auch dies, dass diese beiden Richtungen (und zwar die deutschen Heiden noch mehr als die «Deutschen Christen»!) die Konsequenz des Nationalsozialismus und also der ganzen geschichtlichen Entwicklung für sich haben. Noch hat freilich der «Führer» ein dahingehendes entscheidendes Wort nicht ausgesprochen.27

798 Die Erkenntnis dessen, was die so in Gang gekommene «Gleichschaltung» für die evangelische Kirche bedeutete, und die Erkenntnis, dass die Kirche sich ihr widersetzen müsse, erwachte nur sehr langsam und allmählich. Es waren anfangs nur das revolutionäre Tempo und das etwas robuste Vorgehen besonders der «Deutschen Christen», was in weiteren Kreisen Anstoß erregte. Man trauerte, als es nicht gelang, den Pastor von Bodelschwingh zum Reichsbischof zu erheben und damit dem kirchlichen Leben einen friedlichen Fortgang im milden Einklang mit der neuen Zeit und Ordnung zu sichern.28 Grundsätzlichen Entscheidungen meinte man eine gute Weile ausweichen zu sollen und zu können. Man betonte mit Wärme und Ernst, dass die Bibel und die alten Bekenntnisse der Kirche auch in der Kirche des neuen Deutschland «unangetastet» bleiben müssten. Aber eben dies sagten der Reichsbischof Müller und die Deutschen Christen auch.29 Inwiefern meinte und wollte man etwas anderes als diese? Man war zunächst weder durch die Bibel noch durch die alten Bekenntnisse darauf hingewiesen, dass man auf jene so brennend gestellten Fragen klar und entscheidend eine andere Antwort geben müsse als die Deut|799schen Christen. Man kämpfte da und dort um dieses und jenes. Aber es war der Kampf einer aufgelösten Schar ohne einheitliches Ziel und gemeinsamen Weg. Der Verdacht war nicht unmöglich, es möchten die, die sich der Umgestaltung der Kirche im Sinn des Nationalsozialismus widersetzten, doch nur Rückständige im Begreifen der neuen Zeit sein. Und die Hoffnung der Gegner war nicht unmöglich, diese Abseitsstehenden würden früher oder später ihre nicht grundsätzlich gemeinten Bedenken preisgeben.30

Es geschah aber etwas anderes. Wie es dazu kam, ist letztlich kaum zu erklären. Der unvernünftige äußere Druck, mit dem die neuen Kirchenregierungen und die Deutschen Christen sich überall durchzusetzen suchten,31 die geistige und geistliche Unzulänglichkeit sozusagen aller führenden Personen auf dieser Seite, das Befremden über die heidnischen Hintergründe dieser Sache und vielleicht doch auch eine beginnende politische Ernüchterung, ja Enttäuschung, haben menschlich geredet sicher das Ihre dazu beigetragen. Es muss doch noch etwas anderes wirksam gewesen sein, als fast plötzlich zu Anfang des Jahres 1934 die Einsicht auftauchte, dass «Bekenntnis» in der evangelischen Kirche noch etwas anderes bedeuten müsse als die gläubige Wiederholung dessen, was frommer Väterglaube vor Jahrhunderten in damaliger Notzeit ausgesprochen, dass es vielmehr bedeuten müsse: eine von der Kirche mit der Gewissheit und Notwendigkeit des Glaubens heute auszusprechende Antwort auf die ihr heute gestellten Fragen. Es waren nicht die alten Kirchenführer; es waren nicht die theologischen Fakultäten, es waren weder die Kreise der freien christlichen Vereins- und Liebestätigkeit32 noch die der Ge|800meinschaftsbewegung33 (es waren auch nicht die deutschen «religiösen Sozialisten»!34), sondern es waren sehr schlicht jetzt hier, jetzt dort einige hundert Pfarrer mit ihren Gemeinden, die sich zu freien Synoden und Gemeindetagen zusammenfanden mit 75 dem Zweck, sich selbst und der übrigen Kirche, den Deutschen Christen und Heiden und dem nationalsozialistischen Staat selber Rechenschaft abzulegen darüber, was Kirche auch heute ist und nicht ist, will und nicht will. Es zeigte sich unter dem Druck der Anfechtung ganz spontan, dass der evangelischen Kirche etwas innewohnt, an dessen Dasein man in Deutschland und anderswo nicht erst in den letzten Jahren |801 wohl mit Fug hätte zweifeln können: nämlich eine selbständige, den Weltmächten nicht verpflichtete, sondern im Notfall trotzende Erkenntnis, Kraft und Lebendigkeit. Es zeigte sich, dass die evangelische Kirche eine Sendung und Botschaft hat, der sie wohl tausendfach Unehre machen, die sie aber im letzten Grunde nicht preisgeben kann, die sich vielmehr im Notfall fast wider den Willen der Christen selbst auf deren Lippen drängt und in bestimmten Sätzen in einem klaren Ja und Nein zum Zeugnis wird. Es zeigte sich, dass es Lagen gibt, in denen auch eine schwache, ja entartete Kirche bekennen muss und dann tatsächlich auch bekennen kann.

