Brief Nr. 135 · 20. September 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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135

Du liebe Lollo!

Ich habe deinen Brief erhalten, und du, du wartest sicher schon lange darauf, auch wieder ein Zeichen von mir zu bekommen.

Dein Brief ist mir ja trotz all des Bedrängenden, das er enthält, eine so tröstliche Sache. Ich denke manchmal auch, ich sei mit dir ganz allein in der Welt. Aber dieser Gedanke ist schon wieder fast allzu schön, als daß man ihn gelten lassen dürfte. Es ist ja auch wirklich eine ganze gute Schar um uns her, die ein großes Vertrauen gerade zu uns haben, nur daß eben diese Schar augenblicklich in der Welt nicht das Geringste zu bedeuten scheint. Aber darum ist sie doch da und müssen wir wiederum auch für sie allen Ernstes da sein, und irgendwie ist es wohl immer so gewesen und wird auch so sein müssen.

Ich denke so mit unbedingtem Vertrauen daran, wie du mich dort vertrittst und meine wenig einleuchtende Partie spielst. Du Liebe, Gute! Daß es so etwas gibt! Wie viel wirst du mir in Lindau zu erzählen und zu raten haben!

Ich habe soeben Lempp einen in einem vorangegangenen Brief vergessenen Schrieb aus Amerika1 nachgeschickt und also mein Kommen nochmals angekündigt, ohne Erwähnung der Herbergsfrage, die ich nun also in dem von dir genannten Sinn erledigt ansehe. Ich schrieb ihm, daß ich es schon für etwas Großes ansehen würde, wenn es wenigstens gelingen würde, Georg zu einem offenen Wort darüber zu veranlassen, warum er die von mir verlangte Klärung immer ablehnen mußte und auch jetzt ein ungeklärtes ZdZ haben wolle. Damit man dann wenigstens offenen Auges auseinander gehen könne.2 Ich ver|319mute, daß du mir sagen wirst, daß auch das nicht möglich sei. Was ist doch dieser Georg für ein Rätsel! Mit der Gründung einer neuen Zeitschrift werde ich nun freilich die Eile nicht haben, die dem tatendurstigen Lempp wünschenswert scheinen wird. Ob es wohl gar nicht in Frage kommt, daß ZdZ ohne mich, auf der Linie, die nun eben Georg gewählt und mir gegenüber behauptet hat3, weitergeführt wird? Hielt er sie gegen mich für richtig, so müßte er sie nun eigentlich auch ohne mich weiterführen können und wollen. Oder was wollte er eigentlich, wenn es nun ohne mich plötzlich doch nicht gehen soll?

Aber du sagst mir ja, daß mein Kommen vielleicht mehr wegen Steck etc. als wegen des ganzen Lempp -Georg-Komplexes sinnvoll4 sei, und darauf will ich mich dann gerne einstellen, wenn dich die Dinge über acht Tage auch noch so anschauen. Grüße Steck und Traub vorläufig herzlich von mir. Irgend einmal wollen wir dann gerade mit dieser Seite unserer dortigen Freundschaft auch fröhlich beieinander sein. Immer vorausgesetzt, daß sich die Dinge bis dahin nicht so entwickeln, daß einem das Lachen gänzlich vergeht.

Der Aspekt von Hitler -Deutschland ist auch von Bern aus gesehen einfach ein unheimlicher. Was ist jetzt das wieder mit dem «Eintopfgericht»5, das wir inkünftig alle Monate einmal unter dem Titel |320 «Großkampftag» zu uns nehmen sollen, um der Arbeitslosigkeit zu steuern? Sollte er wohl gerade auf den Sonntag treffen, wo … Rudi in München ist? Das würde ihm wohl ebensowenig einleuchten wie jener Oxfordabend6!

Ich hatte einen sehr bekümmerten Brief von Markus7 mit der Nachricht, daß bei seinem Freund Hieronymi Haussuchung stattgefunden habe8 und daß bei diesem Anlaß bekannt geworden sei, daß die ganze Gruppe schon seit einem Jahr in höchst detaillierter Weise bespitzelt worden sei. Er fürchtet nun geradezu, daß man ihn wegen seines Zusammenhangs mit jenem Kreis nicht zum Abitur zulassen werde, und erkundigt sich bereits nach schweizerischen Möglichkeiten. Er meldet mir das mit einem ganzen Ausbruch heftigster Abneigung gegen das heutige Deutschland überhaupt. Die Art, wie die Jungen jetzt militärisch gedrillt werden, paßt ihm auch ganz und gar nicht wegen des üblen Tones, in dem es da zugehe.

