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Barth an v.K. in München
Ich habe deinen Brief erhalten, und du, du wartest sicher schon lange darauf,
auch wieder ein Zeichen von mir zu bekommen.
Dein Brief ist mir ja trotz all des Bedrängenden, das er enthält, eine so
tröstliche Sache. Ich denke manchmal auch, ich sei mit dir ganz allein in der
Welt. Aber dieser Gedanke ist schon wieder fast allzu schön, als daß man ihn
gelten lassen dürfte. Es ist ja auch wirklich eine ganze gute Schar um uns her,
die ein großes Vertrauen gerade zu uns haben, nur daß eben diese Schar
augenblicklich in der Welt nicht das Geringste zu bedeuten scheint. Aber darum
ist sie doch da und müssen wir wiederum auch für sie allen Ernstes da sein, und
irgendwie ist es wohl immer so gewesen und wird auch so sein müssen.
Ich denke so mit unbedingtem Vertrauen daran, wie du mich dort vertrittst und
meine wenig einleuchtende Partie spielst. Du Liebe, Gute!
Daß es so etwas gibt! Wie viel wirst du mir in Lindau zu erzählen und zu raten haben!
Ich habe soeben Lempp einen in
einem vorangegangenen Brief vergessenen Schrieb aus Amerika1 nachgeschickt
und also mein Kommen
nochmals angekündigt, ohne Erwähnung der Herbergsfrage, die ich nun also in dem
von dir genannten Sinn erledigt ansehe. Ich schrieb ihm, daß ich es schon für
etwas Großes ansehen würde, wenn es wenigstens gelingen würde, Georg zu einem offenen Wort darüber
zu veranlassen, warum er die von mir verlangte Klärung immer ablehnen mußte und
auch jetzt ein ungeklärtes ZdZ haben wolle. Damit man dann wenigstens offenen Auges auseinander
gehen könne.2 Ich ver|319mute, daß du mir sagen wirst, daß auch das nicht möglich sei. Was ist doch
dieser Georg für ein Rätsel! Mit
der Gründung einer neuen Zeitschrift werde
ich nun freilich die Eile nicht haben, die dem tatendurstigen Lempp wünschenswert scheinen
wird. Ob es wohl gar nicht in Frage kommt, daß ZdZ ohne mich, auf der Linie, die nun eben Georg gewählt und mir gegenüber
behauptet hat3, weitergeführt wird? Hielt er sie gegen mich für
richtig, so müßte er sie nun eigentlich auch ohne mich weiterführen können und
wollen. Oder was wollte er eigentlich, wenn es nun ohne mich plötzlich doch
nicht gehen soll?
Aber du sagst mir ja, daß mein Kommen vielleicht mehr wegen Steck etc. als wegen des ganzen Lempp
-Georg-Komplexes sinnvoll4 sei, und
darauf will ich mich dann gerne einstellen, wenn dich die Dinge über acht Tage
auch noch so anschauen. Grüße Steck und Traub vorläufig herzlich von mir. Irgend einmal wollen wir dann
gerade mit dieser Seite unserer dortigen Freundschaft auch fröhlich beieinander
sein. Immer vorausgesetzt, daß sich die Dinge bis dahin nicht so entwickeln, daß
einem das Lachen gänzlich vergeht.
Der Aspekt von Hitler
-Deutschland ist auch
von Bern aus gesehen einfach ein
unheimlicher. Was ist jetzt das wieder mit dem «Eintopfgericht»5, das wir inkünftig alle Monate
einmal unter dem Titel |320 «Großkampftag» zu uns nehmen
sollen, um der Arbeitslosigkeit zu steuern? Sollte er wohl gerade auf den Sonntag
treffen, wo … Rudi in München ist? Das
würde ihm wohl ebensowenig einleuchten wie jener Oxfordabend6!
Ich hatte einen sehr bekümmerten Brief von Markus7 mit der Nachricht, daß bei
seinem Freund Hieronymi
Haussuchung stattgefunden
habe8
und daß bei diesem Anlaß bekannt geworden sei, daß die ganze Gruppe schon seit
einem Jahr in höchst detaillierter Weise bespitzelt worden sei. Er fürchtet nun
geradezu, daß man ihn wegen seines Zusammenhangs mit jenem Kreis nicht zum Abitur zulassen werde, und erkundigt
sich bereits nach schweizerischen Möglichkeiten. Er meldet mir das mit einem
ganzen Ausbruch heftigster Abneigung gegen das heutige Deutschland überhaupt. Die Art,
wie die Jungen jetzt militärisch gedrillt werden, paßt ihm auch ganz und gar
nicht wegen des üblen Tones, in dem es da zugehe.