Dies sind einige von den Sätzen, die in dieser Zeit als Zeugnis der bekennenden Kirche in Deutschland laut wurden: Wir müssen umkehren von dem Irrtum, als ob der Mensch seine eigene Ehre neben oder über die Ehre Gottes stellen könnte.35 Wir sind nicht frei, «Gott» zu nennen, was uns göttlich dünkt, sondern wir haben uns an Gottes Offenbarung in Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, zu halten.36 Wir können keinem Gut neben Gott ein vorbehaltloses Vertrauen entgegenbringen.37 Wir können den Menschen nur dienen, indem wir Gott dienen.38 Wir leben allesamt von Gottes Gnade und nicht von irgendwelchen menschlichen Vollkommenheiten.39 Die Botschaft und Ordnung der Kirche kann sich also nicht nach irgendwelchen menschlichen Zwecken, auch nicht nach dem |802 Zweck eines «totalen» Staates, richten. Die Kirche begrenzt den Staat ebenso wie sie selber vom Staate begrenzt ist.40 Die Verantwortung für ihre Lehre, Gestalt und Ordnung hat die Gemeinde und nur sie.41 – Wem diese Sätze allzu einfach und selbstverständlich erscheinen sollten, der halte sich vor Augen, dass sie hier alle als Antworten auf bestimmte Fragen im Gegensatz zu bestimmten Irrtümern im Sinn von grundsätzlichen Entscheidungen ausgesprochen wurden. In einer Zeit und Lage, in der auf allen Gassen und in allen Zeitungen mit einem Machtaufwand ohnegleichen das genaue Gegenteil verkündigt wird! Nein, einfach und selbstverständlich waren in dieser Zeit und Lage weder die Einsicht noch die Entschlossenheit, die es zum öffentlichen Aussprechen solcher Sätze brauchte. Und weil die Leute, die sie aussprachen, schließlich weder klüger noch tapferer waren als andere Leute, wird man wohl sagen dürfen und müssen, dass der christliche Glaube in dem Bekenntnis, wie es hier auf einmal laut wurde, ein Wunder getan hat trotz der vielfachen Torheit und Schwachheit seiner Bekenner.42

Denn das muss zum Schluss auch gesagt werden: Die Geschichte der bekennenden Kirche im nationalsozialistischen Deutschland dieser Jahre ist keine Ruhmesgeschichte für die beteiligten Menschen, also keine Helden- und keine Heiligengeschichte. Was sichtbar wurde, das war eben ein dünner roter Faden von evangelischer Klarheit, Treue und Tapferkeit. Er ist mit der Zeit fester, aber auch eher noch dünner geworden. Und er wurde und wird immer wieder bedeckt von |803 ganzen Lawinen von merkwürdigster Unklarheit, von klügelnder politischer Vorsicht und Bedenklichkeit, von «Liebe» am falschen Ort,43 von eitler Geschäftigkeit und ebenso eitler Schwerfälligkeit. Die uralte Bindung des Evangeliums an die menschliche Vernunft, der Kirche an den Staat hat sich auch in der bekennenden Kirche in ihrer ganzen Gefährlichkeit erwiesen. Man kann und muss wohl dieser bekennenden Kirche vorhalten, dass sie den Feind von ferne nicht in seiner eigentlichen Gefährlichkeit erkannt und ihm das die menschliche Lüge und Ungerechtigkeit richtende Wort Gottes von ferne nicht in der Unzweideutigkeit und Kraft entgegengehalten habe, wie es ihr als der Kirche Jesu Christi zukam. Sie hat einigermaßen ernst um die Freiheit und Reinheit ihrer Verkündigung gekämpft, aber sie hat z. B. zu dem Vorgehen gegen die Juden, zu der erstaunlichen Behandlung der politischen Gegner, zu der Unterdrückung der Wahrheit in der Presse des neuen Deutschland und zu so viel anderem, zu dem die alttestamentlichen Propheten sicher geredet hätten, geschwiegen.44 Ihr Weg ist aber auch in ihrer eigensten Sache, aus der |804 Nähe gesehen, fast eine einzige Folge von Irrungen, Wirrungen und Enttäuschungen gewesen. Man kann und muss also ihr «Bekenntnis» ein sehr ungenügendes nennen. Wie