Brief Nr. 134 · 19. September 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl,

ich muß mir das Stündlein stehlen, dir zu schreiben. Aber zu Vieles hat sich ereignet, als daß ich es noch länger anstehen lassen möchte. Oh Karl, wie oft hab ich an dich gedacht, dich herbeisehnend und doch so froh, daß du überhaupt da bist. – Meine Einblicke in das kirchliche Leben Bayerns sind trübe, sehr trübe. Am Sonntag großer Festakt im Odeon, 100jähriges Jubiläum der Matthäuskirche, große Reden vom Ministerpräsidenten1 und Oberbürgermeister2 (beide in S.-A.-­Uniform!), vom Landesbischof3, von Langenfaß4, von Sammetreuther und endlich von Althaus, der als Vertreter der Fakultät Erlangen die Doktorierungen (6!) vollzog und in glänzendem Latein die Urkunden verlas. Keiner der Redenden hat das Niveau einer unglaubwürdigen bürgerlichen Feier überschritten. Hat man solche Situationen früher gelangweilt ertragen, so werden sie jetzt zur Schuld. Ich kann dir nicht sagen, welche Qualen ich gelitten habe angesichts dieses schweigenden Verrates einer Kirche. Wahrhaftig, da waren die beiden S. A.-Männer noch respektabler, obwohl der eine in eine wüste Hetzrede ausbrach, so daß ich mir ostentativ beide Ohren zuhielt. Langenfaß ging noch weiter als die Übrigen und hat nicht nur schweigend, sondern explizit verraten. Und in dem allen saß Georg mit zerquältem Gesicht und empfing seinen Doktor – man hätte heulen mö|315gen. Als dann am Schluß «Ein feste Burg ist unser Gott»5 angestimmt wurde, konnte ich nicht mitsingen und dieses lutherische Kampflied so verraten, obwohl ich unmittelbar gegenüber (ich konnte nur noch auf dem Podium bei den Chorsängern Platz finden!!) dem Ministerpräsidenten saß, der mich scharf fixierte. Ich konnte nur noch denken, wenn er mir jetzt etwas sagt, breche ich los, und wenn sie mich ganz direkt in Schutzhaft führen. Oh Karl, wärest du statt Althaus dagestanden, dann wäre etwas passiert. – Ganz tröstlich war mir nachher noch ein Zusammensitzen mit Traub, Steck, Emmy und Hertha gestern abend nach dem Vortrag von Althaus. Er sprach im überfüllten Auditorium max[imum] über «Toleranz und Intoleranz des Glaubens»6, ein meisterhafter Vortrag (besonders in seinen historischen Teilen sehr bildhaft und gut), aber auch ein geradezu meisterhafter Blindgänger. Der Schuß ging nicht wirklich ab, die «Störung» war keine echte. Und dabei sagte er so ausgezeichnete Einzelheiten, so turmhoch über dem Geschwätz der Pfarrer in der Odeonfeier, daß man es fast nicht glauben konnte und wollte, daß das Ganze so neutralisiert, so ungefährlich, so herrlich für bayerische Ohren zurecht gemacht sein sollte. Aber das war es. Traub und Steck waren auch ganz geschlagen. Wir müssen uns an diese Jungen halten, Karl. Die hören vielleicht noch. Ich bin mit Steck dann noch allein lange durch die dunklen Straßen gegangen. Man muß ihn trösten, bestärken. Am Sonntag predigt er in Laim, da will ich hin. Er sagte so rührend: «Ich will mir alle Mühe geben, damit Sie ein wenig zufrieden sind.» Er klammert sich förmlich an mich als an ein Stück von dir. Ob sein Vater Deutscher Christ wurde, weiß er immer noch nicht. – – Und Traub erlebt zuhause das ganze Nichtarier-Elend: Bruder stellenlos, er darf kein Examen machen, die Eltern sehen sich nicht mehr durch.7 ­- Lilis Brief8 lege ich dir bei im Falle du ihr einen Rat zu geben hast. Ich billigte ihre Pläne. –