321 Magst du auch etwas von mir selber hören? Ich habe dir so Bewegendes wie du mir nicht zu melden. Am Sonntag hörte ich eine Predigt von Schädelin, die besser war als alle, die ich in den letzten Jahren von ihm hörte, und ging nachher zum Abendmahl. Im Anschluß daran waren wir in Schädelins Hause beieinander. Mit Heiner hatte ich gute Tage. Mama erzählte mir heute, daß sie auch ihn sehr befriedigt hätten, wobei er wieder den Gegensatz zu Eduard geltend gemacht habe, der sich eben im Unterschied zu mir auf sein Philosophieren gar nicht einlasse. Es passiert da irgend etwas mir nicht Durchsichtiges psychologischer Natur. Peter hat am Sonntag gepredigt, hatte infolge dessen einen Rückfall und ist darum noch nicht eingetroffen.9 Mit Kari Lindt ist es nett, aber ein wenig gedämpft; es muß vielleicht hier doch noch zu einer Aussprache kommen. Wir hatten einen guten Nachmittag mit Gilg und Gaugler, den Altkatholiken. Heute abend werden Schädelin und Hubacher hieherkommen. Ich muß dann jedesmal viel erzählen, bei dem den Schweizern nur so die Augen übergehen vor Erstaunen, was doch alles möglich ist. Im Übrigen habe ich sehr viel Korrespondenz besorgt, Vieles mittelst Postkarten, aber doch auch eine Reihe von Briefen, die ich dir dann alle mitbringe. Aber Vieles, Vieles ist und bleibt «unbeantwortet», z. B. die Württemberger10 haben noch immer keinen Bescheid, und auch Bodelschwinghs (der mir geantwortet hat11) Bekenntnisbuch12 ist noch |322 ohne meine Anmerkungen. Trillhaas habe ich schließlich doch abgeschrieben.13 Man kann jetzt wirklich nur das Nötigste leisten. Dazu würde, wie ich wohl weiß, auch Ericas Arbeit gehören.14 Aber auch sie liegt noch immer wohlverpackt, wo sie liegt. Auch mein Meiringer Vortrag 15 ist bis zur Stunde noch ungeboren. Gelt, das sind keine erquickenden Nachrichten. Aber ich weiß auch hier nicht, wie die Zeit umgeht, obwohl ich doch weder Romane lese noch viel spazieren gehe noch reite noch sonstige Allotria treibe.

Gelt, du wirst mich dann im englischen Garten und sonstwo an der herrlichen Luft und unter den noch herrlicheren Bäumen Münchens auf die Weide führen? Ach, was wirst du alles mit mir machen!

Es fehlt natürlich nicht, daß es jetzt gelegentlich wieder ein Unglück gibt mit verkehrt eingesetzten Kopierblättern, und dann ist keine Lollo da, um den Schaden wieder gut zu machen. Auch das konnte nicht anders sein, daß heute dem Ärgernis meiner Barhäuptigkeit ein Ende gemacht und ein neuer Hut (des bekannten Formates) eingekauft werden mußte. Gleichzeitig wurde aber auch eine große (zwei Meter lange und breite) gediegene Schweizerfahne bestellt, die uns nun in Zukunft schützen soll, wie das Blut der Lämmer an den Türen der Kinder Israel in Ägypten [vgl. Ex. 12,1–31].16 Im Notfall |323 werde ich dich in dieses Tuch einwickeln! Gelt, du nimmst dich doch ja zusammen, wenn du wieder einem Ministerpräsidenten gegenüber sitzen solltest.17 Ich habe diese Stelle in deinem Brief zwar mit Verständnis, aber doch nicht ohne ernste Sorge gelesen. Das wäre jetzt noch schöner, wenn ich alle Augenblicke hören müßte: «Bitte, Karl, sei vorsichtig!», während du dich durch bedenkliche Gesten in die Nähe von Dachau18 bringen darfst.

Ach du, es hat ja gewiß auch seinen guten Sinn, daß wir alle jetzt da durch müssen und daß wir mit einander da durch dürfen, das ist doch schließlich so schön, daß man schon deshalb gar nicht klagen und seufzen darf.

Ich werde zum Nachtessen gerufen und muß Folge leisten.