ihr Kampf endigen wird? Es ist, auf das Menschliche gesehen, nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern 76 sehr wahrscheinlich, dass er mit einem faulen Kompromiss endigen wird. Man kann sich vielleicht schließlich überhaupt nur darüber wundern und freuen, dass die innere und äußere Schwäche des Christentums sich in dieser Zeit nicht als noch größer erwiesen hat. Man wird aber, wie mir scheint, nicht nur um jenes roten Fadens willen Anlass zur Dankbarkeit haben, sondern gerade auch um deswillen, dass dieses Stück Kirchengeschichte es so deutlich an den Tag gebracht hat: der Ruhm in der Kirche gehört Gott ganz allein. Gott hat sich in aller menschlichen Untreue hier wieder einmal als treu erwiesen. Das wird keiner wieder vergessen können, der diesem Kampf mit Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Verständnis gefolgt ist. Und lebte die Kirche nicht zu allen Zeiten, lebt sie nicht allerorten von der Hoffnung, die sie, verzweifelnd an sich selbst, allein auf den Herrn setzt? [vgl. Ps. 40,5; 146,5 u. ö.]

Sachfußnoten

1
Adolf Maurer (1883–1976), seit 1929 Pfarrer in Wiedikon (Kt. Zürich), 1919–1968 Herausgeber und Redaktor des «Zwingli-Kalenders», 1921–1960 auch des «Kirchenboten für den Kanton Zürich», 1926–1947 Mitglied der Kirchensynode in der religiös-sozialen Fraktion; 1933 wurde Maurer ein Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät Zürich durch den Regierungsrat aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Vereinigung antimilitaristischer Pfarrer verweigert. ↩
2
Der «Zwingli-Kalender» erschien erstmals für das Jahr 1919 zum 400jährigen Gedächtnis von Zwinglis Amtsantritt in Zürich, der vielfach als Beginn der schweizerischen Reformation betrachtet wird. In einer Anzeige zum erstmaligen Erscheinen heißt es über die Ausrichtung des Kalenders: «Er will Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges miteinander verbinden, möchte dazu aufrufen, daß man dem Christus sein Recht auch in unserer Zeit gibt. Er ist darum kein Unterhaltungskalender, auch nicht einfach ein religiöser Erbauungskalender, er packt vielmehr die großen Fragen unserer Zeit unerschrocken an und möchte den Sinn wecken für Wahrheit und Recht. Er wendet sich an die ernsthaften Leute im Volk und hofft bei ihnen auf eine gute Aufnahme in Stadt und Land. […] Sämtliche Artikel sind Originalbeiträge, wie auch alle Illustrationen extra für diesen Kalender gezeichnet wurden. Der Zwingli-Kalender ist so vielleicht der einzige Volkskalender in der Schweiz, der nur Eigenes bringt» (Die Schweiz. Illustrierte Monatsschrift, Jg. 22 [1918], S. 584 📖). Der Kalender erschien laut eigener Angabe (Briefkopf 1936; z. B. KBA 9336.245) in einer Auflage von 50 000 Exemplaren. ↩
3
Vgl. K. Barth, Die deutsche Bekenntniskirche 1935/36, in: Zwingli-Kalender, Jg. 19 (1937), S. 67–69 📖; ders., Die deutsche Bekenntniskirche 1936/37, in: Zwingli-Kalender, Jg. 20 (1938), S. 36–39 📖; ders., Die deutsche Bekenntniskirche 1937/38, in: Zwingli-Kalender, Jg. 21 (1939), S. 61–63 📖; ders., Die Bekennende Kirche in Deutschland im Jahre 1938/39, in: Zwingli-Kalender, Jg. 22 (1940), S. 65–68. 📖 ↩
4
Brief A. Maurers an Barth vom 29.4.1935 (KBA 9335.423). ↩
5
Ebd. ↩
6
Ebd. ↩
7
Postkarte Maurers an Barth vom 3.5.1935 (KBA 9335.435). – Die Zusage Barths ist im KBA nicht erhalten. ↩
8
Siehe oben, S. 680-696. ↩
9
