Der vorliegende, im Mai 1935 geschriebene Text blieb zu Barths Lebzeiten unveröffentlicht.
Am
25. April 1934 bat James D. Smart, ein Pfarrer der Presbyterian Church of Canada,1
der an einer englischen Übersetzung von Eduard Thurneysens Vortragsband «Das Wort Gottes und die Kirche»2
arbeitete, Barth brieflich um eine Einleitung zu dieser Übersetzung: «Since the conceptions and the direction of thought which Dr. Thurneysen represents have been in the past associated almost exclusively with your name by men in the English-speaking world, I believe it would be fitting, if you should see fit to do so, for you to write a short introduction to the English edition of Dr. Thurneysen’s book. Do not misunderstand me. I am not asking for biographical details. What I desire is a short estimation by you of the significance of Dr. Thurneysen’s work.»3
Barth sagte zu und schrieb am 20. Mai an Thurneysen: «Weißt du, dass ich dem amerikanischen Herausgeber deiner Vorträge versprochen habe, ein Vorwort dazu zu schreiben? Es soll und wird mir das geradezu eine Lust sein, und ich werde mich bei diesem Anlass einmal eingehend und grundsätzlich über den Begriff des ‹Johanneischen› verbreiten und auch nicht versäumen, die Welt auf deine noch ausstehenden weiteren Werke geziemend vorzubereiten.»4
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Nachdem Smart die Übersetzung abgeschlossen hatte, erinnerte er Barth am 22. Dezember 1934 an sein Versprechen: «Would it be possible for you to send onto me soon the introduction which earlier in the year you promised to write for this English edition. Your introduction will mean much to the book in bringing it before the notice of readers to whom your writings are familiar.»5
Barth schickte das Vorwort jedoch erst am
14. Mai 1935 an Smart, wie er am darauffolgenden Tag Thurneysen mitteilte: «Gestern ist der Lobgesang auf dich […] nach Kanada und an dich und aufs Bergli abgegangen. Lollo freut sich des neuen Genres der ‹Heiligenbiographie›, in dem ich mich da versucht habe, und ich muss gestehen, dass ich es mit besonderer Lust getan habe […].»6
Als Smart sich am
22. August 1935 für das von ihm sogleich übersetzte Vorwort bei Barth bedankte, lagen ihm für sein Übersetzungsprojekt jedoch schon vier Absagen verschiedener Verleger vor: «It is very difficult in these days to get any theological book of a solid type published in England or America.»7 Auch die weiteren Versuche Smarts, einen Verleger zu finden, scheiterten, so dass auch Barths Text vorerst nicht erschien.8
Im KBA liegt ein zweiseitiges Manuskript9
des Textes vor. Daneben sind zwei Typoskript-Durchschläge erhalten, von denen es sich beim ersten (Tskr. I) um das gegenüber dem Manuskript in einer nicht unüblichen Weise überarbeitete Exemplar handeln dürfte, das Barth im |780 Mai 1935 nach Kanada, an Thurneysen und aufs Bergli geschickt hatte.10
Der von Eduard Thurneysen schließlich 1971 in seiner Veröffentlichung des Geleitwortes in: E. Thurneysen, Das Wort Gottes und die Kirche. Aufsätze und Vorträge, hrsg. mit E. Wolf [TB 44], München 1971, S. 227–230
