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von Kirschbaum an B. in
Bern
[München, 20.9.1933]
Mittwoch abend
da komme ich schon wieder. Aber ich war heute fast den ganzen Tag mit Joggeli zusammen, und er ist doch irgendwie so sehr
dein Büblein. – – – Traub brachte ihn nach einem
Museumsbesuch zu Mittag zu uns. Er entzückte meine Mutter durch
seine Natürlichkeit und Fröhlichkeit, nannte sie sofort «Du» und war wie |324 zuhause. – Am Nachmittag ging ich dann mit ihm zum Arzt.
Der Befund ist der, daß er zwar sehr zart, aber gesund ist und daß es in
Anbetracht des schlechten Bonner Klimas
zwar nicht unbedingt notwendig, aber doch eine sehr wünschenswerte
Sache wäre, wenn er diesen Winter in der Schweiz verbringen dürfte, zumal es
wohl vor dem Gymnasium die letzte so günstige Möglichkeit wäre. Er ist ja in
Dürrenroth1 so herzlich
eingeladen und möchte seinerseits so brennend gern hin, hat auch zu der Lehrerin
dort großes Vertrauen gefaßt. Was meinst du dazu? Ich will es Nelly genau
mitteilen, was der Arzt sagte. Wenn sie einverstanden ist, könnten ja Ruedis ihn
dann eventuell wieder mit in die Schweiz nehmen? – Uns würde er ja sehr und
sicher Nelly
besonders fehlen. – Er ist so ein süßer kleiner Kerl. Mein Erscheinen löste
etwas Heimweh in ihm aus, und er wollte mich abends nicht ziehen lassen. Die
Atmosphäre im Hause Lempp ist
ihm sicher sehr gesund, körperlich und seelisch, aber vielleicht
doch für seine Gemütsbedürfnislein etwas zu einfach. Es gab einige Tränlein, als
ich ging, und die Bitte: «Komm morgen wieder» klingt mir sehr in den Ohren. Ich
bin ja so schwierig dran mit meiner Zeit. – Aber Nelly schreibe ich davon nichts. Er
ist im Ganzen scheinbar sehr fröhlich, sieht gut aus
und vergißt vielleicht sogar leichter, was ihm fehlt, wenn ich nicht zu oft
erscheine. – Ich traf auch Georg
und – – Line noch bei Lempps. Karl, es wird sehr
schwierig werden hier. Laß uns fröhlich und geduldig bleiben und – – nicht viel
Verständnis erwarten. Ich sprach mit Georg nur kurz über die Odeonfeier und den Althaus-Vortrag2, und sofort war das ganze Elend da. Er begreift uns nicht.
Aber er leidet sichtlich. – Daß Line da ist (seit
gestern) erschwert die Lage. Sie hat mir eine kurze, gar nicht gute Antwort auf
meinen Brief gegeben. Man darf mit ihr nicht rechten, aber meine Schwingen sind
nun etwas gelähmt, und ich habe eigentlich nur mehr den Wunsch,
nicht mehr mit ihr zu reden. – Von Eduard erhoffen sie scheinbar
beide eine Hilfe. Und das ist mir auch eher unheimlich. – Ach
gelt, wir wollen nicht zu viel Kraft an diese Auseinandersetzung wenden. Ich habe etwas Angst
um dich und muß ja doch auch wieder keine haben, gelt? Du bist ja im Grunde so
viel eindeutiger und geborgener dran als |325 der
arme
Georg. – – Was dann noch an
Problemen aufleben mag im Dreieck Ruedi
- Line
- Hertha oder im Gegenüber Gerty
- Line, das wollen wir den
Sternen überlassen. Sehr schmerzlich wäre mir, wenn aus irgend einem Grunde aus
dem Treffen in Lindau3 nichts würde. Es wird
sehr nötig sein, sich vorher zu verständigen, ehe man den
Kriegsschauplatz hier
betritt. – –
Träublein hat
mir das Heft «Junge Kirche
📖» geliehen, das Liljes Antwort4
enthält. Ich fand sie ganz sympathisch, nur eigentlich keine
Entgegnung, und darum auch nicht ganz notwendig. Aber ich
konnte sie nur überfliegen. – Ich lege dir eine Korrespondenz bei zwischen Ranke-Breslau und Traub.5 Er hat sich doch ganz
tapfer geschlagen? Ach weißt du, man ist so froh um jeden
metallenen Ton inmitten dieser bayerischen Sauce. – Aber wehe,
das darf ich bei Georg nicht
sagen! –
Bist du an der Arbeit für Meiringen?6
Lieber, ich habe Heimweh nach dir. – Zuhause geht es merkwürdig friedlich, und wir
leben alle wohl daran. Aber ich
weiß so gut, wo ich hingehöre. Und als Joggeli heute
an unserem Tisch saß, da war’s wie ein Stücklein Heimat.