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Vorwort zur englischen Ausgabe der Römerbriefauslegung
1932
Der seit 1919 in Cambridge lehrende anglikanische Neutestamentler Edwyn Cl. Hoskyns1
hatte erstmals 1924 Barths Römerbriefkommentar gelesen. Diese Lektüre sollte seine weitere theologische Arbeit entscheidend beeinflussen, so dass Hoskyns zu einem frühen Wegbereiter der Rezeption Barths in England wurde. Hoskyns’ intensive Beschäftigung mit der Theologie Barths gipfelte in den frühen 1930er Jahren in seiner Übersetzung des Römerbriefkommentars.2
Am
14. September 1932 teilte Hoskyns Barth mit, seine Übersetzung sei nun abgeschlossen und er werde sie Anfang Oktober an den Verlag schicken. Zugleich bat er ihn, auch im Namen der «authorities of the Oxford University Press», um ein Vorwort, zu dem er schrieb: «I do not think it need be long unless indeed you yourself wished to make it so»; er fügte hinzu: «It could, of course, be printed at the last moment, and I need not receive it until, say November or even December.»3
Barth antwortete umgehend, sagte das erbetene Vorwort zu und versprach auch, den Termin einzuhalten.4
Am 19. Oktober sandte Barth das Vorwort an Hoskyns und bat darum, die Übersetzung dieser ihm «sehr wichtigen grundsätzlichen Erklärung» vor Drucklegung noch einmal zur Durchsicht vorgelegt zu bekommen.5
Hoskyns erfüllte diese Bitte drei Wochen später und verband dies mit Nachfragen, die von ihm gewählte freiere Übersetzungen betrafen.6
Besonders wichtig |842 war ihm dabei die richtige Übersetzung der von Barth formulierten Bitte, nicht «nach dem Schema und den Anweisungen der Theologie Emil Brunners» verstanden zu werden,7
denn, so Hoskyns: «The point is a very important one, because nearly everyone who talks about you in England, does so as a result of reading Brunner’s books.»8
Barth muss die deutsche Fassung dieses Vorworts gleich nach dessen Fertigstellung im Oktober auch an Karl Ludwig Schmidt geschickt haben, denn dieser reagierte schon am selben Tag telefonisch auf die Zusendung und schrieb Barth nur einen Tag später: «Ich möchte es für gut halten, wie ich Ihnen gestern schon telefonisch sagte, daß dieses Vorwort in einer deutschen theologischen Zeitschrift erschiene. Wann etwa wird die englische Ausgabe herauskommen? Ich könnte mir denken, daß das Vorwort in deutscher Fassung gleichzeitig oder gar schon etwas früher, also sagen wir gleich konkret: in der Novembernummer der ThBl herauskäme.»9
Zu einem Abdruck in den «Theologischen Blättern» kam es jedoch nicht; stattdessen wurde – vermutlich als Georg Merz Ende Oktober 1932 Barth in Bonn besuchte – die Aufnahme des Vorwortes in «Zwischen den Zeiten» verabredet.10
Die deutsche Fassung des Vorworts erschien in ZZ 10 (1932), S. 477–481
📖. Auf diesen ersten und einzigen deutschsprachigen Abdruck bezieht sich die angegebene Originalpaginierung. Die englische Übersetzung durch E. Hoskyns erschien im Jahr darauf: The Author’s Preface to the English Edition, in: K. Barth, The Epistle to the Romans, translated from the sixth Edition by E. C. Hoskyns, with a new Preface by the Author, London 1933, S. V–X.
📖 Vorarbeiten zum Text sind nicht erhalten.
