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Barth an v.K. in München
Da – heute morgen brachte die Post gleichzeit[ig] von Nelly und von dem Betroffenen
selber die Nachricht, daß K. L. Schmidt ohne Angabe von Gründen «aus dem Staatsdienst
entlassen» sei
.1 Also doch, und
Lollo hat wieder einmal recht gehabt! Wäre es doch in einer besseren Sache. Der
Vorgang bewegt mich, wie du dir denken kannst, sehr.2 Was gegen K. L. S[chmidt] zu sagen war und ist, tritt
jetzt zurück. Das hat er nicht verdient. Und das tut mir aufrichtig leid. Ich
kann mir Bonn ohne ihn doch
noch gar nicht vorstellen. Und was ist diese Absetzung für ein neues Symptom für
die Bedenklichkeit der ganzen Lage, in die man sich immer
hemmungsloser hineinmanövriert! Vielleicht schreibst du Frau Schmidt auch
ein paar Worte, wenn du magst.
Mit der gleichen Post kam tröstlicher Weise dein Brief. Laß dich doch ja durch
nichts und niemand verhindern, nach Lindau zu kommen. Deine Vorberichte werden uns allen unentbehrlich
sein – ganz abgesehen von der großen Sehnsucht, die jemand
hat, dich wiederzusehen. Die Tatsache, daß nun auch noch Line auf dem Plane sein
wird, ist allerdings
erschreckend. Wenn man die ganze Sache absichtlich «mühsam» machen wollte, so
mußte man sie gerade in dieser durch das Mitkommen von Gerty eröffneten Weise im
Voraus belasten. Aber wir wollen sie auch so freudig überstehen. Es ist gut, daß
|327 wir an Träublein und Steck auch noch einen
gewissen eigenen, Bonner Hintergrund haben werden, auf den wir uns je und dann zurückziehen
können, wenn es uns in jener geladenen Atmosphäre zu toll wird.
Träubleins
Antwort an den Herrn Ranke
hat sich in der Tat gut gewaschen. Sag ihm vorläufig, daß mir dieser Brief eine
sehr erquickende Lektüre gewesen sei.
Magst du Gertrud Staewen, deren exakte Adresse mir nicht gegenwärtig ist,
mitteilen
1. Daß sich Pfr. Schädelin
in seiner Bettagspredigt ziemlich eingehend mit dem Buch «Menschen der
Unordnung»3 beschäftigt habe, so daß
sie nun
auf diese Weise auch einmal, und zwar vor einer gewaltigen Berner Bettagsgemeinde, auf
die Kanzel des Berner Münsters gekommen sei.
2. Daß im Kt. Bern 13 Pfarreien unbesetzt seien und daß nach Aussage meines
Bruders Peter, der ja in der
Prüfungskommission ist, für Günther Dehn hier durchaus eine Möglichkeit sich eröffnen könnte.4 Er soll sich, wenn ihm daran liegt, mit meinem Bruder in Verbindung setzen, der
zu Allem willig ist.
Und schau, schau, nun kann ich dir sogar ein Bildlein von mir, d. h. hauptsächlich von meinem hiesigen
Milieu schicken. Kari Lindt hat es aufgenommen. Eben an diesem Fenster sitze ich und
schreibe meiner Lollo diesen Brief!
Heute morgen kam ein Telegramm vom Bonner Kurator5
: ich solle den Fragebogen –
ich hatte um Aufschub der Ablieferung gebeten wegen einiger ausstehender Daten –
vollständig oder unvollständig sofort einsenden.6 Er war
zufällig gerade heute früh abgegangen, nachdem ich das Fehlende durch ein
Telephon mit Basel hatte in Erfahrung bringen können. Ob diese Nervosität zu
bedeuten hat, daß |328 vor dem nahenden 30. September7 auch um mich herum noch ein kleiner
Rumor stattfindet?
Auf der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin laufen
scheint’s alle Tage Klagen ein von Schweizern, denen man wegen Verweigerung des
Hitlergrußes dies und das
zufügt. Vorgestern sind einem solchen – zufällig gerade einem Frontenmann8!! – zwei Rippen durch
Stiefeltritte zerbrochen worden. Und ein Mitglied der englischen Gesandtschaft
hat aus dem gleichen Grunde eine Ohrfeige bezogen. Dgl. trägt nicht dazu bei,
das dritte Reich im übrigen
Europa sympathischer zu machen.
Auf der Württemberger Synode9 hat
der Landesbischof Wurm von den
D. Chr. merklich
Abstand genommen10.
Dann hat ein D. Chr.11 eine Rede gehalten und
dabei heftig gegen deinen l. Karl gesprochen, den Schweizer, welcher …!12 Die Basler Nachrichten bringen den |329 betr. Satz in Sperrdruck.13 Dgl. an die Emser Depesche14
erinnernde Dinge macht eben Oeri vorzüglich.
Vom Kurator ist auch eine
dringende Nachfrage wegen jener «freiwilligen» Spende15 da …!
Der Vortrag für Meiringen16 ist gestern abend
gut in Fluß gekommen und wird heute fertig werden. In der Beilage siehst du mich
in dieser gediegen heimatlichen Umgebung meinen «vielbeachteten» Weg gehen!17 Das
Schönste ist ja, daß du diesen Weg so genau «beachtet» hast!
330 In Sachen Hansjoggeli18 werde ich mit dem
einverstanden sein, was du für richtig hältst. Es wird einem leid tun, das
Bürschlein im Winter nicht um sich zu haben. Aber vielleicht ist es gerade jetzt
ohnehin besser so.
Feierliche «Anerkennung für Ihr energisches Eintreten für die Freiheit der
Kirche …» von der Federazione delle Associazioni Cristiane dei Giovani
d’Italia (C. V.J. M.).19
Grüß Gott, liebe Lollo, ich danke dir für Alles und bin froh, daß du da bist!
Grüße den Traub und den Steck und die Emmy. Wie gut, daß ich bei deiner Mutter wenigstens durch Hansjoggeli
würdig vertreten war.
Die Fahne20
ist, groß wie ein anständiges Bett-Tuch, eingetroffen und wird uns
schon innerhalb des Hauses ein tröstlicher Anblick sein!
Du!