Viel Selbstverständliches und gar nicht Selbstverständliches muß unausgesprochen bleiben.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Brief von George W. Richards, dem Präsidenten des Theological Seminary of the Reformed Church in the United States. Richards hatte in seinem Brief vom 4.7.1933 Barth mitgeteilt, daß er einen Verlag für die Übersetzung von Komm Schöpfer Geist!, (München [19241] 19324) 📖 gefunden habe und er ihm den Vertrag zur Einsicht vorlegen wolle (vgl. Briefe 1933, S. 389f 📖).↩
2
In seinem Brief an Lempp vom 20.9.1933 erklärte Barth: «Mir liegt nichts am Aufhören von ZZ und nichts an der Eröffnung einer neuen Zeitschrift, aber Alles an einer Klärung. Und nur das trennt mich von Georg Merz und zwingt mich jetzt zum Rückzug von ZZ, daß er zu einer Klärung nie zu haben war und auch und gerade in dem jetzigen tötlich ernsten Augenblick nicht zu haben ist.» (Briefe 1933, 404 📖) Bereits am 20.1.1933 beklagte Barth in einem Schreiben an Merz diesen ungeklärten Zustand und verglich die Situation, für die er nicht mehr mitverantwortlich sein wollte, mit einer «Arche Noah»: «Eine Arche Noah hat ja, in allem Ernst gesagt, auch ihr Gutes. Und ich frage mich, ob es nicht eben exakt die Arche Noah ist, was die große Mehrzahl der Leser von ZZ haben wollen: das angenehme Nebeneinander aller möglichen ‹Anliegen›, ohne sich für oder gegen entscheiden zu müssen.» Zugleich schlug Barth in diesem Schreiben als eine Möglichkeit vor, «auf Ende des jetzt beginnenden Jahrgangs überhaupt Schluß [zu] machen» (Briefe 1933, S. 43).↩
3
Am 11.9.1933 schrieb Barth verärgert an Bonhoeffer: «Die mittlere Linie, die Georg Merz in der letzten Nummer von Zwischen den Zeiten innehalten wollte, war unerträglich.» (Briefe 1933, S. 379 📖; D. Bonhoeffer, Berlin 1932-1933, hrsg. von C. Nicolaisen und E.-A. Scharffenorth, Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 12, Gütersloh 1997, S. 128 📖).↩
4
Tskr.: «willen sinnvoll»; Korrektur vom Hrsg.↩
5
Mit der Proklamation des «Winterhilfswerks» am 13.9.1933 (unter Leitung der NS-Volkswohlfahrt) war auch der «Eintopfsonntag» eingeführt worden (s. G. L. Mosse, Der nationalsozialistische Alltag. So lebte man unter Hitler, Königstein/Ts. 19782, S. 380 📖). Über das Programm des «‹Kampfes gegen Hunger und Kälte›, das jetzt im Winter verwirklicht werden soll», hatten auch die Basler Nachrichten, Jg. 89, Nr. 252 vom 14.9.1933 📖, ausführlich auf ihrer Titelseite berichtet. Mit diesem Programm habe die Reichsregierung den Plan gefaßt, «in einem noch nie dagewesenen Riesenkampf schützend an die Seite der Arbeitslosen zu treten». An jedem ersten Sonntag im Monat solle «mittags lediglich ein Eintopfgericht im Preis von höchstens 50 Pfg. pro Kopf zu verzehren» sein.↩
6
Am 11.9.1933 hatte Barth gemeinsam mit Pestalozzi auf Brunners Einladung hin dessen Oxfordgruppenkreis besucht (vgl. Bw.Th. III, S. 523, Anm. 35 📖). Zur Diskussion um die Oxfordbewegung bzw. zu «jenem Abend» vom 11.9.1933 s. Bw.Br., S. 234–240 📖.↩
7
Nicht erhalten. Vgl. Briefe 1933, S. 391f. 📖↩
8
Martin Hieronymi (geb. 1915), Primus in der Abiturklasse von M. Barth; vor dem Abitur (1934) zweimalige Teilnahme an Demonstrationen gegen Hitler: 1. Demonstration ohne Polizeieingriffe unmittelbar nach dem Reichstagsbrand (27.2.1933) mit Rufen wie «Hitler verrecke!»; bei der 2. Demonstration kam die SS aus dem Hinterhalt. Daraufhin besorgte sich Hieronymi illegal eine SA-Uniform, worauf die Hausdurchsuchung erfolgte. Der sich um einen «Ausgleich» bemühende katholische Rektor der Schule, ein Herr Dr. Dreesen, stellte die Abiturienten, die an der Demonstration teilgenommen hatten, vor die Alternative: Entweder bei Zulassung zum Abitur Eintritt in die SS bzw. SA oder kein Abitur! Hieronymi entschied sich zum Beitritt in die SA. M. Barth konnte nach den Demonstrationen jeweils unbemerkt entkommen (mündlicher Bericht von M. Barth gegenüber dem Hrsg. am 15.7.1992).↩
