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von Kirschbaum an B. in
Bern
ich muß mir das Stündlein stehlen, dir zu schreiben. Aber zu Vieles hat sich
ereignet, als daß ich es noch länger anstehen lassen möchte. Oh Karl, wie oft
hab ich an dich gedacht, dich herbeisehnend und doch so froh, daß du
überhaupt da bist. – Meine Einblicke in das kirchliche Leben Bayerns sind trübe, sehr
trübe. Am Sonntag großer Festakt im Odeon, 100jähriges
Jubiläum der Matthäuskirche, große Reden vom Ministerpräsidenten1 und Oberbürgermeister2 (beide in S.-A.-Uniform!), vom Landesbischof3, von Langenfaß4, von Sammetreuther und endlich von Althaus, der als Vertreter der Fakultät Erlangen
die Doktorierungen (6!) vollzog und in glänzendem Latein die Urkunden verlas.
Keiner der Redenden hat das Niveau einer unglaubwürdigen
bürgerlichen Feier überschritten. Hat man solche Situationen früher gelangweilt
ertragen, so werden sie jetzt zur Schuld. Ich kann dir nicht sagen,
welche Qualen ich gelitten habe angesichts dieses schweigenden
Verrates einer Kirche.
Wahrhaftig, da waren die beiden S. A.-Männer noch respektabler, obwohl der eine in eine wüste
Hetzrede ausbrach, so daß ich mir ostentativ beide Ohren zuhielt. Langenfaß ging
noch weiter als die Übrigen und hat nicht nur schweigend, sondern explizit verraten. Und in dem allen
saß Georg mit zerquältem Gesicht
und empfing seinen Doktor – man hätte heulen mö|315gen. Als
dann am Schluß «Ein feste Burg ist unser Gott»5 angestimmt wurde, konnte
ich nicht mitsingen und dieses lutherische Kampflied so verraten,
obwohl ich unmittelbar gegenüber (ich konnte nur noch auf dem Podium bei den
Chorsängern Platz finden!!) dem Ministerpräsidenten saß, der mich scharf fixierte. Ich konnte nur
noch denken, wenn er mir jetzt etwas sagt, breche ich los, und wenn sie mich
ganz direkt in Schutzhaft
führen. Oh Karl, wärest du statt Althaus dagestanden, dann
wäre etwas passiert. – Ganz
tröstlich war mir nachher noch ein Zusammensitzen mit Traub, Steck, Emmy und Hertha gestern
abend nach dem Vortrag von Althaus. Er sprach im überfüllten Auditorium max[imum] über
«Toleranz und Intoleranz des Glaubens»6, ein meisterhafter
Vortrag (besonders in seinen historischen Teilen sehr bildhaft und gut), aber
auch ein geradezu meisterhafter Blindgänger. Der Schuß ging nicht wirklich ab,
die «Störung» war keine echte. Und dabei sagte er so ausgezeichnete
Einzelheiten, so turmhoch über dem Geschwätz der Pfarrer in der Odeonfeier, daß man es fast nicht glauben konnte und wollte, daß das
Ganze so neutralisiert, so ungefährlich, so herrlich für bayerische Ohren
zurecht gemacht sein sollte. Aber das war es. Traub
und Steck waren auch ganz geschlagen. Wir müssen uns an diese
Jungen halten, Karl. Die hören vielleicht noch.
