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von Kirschbaum an B. in
Bern
[München, 17.9.1933]
Sonntag früh
ich habe mir ein ruhiges halbes Stündchen gesichert in Emmys Stüblein1. Die Morgensonne scheint so freundlich herein,
und zum |311 ersten Mal wird mir hier in München ein wenig wohl. – Wo soll
ich beginnen dir zu erzählen? – Die Reise mit Joggeli war von
Anfang bis zu Ende um des herzigen Bübleins willen eine Freude. In
Weiler war ihm das Erstaunliche im Haushalt meines Bruders2 der
militärische Anstrich. Jauchzend setzte er sich einen Infanteriehelm auf den
Kopf, und als er nach Tisch abliegen mußte, ging er mit ihm zu Bett. So fand ihn
mein kleiner Neffe aus der Schule kommend, und sie brachen miteinander sofort in
ein fröhliches Lachen aus. – Manchmal auch zupfte er mich leise: «Was muß ich da
sehen?», wenn irgendwo ein Hakenkreuzlein blinkte. – Bei uns Großen war es mühsamer. Mein
Bruder ist gar nicht hemmungslos «dabei», aber doch in der Partei3, und die Gespräche
waren mir schmerzlich. – –
Gestern traf ich Georg, als ich
Joggeli bei Lempps
abholte. Er begleitete uns in die Stadt, war scheinbar frisch und
fröhlich. Karl, ich glaube, es wird nicht leicht sein, mit ihm Alles
durchzusprechen. Er ist ganz anders dran als du. Ich möchte dir –
die Dinge haben mich bis in den Schlaf verfolgt, obwohl er keine konkreten
Einzelheiten sagte, sondern nur seine Haltung mich beschäftigte –
raten im Hinblick auf eine erträgliche Gestaltung dieser Münchner Tage: Richte es so ein, daß du mit Ruedis im
Hotel wohnst und nicht mit G[eorg] bei Lempps.
Schon damit du die Möglichkeit hast, z. B. Steck4 einmal
allein zu haben, aber auch zu deiner eigenen Schonung. Du
kannst das Lempps gewiß
begründet und freundlich mitteilen. – Herr Lempp will mich am Dienstag vormittag
allein sprechen und mir seine Pläne betr. Z. d. Z. mitteilen.5 Da hoffe ich in deinem Sinn «vorarbeiten» zu |312 können. Georg geht jetzt noch acht Tage nach Elmau (!)6, nachdem er seinen
Doktorhut in Empfang genommen hat. Diese feierliche Zeremonie findet heute um
11 Uhr im Odeon-Festsaal statt. Fünf Pfarrer von St. Matthäus bekommen von Prof.
Althaus den D-Hut
überreicht.7
Emmy, ihr Vater und ich werden diesem
Schauspiel beiwohnen. – Morgen spricht Althaus dann noch im Aud[itorium] max[imum] über «Toleranz und
Intoleranz des Glaubens».8 Auch das möchte ich mir anhören. –
Am ersten Abend stand Steck an der Bahn, und nachdem ich Joggeli
abgeliefert hatte, saß ich mit ihm und Emmy noch lang in einem Kaffee. Er ist
sehr bedrückt über die Zustände in der bayerischen Kirche, hat Angst um die
Haltung seines Vaters9, der ihm keine Antwort gibt auf seine Anfrage, ob er
wirklich Deutscher Christ
geworden sei, und hat Angst um Sammetreuther10, der sich merkwürdig von ihm fernhält. Er hat mir so leid
getan, und ich hab versucht, ihm von dir zu sagen, was immer ihn trösten und
stärken kann. Er wartet auf |313 dich, während
er Georg gar nicht sehen will. So
merkwürdig scheidet sich jetzt alles. –
Auch Gollwitzerlein in Lindau geht erschreckt
durch die Welt und jubelt jetzt über die Möglichkeit jenes gemeinsamen
Mittagmahles.11 - Georg erzählte mir, Bonhoeffer werde Pfarrer
in London.12 Warum das?? Aber ich
mochte nichts fragen.
Lentrodts sind reizend zu mir, der Vater ganz ärztlich besorgt. Ich bin ihnen
dankbar. Heute abend geht es heim.13 Da wird dann Alles sehr anstrengend werden. – Für Joggeli kaufte ich schöne Halbschuhe und einen blauen Lodenmantel,
der ihm reizend steht. Daß er da ist, ist wie ein Stücklein von dir. Er sagte
mir gestern mit einem Seufzer: «Auf dem Bergli war es so schön» – worauf ich ihn frug: «Gelt,
wir haben beide Heimweh?» und er nur nickte. Seine kleine Hand in der meinen war
so tröstlich. Aber ich darf nicht zu viel zu Lempps. Einen Arzt habe ich schon ermittelt.
Nächste Woche gehe ich mit ihm dorthin. -
Und wie geht es dir, liebster Karl? Ich darf hier viel von dir erzählen. Vater
Lentrodt ist sachlich
sehr interessiert, und das ist wie ein Geschenk, bevor ich in der Bruderstraße
mit dir in die Verbannung muß. Schreib mir bitte. Wie war wohl die Begegnung mit
Eduard? Ich bin immer
dran, ihm zu schreiben. –
Mit Gerty
hatte ich es noch gut, noch ein zweites langes Gespräch. Es hat ihr
wohlgetan, wie auch Ruedi mir bestätigte. –
Lieber, die Welt ohne dich ist nicht schön – aber sie ist ja
nicht ohne dich.
Ich muß abbrechen, ich hätte noch lange schreiben können.