Von einer im KBA erhaltenen Kopie eines vierseitigen, engzeilig beschriebenen Typoskript-Durchschlags aus dem Besitz von Karl Gerhard Steck (KBA 10093) kann nicht sicher entschieden werden, ob es sich dabei um einen Durchschlag des Original-Typoskripts handelt. Es ist auch möglich, dass vom schon gedruckten, in Deutschland aber schwer zugänglichen und – wie auch die übrigen, für die folgenden Zwingli-Kalender geschriebenen Darstellungen – «kaum je bekannt» gewordenen Text (Karl Barth zum Kirchenkampf [s. oben], S. 30, Anm. 18 📖) eine Abschrift angefertigt und in einigen Durchschlägen verteilt wurde. Das Typoskript weist abgesehen von dort, aber nicht im Druck enthaltenen Abkürzungen, nicht übernommenen Hervorhebungen und Unterschieden in der Schreibweise keine signifikanten Abweichungen vom Drucktext auf. ↩
10
Verwiesen sei daher nochmals auf die oben, S. 683, Anm. 16, genannten Texte Barths. ↩
11
Die Angabe «Frühjahr 1933» deutet darauf hin, dass Barth den eigentlichen Herrschaftsantritt des Nationalsozialismus nicht an Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, sondern eher an den Ereignissen des März 1933 festmacht: Neuwahl zum Reichstag am 5. März (43,9% der Stimmen für die NSDAP), der «Tag von Potsdam» am 21. März als Synonym für das Bündnis von Nationalsozialisten und alten Eliten, das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich» (sog. «Ermächtigungsgesetz») vom 24. März, mit dem der Reichstag einzig gegen die Stimmen der verbliebenen Sozialdemokraten (die 81 Mandate der Kommunistischen Partei waren bereits am 8. März aufgehoben worden) seine Befugnisse voll und ganz auf die Regierung übertrug und der Diktatur somit den Schein des Legalen verlieh. – Zwei Jahre zuvor sprach Barth auch in Theologische Existenz heute! (V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363) 📖 von der «im März geschehenen Revolution» und dem «durch diese Revolution geschaffenen» Staat (a.a.O., S. 294). ↩
12
Zur im Frühjahr und Frühsommer 1933 vollzogenen umfassenden Umformung des gesamten deutschen öffentlichen Lebens im nationalsozialistischen Sinn vgl. H.-U. Thamer, Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945 (Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5), Berlin 1986, S. 282–309. 📖 ↩
13
Vgl. schon Barth, Theologische Existenz heute! (Anm. 11), S. 361 📖: «Wo ist alles das hingekommen, was noch vor einem Jahr und vorher hundert Jahre lang Freiheit, Recht und Geist hieß?» ↩
14
Vgl. oben, S. 81, Anm. 30. ↩
15
Zu den folgenden Fragen und ihrer Bejahung durch die Deutschen Christen vgl. auch oben, S. 91f., und S. 684. ↩
16
Unter dem Titel Ewiges Deutschland 📖 veröffentlichte der 1934 mit dem Leipziger Dichterpreis ausgezeichnete Wolfram Brockmeier (1903–1945) im selben Jahr in Leipzig einen Gedichtband, in dem er den «Führer» und das nationalsozialistische Deutschland feierte. Von diesem Band erschienen noch 1934 mehrere Auflagen. Unter demselben Titel, der im nationalsozialistischen Sprachgebrauch auch sonst schlagwortartig Verwendung fand, erschienen aber z. B. auch: K. Maßmann, Ewiges Deutschland. Hymnen der jungen Nation, Breslau 1934 📖; Ewiges Deutschland: Deutsches Schrifttum aus 15 Jahrhunderten, [hrsg. von der] Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums / Preußische Staatsbibliothek, Berlin 1934. 📖 ↩
17
Den Zusammenhang von Bischofsfrage und Führertum in der Kirche thematisierte Barth ausführlich in Theologische Existenz heute! (Anm. 11), S. 302–320. 📖 ↩
18
Vgl. oben, S. 81, Anm. 29. ↩
19
In Aufnahme der Bezeichnung der paramilitärischen Kampftruppe der NSDAP, der «Sturm-Abteilung» (SA), hieß es in: J. Hossenfelder / K. Themel, Die soziale Botschaft der «Deutschen Christen», in: J. Hossenfelder, Unser Kampf (Schriftenreihe der Glaubensbewegung «Deutsche Christen», Heft 1), Berlin 1933, S. 25–31, dort S. 25 📖: «Die Deutschen Christen sind die SA Jesu Christi im Kampf zur Vernichtung der leiblichen, sozialen und geistlichen Not.» ↩