Ich bin mit Steck dann
noch allein lange durch die dunklen Straßen gegangen. Man muß ihn trösten,
bestärken. Am Sonntag predigt er in Laim, da will ich hin. Er sagte so rührend:
«Ich will mir alle Mühe geben, damit Sie ein wenig zufrieden sind.» Er klammert
sich förmlich an mich als an ein Stück von dir. Ob sein Vater Deutscher Christ wurde, weiß er immer
noch nicht. – – Und Traub erlebt zuhause das ganze Nichtarier-Elend: Bruder stellenlos, er darf kein Examen machen, die
Eltern sehen sich nicht mehr durch.7 - Lilis Brief8 lege ich dir bei im Falle du ihr
einen Rat zu geben hast. Ich billigte ihre Pläne. –
316 Heute vormittag war ich bei Lempp.9 Das Gespräch war mühsam. Er
kann die Lage nicht überblicken, aber er ist dir treu und
aufrichtig ergeben. Zuerst trug er mir in langer Rede drei Punkte vor: 1. Darfst
du die Möglichkeit verscherzen, die Z. d. Z. dir als Organ für breite Kreise
bietet? 2. Darfst du überhaupt dich desolidarisieren mit den vielen
«Schwächeren»? 3. Ist diese deine Isolierung wirklich eine sachliche
Notwendigkeit? – (2 und 3 sind ja im Grunde die gleiche Frage). – Ich habe
meinerseits in langer Rede darauf geantwortet, ausgehend davon, daß eine
neue Zeit angebrochen sei, eine neue Situation für die Kirche, die keine Kompromisse mehr
erlaube. Das sähest du in einer Schärfe wie niemand sonst. Es käme mir vor, ich
sei bei dir imKrieg gewesen, und hier ist
Alles nur Manöver. Man hat den Ernstfall überhaupt noch nicht
realisiert, du aber habest ihn realisiert, und darum könnest du keine solchen
Odeon-Feiern mehr feiern, sondern jedes
Wort von dir müsse jetzt ein Schuß sein, der trifft. Ich glaube, er hat etwas
gehört, wenn auch etwas widerwillig. Auf jeden Fall ist er soweit, daß er bereit
ist, eine neue Zeitschrift von dir und Eduard allein
aufzutun, und daß er dich nicht mehr bedrängen wird mit der
Fortsetzung von Z. d. Z. Diesen Atemraum wollte ich dir verschaffen, und das scheint
gelungen. Ungelöst bleibt das Problem Georg. Er muß schlecht dran sein und dauert Lempp sehr, so sehr, daß er
relativ starke Worte gegen dich fand. Ich hab sie ihm nicht
abnehmen können und ihm vielleicht ein bißchen was erklärt, obwohl ihm Blick und
Format fehlen, hier wirklich zu begreifen. Lempp meint, wenn die Dinge so stehen und Z. d. Z. doch begraben
werden müsse (wenigstens von dir), sei eine solche Aussprache10, wie er sie plante, ja nicht mehr nötig. Georg scheint sich davor zu
scheuen, möchte lieber mit Eduard
allein reden, und das kann man ihm ja lassen, obwohl es sicher nur
eine Flucht ist. Nun wünscht Lempp andererseits sehr, daß du und Eduard kommen, da er dann wegen
der neuen Zeitschrift euch
sprechen möchte, und frug mich ganz kindlich, ob man es nicht einfach zu |317 einem freundschaftlichen Treffen gestalten könne. Ich
sagte «sicher», nur müsse es klar sein, welche Resignation das für dich
bezüglich Georg bedeute, eine
Resignation, die du seit Jahren üben müßtest. Ich glaube, er sah das ein. – Daß
du kein Gespräch mit Georg
erzwingen wirst, ist ja klar. Man muß vielleicht einfach Alles kommen und sich
entwickeln lassen. Bezüglich der konkreten Beschlüsse scheint die
Situation ja relativ geklärt, und das ist Alles, was im Moment wohl geschehen
konnte. – Fast wichtiger als das scheint mir dein Kommen für den vereinsamten
Steck, vielleicht
auch doch noch hier ein Gespräch mit Sammetreuther, der sichtlich am meisten
Tiefgang hat. – Für Georg
möchte ich dir und mir ganz viel Gelassenheit wünschen. Es droht
übrigens, daß er mit uns heimreist, wogegen Joggeli schon
heftig protestierte. –
Lieber Karl, das alles schreibe ich in fliegender Eile hin. Ich
danke dir für deinen Brief. Mit meiner Mutter geht es
gut. Sie ist erquickt von Rom, und ich
bin ganz behutsam. Morgen mittag ist Joggeli bei
uns, ich gehe im Anschluß daran mit ihm zum Arzt. Lempp sagt, er
verlange nach mir. Das macht es mir so schwer, ruhig zuhause auszuhalten.
Liebster Karl, seit ich hier bin, weiß ich ganz neu, was für eine Aufgabe du
hast. Laß dich nicht müde machen. Du bist sehr
allein, aber es ist ganz,
ganz notwendig. Ich sagte zu Lempp, ich wolle lieber mit dir allein in die Wüste gehen als mit
den Anderen in volle Kirchen. Und du seiest kein böser Mensch,
sondern ein ganz, ganz lieber. Ja, Karl, ich habe richtig ein «Bekenntnis»
abgelegt. –
Leb wohl. Verzeih das Durcheinander. Es wartet schon Anderes.
Liebster Karl, ich bin ganz
Schreib doch an Lempp, daß
du kommst, und vielleicht ein paar gute Worte.
Daß du im Hotel wohnst,
weiß er von mir.