Brief Nr. 137 · 22. September 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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137

Liebe Lollo!

Da – heute morgen brachte die Post gleichzeit[ig] von Nelly und von dem Betroffenen selber die Nachricht, daß K. L. Schmidt ohne Angabe von Gründen «aus dem Staatsdienst entlassen» sei .1 Also doch, und Lollo hat wieder einmal recht gehabt! Wäre es doch in einer besseren Sache. Der Vorgang bewegt mich, wie du dir denken kannst, sehr.2 Was gegen K. L. S[chmidt] zu sagen war und ist, tritt jetzt zurück. Das hat er nicht verdient. Und das tut mir aufrichtig leid. Ich kann mir Bonn ohne ihn doch noch gar nicht vorstellen. Und was ist diese Absetzung für ein neues Symptom für die Bedenklichkeit der ganzen Lage, in die man sich immer hemmungsloser hineinmanövriert! Vielleicht schreibst du Frau Schmidt auch ein paar Worte, wenn du magst.

Mit der gleichen Post kam tröstlicher Weise dein Brief. Laß dich doch ja durch nichts und niemand verhindern, nach Lindau zu kommen. Deine Vorberichte werden uns allen unentbehrlich sein – ganz abgesehen von der großen Sehnsucht, die jemand hat, dich wiederzusehen. Die Tatsache, daß nun auch noch Line auf dem Plane sein wird, ist allerdings erschreckend. Wenn man die ganze Sache absichtlich «mühsam» machen wollte, so mußte man sie gerade in dieser durch das Mitkommen von Gerty eröffneten Weise im Voraus belasten. Aber wir wollen sie auch so freudig überstehen. Es ist gut, daß |327 wir an Träublein und Steck auch noch einen gewissen eigenen, Bonner Hintergrund haben werden, auf den wir uns je und dann zurückziehen können, wenn es uns in jener geladenen Atmosphäre zu toll wird.

Träubleins Antwort an den Herrn Ranke hat sich in der Tat gut gewaschen. Sag ihm vorläufig, daß mir dieser Brief eine sehr erquickende Lektüre gewesen sei.

Magst du Gertrud Staewen, deren exakte Adresse mir nicht gegenwärtig ist, mitteilen

1. Daß sich Pfr. Schädelin in seiner Bettagspredigt ziemlich eingehend mit dem Buch «Menschen der Unordnung»3 beschäftigt habe, so daß sie nun auf diese Weise auch einmal, und zwar vor einer gewaltigen Berner Bettagsgemeinde, auf die Kanzel des Berner Münsters gekommen sei.

2. Daß im Kt. Bern 13 Pfarreien unbesetzt seien und daß nach Aussage meines Bruders Peter, der ja in der Prüfungskommission ist, für Günther Dehn hier durchaus eine Möglichkeit sich eröffnen könnte.4 Er soll sich, wenn ihm daran liegt, mit meinem Bruder in Verbindung setzen, der zu Allem willig ist.

Und schau, schau, nun kann ich dir sogar ein Bildlein von mir, d. h. hauptsächlich von meinem hiesigen Milieu schicken. Kari Lindt hat es aufgenommen. Eben an diesem Fenster sitze ich und schreibe meiner Lollo diesen Brief!

Heute morgen kam ein Telegramm vom Bonner Kurator5 : ich solle den Fragebogen – ich hatte um Aufschub der Ablieferung gebeten wegen einiger ausstehender Daten – vollständig oder unvollständig sofort einsenden.6 Er war zufällig gerade heute früh abgegangen, nachdem ich das Fehlende durch ein Telephon mit Basel hatte in Erfahrung bringen können. Ob diese Nervosität zu bedeuten hat, daß |328 vor dem nahenden 30. September7 auch um mich herum noch ein kleiner Rumor stattfindet?

Auf der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin laufen scheint’s alle Tage Klagen ein von Schweizern, denen man wegen Verweigerung des Hitlergrußes dies und das zufügt. Vorgestern sind einem solchen – zufällig gerade einem Frontenmann8!! – zwei Rippen durch Stiefeltritte zerbrochen worden. Und ein Mitglied der englischen Gesandtschaft hat aus dem gleichen Grunde eine Ohrfeige bezogen. Dgl. trägt nicht dazu bei, das dritte Reich im übrigen Europa sympathischer zu machen.

