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Barth an v.K. in München
Ja, nun bin ich eben wieder an diesem Ort: am offenen Fenster des dir auch
bekannten Zimmerleins mit der Waldaussicht auf den Gurten, und mein erstes Geschäft nach einem langen
Schlaf nebst anschließender Zeitungslektüre soll darin bestehen, dir Gruß und
Nachricht zu geben. Dein Stimmlein erklang so traurig im Bubendorfer Telephon, und auch das Brieflein, das ich
gestern vorfand, zeigte Spuren von Bedrücktheit. Besteht ein besonderer Einwand
gegen mich? Ach nein, gelt, es war doch eine schöne Zeit auf dem Bergli, und ein ganz klein
wenig kannst du dich auch freuen in der Rückerinnerung, so schwer es auch ist,
daß Alles so ist, wie es ist. Wie magst du heute morgen in München erwacht sein? Ich habe wohl daran gedacht,
wie du nun wohl mit dem Büblein
unterwegs sein mögest!
Ich – ja, ich habe sehr bewegte Tage hinter mir, Tage voll rüstiger Bewegung,
die ich noch in allen Knochen spüre. Hächler1 holte mich damals programmäßig in Olten ab und führte mich nach seinem hoch
und frei gelegenen Kirchspiel und in sein durchaus rumänisch-südamerikanisch
eingerichtetes Pfarrhaus und zu seiner entsprechenden
(rumänisch-österreichischen) Gattin. Er ist ein Tausendsassa, scheint aber doch
sehr fleißig zu arbeiten für seine Predigten. Hat mir Alles in Allem gut
gefallen. Nach zwei Stunden ging es dann talabwärts in verschiedenen Wendungen
nach Bubendorf, wo es direkt zu
einem «Proberitt» auf die Pferde ging,
etwas behindert durch die einbrechende Dämmerung, aber sonst wohl gelungen. Am
Abend ließ ich mir dann von dem guten Eberhard2 – er wies immer
wieder darauf hin: heute sei diesem Hause Heil widerfahren! [vgl. Lk. 19,9] – eine Predigt vorlesen,
woran sich eine kleine improvisierte «Predigtübung»3
|308 anschloß. Aber wehe, in der Nacht – erschien mir zwar
keines von den Gespenstern, von denen jenes Pfarrhaus schon zu meines Großvaters Zeiten besucht
worden sein soll (darunter ein Schimmel, der des Nachts vor dein Bett kommt und
dich beschnuppert!)4 – wohl aber begann es
schrecklich zu regnen, so daß von dem beabsichtigten Aufbruch um 7 Uhr keine
Rede sein konnte. Es regnete dann weiter und weiter, bis es uns zu dumm wurde
und wir beschlossen, nun eben einen Regenritt zu machen. Ich bekam eine Windjacke und einen alten Filz,
und so trabten wir los, bald begossen, bald von der durchbrechenden Sonne
erwärmt, durch Wälder und über Höhen, bergauf und bergab, genau so, wie ich es
mir gewünscht hatte. Im Dorfe Diegten kam es zu einem Mittagessen mit Forellen
und Schweinekotelett (mitten im Strudel militärischer Besetzung übrigens), und
nachher bei dem Ortspfarrer Hübscher5 (einem in der Besserung begriffenen Religiös-Sozialen!) zu einem
schwarzen Kaffee. Der Heimritt war dann auf anderen Wegen ebenso schön, und um
½7 Uhr waren wir wohlbehalten wieder an unserem Ort, nahmen ein heißes Bad (ich
war völlig durchgeschwitzt), ich hörte durchs Telephon das bewußte
Stimmlein, und schon marschierten herein: Eduard, Lukas Christ, Dekan Steiger6 und unser Frey7. Es folgte
ein des Hauses Eberhard-Bernoulli8
durchaus würdiges Nachtessen und dann ein langes Zusammensein, in welchem über
Gogarten, ZdZ, Deutschland im
Allgemeinen und Besonderen ergiebig gesprochen wurde.
309 Gegen Mitternacht erscholl dann aus Basel das Telephon, um den Hausherrn eiligst
dorthin zu rufen, weil … das erwartete Kindlein bereits im Anmarsch sei. So
folgen und begrenzen sich eben die menschlichen Dinge! Ich blieb also mit Hächler allein in Bubendorf zurück. Er hat dann gestern
morgen zunächst noch eine kleine Rundfahrt durch andere Striche des Baselbiets
mit mir gemacht, endigend in Pratteln, wo wir Lukas Christ an Bord nahmen (eigentlich hätte es Eberhard sein sollen, den nun seine eheliche
Pflicht fernhielt) und aufs Neue dem Jura entgegeneilten. Es gab einen Höhepunkt
auf dem Weißenstein oberhalb von Solothurn, von wo aus die ganzen Berge von
Säntis bis zum Montblanc klar und
gewaltig sichtbar waren. Dies ist ein Ort, an den uns Rudi auch einmal führen
sollte. Das hat nämlich Lollo noch nie gesehen und würde es sicher gerne sehen.
Dann Einzug in Bern bei meiner Mutter, Ankunft von Kari
Lindt zum Schwarzen
[Kaffee] usw. bis zur Abfahrt der beiden Baselbieter, die noch ins Emmental
wollten.|
Der übrige Tag verlief dann unter Mutter-Sohngesprächen ohne Berührung
kritischer Punkte. Ich konnte in dieser Hinsicht nur bemerken, daß z. Zt. milde
Gesinnung vorherrscht. Es scheint, daß Fränzeli, die hier einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen hat,
ein umsichtiges Referat über die Lage gegeben hat. Dagegen scheinen sich die
Dinge in Madiswil in dieser Hinsicht
zu verdüstern. Heute nachmittag soll Dora Scheuner9 hier zum Tee
erscheinen.
Damit will ich meine «Sendung» für diesmal beschließen. Die deutschen Dinge hören nicht auf,
einen zu verfolgen. Was magst du für neue Eindrücke haben? Ich habe hier weitere
bedrängende Briefe von Leuten, die nicht wissen, wie lange man noch in der
Kirche bleiben kann.10 Die Ecke Schempp
-Diem
-Steinbach11 verfolgt mich auch hier|310her mit alten
und neuen Anliegen12.
Und Trillhaas möchte
durchaus, daß ich auf der Heimreise nach Erlangen komme.13 Ich werde alle Hände voll
zu tun haben, nach allen Seiten zu beschwichtigen.
Die Luft ist voll von Klängen aus den Radios der umliegenden Häuser. So recht
eine Stimmung, die einem die Luft nehmen könnte. Gelt, du kennst das auch?
Liebe Lollo …!