Brief Nr. 132 · 16. September 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Liebe Lollo!

Ja, nun bin ich eben wieder an diesem Ort: am offenen Fenster des dir auch bekannten Zimmerleins mit der Waldaussicht auf den Gurten, und mein erstes Geschäft nach einem langen Schlaf nebst anschließender Zeitungslektüre soll darin bestehen, dir Gruß und Nachricht zu geben. Dein Stimmlein erklang so traurig im Bubendorfer Telephon, und auch das Brieflein, das ich gestern vorfand, zeigte Spuren von Bedrücktheit. Besteht ein besonderer Einwand gegen mich? Ach nein, gelt, es war doch eine schöne Zeit auf dem Bergli, und ein ganz klein wenig kannst du dich auch freuen in der Rückerinnerung, so schwer es auch ist, daß Alles so ist, wie es ist. Wie magst du heute morgen in München erwacht sein? Ich habe wohl daran gedacht, wie du nun wohl mit dem Büblein unterwegs sein mögest!

Ich – ja, ich habe sehr bewegte Tage hinter mir, Tage voll rüstiger Bewegung, die ich noch in allen Knochen spüre. Hächler1 holte mich damals programmäßig in Olten ab und führte mich nach seinem hoch und frei gelegenen Kirchspiel und in sein durchaus rumänisch-südamerikanisch eingerichtetes Pfarrhaus und zu seiner entsprechenden (rumänisch-österreichischen) Gattin. Er ist ein Tausendsassa, scheint aber doch sehr fleißig zu arbeiten für seine Predigten. Hat mir Alles in Allem gut gefallen. Nach zwei Stunden ging es dann talabwärts in verschiedenen Wendungen nach Bubendorf, wo es direkt zu einem «Proberitt» auf die Pferde ging, etwas behindert durch die einbrechende Dämmerung, aber sonst wohl gelungen. Am Abend ließ ich mir dann von dem guten Eberhard2 – er wies immer wieder darauf hin: heute sei diesem Hause Heil widerfahren! [vgl. Lk. 19,9] – eine Predigt vorlesen, woran sich eine kleine improvisierte «Predigtübung»3 |308 anschloß. Aber wehe, in der Nacht – erschien mir zwar keines von den Gespenstern, von denen jenes Pfarrhaus schon zu meines Großvaters Zeiten besucht worden sein soll (darunter ein Schimmel, der des Nachts vor dein Bett kommt und dich beschnuppert!)4 – wohl aber begann es schrecklich zu regnen, so daß von dem beabsichtigten Aufbruch um 7 Uhr keine Rede sein konnte. Es regnete dann weiter und weiter, bis es uns zu dumm wurde und wir beschlossen, nun eben einen Regenritt zu machen. Ich bekam eine Windjacke und einen alten Filz, und so trabten wir los, bald begossen, bald von der durchbrechenden Sonne erwärmt, durch Wälder und über Höhen, bergauf und bergab, genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Im Dorfe Diegten kam es zu einem Mittagessen mit Forellen und Schweinekotelett (mitten im Strudel militärischer Besetzung übrigens), und nachher bei dem Ortspfarrer Hübscher5 (einem in der Besserung begriffenen Religiös-Sozialen!) zu einem schwarzen Kaffee. Der Heimritt war dann auf anderen Wegen ebenso schön, und um ½7 Uhr waren wir wohlbehalten wieder an unserem Ort, nahmen ein heißes Bad (ich war völlig durchgeschwitzt), ich hörte durchs Telephon das bewußte Stimmlein, und schon marschierten herein: Eduard, Lukas Christ, Dekan Steiger6 und unser Frey7. Es folgte ein des Hauses Eberhard-Bernoulli8 durchaus würdiges Nachtessen und dann ein langes Zusammensein, in welchem über Gogarten, ZdZ, Deutschland im Allgemeinen und Besonderen ergiebig gesprochen wurde.

309 Gegen Mitternacht erscholl dann aus Basel das Telephon, um den Hausherrn eiligst dorthin zu rufen, weil … das erwartete Kindlein bereits im Anmarsch sei. So folgen und begrenzen sich eben die menschlichen Dinge! Ich blieb also mit Hächler allein in Bubendorf zurück. Er hat dann gestern morgen zunächst noch eine kleine Rundfahrt durch andere Striche des Baselbiets mit mir gemacht, endigend in Pratteln, wo wir Lukas Christ an Bord nahmen (eigentlich hätte es Eberhard sein sollen, den nun seine eheliche Pflicht fernhielt) und aufs Neue dem Jura entgegeneilten. Es gab einen Höhepunkt auf dem Weißenstein oberhalb von Solothurn, von wo aus die ganzen Berge von Säntis bis zum Montblanc klar und gewaltig sichtbar waren. Dies ist ein Ort, an den uns Rudi auch einmal führen sollte. Das hat nämlich Lollo noch nie gesehen und würde es sicher gerne sehen. Dann Einzug in Bern bei meiner Mutter, Ankunft von Kari Lindt zum Schwarzen [Kaffee] usw. bis zur Abfahrt der beiden Baselbieter, die noch ins Emmental wollten.|

Der übrige Tag verlief dann unter Mutter-Sohngesprächen ohne Berührung kritischer Punkte. Ich konnte in dieser Hinsicht nur bemerken, daß z. Zt. milde Gesinnung vorherrscht. Es scheint, daß Fränzeli, die hier einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen hat, ein umsichtiges Referat über die Lage gegeben hat. Dagegen scheinen sich die Dinge in Madiswil in dieser Hinsicht zu verdüstern. Heute nachmittag soll Dora Scheuner9 hier zum Tee erscheinen.