20
Nach Euseb, Vita Constantini I,28 📖, erschien Konstantin dem Großen vor der Schlacht an der Milvischen Brücke ein Lichtkreuz mit den Worten «Τούτῳ νίκα» («Durch dieses siege!»). Auf die ungenau übersetzte, zum geflügelten Wort gewordene lateinische Wiedergabe «In hoc signo vinces» spielt Barth hier an. ↩
21
Ludwig Müller hatte seit 1914 überwiegend in Wilhelmshaven ein Marinepfarramt bekleidet und war seit 1926 Wehrkreispfarrer in Königsberg (Ostpreußen) gewesen. ↩
22
Zu Barths Kritik an einer «Theologie des ‹und›» vgl. K. Barth, Das erste Gebot als theologisches Axiom, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 209–241, dort S. 230–232. 📖 ↩
23
Ursprünglich bezeichnete man Personen als Freidenker, die das Recht eines selbständigen, nicht an Autoritäten gebundenen Denkens in Anspruch nahmen, besonders im Bereich der Moral und Religion. Im 19. Jahrhundert setzte sich ein engerer Sprachgebrauch durch, für den Freidenkertum mit Atheismus verbunden war. Das Freidenkertum entwickelte sich zu einer proletarischen und bürgerlichen Massenbewegung. 1880 wurde der Internationale Freidenkerbund und 1881 der Deutsche Freidenkerbund gegründet. 1933 wurden die deutschen bürgerlichen Freidenkerverbände aufgelöst. Vgl. Cl. ­Taesler, Art. «Freidenker», in: RGG2 II, Sp. 752–754 📖; J. Mehlhausen, Art. «Freidenker», in: TRE 11, S. 489–493 📖. Auch die Monisten galten als Freidenker. Im Jahr 1906 war vor allem unter dem Einfluss des Zoologen Ernst Haeckel (1834–1919) der Deutsche Monistenbund gegründet worden, der laut Satzung eine «‹einheitliche, auf Naturerkenntnis gegründete Welt- und Lebensanschauung› als Voraussetzung für stetigen Kulturfortschritt durch Wissenschaft und Technik, utilitaristsiche Ethik und konsequenten Laizismus» propagierte (G. Hübinger, Art. «Monistenbund», in: RGG4 V, Sp. 1450 📖). ↩
24
Zur 1933 gegründeten und sich seit 1934 so nennenden «Deutschen Glaubensbewegung» um Ernst Graf zu Reventlow und Jakob Wilhelm Hauer vgl. oben, S. 144, Anm. 14. ↩
25
Eine deutsche Nationalkirche, die sich jenseits der überkommenen Kirchlichkeit bilden sollte, propagierte in dezidierter und aggressiver Abgrenzung zum Christentum z. B. der Leipziger Philosoph und Theologe Ernst Bergmann (1881–1945), der seit 1933 Mitglied des «Führerrates» der Deutschen Glaubensbewegung war: E. Bergmann, Die deutsche Nationalkirche, Breslau 1933. 📖 ↩
26
Wörtlich zitiert Barth hier Punkt 4 der sogenannten Hossenfelderschen Richtlinien der Glaubensbewegung «Deutsche Christen von 1932: «Wir stehen auf dem Boden des positiven Christentums» (Schmidt 📖 – Im nie revidierten Parteiprogramm der NSDAP von 1920 hieß es in Punkt 24, auf den sich natürlich auch Hossenfelder bezog: «Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden.» Unmittelbar davor stand allerdings auch der Satz: «Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen» (zit. nach: M. Greschat / H.-W. Krumwiede [Hrsg.], Das Zeitalter der Weltkriege und Revolutionen [KTGQ V], Neukirchen-Vluyn 1999, S. 72). 📖 [KTGQ V], Neukirchen-Vluyn 1999, S. 72). ↩
27
Auf ein solches entscheidendes offizielles Wort, das, wie auch immer es ausgefallen wäre, wenigstens Verlässlichkeit bedeutet hätte, warteten alle am Kirchenkampf beteiligten Gruppen vergebens. Im Gegenteil: Zwar trat im Verlauf der 1930er Jahre der grundsätzliche ideologische Gegensatz zwischen Nationalsozialismus und Christentum immer deutlicher in einer zunehmenden Distanzierung auch Hitlers von den Kirchen zutage, doch blieb das einzig Verlässliche an der nationalsozialistischen Kirchenpolitik, dass sie sich eben nicht grundsätzlich auf eine bestimmte Position festlegte, sondern vielfach taktisch motiviert war und von Hitler je länger desto mehr den auch innerhalb der NSDAP in diesem Punkt widerstreitenden Interessengruppen überlassen wurde. Vgl. Thamer, Verführung und Gewalt (Anm. 12), S. 443 📖, der im Blick auf die Situation gerade Mitte 1935 darlegt, «wie verwirrend die Rollenverteilung im Mächtespiel des Regimes für die Zeitgenossen war». ↩