📖, gebotene Text ist weitestgehend – kleinere Unterschieden betreffen vor allem die Schreibweise und die Zeichensetzung – identisch mit dem zweiten vorliegenden Typoskript-Durchschlag (Tskr. II).11 Diesem Tskr. II ist anstelle der Orts- und Zeitangabe und des Namens Karl Barths ein erläuternder Satz hinzugefügt, der nahelegt, dass es nach Barths Tod zur Aufnahme in den Vortragsband neu angefertigt wurde: «Karl Barth hat dieses Geleitwort 1935 verfasst, wohl im Blick auf eine Übersetzung, die aber in jenen kritischen Zeiten nicht mehr zustande kam.»12 Zwischen Tskr. II und dem darauf basierenden Druck von 1971 einerseits und dem auf Barth zurückgehenden Tskr. I andererseits bestehen in ihren Abweichungen vom Manuskript nur marginale Gemeinsamkeiten,13 dafür aber umso mehr deutliche Unterschiede, so dass davon auszugehen ist, dass zur Anfertigung von Tskr. II nicht auf Tskr. I zurückgegriffen wurde, es sich bei Tskr. II also um eine eigenständige Transkription handelt. Tskr. II ist dabei dem Manuskript oft näher als Tskr. I, bearbeitet und verändert es aber ebenfalls. Diese Veränderungen, die Tskr. II und ihm folgend der Drucktext von 1971 am Manuskript vornehmen, tendieren zu einer leichten Korrektur bzw. Abschwächung pointierter Aussagen des von Barth gezeichneten Thurneysen-Bildes, während umgekehrt das auf Barth zurückgehende Tskr. I solche Aussagen vereinzelt eher noch |781 verstärkt, so dass im Ergebnis zwischen Tskr. I und II größere Unterschiede bestehen als jeweils zwischen den Typoskripten und dem Manuskript. Wahrscheinlich geht Tskr. II auf Thurneysen selbst zurück, der ihm übertrieben bzw. unpassend erscheinende Aussagen aus dem Manuskript strich oder umformulierte, ohne dabei das ihm 1935 zugesandte und auch im KBA erhaltene Tskr. I zu benutzen.
Somit handelt es sich bei Tskr. I um die letzte von Barth verantwortete Fassung des Geleitwortes, die deshalb dem folgenden Abdruck zugrunde liegt und auf die sich die ausgewiesene Originalpaginierung bezieht. Da aber der Abdruck von 1971, auch wenn er auf das nicht von Barth verantwortete Tskr. II zurückgeht, für Jahrzehnte die einzige publizierte Fassung des Textes darstellte, werden im folgenden Abdruck nicht nur die Differenzen zum Manuskript ausgewiesen, sondern auch die Abweichungen im Druck.14
Geleitwort
Die theologische Arbeit Eduard Thurneysens ist in ihren Anfängen hervorgewachsena aus den Nöten des Pfarramts.15 Und in den Aufgaben des Pfarramts hat sie noch heute ganz offen ihren Zielpunkt. Die Erkenntnisse, die in diesem Buche ausgesprochen und entwickelt sind, sind wohl die Ergebnisse einer auf allseitiger und gründlicher Prüfung der Probleme beruhenden Forschung.b Aber diese For|782schung wurde nicht um ihrer selbst willen, nicht aus Lust an den Problemen c-als solchenc und auch nicht d-zur Erhärtung bestimmter vorgefasster Theorien-d unternommen. Sondern es war ein Prediger, ein Lehrer, ein Seelsorger, der verantwortliche Führer einer Gemeinde, der der ganzen Kirche und in der Kirche noch einmal ganz besonders seinen Amtsbrüdern verpflichtete Diener am Wort, der als solcher fragte, untersuchtee, nachdachte, formulierte, um Schritt für Schritt zu den hier niedergelegten Erkenntnissen und – neuen Fragen vorzustoßen. Wer die Vorträge von Eduard Thurneysen versteht, der versteht damit, dass die Kirche der Existenzgrund und das Subjekt der Theologie ist. Wer das nicht versteht, der hat sicherf auch Eduard Thurneysen nicht verstanden.
