Brief Nr. 138 · 22. September 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Ist es unerwünscht, daß ich so oft komme? Aber weißt du, es geht mir wie dir, das Gefühl der Zusammengehörigkeit drängt sich mir hier ganz besonders stark auf, und irgendwie sucht sich das ein bißchen Luft zu machen zwischen all den so «ordligen»1 (so sagt doch deine Mutter?) Vorgängen, die meine Tage füllen. Und dann fand ich eben beim Heimkommen Deinen Brief vor, über den ich so froh bin. |331 Geht’s dir denn auch ein bißchen gut dort, lieber, lieber Karl? Weißt du, hier ist das sehr merkwürdig. Das 3. Reich sieht in München vordergründlich so harmlos aus, so gemütlich, daß man fast lachen muß im Gedanken an unsere Sorgen. Ich lasse mich nicht davon täuschen, du mußt keine Angst haben. – – Gestern abend sah ich im Residenztheater (schönstes 18. Jahrhundert!) mit Mutter und Bruder ein Zeitstück «Konjunktur»2, das sehr lehrreich war. Es beginnt vor der nat. soz. Revolution, spielt in Bankkreisen, die alle als korrupt enthüllt werden, und strahlend behaupten das Feld ein siegreicher blonder, blauäugiger Jüngling in S. A.-­Uniform und (bezeichnenderweise!) die Tochter (also die Jugend) des korrupten Bankmannes. Dieser S. A.-Mann verspritzt noch gute Lehren über Pflichterfüllung, Treue, Sachlichkeit, und Alles löst sich in Butter auf. Von Geist – – keine Spur! – Ich habe aber – geschwiegen. Den «Frieden» mit meiner Familie weiß ich jetzt zu schätzen!! – Ach Karl –

Ja, gelt, wir wollen hier manchmal auch allein sein, bei Lodenfrey die Hausjoppe kaufen und ein wenig München ansehen. Ich glaube, das Zusammensein mit Allen wird sehr anstrengend, und zwei Tage im Ganzen sind genug und übergenug. – Zu einem Gespräch mit Georg wird es ja schon kommen. Aber ich habe keine Hoffnung auf Verständigung, kann dich eigentlich nur um Schonung für ihn bitten und möglichst um eine Aussprache ohne Frauen. Ob ich mit unter diese Kategorie falle, magst du bestimmen.

Die Nachricht von Markus beschäftigt mich. Der gute Bub – – aber sollte er nicht zunächst ruhig abwarten und dies halbe Jahr noch schlucken? Oder willst du ihm das nicht zumuten? Für die Jüngeren ist es ja fast noch schwieriger. Unser Matthislein wird noch manchen Strauß haben!!

Mit Hansjoggeli bin ich morgen vormittag wieder zusammen. Heute sprach ich Frau Lempp, er sei ganz vergnügt. – Von den Tauben |332 vor der Feldherrnhalle konnte er sich neulich fast nicht trennen (ich hab an dich vor der Markuskirche gedacht!), und ich muß morgen wieder hin mit ihm. –

Etwas «Geschäftliches»: Gib doch der Bank direkt Anweisung, daß sie ab 1. Oktober nur mehr am 1. und 15. je 140 Mark Miete für Koennecke an Heinrich Böcker u. Co. anweise. – An Nelly habe ich gestern ausführlich über Joggeli geschrieben. Wäre es nicht Alles in Allem gut, sie könnte sich für Dürrenroth3 entschließen? Aber natürlich: ganz leicht ist es nicht. –

Grüß deinen Schwager Lindt. Er soll doch vernünftig sein!! Ich mag ihn doch so gern. Und grüß vor Allem Peter, wenn er kommt. Grüß aber auch deine Mutter, wenn sie’s hören mag. – –

Denk, Erica muß weg von Droyssig. Man hat ihr nahegelegt, um Versetzung oder Ruhestand einzugeben. Sie hat Versetzung gewählt.4 Du kannst hier einen Rundbrief von ihr5 lesen. –

Emmy ist sehr lieb und treu, und gestern ein Besuch bei Schwester Ottilie6 war irgendwie tröstlich. So einsame Frauen sind doch sehr oft viel größer und tapferer als – – na ja, ich will ja keine Ressentiments ausleben (die ich im Augenblick übrigens gar nicht habe). –

Alles Gute für Meiringen. Ich werde sehr daran denken, bin am gleichen Tag (nach der Predigt von Steck in Laim) bei meiner Tante in Starnberg7. – Am Freitag kann ich um 1156 in Lindau sein. Heute in acht Tagen um diese Zeit ist schon Alles gut. Du Karl, es ist ja so schön – –

Deine
L.

Sachfußnoten

1
= ordentlichen, korrekten, anstandsgemäßen.↩
2
Ein Revolutionslustspiel aus dem Frühjahr 1933 in drei Akten von Dietrich Loder (Pseudonym für Lazar Herman, genannt auch Leo Lania, 1896-1961, Journalist, Schriftsteller, emigrierte 1933 über Wien nach Paris, floh 1939 in die USA). Das Lustspiel wurde in der Reihe «Spiegel der Zeit, eine Folge junger Bühnenwerke» aufgeführt. Der 1. Akt spielt im Januar 1933, der 2. und 3. Akt spielen Ende März 1933 (nach der «Theaterzettel-Sammlung» des Deutschen Theatermuseums in München).↩
3
Siehe oben S. 330, Anm. 18.↩
4
Vgl. M. Flesch-Thebesius, Blume der Steppe. Das Leben der Pfarrerin Erica Küppers 1891-1968 (Schriftenreihe des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main, Nr. 19), Frankfurt am Main 1994, S. 55.57f. 📖↩
5
Nicht erhalten.↩
6
Vermutlich eine Rot-Kreuz-Schwester, die von Kirschbaum während ihrer Mitgliedschaft im «Schwesternverband des Bayerischen Landesvereins vom Roten Kreuz» kennengelernt hatte (Mitteilung von Fr. Zellweger-Barth).↩
7
Emilie Dorothea Karolina von Kirschbaum (1852–1935), Tochter des ehem. Kgl. bayer. Landgerichtspräsidenten Maximilian («Max») Josef von Kirschbaum und seiner Frau Pauline Wilhelmine, geb. Merck, ehemalige Direktorin des von Stetten’schen Instituts in Starnberg.↩