Brief Nr. 139 · 26. September 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Mein lieber Karl,

das wird das letzte Grüßlein sein. In vier Tagen können wir uns Alles wieder sagen, und das ist viel besser. – Am Sonntag habe ich viel nach Meiringen gedacht. Ich danke dir für deinen letzten Brief. Gleichzeitig hatte mir Nelly Schmidts Entlassung mitgeteilt. Das tut mir sehr leid, für ihn und für dich. An die Frau habe ich gestern ein paar Worte geschrieben. – Die Lage von Fuchs1 ist äußerlich ja wohl auch schlimm. Was soll er nur machen? Und man kann ihn doch fast nicht empfehlen in die Schweiz etwa? – Je länger ich hier bin, je mehr bedrücken mich alle diese Dinge. Es kursiert hier der Ausspruch eines bekannten Universitäts-Professors, der, als man ihn frug, wie er das Ganze ansehe, antwortete: Steht Amos 5,13 und 21. Schlag das einmal nach! – Aber damit ist es natürlich nicht getan. – – Stecks Predigt am Sonntag war so gut in ihrer völligen Kompromißlosigkeit und Steilheit, vielleicht nach wie vor etwas spröd als Anrede. Aber man muß sich freuen an ihm. Georg war übrigens auch mit ihm zusammen, nicht sehr glücklich scheinbar, da Georg ihm – seltsamerweise – klar machen wollte, daß sie als junge Vikare Gehorsam leisten müßten und nicht wie er und Traub etc. alle selber – Bischöfe sein zu müssen glaubten. Statt froh zu sein, daß sie es sich so angehen lassen!! –

Bei meiner Tante in Starnberg hatte ich sehr gute, tröstliche Stunden. Sie ist ein wenig hinfällig geworden, aber ganz ruhig und reif und bereit. Ihr großer Wunsch wäre, daß ich sie zu Ende pflegen würde. Aber gelt, ich kann doch nicht? – Gerade jetzt nicht. – Sie hat es auch begriffen. – Und gestern vormittag war ich also beim Arzt, einem sehr seltsamen, wie mir scheint, genialen Mann. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen nach einer kurzen Augendiagnose, war überdies sehr sachlich, zurückhaltend, aber ebenso treffsicher, daß er mein Vertrauen gewann. Ich erzähle dir dann lieber davon. – Im Dezember will er mich in Düsseldorf wiedersehen. Bis dahin muß ich allerhand |334 Tröpflein schlucken. Krank bin ich nicht, also Sorge mußt du keine haben. – Viele Stunden am Tage verbringe ich leider bei Dr. Lentrodt2 auf dem Marterstühlchen. Das ist mir vor Allem deshalb leid, weil ich Joggeli gar nicht mehr sehe. Es reicht mit der Zeit nicht. Heute ist er bei Traubs draußen. Er sei vergnügt und strahlt, daß er nach Dürrenroth darf. –

Es wird so schön sein, wenn du da bist. Für Sonntag abend haben wir «Berner» [?] Plätze genommen für Dich und «uns» in ein entzückendes Shakespeare’sches Lustspiel. Könnte man nicht die Pfarrer (Sammetreuther und wer da noch in Betracht kommt, Steck wünscht sehr, sein Onkel Burger3) am Sonntag nachmittag bei einem Kaffee bei Lempp versammeln? Das wäre am einfachsten. – Ich bin am Freitag nicht, wie ich schrieb 1156, sondern erst 1205 in Lindau4. Ich freue mich so sehr. –

­Lieber Karl –

Deine
L.

Heute nachmittag bin ich bei Steck im Seminar. Da wollen wir über die Predigt reden. –