28
Gemeint sind die Vorgänge um die Wahl des Reichsbischofs im Frühsommer 1933. ↩
29
Vgl. aus Art. 1 der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 11. Juli 1933: «Die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist» (GDEK 1 [1933], Nr. 1, 7.10.1933, S. 2 📖). Diese «Unantastbarkeit», auf die alle kirchenpolitischen Gruppierungen pochten, wurde auch von Müller und anderen Vertretern der Deutschen Christen immer wieder hervorgehoben (vgl. oben, S. 342, Anm. 62); zur «Zweideutigkeit» jener Unantastbarkeit vgl. schon Barths Ausführungen in seiner Fragment gebliebenen Auslegung der Barmer Theologischen Erklärung vom Sommer 1934 (vgl. oben, S. 351f.). ↩
30
Zur von Barth konstatierten Nicht-Grundsätzlichkeit des ersten Widerstands gegen die Deutschen Christen vgl. ausführlich K. Barth, Für die Freiheit des Evangeliums [Rede], in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 390–412, dort S. 407–409. 📖 ↩
31
Zu denken ist hier wohl neben der rücksichtslosen und die Opposition ignorierenden Übernahme der Kirchenregierungen durch die sogenannten «braunen Synoden» im Spätsommer 1933 (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 490, Anm. 15 📖) in erster Linie an die Ereignisse unmittelbar im Vorfeld der ersten Barmer Bekenntnissynode: die Eingliederung der evangelischen Jugendverbände in die Hitler-Jugend Ende Dezember 1933 (vgl. oben, S. 111f., Anm. 3) und den sogenannten «Maulkorb-Erlass» Ludwig Müllers vom 4. Januar 1934 (vgl. oben, S. 125f., Anm. 13). ↩
32
Das Leitungsgremium des Dachverbandes des evangelischen Diakonie- und Vereinswesens, der Central-Ausschuss der Inneren Mission, war Ende Juni 1933 weitgehend widerstandslos «gleichgeschaltet» worden und wurde seitdem und bis November 1934 von Karl Themel und Horst Schirmacher geleitet, die beide den Deutschen Christen angehörten (vgl. oben, S. 603f., Anm. 99 und 100). ↩
33
Der 1897 gegründete «Deutsche Verband für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation» als Dachverband der Gemeinschaftsbewegung hatte im August 1933 zunächst einen «Führerrat» gebildet und Verbindungsmänner zu den Deutschen Christen benannt (vgl. Gauger I, S. 101 📖). Nach dem Sportpalastskandal machte man am 13. Dezember 1933 auch hier diesen Schritt rückgängig und «erklärte sich von der Glaubensbewegung DC geschieden» (Meier 📖), was zu Pfingsten 1934 von der Gnadauer Konferenz «voll gebilligt» wurde (a.a.O., S. 565, Anm. 530). Allerdings war es noch im November 1934 nötig, mehrere Landes- und Provinzialverbände, die diesen Beschlüssen noch nicht Rechnung getragen hatten, «zu einer klaren Entscheidung zu ermahnen» (ebd.). ↩
34
Tatsächlich waren unter den tragenden Kräften der Bekennenden Kirche kaum Religiöse Sozialisten. Allerdings ist bei diesem richtigen Befund zu beachten, dass diese in der evangelischen Kirche Deutschlands, auch wenn sie zumal während der 1920er Jahre in mancher Diskussion tonangebend waren, insgesamt keine vergleichbar große Rolle spielten wie etwa in der Schweiz, wo sie als eine der drei großen kirchenpolitischen Richtungen agierten. Zudem waren sie im nationalsozialistisch gewordenen Deutschland schon allein aufgrund ihrer eindeutigen politischen Haltung überaus gefährdet, so dass einige gerade ihrer führenden Vertreter – z. B. Ernst Fuchs (1874–1971) oder Paul Tillich – bereits entlassen, teils inhaftiert und teils schon emigriert waren. Zuletzt muss man wohl auch fragen, ob dezidiert als Religiöse Sozialisten auftretende Pfarrer oder Laien aufgrund dieser politischen Konstellation innerhalb der ansonsten überwiegend konservativ und national orientierten bekenntniskirchlichen Kreise als Protagonisten überhaupt erwünscht gewesen wären. ↩