Auf der Württemberger Synode9 hat der Landesbischof Wurm von den D. Chr. merklich Abstand genommen10. Dann hat ein D. Chr.11 eine Rede gehalten und dabei heftig gegen deinen l. Karl gesprochen, den Schweizer, welcher  …!12 Die Basler Nachrichten bringen den |329 betr. Satz in Sperrdruck.13 Dgl. an die Emser Depesche14 erinnernde Dinge macht eben Oeri vorzüglich.

Vom Kurator ist auch eine dringende Nachfrage wegen jener «freiwilligen» Spende15 da …!

Der Vortrag für Meiringen16 ist gestern abend gut in Fluß gekommen und wird heute fertig werden. In der Beilage siehst du mich in dieser gediegen heimatlichen Umgebung meinen «vielbeachteten» Weg gehen!17 Das Schönste ist ja, daß du diesen Weg so genau «beachtet» hast!

330 In Sachen Hansjoggeli18 werde ich mit dem einverstanden sein, was du für richtig hältst. Es wird einem leid tun, das Bürschlein im Winter nicht um sich zu haben. Aber vielleicht ist es gerade jetzt ohnehin besser so.

Feierliche «Anerkennung für Ihr energisches Eintreten für die Freiheit der Kirche …» von der Federazione delle Associazioni Cristiane dei Giovani d’Italia (C. V.J. M.).19

Grüß Gott, liebe Lollo, ich danke dir für Alles und bin froh, daß du da bist! Grüße den Traub und den Steck und die Emmy. Wie gut, daß ich bei deiner Mutter wenigstens durch Hansjoggeli würdig vertreten war.

Die Fahne20 ist, groß wie ein anständiges Bett-Tuch, eingetroffen und wird uns schon innerhalb des Hauses ein tröstlicher Anblick sein!

Du!
Dein
K.

