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von Kirschbaum an B. in Bern
[München] Freitag, 22.9.1933
Ist es unerwünscht, daß ich so oft komme? Aber weißt du, es geht mir wie dir, das
Gefühl der Zusammengehörigkeit drängt sich mir hier ganz besonders stark auf, und
irgendwie sucht sich das ein bißchen Luft zu machen zwischen all den so «ordligen»1 (so sagt doch
deine Mutter?)
Vorgängen, die meine Tage füllen. Und dann fand ich eben beim Heimkommen Deinen Brief vor, über
den ich so froh bin. |331 Geht’s dir denn auch ein bißchen gut dort, lieber,
lieber Karl? Weißt du, hier ist das sehr merkwürdig. Das 3. Reich sieht in München
vordergründlich so harmlos aus, so gemütlich, daß man fast lachen muß im Gedanken an unsere
Sorgen. Ich lasse mich nicht davon täuschen, du mußt keine Angst haben. – – Gestern abend sah ich im Residenztheater (schönstes 18. Jahrhundert!) mit Mutter und Bruder ein Zeitstück «Konjunktur»2, das sehr lehrreich war. Es beginnt vor der nat. soz. Revolution, spielt in
Bankkreisen, die alle als korrupt enthüllt werden, und strahlend behaupten das Feld ein
siegreicher blonder, blauäugiger Jüngling in S. A.-Uniform und (bezeichnenderweise!) die Tochter (also die Jugend) des korrupten
Bankmannes. Dieser S. A.-Mann verspritzt
noch gute Lehren über Pflichterfüllung, Treue, Sachlichkeit, und Alles löst sich in Butter auf.
Von Geist – – keine Spur! – Ich habe aber – geschwiegen. Den «Frieden» mit meiner Familie weiß ich jetzt zu schätzen!! – Ach
Karl –
Ja, gelt, wir wollen hier manchmal auch allein sein, bei Lodenfrey die Hausjoppe
kaufen und ein wenig München ansehen.
Ich glaube, das Zusammensein mit Allen wird sehr anstrengend, und zwei Tage im
Ganzen sind genug und übergenug. – Zu einem Gespräch mit Georg wird es ja schon kommen. Aber ich habe keine Hoffnung auf
Verständigung, kann dich eigentlich nur um Schonung für ihn bitten und möglichst um eine
Aussprache ohne Frauen. Ob ich mit unter diese Kategorie falle, magst
du bestimmen.
Die Nachricht von Markus beschäftigt
mich. Der gute Bub – – aber sollte er nicht zunächst ruhig abwarten und dies halbe Jahr noch
schlucken? Oder willst du ihm das nicht zumuten? Für die Jüngeren ist es ja fast
noch schwieriger. Unser Matthislein wird
noch manchen Strauß haben!!
Mit Hansjoggeli bin ich morgen vormittag wieder zusammen. Heute sprach ich Frau Lempp, er sei ganz vergnügt. – Von den Tauben |332 vor der
Feldherrnhalle konnte er sich neulich fast nicht trennen (ich hab an dich vor der Markuskirche gedacht!), und ich
muß morgen wieder hin mit ihm. –
Etwas «Geschäftliches»: Gib doch der Bank
direkt Anweisung, daß sie ab 1. Oktober nur mehr am 1. und 15. je 140 Mark Miete
für Koennecke an Heinrich Böcker u. Co.
anweise. – An Nelly habe ich gestern ausführlich über Joggeli
geschrieben. Wäre es nicht Alles in Allem gut, sie könnte sich für
Dürrenroth3 entschließen? Aber natürlich: ganz
leicht ist es nicht. –
Grüß deinen Schwager Lindt. Er soll
doch vernünftig sein!! Ich mag ihn doch so gern. Und grüß vor Allem Peter, wenn er kommt. Grüß aber auch deine Mutter, wenn sie’s hören mag. – –
Denk, Erica muß weg von Droyssig. Man hat
ihr nahegelegt, um Versetzung oder Ruhestand einzugeben. Sie hat Versetzung
gewählt.4 Du kannst hier einen Rundbrief von ihr5 lesen. –
Emmy ist sehr lieb und treu, und gestern ein
Besuch bei Schwester Ottilie6 war irgendwie tröstlich. So einsame Frauen sind doch sehr oft
viel größer und tapferer als – – na ja, ich will ja keine Ressentiments ausleben (die ich im Augenblick übrigens gar
nicht habe). –
Alles Gute für Meiringen. Ich werde sehr daran
denken, bin am gleichen Tag (nach der Predigt von Steck in Laim) bei meiner Tante in Starnberg7. – Am Freitag kann
ich um 1156 in Lindau sein.
Heute in acht Tagen um diese Zeit ist schon Alles gut. Du Karl, es ist ja so schön – –