35
Vgl. oben, S. 71, Satz I,1 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖. ↩
36
Vgl. oben, S. 73f., die Sätze II,1 und 2 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖, sowie oben, S. 296, die erste These der Barmer Theologischen Erklärung 📖. ↩
37
Vgl. oben, S. 75, Satz und Verwerfung III,1 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖. ↩
38
Vgl. oben, S. 76, Satz III,3 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖. ↩
39
Vgl. oben, S. 77, Satz und Verwerfung IV,2 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖. ↩
40
Vgl. oben, S. 81, Satz und Verwerfung V,4 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖, sowie oben, S. 298f., die fünfte These der Barmer Theologischen Erklärung 📖. ↩
41
Vgl. oben, S. 79f., Satz V,2 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart 📖. ↩
42
Zum Motiv der Torheit und Schwachheit der Bekenner vgl. Luthers Vorlesung über den Hebräerbrief 1517/18, hrsg. von J. Ficker (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung, Bd. 2), Teil 2: Die Scholien, Leipzig 1929, S. 34,3–6 📖: «Illa enim est vera confessio, qua homo dat Deo gloriam de iusticia, sapientia et virtute cunctisque operibus, sibi vero nihil nisi peccatum, stultitiam, infirmitatem, atque id ipsum vero corde, ore atque opere» (im Exemplar Barths unterstrichen). ↩
43
Barth fragte schon im Frühsommer 1933 in Anspielung auf eine Botschaft Friedrich von Bodelschwinghs anlässlich der Berliner Verhandlungen um die Bildung der Reichskirche: «wo blieb in dieser Sache die kirchliche Verantwortlichkeit? Wo auch hier die Unerbittlichkeit der Frage nach der christlichen Wahrheit, eine Unerbittlichkeit, die sich durch keine ‹brüderliche Liebe› hätte bewegen lassen, dem Irrtum in der Kirche Raum und Geltung zu geben?» (Barth, Theologische Existenz heute! [Anm. 11], S. 339f. 📖). Einer «Rede von Frieden und Liebe von Bodelschwingh» gab Barth die Mitschuld daran, dass der Widerstand gegen die Besetzung der führenden Position in der Vorläufigen Kirchenleitung mit August Marahrens aufgegeben wurde (s. oben, S. 691). ↩
44
In einem Brief an Gotthilf Weber vom 2. Juli 1935 (KBA 9235.179) führte Barth als einen Grund dafür, dass er für einen weiteren Dienst in der Bekennenden Kirche in Deutschland nicht mehr zur Verfügung stehen konnte, an, dass er deren Verhalten gegenüber dem Staat und solchem staatlichen Tun nicht mehr länger hätte mittragen, bei seinem auch eigenen weitgehenden Schweigen in der Öffentlichkeit diesen Ereignissen gegenüber nicht länger hätte bleiben können: «Ich kann bei der Illusion, als ob der eigentliche Gegner einer bekennenden Kirche nicht der nationalsozialistische Staat als solcher sei, nicht mehr länger mittun, halte die Proteste gegen das Neuheidentum, gegen die Übergriffe der Staatsgewalt, gegen die Gefangensetzung von Pfarrern usw. für längst überholt, müsste statt der ewigen Wiederholung von Röm. 13 endlich auch die Apokalypse und die Propheten aufzuschlagen bitten und würde im Voraus wissen, bei dem Allem die verantwortlichen Stellen der Bekenntniskirche nicht für mich, sondern gegen mich zu haben.» ↩