Sachfußnoten

1
Brief K. L. Schmidts an Barth vom 21.9.1933 (KBA 9333.693). Schmidt wurde am 15.9. aufgrund des § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 aus dem Staatsdienst entlassen (vgl. Mühling, S. 156.159f. 📖). Der § 4 erklärte u. a.: «Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Tätigkeit nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden.» K. L. Schmidt war bei der Kommunalwahl am 12.3.1933 für die SPD in den Bonner Stadtrat gewählt worden (Mühling, S. 137; vgl. Scholder I, S. 551 📖).↩
2
Siehe dazu Barths Schreiben an K. L. Schmidt vom 22.9.1933 in: Briefe 1933, S. 408-410, bes. S. 408 📖.↩
3
G. Staewen-Ordemann, Menschen der Unordnung (Studien zur Religionssoziologie und Sozialpsychologie, Bd. 3), Berlin 1933 📖.↩
4
Vgl. oben S. 226, Anm. 12.↩
5
Alfons Proske (1881–1950), Jurist, 1933 Kurator der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. – Das Telegramm, das zur Beantwortung des Fragebogens und zur Einsendung des «Ariernachweises» aufforderte (Bw.Th. III, S. 501 📖; Briefe 1933, S. 408 📖), ist nicht erhalten.↩
6
Dabei handelte es sich um den «Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April» 1933.↩
7
Ablauffrist, «bis zu der die Nachprüfungen auf Grund des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zumindest eingesetzt haben» mußten (Keesings Archiv der Gegenwart, Jg. 3 [1933], S. 1060, Buchstabe K 📖).↩
8
Aus den 1930 gegründeten Zürcher Hochschulgruppen Neue Front und Nationale Front entstand 1933 die Schweizerische Nationale Front, die in nationalsozialistischer Art dem Marxismus, dem Liberalismus und der Demokratie den Kampf ansagte (vgl. W. Wolf, Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz, 1930-1945, Zürich 1969 📖).↩
9
Bei der ersten Sitzung des Württembergischen Landeskirchentags am 12./13.9.1933 in Stuttgart (vgl. Meier I, S. 445 📖).↩
10
Die Ansprache von Landesbischof Wurm bei der Eröffnungssitzung des Landeskirchentages am 12.9.1933 ist teilweise abgedruckt in: G. Schäfer, Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 2: Um eine deutsche Reichskirche. 1933, Stuttgart 1972, S. 356-358 📖. – Theophil Wurm (1868–1953), 1925 Mitglied des Landeskirchentages, 1927 Prälat von Heilbronn, 1929-1949 württembergischer Kirchenpräsident, bzw. ab 8.7.1933 Landesbischof, 1933 Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode, 1934 und 1935 Teilnehmer der Bekenntnissynoden der DEK, 1945-1949 Vorsitzender des Rates der EKD.↩
11
Wilhelm Rehm (1900–1948), 1926-1933 Pfarrer in Simmersfeld, 1934 Studienrat in Stuttgart, 1933-1935 württembergischer Landesleiter und seit 8.9.1935 Reichsleiter der Reichsbewegung DC.↩
12
Rehm erwiderte am 13.9.1933 auf die Eröffnungsrede von Wurm u. a.: «In diesem Zusammenhang muß ich hier im Blick auf die Kirche ein sehr ernstes Wort sprechen. Die ganzen Spannungen wären lange nicht so stark geworden, wenn wir nicht die tieftraurige Tatsache zu beklagen hätten, daß weiteste Kreise unserer jungen Theologenschaft unter den geistigen Einfluß eines Mannes, Karl Barth, gekommen wären, der weitesten Kreisen dieser Theologen das Rückgrat abgeschlagen hat, da er selbst kein Deutscher ist, sondern ein Schweizer.» (G. Schäfer, a.a.O., S. 363 📖)↩
13
Die Basler Nachrichten, Jg. 89, 2. Beilage zu Nr. 259 vom 21.9.1933, berichteten unter dem Titel «Süddeutsche Landessynoden» 📖 u. a.: «Aus der Debatte, die sich in durchaus versöhnlichem Geiste bewegte, sei noch angeführt eine Bemerkung des Sprechers der Deutschen Christen in der Entgegnung auf die Rede des Landesbischofs: Weite Kreise der Theologen seien leider unter den geistigen Einfluß Barths gekommen, der ihnen das Rückgrat gebrochen habe, weil er kein Deutscher, sondern ein Schweizer sei.»↩
14
Die Regierung Napoleons III. ließ am 13.7.1870 von König Wilhelm I. von Preußen in Bad Ems Erklärungen fordern, die dieser ablehnte. Bismarck gab die telegraphische Mitteilung der Vorgänge in verschärfender Kürzung bekannt. Daraufhin erfolgte am 19.7.1870 die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen.↩
15
Anfang September 1933 war eine Aufforderung des Rektors zur Beteiligung an der «Spende zur Förderung der nationalen Arbeit» ergangen (s. Briefe 1933, S. 367 📖).↩
16
Siehe oben S. 322, Anm. 15.↩
17
Wahrscheinlich ein Hinweis auf den vermutlich beigelegten Artikel, den «Der Oberhasler» am 22.9.1933 unter der Überschrift «Kirchliches Bezirksfest der Aemter Interlaken und Oberhasle und Einweihung der Unterweisungskapelle in Meiringen, Sonntag, den 24. September 1933, nachmittags 2 Uhr» 📖 brachte. Der Artikel schildert den Lebensweg Barths von Bern bis Bonn und erwähnt dabei auch, «daß Professor Barth im Jahre 1907 als Vikar von Pfarrer Rickli in unserer Kirche seine ersten Predigten gehalten und von daher unsere Gemeinde in freundlicher Erinnerung behalten hat». Er stehe «heute im Mittelpunkt der gegenwärtigen theologischen Diskussionen. Selbst im katholischen Lager hat seine Theologie ­- bei aller Gegensätzlichkeit ­- große Beachtung gefunden.»↩
18
Winteraufenthalt des achtjährigen Hans Jakob Barth bei dem Ehepaar Schild in Dürrenroth (Kt. Bern) (s. oben S. 230, Anm. 3).↩
19
Am 5.9.1933 hatte Valdo Bossi «für das National Comité» an Barth geschrieben: «Die italienische Tagung der Christlichen Vereine Junger Männer in Villar Pellice (25. August – 2. September, Waldenser Täler) bringt Ihnen zum Ausdruck ihre Anerkennung für Ihr energisches Eintreten für die Freiheit der Kirche und die Treue zum Worte Gottes.» (KBA 9333.651)↩
20
Vgl. oben S. 322.↩