Brief Nr. 136 · 20. September 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

323

136

Du lieber Karl,

da komme ich schon wieder. Aber ich war heute fast den ganzen Tag mit Joggeli zusammen, und er ist doch irgendwie so sehr dein Büblein. – – – Traub brachte ihn nach einem Museumsbesuch zu Mittag zu uns. Er entzückte meine Mutter durch seine Natürlichkeit und Fröhlichkeit, nannte sie sofort «Du» und war wie |324 zuhause. – Am Nachmittag ging ich dann mit ihm zum Arzt. Der Befund ist der, daß er zwar sehr zart, aber gesund ist und daß es in Anbetracht des schlechten Bonner Klimas zwar nicht unbedingt notwendig, aber doch eine sehr wünschenswerte Sache wäre, wenn er diesen Winter in der Schweiz verbringen dürfte, zumal es wohl vor dem Gymnasium die letzte so günstige Möglichkeit wäre. Er ist ja in Dürrenroth1 so herzlich eingeladen und möchte seinerseits so brennend gern hin, hat auch zu der Lehrerin dort großes Vertrauen gefaßt. Was meinst du dazu? Ich will es Nelly genau mitteilen, was der Arzt sagte. Wenn sie einverstanden ist, könnten ja Ruedis ihn dann eventuell wieder mit in die Schweiz nehmen? – Uns würde er ja sehr und sicher Nelly besonders fehlen. – Er ist so ein süßer kleiner Kerl. Mein Erscheinen löste etwas Heimweh in ihm aus, und er wollte mich abends nicht ziehen lassen. Die Atmosphäre im Hause Lempp ist ihm sicher sehr gesund, körperlich und seelisch, aber vielleicht doch für seine Gemütsbedürfnislein etwas zu einfach. Es gab einige Tränlein, als ich ging, und die Bitte: «Komm morgen wieder» klingt mir sehr in den Ohren. Ich bin ja so schwierig dran mit meiner Zeit. – Aber Nelly schreibe ich davon nichts. Er ist im Ganzen scheinbar sehr fröhlich, sieht gut aus und vergißt vielleicht sogar leichter, was ihm fehlt, wenn ich nicht zu oft erscheine. – Ich traf auch Georg und – – Line noch bei Lempps. Karl, es wird sehr schwierig werden hier. Laß uns fröhlich und geduldig bleiben und – – nicht viel Verständnis erwarten. Ich sprach mit Georg nur kurz über die Odeonfeier und den Althaus-Vortrag2, und sofort war das ganze Elend da. Er begreift uns nicht. Aber er leidet sichtlich. – Daß Line da ist (seit gestern) erschwert die Lage. Sie hat mir eine kurze, gar nicht gute Antwort auf meinen Brief gegeben. Man darf mit ihr nicht rechten, aber meine Schwingen sind nun etwas gelähmt, und ich habe eigentlich nur mehr den Wunsch, nicht mehr mit ihr zu reden. – Von Eduard erhoffen sie scheinbar beide eine Hilfe. Und das ist mir auch eher unheimlich. – Ach gelt, wir wollen nicht zu viel Kraft an diese Auseinandersetzung wenden. Ich habe etwas Angst um dich und muß ja doch auch wieder keine haben, gelt? Du bist ja im Grunde so viel eindeutiger und geborgener dran als |325 der arme Georg. – – Was dann noch an Problemen aufleben mag im Dreieck Ruedi - Line - Hertha oder im Gegenüber Gerty - Line, das wollen wir den Sternen überlassen. Sehr schmerzlich wäre mir, wenn aus irgend einem Grunde aus dem Treffen in Lindau3 nichts würde. Es wird sehr nötig sein, sich vorher zu verständigen, ehe man den Kriegsschauplatz hier betritt. – –

Träublein hat mir das Heft «Junge Kirche 📖» geliehen, das Liljes Antwort4 enthält. Ich fand sie ganz sympathisch, nur eigentlich keine Entgegnung, und darum auch nicht ganz notwendig. Aber ich konnte sie nur überfliegen. – Ich lege dir eine Korrespondenz bei zwischen Ranke-Breslau und Traub.5 Er hat sich doch ganz tapfer geschlagen? Ach weißt du, man ist so froh um jeden metallenen Ton inmitten dieser bayerischen Sauce. – Aber wehe, das darf ich bei Georg nicht sagen! –

Bist du an der Arbeit für Meiringen?6 Lieber, ich habe Heimweh nach dir. – Zuhause geht es merkwürdig friedlich, und wir leben alle wohl daran. Aber ich weiß so gut, wo ich hingehöre. Und als Joggeli heute an unserem Tisch saß, da war’s wie ein Stücklein Heimat.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
D. h. bei dem Ehepaar Paul und Hedwig Schild (s. oben S. 230, Anm. 3).↩
2
Siehe oben S. 312, Anm. 8.↩
3
In Lindau wollten sich Pestalozzis, Barth und Thurneysen am 29.9.1933 mit von Kirschbaum treffen, um die Lage zu besprechen und dann gemeinsam nach München zu reisen. Mit H. Gollwitzer, der zu dieser Zeit in Lindau im Haus seiner Eltern an seiner Dissertation arbeitete (vgl. Bw.Th. III, S. 426, Anm. 5 📖), war ein Mittagessen geplant (s. oben S. 313.↩
4
H. Lilje, Theologische Existenz und kirchliches Handeln. (Gedanken zu Karl Barths Schrift «Theologische Existenz heute!»), in: JK, Jg. 1 (1933), S. 137-147 📖.↩
5
Nicht erhalten. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Auseinandersetzung über die Erklärung der Jungreformatorischen Bewegung Schlesiens vom 4.8.1933, in der deren Führung ankündigte, «in die Glaubensbewegung ‹Deutsche Christen› einzutreten», und «einen kleinen Kreis uns, wie wir meinen, nahestehender jüngerer Geistlicher» fragte, ob sie sich «an diesem Schritt beteiligen» wollten. Die Erklärung ist u. a. unterzeichnet von Hansjürg Ranke (1904–1987), damals Konsistorialassessor in Breslau. Ranke, an den die Anmeldungen gehen sollten, wird bei den Unterschriften als «Ranke-Breslau» aufgeführt (s. E. Hornig, Die Bekennende Kirche in Schlesien 1933-1945. Geschichte und Dokumente [AGK. E 10], Göttingen 1977, S. 78f. 📖; vgl. Briefe 1933, S. 448 und S. 355, Anm. 10 📖).↩
6
Siehe oben S. 322, Anm. 15.↩