Man kann nun sagen, dass diese Begründung und Beziehung der Theologie auf die Kirche und speziell auf die Arbeit des Pfarrers ein Merkmal der ganzen theologischen Erneuerungsbewegung ist, die sich in der Schweiz, in Deutschland und g-von da aus auch-g in anderen europäischen Ländern in den letzten 15 Jahren ereignet hat.16 Man muss aber einerseits wissen, dass Eduard Thurneysen unter allen Anderen vielleicht doch der Allererste gewesen ist, der die Notwendigkeit einer in diesem Sinn kirchlichen Theologie neu eingesehen hat:17 von ihm habe jedenfalls ich die Anregung empfangen, in dieser Richtung zu arbeiten.18 Undh man muss andererseits beachten, dass unter nan Allen, die innerhalb dieser neuen Theologie Ruf und Namen haben, kaum einer ist, der sie als Bewegung aus der Kirche für die Kirche so charakteristisch verkörpert wie eben Eduard Thurneysen. Es ist kein Zufall, dass i-sein äußerer-i Lebensweg ihn schließlich auf den Posten des ersten Pfarrers am Münster zuj
Basel geführt hat19 und damitk in die direkte Nachfolgerschaftl eines Johannes Oekolampad, eines Oswald Mykonius, eines Simon Sulzer, eines Johann Jakob Grynaeus.20
|784 Man könnte wohlm bedauern, dass ein langweiliges (das neunzehnte) Jahrhundert den Titel eines «Antistes»21, der einst mit dieser Stelle verbunden war, abgeschafft hat. Eduard Thurneysen n-würde diesem Titel in einem ganz neuen Sinn Ehre gemacht haben. Er ist in einem nicht äußerlich zu verstehenden Sinn eine wahrhaft bischöfliche Erscheinung-n. Gehalten von der unbeweglichen Voraussetzung o-des Geheimnisses der christlichen Gemeinde-o waltet er seines Amtes: sichp immer aufs Neue lauschend und aufnehmend, tröstend q-und mahnend-q, beunruhigend und beruhigend, r-Wege weisend-r und nach neuen Wegen-sausblickendt, über den Christen, noch mehr: über den Menschen von heute zu beugens-, um u-mit ihm und so für-u ihn da zu sein. In diesem Amte handelt er auch in den hier wiedergegebenen Aufsätzenv. «Vorträge»22 ist, ihres w-akademischen und-w wissenschaftlichen Ge|785haltes unbeschadet, nicht das richtige Wort für x-diese Arbeiten-x. Eduard Thurneysen hält keine «Vorträge»; er hält, auch wenn er weitgehend analysierend, problematisierend, untersuchend vorgeht, Ansprachen, y-Allokutionen, Beichtreden. Noch-y genauer gesagt: er führt Gespräche – das Wort «führt» wäre dabei zu betonen! – von der Art, wie manche altez Lehrer aa-und Beichtväter-aa sie geführt zu haben scheinen. Man wird nicht ohne Nutzen an Grünewalds Darstellung der Unterhaltung ab-zwischen den beiden Heiligen in der Thebais-ab23 denken, wenn man dieses Buch liest. So oder so: die Kirche ist bei Eduard Thurneysen Ereignisac. Er zwingt schon durch die Art seiner 2 Existenz denad Hörer und Leser, der ihn recht versteht, sich – nichtae nuraf mit ihm, sondern mit dem Faktum der Kirche (und nicht nur der Kirche!)ag auseinanderzusetzen.
Ich darf noch etwas hinzufügenah über die besondere Art, in der Eduard Thurneysen in seinem Amtai und aj-als Theologe-aj tätig ist. Das Wort, in dem sich alle meine persönlichen Eindrücke von ihm zusammendrängen, ist das Wort Offenheit. Man kann das zunächst auf das gewissermaßen Sokratische seiner Wissenschaftlichkeit beziehen. Es wird nicht so leicht eine Meinung oder These auf religiösem, philosophischem oder moralischem Gebiet geben, der er nicht, wenn sie |786 ihm einigermaßen ernsthaft vorgetragen wird, mindestens ein waches Interesse entgegenzubringenak, der er nicht irgend eine al-Wahrheitsbeziehung, ein nicht zu überhörendes-al «Anliegen» zu entnehmen wüsste. Eram hat die seltene Gabe, von Anderen zu lernen, und zwar von Jedem das gerade an-für ihn-an Lernenswerte zu lernen und in sich lebendig werden zu lassen. Man wird ihn aber auch schwerlich so bald bereit finden, sich auf irgendwelche formulierten Sätzeao und definiertenap Richtungen-aqpositiv so festzulegen, dass man ihnar ein für allemalaq- an einem bestimmten Ort zu suchen oder nicht zu suchen hätte. as-Parteinahme ist in der Regel nicht seine Sache.