321 Magst du auch etwas von mir selber hören? Ich habe dir so Bewegendes wie du mir
nicht zu melden. Am Sonntag hörte ich eine Predigt von Schädelin, die besser war als alle, die ich
in den letzten Jahren von ihm hörte, und ging nachher zum Abendmahl. Im Anschluß daran waren wir in Schädelins Hause beieinander. Mit Heiner hatte ich
gute Tage. Mama erzählte mir heute, daß sie auch ihn sehr befriedigt hätten,
wobei er wieder den Gegensatz zu Eduard geltend gemacht habe, der sich eben im Unterschied zu mir auf
sein Philosophieren gar nicht
einlasse. Es passiert da irgend etwas mir nicht Durchsichtiges psychologischer
Natur. Peter hat am Sonntag
gepredigt, hatte infolge dessen einen Rückfall und ist darum noch nicht eingetroffen.9 Mit Kari Lindt ist es nett, aber ein wenig gedämpft; es muß vielleicht hier
doch noch zu einer Aussprache
kommen. Wir hatten einen guten Nachmittag mit Gilg und Gaugler, den Altkatholiken. Heute abend
werden Schädelin und Hubacher hieherkommen. Ich muß
dann jedesmal viel erzählen, bei dem den Schweizern nur so die Augen übergehen
vor Erstaunen, was doch alles möglich ist. Im Übrigen habe ich sehr viel Korrespondenz besorgt,
Vieles mittelst Postkarten, aber doch auch eine Reihe von Briefen, die ich dir
dann alle mitbringe. Aber Vieles, Vieles ist und bleibt «unbeantwortet», z. B.
die Württemberger10 haben noch immer keinen Bescheid, und auch Bodelschwinghs
(der mir geantwortet hat11) Bekenntnisbuch12 ist noch |322
ohne meine Anmerkungen.
Trillhaas habe ich
schließlich doch abgeschrieben.13 Man kann
jetzt wirklich nur das Nötigste leisten. Dazu würde, wie ich wohl weiß, auch
Ericas Arbeit
gehören.14 Aber auch sie liegt
noch immer wohlverpackt, wo sie liegt. Auch mein Meiringer Vortrag
15 ist bis zur Stunde noch ungeboren. Gelt, das sind
keine erquickenden Nachrichten. Aber ich weiß auch hier nicht, wie die Zeit
umgeht, obwohl ich doch weder Romane lese noch viel spazieren gehe noch reite noch sonstige Allotria treibe.
Gelt, du wirst mich dann im englischen Garten und sonstwo an der herrlichen Luft
und unter den noch herrlicheren Bäumen Münchens auf die Weide führen? Ach, was wirst du alles mit mir machen!
Es fehlt natürlich nicht, daß es jetzt gelegentlich wieder ein Unglück gibt mit
verkehrt eingesetzten Kopierblättern, und dann ist keine Lollo da, um den
Schaden wieder gut zu machen. Auch das konnte nicht anders sein, daß heute dem
Ärgernis meiner Barhäuptigkeit ein Ende gemacht und ein neuer Hut (des bekannten
Formates) eingekauft werden mußte. Gleichzeitig
wurde aber auch eine große (zwei Meter lange und breite) gediegene Schweizerfahne bestellt,
die uns nun in Zukunft schützen soll, wie das Blut der Lämmer an den Türen der
Kinder Israel in Ägypten [vgl. Ex. 12,1–31].16 Im Notfall |323 werde ich dich in dieses Tuch einwickeln! Gelt, du
nimmst dich doch ja zusammen, wenn du wieder einem Ministerpräsidenten gegenüber sitzen
solltest.17 Ich habe diese Stelle in
deinem Brief zwar mit Verständnis, aber doch nicht ohne ernste Sorge gelesen.
Das wäre jetzt noch schöner, wenn ich alle Augenblicke hören müßte: «Bitte,
Karl, sei vorsichtig!», während du dich durch bedenkliche Gesten in die Nähe von
Dachau18 bringen
darfst.
Ach du, es hat ja gewiß auch seinen guten Sinn, daß wir alle jetzt da durch
müssen und daß wir mit einander da durch dürfen, das ist doch schließlich so
schön, daß man schon deshalb gar nicht klagen und seufzen darf.
Ich werde zum Nachtessen gerufen und muß Folge leisten.
Viel Selbstverständliches und gar nicht Selbstverständliches muß
unausgesprochen bleiben.