Damit will ich meine «Sendung» für diesmal beschließen. Die deutschen Dinge hören nicht auf, einen zu verfolgen. Was magst du für neue Eindrücke haben? Ich habe hier weitere bedrängende Briefe von Leuten, die nicht wissen, wie lange man noch in der Kirche bleiben kann.10 Die Ecke Schempp -Diem -Steinbach11 verfolgt mich auch hier|310her mit alten und neuen Anliegen12. Und Trillhaas möchte durchaus, daß ich auf der Heimreise nach Erlangen komme.13 Ich werde alle Hände voll zu tun haben, nach allen Seiten zu beschwichtigen.

Die Luft ist voll von Klängen aus den Radios der umliegenden Häuser. So recht eine Stimmung, die einem die Luft nehmen könnte. Gelt, du kennst das auch?

­Liebe Lollo …!

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Walter Hächler (geb. 1898, am 3.9.1963 auf den 8.8.1954 für verschollen erklärt), studierte bei Barth in Göttingen, nach Pfarrämtern in Siebenbürgen und Venezuela 1932-1943 Pfarrer in Kilchberg, 1943-1951 in Oberwil (Kt. Basel-Landschaft), 1952 krankheitshalber zurückgetreten.↩
2
Pfarrer Rolf Eberhard (s. oben S. 205, Anm. 2).↩
3
Anspielung auf die von Barth im Wintersemester 1932/33 und im Sommersemester 1933 in Bonn abgehaltenen «Übungen in der Predigtvorbereitung». Vgl. die Edition der Nachschriften: K. Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt, Zürich 19852. 📖↩
4
Zum Spuk im Bubendorfer Pfarrhaus vgl. K. Gerber, Spuk- und Hexengeschichten aus der Region Basel, Basel 2008, S. 14.83–88.99f. 📖 Karl Barths Großvater Franz Albert Barth (1816–1879) war von 1840 bis 1852 Pfarrer von Bubendorf.↩
5
Alfred Hübscher (1894–1953), 1927-1930 Pfarrer in Feldis (Kt. Graubünden), 1930-1935 Pfarrer in Diegten-Eptingen (Kt. Basel-Landschaft), 1935-1942 Pfarrer in Zürich-Wipkingen (Kt. Zürich), 1942-1948 Pfarrer in Locarno (Kt. Tessin), seit 1949 wieder in Feldis (ohne Kirchendienst).↩
6
Walther Steiger (1890–1967), 1917-1933 Pfarrer in Oltingen-Wenslingen-Anwil, seit Sommer 1933 in Binningen-Bottmingen (Kt. Basel-Landschaft), Dekan im Pfarrkapitel; befreundet mit L. Christ, Fr. Gogarten und E. Thurneysen.↩
7
Stud. theol. Paul Frey.↩
8
Rolf Eberhard war verheiratet mit Helene Bernoulli.↩
9
 Siehe oben S. 236, Anm. 4↩
10
Siehe dazu als Beispiel den Antwortbrief Barths vom 16.9.1933 an stud. theol. Walter Liebing in: Briefe 1933, S. 387-389 📖.↩
11
P. Schempp und H. Diem veröffentlichten mit anderen im April 1933 «Ein Wort württembergischer Pfarrer zur kirchlichen Gleichschaltung». ­Dieser «erste Widerstand in Württemberg gegen den Einbruch des Nationalsozialismus in die Kirche» wurde «unter dem Namen der ‹Kirchlich-theologischen Arbeitsgemeinschaft› (KTA)» durchgeführt, «aus der dann die ‹Württembergische Bekenntnisgemeinschaft› […] und später die ‹Kirchlich-theologische Sozietät› entstanden» (H. Diem. Ja oder Nein. 50 Jahre Theologie in Kirche und Staat, Stuttgart 1974, S. 34f. 📖, vgl. S. 187; vgl. Meier I, S. 447f. 📖). Zu den theologischen Freunden H. Diems gehörte auch Ernst Steinbach (s. H. Diem, a.a.O., S. 53). ­- Paul Schempp (1900–1959), seit 1923 in Kontakt mit Barth, 1925-1929 Repetent im Tübinger Stift, ab 1930 Pfarrdienst in Württemberg, 1939 Amtsenthebung, nach 1945 Publizist und Religionslehrer, 1958 o. Professor für Praktische Theologie in Bonn. – Hermann Diem (1900–1975), seit 1923 im württembergischen Kirchendienst, besuchte Barth mehrmals in Münster und Bonn, 1930-1934 Religionslehrer in Göppingen, 1934-1956 Pfarrer in Ebersbach/Fils, 1950 Lehrauftrag, 1955 Honorarprofessor, 1957-1965 o. Professor für Systematische Theologie in Tübingen. – Ernst Steinbach (1906–1984), Dr. theol., seit 1933 Pfarrer in Reusten, 1947-1973 o. Professor für Systematische Theologie in Tübingen.↩
12
H. Diem bat in einem Brief vom 11.9.1933 Barth, «für unsere neue Zeitschrift etwas zu schreiben» (KBA 9333.671). Nach dem Ende von «Zwischen den Zeiten» gründeten E. Bizer und H. Diem zusammen mit H. Fausel und P. Schempp die Vierteljahresschrift «Blätter zur kirchlichen Lage», die allerdings nach einem Jahr wieder eingestellt wurde (s. H. Diem, a.a.O., S. 33 📖). ­– E. Steinbach hatte Barth um die Mithilfe bei der Publikation von zwei Aufsätzen gebeten. Barth lehnte schließlich ab (s. Briefe 1933, S. 439-443 📖, vgl. S. 291-295.312).↩
13
Siehe unten S. 322. ↩