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Vorwort zur englischen Ausgabe der Römerbriefauslegung
Sir Edwyn Hoskyns hat sich der mühevollen und selbstlosen Arbeit unterzogen, dieses Buch ins Englische zu übertragen. Meine Kenntnis dieser Sprache ist leider zu unvollkommen und meine Zeit war zu sehr von anderen Aufgaben in Anspruch genommen, als dass es möglich gewesen wäre, seinem Werk im Ganzen zu folgen. Er hat mir aber eine größere Probe davon vorgelegt, bei deren genauem Studium ich zu der bestimmten Überzeugung gekommen bin, dass er mit außerordentlicher Geschicklichkeit und vor allem mit der einen guten Übersetzer kennzeichnenden Vereinigung von Treue und Freiheit vorgegangen ist. Ich darf also Sir Edwyn auch öffentlich herzlich danken. Und ich glaube, dem englisch denkenden, lesenden und sprechenden Publikum die Hoffnung machen zu dürfen, dass es in dem vorliegenden Text, soweit das in der Verwandlung, die auch die beste Übersetzung immer bedeuten wird, überhaupt möglich ist, wirklich das vor sich habe, was ich sagen wollte.
Darüber hinaus möchte ich mir erlauben, den englischen Lesern einige Bitten ans Herz zu legen, die sich mir aufdrängen, wenn ich an die ganz neue Situation denke, in die dieses mein Buch nun versetzt ist.
1. Die Leser möchten freundlich und verständnisvoll bedenken, dass das deutsch geschriebene Buch elf oder genaugenommen vierzehn Jahre alt ist.11 Als ich es in seiner ersten Form, von der hier nur noch das Vorwort Kunde gibt, vollendete, da vernahm man von meinem Schreibtisch aus, wenn der Nordwind wehte, bei ein wenig Aufmerksamkeit und Phantasie noch immer die Stimme der Kanonen des großen Krieges12… Und der an jenem Schreibtisch arbeitete, war ein junger Landpfarrer,13 der das, was kirchliche und wissenschaftliche |844 Verantwortlichkeit ist, wirklich erst teilweise kannte, der sich, weithin unbekümmert um die ihm zur Verfügung stehenden und um die ihm entgegenwirkenden Kräfte, in einen Kampf stürzte, dessen innere und äußere Tragweite er 478 damals von ferne nicht zu übersehen vermochte. So war es im Wesentlichen auch noch 1921, als das Buch die hier vorliegende zweite Form erhielt. Es ist, von heute aus gesehen, das Buch einer anderen Zeit und eines anderen Mannes. Ich habe darauf schon im Vorwort zu der sechsten deutschen Auflage hingewiesen.14 Auch die englischen Leser – und sie vielleicht noch mehr als die deutschen – werden sich klarmachen müssen, dass sie mit der Lektüre dieses Buches an den Anfang einer Entwicklung geführt werden, dass sie den Bonner Professor von heute nicht auf den Safenwiler Pfarrer von damals festlegen, dass sie auch den Stand der heutigen theologischen Diskussion in Deutschland nur höchst mittelbar aus diesem Buch ablesen dürfen. Sie werden sich sagen müssen, dass wahrscheinlich alle Bedenken und Fragen, die sich ihnen bei der ersten Lektüre aufdrängen mögen, vom Verfasser selbst und von seinen deutschen Freunden und Gegnern längst aufgeworfen und in späteren Veröffentlichungen in irgend einer Form verarbeitet worden sind. Die Lektüre wird für sie nur eine Einleitung bedeuten können und also eine Einladung bedeuten müssen, sich an der Arbeit, die auf dieses Buch folgte, in angemessener Weise zu beteiligen.