9
Peter Barth hatte – vermutlich im August 1933 ­- einen Nervenzusammenbruch erlitten, von dem er sich erst im Oktober wieder ganz erholte (vgl. Bw.Th. III, S. 498, Anm. 8 📖).↩
10
Siehe zur «Ecke Schempp - Diem - Steinbach» bzw. zu deren Anliegen oben S. 309, Anm. 11, sowie S. 310, Anm. 12. Barths Antwortbrief vom 9.10.1933 an die «Württemberger» bzw. an P. Schempp ist abgedruckt in: Briefe 1933, S. 439-443 📖.↩
11
Barth hatte am 13.9.1933 an Fr. von Bodelschwingh geschrieben, daß er sich zu dem ihm zur Begutachtung zugesandten Entwurf des «Betheler Bekenntnisses» nicht bis zum festgesetzten Termin am 15.9. äußern könne (Briefe 1933, S. 384 📖). Von Bodelschwingh antwortete am 15.9.: «Die Brüder, die dabei mithalfen, sind inzwischen selbst zur Überzeugung gekommen, daß ein so schneller Abschluß, wie sie ursprünglich gehofft hatten, nicht möglich sei. Man wird darum erst Anfang nächsten Monats eine zweite Beratung vornehmen können. Wir würden daher auf Ihren Beitrag gern noch vierzehn Tage warten.» (Lichtenfeld, S. 379 📖). Barth konnte seine Anmerkungen allerdings erst am 12.10.1933 nach Bethel senden (vgl. Briefe 1933, S. 446 und S. 600-606).↩
12
Siehe zum Text des sogenannten Betheler Bekenntnisses Bonhoeffer, a.a.O. (s. oben Anm. 3), S. 362-407 📖; für die später publizierte Fassung vgl. Das Bekenntnis der Väter und die bekennende Gemeinde. (Das sogenannte Betheler Bekenntnis), in: Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage des Jahres 1933, hrsg. von K. D. Schmidt, Göttingen 1934, S. 105-131 📖; zur Entstehung des Textes: Lichtenfeld, S. 327-409 📖; vgl. E. Busch, Unter dem Bogen des einen Bundes. Karl Barth und die Juden 1933-1945, Neukirchen-Vluyn 1996, S. 50-61 📖.↩
13
W. Trillhaas hatte Barth eingeladen, anläßlich seiner Reise nach München auch Erlangen zu besuchen (KBA 9333.749 [o. D.]).↩
14
Licentiatsarbeit über Schleiermachers Predigten; vgl. oben S. 198, Anm. 7.↩
15
Gehalten unter dem Titel «Sorge und Hoffnung der Kirche heutzutage» am 24.9.1933 auf dem Kirchlichen Bezirksfest der Ämter Interlaken und Oberhasli, bei dem die Meiringer Unterweisungskapelle (Kt. Bern) eingeweiht wurde. Der bislang ungedruckte Vortrag (KBA 11046) erscheint in der Karl Barth-Gesamtausgabe in der Abteilung III: Vorträge und kleinere Arbeiten.↩
16
Am 22.9.1933 schrieb Barth an K. L. Schmidt: «Ich habe mir hier für alle Fälle eine gediegene Schweizer Fahne von 2 Meter im Quadrat angeschafft, die ich mitbringen und bei festlichen oder kritischen Anlässen an der Siebengebirgstraße hissen werde. Im Sinne von Exodus 12,13 natürlich.» (Briefe 1933, S. 409, vgl. S. 412 📖).↩
17
Siehe oben S. 315. ↩
18
D. h. in das nationalsozialistische Konzentrationslager. Als Reaktion auf den Reichtstagsbrand wurde schon einen Tag später, am 28.2.1933, die Verordnung «zum Schutz von Volk und Staat» in Kraft gesetzt, welche die «Ausschaltung» der politischen Opposition zur Folge hatte. So wurden bereits im März 1933 etwa 50 (provisorische) Konzentrationslager errichtet (vgl. E. Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Frankfurt/Main 19595, S. 38f.).↩