316 Heute vormittag war ich bei Lempp.9 Das Gespräch war mühsam. Er kann die Lage nicht überblicken, aber er ist dir treu und aufrichtig ergeben. Zuerst trug er mir in langer Rede drei Punkte vor: 1. Darfst du die Möglichkeit verscherzen, die Z. d. Z. dir als Organ für breite Kreise bietet? 2. Darfst du überhaupt dich desolidarisieren mit den vielen «Schwächeren»? 3. Ist diese deine Isolierung wirklich eine sachliche Notwendigkeit? – (2 und 3 sind ja im Grunde die gleiche Frage). – Ich habe meinerseits in langer Rede darauf geantwortet, ausgehend davon, daß eine neue Zeit angebrochen sei, eine neue Situation für die Kirche, die keine Kompromisse mehr erlaube. Das sähest du in einer Schärfe wie niemand sonst. Es käme mir vor, ich sei bei dir imKrieg gewesen, und hier ist Alles nur Manöver. Man hat den Ernstfall überhaupt noch nicht realisiert, du aber habest ihn realisiert, und darum könnest du keine solchen Odeon-Feiern mehr feiern, sondern jedes Wort von dir müsse jetzt ein Schuß sein, der trifft. Ich glaube, er hat etwas gehört, wenn auch etwas widerwillig. Auf jeden Fall ist er soweit, daß er bereit ist, eine neue Zeitschrift von dir und Eduard allein aufzutun, und daß er dich nicht mehr bedrängen wird mit der Fortsetzung von Z. d. Z. Diesen Atemraum wollte ich dir verschaffen, und das scheint gelungen. Ungelöst bleibt das Problem Georg. Er muß schlecht dran sein und dauert Lempp sehr, so sehr, daß er relativ starke Worte gegen dich fand. Ich hab sie ihm nicht abnehmen können und ihm vielleicht ein bißchen was erklärt, obwohl ihm Blick und Format fehlen, hier wirklich zu begreifen. Lempp meint, wenn die Dinge so stehen und Z. d. Z. doch begraben werden müsse (wenigstens von dir), sei eine solche Aussprache10, wie er sie plante, ja nicht mehr nötig. Georg scheint sich davor zu scheuen, möchte lieber mit Eduard allein reden, und das kann man ihm ja lassen, obwohl es sicher nur eine Flucht ist. Nun wünscht Lempp andererseits sehr, daß du und Eduard kommen, da er dann wegen der neuen Zeitschrift euch sprechen möchte, und frug mich ganz kindlich, ob man es nicht einfach zu |317 einem freundschaftlichen Treffen gestalten könne. Ich sagte «sicher», nur müsse es klar sein, welche Resignation das für dich bezüglich Georg bedeute, eine Resignation, die du seit Jahren üben müßtest. Ich glaube, er sah das ein. – Daß du kein Gespräch mit Georg erzwingen wirst, ist ja klar. Man muß vielleicht einfach Alles kommen und sich entwickeln lassen. Bezüglich der konkreten Beschlüsse scheint die Situation ja relativ geklärt, und das ist Alles, was im Moment wohl geschehen konnte. – Fast wichtiger als das scheint mir dein Kommen für den vereinsamten Steck, vielleicht auch doch noch hier ein Gespräch mit Sammetreuther, der sichtlich am meisten Tiefgang hat. – Für Georg möchte ich dir und mir ganz viel Gelassenheit wünschen. Es droht übrigens, daß er mit uns heimreist, wogegen Joggeli schon heftig protestierte. –

­Lieber Karl, das alles schreibe ich in fliegender Eile hin. Ich danke dir für deinen Brief. Mit meiner Mutter geht es gut. Sie ist erquickt von Rom, und ich bin ganz behutsam. Morgen mittag ist Joggeli bei uns, ich gehe im Anschluß daran mit ihm zum Arzt. Lempp sagt, er verlange nach mir. Das macht es mir so schwer, ruhig zuhause auszuhalten.

Liebster Karl, seit ich hier bin, weiß ich ganz neu, was für eine Aufgabe du hast. Laß dich nicht müde machen. Du bist sehr allein, aber es ist ganz, ganz notwendig. Ich sagte zu Lempp, ich wolle lieber mit dir allein in die Wüste gehen als mit den Anderen in volle Kirchen. Und du seiest kein böser Mensch, sondern ein ganz, ganz lieber. Ja, Karl, ich habe richtig ein «Bekenntnis» abgelegt. –

Leb wohl. Verzeih das Durcheinander. Es wartet schon Anderes.

Liebster Karl, ich bin ganz

Deine
L.

Schreib doch an Lempp, daß du kommst, und vielleicht ein paar gute Worte.
Daß du im Hotel wohnst, weiß er von mir.

Sachfußnoten

1
Ludwig Siebert (1874–1942), Mitglied der NSDAP, seit 12.4.1933 bayerischer Ministerpräsident.↩
2
Karl Fiehler (1895–1969), Mitglied der NSDAP, am 20.3.1933 zum 1. kommissarischen Bürgermeister von München ernannt, erhielt am 20.5.1933 den Titel Oberbürgermeister, Ehrengruppenführer der SS.↩
3
Hans Meiser (1881–1956), seit 1928 Mitglied des Kirchenregiments der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, 1933-1955 deren erster Landesbischof, Vorsitzender des Lutherrates, 1934 Mitglied des Reichsbruderrates und Teilnehmer der Bekenntnissynoden der DEK, 1949-1955 Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD).↩
4
Friedrich Christian Langenfaß (1880–1965), D. theol., 1920-1950 Pfarrer, seit 1930 Dekan und ab 1935 Kirchenrat in München.↩
5
Siehe RG [1998] 32; EG 362 🎵.↩
6
Siehe oben S. 312, Anm. 8.↩
7
Die Mutter Hellmut Traubs galt nach den NS-Rassegesetzen als Halbjüdin. Im Zuge der Durchführung dieser Gesetze verlor der Bruder Hans Traub (1901–1943) im Herbst 1933 seine Universitätsstellen in Berlin und in Greifswald (nach freundlicher Mitteilung des Sohnes H. Traubs, Dr. Andreas Traub in Bietigheim, vom 25.7.1999).↩
8
Brief Lili Simons vom 14.9.1933, in dem sie von Kirschbaum über ihren Plan informierte, möglichst schon zum Wintersemester nach Basel zu gehen.↩
9
 Siehe dazu Barths Brief an Lempp vom 20.9.1933 in: Briefe 1933, S. 403f. 📖↩
10
Die Aussprache, an der neben Barth, Lempp, Merz und Thurneysen auch von Kirschbaum und R. Pestalozzi teilnahmen, fand am 30.9.1933 in München statt. Gogarten, der Mitbegründer von ZZ und hauptsächlicher Anlaß der Auseinandersetzungen, nahm daran nicht teil (s. Lichtenfeld, S. 194-203 📖; vgl. Bw.Th. III, S. 495f., Anm. 8, und S. 507, Anm. 5 📖).↩