2. Es ist mir bekannt und es ist mir eine Ehre und Freude, dass meine Arbeit vielen Theologen des englischen Sprachgebietes auch schon vor dem Erscheinen dieser Übersetzung nicht ganz unbekannt war. Die Übersetzung einer Sammlung von Vorträgen und einiger |845 kleinerer Arbeiten sind ja diesem Buch bereits vorangegangen.15 Ich kenne ferner die meisten der guten und weniger guten Bücher und Aufsätze, die in England und Amerika über mich geschrieben worden sind.16 Ich kenne selbstverständlich auch die Versuche Adolf Kellers, meine theologischen Bemühungen im Rahmen der ökumenischen Bewegung fruchtbar zu machen.17 Und ich weiß endlich um den star|846ken Eindruck, den Emil Brunner mit seinen englisch geschriebenen Darlegungen seiner mit den meinigen verwandten Bestrebungen in der englischen Welt erzielt hat.18 Irgend eine Vorstellung von dem, was man «dialektische Theologie», «Theologie der Krisis», «Barthianismus» etc. zu nennen pflegt, und auch irgend ein Vorurteil hinsichtlich dieser Sache wird also wohl jeder, der zu dieser Übersetzung greift, schon irgendwoher mitbringen. Ist es wohl zu viel verlangt, wenn ich ihn bitte, jene Vorstellungen und Vorurteile bei der Lektüre so viel als möglich zurückzudrängen und das Buch so zu lesen, als ob er, um die bekannten Schlagworte und 479 Rubrizierungen noch nicht wissend, zum ersten Mal mit dieser Sache in Berührung käme? Darf ich ihn auch bitten – ich tue dies im Blick auf die seither geschehene Entwicklung der Dinge in Deutschland, Holland und der Schweiz – mich gerade nicht ohne weiteres nach dem Schema und den Anweisungen der Theologie Emil Brunners und überhaupt nicht als den Exponenten einer «Schule» zu verstehen, sondern mich zunächst als einen «Fall für sich» gelten zu lassen?19 Nur dann wird er ja das Buch so lesen, wie |847 es 1921 geschrieben wurde und wie es dann Anlass zu der seither stattgefundenen Auseinandersetzung geworden ist. Nur dann kann es ihm den Dienst leisten, selbständig in die Arbeit, die es nach sich gezogen hat, einzutreten. Ich meine aufrichtig, dass es im Interesse der Sache und damit auch der englischen Leser liegen würde, wenn sie die Freundlichkeit haben wollten, sich gerade diesem Rate nicht zu verschließen.
3. Sir Edwyn hat mir besonders nahegelegt, ich möchte den englischen Lesern in diesem Vorwort empfehlen, das Buch ganz und nicht nur in Bruchstücken zu lesen.20 Nun, das ist eine Empfehlung, die im Munde des Verfassers selbst notwendig etwas seltsam klingen wird. Dass die Leser, mit der Lektüre anhebend, so viel Freude und Gewinn davon haben möchten, dass sie sie fortsetzen und beendigen müssen, das kann ich ihnen gegenüber nicht wohl aussprechen. Aber Sir Edwyn hat doch mit dem, was er will, ganz recht. Ich kenne deutsche Leser und Rezensenten, von denen ich beschwören möchte, dass sie nicht viel mehr als das Vorwort und eine Anzahl Seiten gelesen haben, um dann doch durch alle Jahre hindurch so zu tun, als wüssten sie, was in dem Buch steht, und mit ihren zustimmenden oder ablehnenden Urteilen immer wieder Porzellan zu zerschlagen. Ich kenne auch bestimmte Dinge, die man hartnäckig in dem Buch «vermissen» zu müssen geglaubt hat,21 nur weil man sie nicht am rechten Ort gesucht und |848 gefunden hatte. Viele Donquichotterien, die dem Buch widerfahren sind, wären schon in Deutschland zu vermeiden gewesen, wenn alle den verständigen und einfachen Rat von Sir Edwyn vor Augen gehabt und befolgt hätten. Für die englischen Leser ist es noch nicht zu spät. Ist es nicht schon im Römerbrief des Paulus selbst so, dass man Röm. 1–2 nun einmal nicht ohne Röm. 3, Röm. 5 nicht ohne Röm. 6, Röm. 8 nicht ohne Röm. 7, Röm. 9 nicht ohne Röm. 11 und vor allem Röm. 1–11 nicht ohne Röm. 12–15 lesen darf? Kann und darf man es dann mit einer Auslegung des Römerbriefs anders halten? Ist es nicht 480 hier wie dort die selbstverständliche Bedingung wirklichen Verstehens, dass man das Ganze aus dem Ganzen zu verstehen sich die Mühe gibt?22 Den Antrieb, sich diese Mühe zu geben, kann ich keinem Leser mitteilen; ich darf aber jedenfalls jedem Leser, der seinerseits über das Buch zu reden beabsichtigt, die Erinnerung mit auf den Weg geben, dass er das verantwortungsvoll eigentlich nur tun dürfte, nachdem zuvor das Buch in seinem gesamten Inhalt zu ihm geredet hat. Das Buch wäre keine Auslegung des paulinischen Römerbriefs, wenn es nicht eine große Bewegung ausführte, die man in allen ihren Stadien mitgemacht haben muss, um es zu kennen.