-as Er ist bei aller sachlichenat Entschiedenheit ein beweglicher Mann, mit dem man im Einzelnen immer wieder Überraschungen erleben kann. An einem Ort wird man ihn freilichau sicher nie finden, an einem Ort wird er av-die Stirne sicher immer kraus-av und den Mund zu einem spöttischen Lächeln verziehen: da nämlich, wo ein eingebildeter Praktizismus seine ungeprüftenaw Voraussetzungen hinter einer Fassade von wohlklingenden Tagesparolen zu verbergen liebt. Eduard Thurneysen kann dann, wenn er auf diese gerade in der Kirche, gerade im Pfarrerstand so verbreitete eifrigeax Nicht-Offenheit stößt, soay energisch Nein! sagen-azwie ba-wir Anderen-ba, die mit seiner johanneischen Natur im Übrigen nicht gesegnet sindaz-. Diese sozusagen intellektuelle Offenheit ist aber doch nur der Ausdruck seiner großen Empfindlichkeit |787 sowohl für alle wirkliche innere und äußere Not und Sorge als auch für alle in wirklicherbb Leidenschaft sich äußernde Bewegtheit und Hoffnung,-bcin welcher Gestalt bd-immer ihm beides-bd in seiner näheren und weiteren Umgebung entgegentreten mögebc-. Er ist ein Mann, der in erstaunlicher Weise für Andere zu haben ist, sich aufmerksambe in sie versetzen, geduldigbf mit ihnen gehen kann, der dem Mitmenschen damit zum Wohltäter wird, dass er ihn – und nun doch von einer überlegenen Stelle aus und in einem verklärenden Lichte! – versteht und in seiner Klage oder Begeisterungbg gelten lässt. Die sehr spürbare Kritik, mit der er ihm dabei gegenübersteht, wird fast immer jene radikale, jene immanente Kritik sein, die als solche tröstlich, hilfreich, bh-fruchtbar und-bh weiterführend ist. Er versteht die Kunst, einen Gedanken, ein Tun oder Verhalten so abzulehnen, dass der Andere sich dabei aufs Stärkste aufgenommen fühlt und sich gerade bi-so etwas-bi sagen lassen kann, was er sich, bloß von außen kritisiert, nimmermehr sagen lassen würde. Es gleicht so sein Studierzimmer – und doch auch seine Schau von Kirche und Welt – der Arche Noahs, die allerlei Tiere besteigen und dann, bis auf weiteres gerettet, im Zeichen des Himmel und Erde verbindenden Bogens wieder verlassen durftenbj [vgl. Gen. 6,5–9,17]. bk-Man könnte fragen: wo-bk er diese Art empfangen und gelernt habebl? Die für ihn eindrucksvollsten Gestalten seiner Jugend-^^ und Studienzeitbm waren der große Seelsorger Christoph Blumhardt d. J. in Bad Boll24 und – der in seiner Art ebenfalls große Versteherbn |788 unter den Theologen: Ernst Troeltsch25. Aberbo ich möchte meinen Freund nicht von diesen seinen geistlichen bzw. geistigen Vätern her erklären wollen. «Individuum est ineffabile»26, wie er selber gerne zitiert. bp-Aber auch dabei möchte ich-bp nicht stehen bleiben. Ich hätte die 3 Hauptsache nicht gesagt, wenn ich nicht zum Schluss darauf hinweisen würde: seine Offenheit für alles Menschliche dürftebq eine geheimebr Entsprechung haben in der Offenheit, in der er abseitsbs von allen menschlichen Stimmen auf die heilige Schrift zu hören versucht. |789 Indem ihm diesbt zur Notwendigkeit wurde, ist er der kirchliche Theologe in seiner Besonderheit geworden, der in diesem Buche zu uns redet. Man wird wohl gerade auch von dieser seiner bu-so eindrucksvollen-bu Besonderheit nur dann lernen können, wenn man diesen ihren letzten und entscheidenden Ursprung ins Auge bekommt und nicht mehr aus bv-dem Auge-bv verliert.
bw-Bonn, im Mai 1935 Karl Barth-bw