4. Es ist gewiss nicht überflüssig, wenn ich die künftigen Freunde und die künftigen Gegner des Buches, wie sie ihm nun auch in der englischen Welt erwachsen werden, darauf aufmerksam mache, dass es sich hier nicht um eine freie religiöse oder religionsphilosophische Darlegung handelt, sondern – wenigstens meiner Absicht nach – um |849 Schriftauslegung. Man sage mir nicht zu schnell (in Deutschland haben es mir Einige allzu schnell gesagt!), ich sei kein Ausleger oder vielmehr: ich sei ein «pneumatischer» Ausleger.23 Der Vorwurf, der in diesem «pneumatisch» liegen soll, könnte gerade auf die, die ihn am leichtesten erheben, am schwersten zurückfallen. Vielleicht wird das Buch auch in der englischen Welt ein Anlass, die Frage: Was heißt Auslegung? ganz neu in Erwägung zu ziehen. Niemand kann auslegen, ohne auch einzulegen. Kein Ausleger ist sicher vor der Gefahr, mehr einzulegen als auszulegen.24 Ich war und ich bin vor dieser Gefahr auch nicht sicher. Man würde mich aber schlecht verstehen, wenn man mir nicht zunächst glauben würde, dass ich auslegen und also gebundene (durch den Text gebundene) und nicht freie Theologie treiben wollte. Man kann und man muss meine Auslegung kritisieren, und ich hoffe, dass ich in dieser Hinsicht auch aus den Kreisen der Theologie englischer Sprache bald Wichtiges und Richtiges zu hören bekommen werde. Man kann meine Auslegung aber nicht von irgend einem religiösen, philosophischen oder moralischen Standpunkt aus, sondern man kann sie sinnvollerweise nur von dem ausgelegten Text aus, man kann sie nur streng theologisch bejahen oder verneinen. Allgemeine Erwägungen über den Wert oder Unwert meiner geistigen Haltung, meiner religiösen Richtung und Weltanschauung könnten und würden mir keinerlei Eindruck machen. Interessant kann nur die eine Frage sein, ob Paulus im Einzelnen und im Ganzen in der 481 Richtung gedacht und gesprochen hat, in der ich ihn in dieser Auslegung denken und sprechen lasse, oder ob dies nicht der Fall ist. Meine vierte und letzte Bitte geht also sehr schlicht dahin, es möchte mir der freundliche Leser nichts abnehmen und glauben als das, was |850 ihm selbst als Sinn des paulinischen Textes einleuchtend wird, es möchte mir aber auch der abgeneigte Leser nichts vorwerfen, was er vielleicht einfach dem paulinischen Text selbst vorzuwerfen hat. Die Absicht dieses Buches war und ist nicht die, den Leser durch das Angebot einer neuen Theologie zu erfreuen oder zu ärgern, sondern ihn auf die Heilige Schrift, auf den Römerbrief des Paulus selbst hinzuweisen, mit dem er sich dann erfreut oder geärgert, «angenommen» oder «verworfen», selbst und direkt auseinandersetzen mag. Ich wünschte und ich wünsche zu dienen mit diesem Buch. Wem dienen? Gewiss auch seinen Lesern. Aber zuerst und vor allem dem andern Buch, in dem Jesus Christus seiner Kirche gegenwärtig ist. Theologie heißt ministerium verbi divini.25 Nichts sonst. Diese Einsicht ist das Ziel des Kampfes, den wir in Deutschland seit zehn Jahren kämpfen und zu dem aufzurufen auch der Sinn dieser englischen Ausgabe meines Römerbriefes sein muss.
Bonn, im Oktober 1932.