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Barth an v.K. in München
Meiringen liegt hinter mir! – Ich
will dir erzählen, wie es gewesen ist. Zuerst bin ich auf den Beatenberg gefahren, den Lindts dies Jahr zum
letzten Mal bezogen haben. Es gab ein freundliches Zusammensein zunächst mit den
Kindern, dann doch auch mit Kari und Trudi im Besonderen, wobei
auch der Konflikt dieses
Jahres freimütig zur |335 Sprache kam. Es ergab sich, daß sie
damals im Frühjahr einfach dem Lauf der tatsächlichen Vorgänge nicht folgen
konnten: dem Hin und Her von Nelly
und darum dann auch dem Wechsel meiner Haltung. Eine große Rolle
spielte ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz aus einem meiner Briefe an
Mama1, an den sich auch für diese die ganze seltsame Erregung
angeknüpft hatte, in der sie mir nachher schrieb. Ich glaube, daß ich ihnen
Einiges erklären konnte. Die gewisse Starrheit, die mich damals an Karis Brief so kränkte,
war jedenfalls nicht mehr da. Beiden ist es ja ein ehrliches und dringliches
Anliegen, an meinem Leben fernerhin Anteil zu haben. Aber du liebe Zeit, es wird
immer wieder nicht leicht sein mit meiner Familie. Meine Mutter, ja meine gute
Mutter mit ihren verschiedenen Energien, weiß gar nicht, wie sie fortwährend
alles Schwere noch schwerer macht.|
Doch zunächst weiter im Text: Am Sonntag morgen fuhr ich mit Trudi
seeaufwärts. In Interlaken stießen, von Bern her kommend, Mama und Peter zu uns, ferner das
Trampeltier (Gertruds
Onkel2, der
Synodalratspräsident!), und so gelangten wir nach Meiringen, wo ich bei Pfr. Ellenberger3 untergebracht wurde. Und dann ging die Sache
nach dem dir bekannten Programm in Szene, nicht ohne daß ich noch eben vor
Beginn plötzlich das Bergliauto gesichtet hätte, dem Rudi, Gerty und
Frl. Eikhoff4 fröhlich entstiegen. Meinen Vortrag habe ich wieder in Stichworten abgefaßt und im Anschluß
daran frei gehalten. Von der Einweihungsfeier habe ich mich dann gedrückt, und
dafür gab es einen Tee mit Rudis und Peter. Daran anschließend gleich
noch einen «Imbiß» mit all den Pfarrern und Kirchgemeinderäten! Und am Abend saß
ich mit einem Kreis von Pfarrern noch lange zusammen.|
336Am Montag morgen rückten dann die ganzen Pfarrer der beiden Ämter5 an. Wir hörten einen Vortrag von Nil6 über die Aufgabe der Predigt, an dem ich wie
auch an seiner Predigt aufrichtige Freude hatte; man diskutierte bis Mittag (ich mußte
natürlich auch mein Scherflein geben), aß gemeinsam und hörte nachher gleich noch eine Predigt von
dem anderen Meiringer Pfarrer Fankhauser7, die ernst und gut genug war, daß ich in der
Hauptsache nur zustimmen konnte. Ein alter Liberaler, der dabei war und auch seinen Spruch tat, wirkte unter
den eigentlich fast ausnahmslos mir nahestehenden Jüngeren (es war auch ein
ehemaliger Bonner namens Iff8 darunter) wie ein seltener
Steinbock. Kurzum, ich kann einigermaßen beruhigt an die Kirche dieser beiden
Oberländer Ämter (das Wort «Talschaften» könnte hier am Platze sein)
zurückdenken: es wird dort im Wesentlichen sicher recht gepredigt, soweit man
das sagen kann.|
Und dann – dann führte der ebenfalls anwesende junge v. Tscharner (er wird im Winter wieder in
Bonn sein) mich und
Nil und dessen Frau in seinem
Auto zunächst über Interlaken nach Leissigen, wo die Familie ein Landgütlein
bewohnt. Dort wurde seine Mutter (eine vornehme französisch redende Dame,
sehr comme il faut!) an Bord genommen, das Auto gewendet, und
zurück ging’s über Interlaken nach Grindelwald. O Lollo, dort ist es sehr schön, an Engelberg erinnernd, aber Alles
gewaltiger, zackiger, bewegter, ein ganzer Chor von Bergspitzen, Felswänden,
Gletschern, Alpen, Wasserstürzen,
mitten drin das Dorf, ganz auf Fremde, besonders auf Bergsteiger eingerichtet, und etwas abseits vom
Dorf Pfarrhaus, Friedhof und Kirche an wunderbarster Lage. Ich sagte meinem
Freund einmal über das
andere, er solle froh und dankbar sein, da leben zu dürfen! Übrigens scheint er
das auch wirklich zu sein. Als die von Tscharner den Schauplatz dann |337 wieder
verlassen hatten, konnte ich mich ganz ihm und den Seinigen zuwenden mit dem Resultat, daß ich sehr froh
bin, diesen meinen einstigen Leibfuchsen9, der so lange gebraucht, bis er
sich von den einstigen Begegnungen mit mir erholt hatte, nun wieder geschenkt zu
bekommen. Wir hatten einen wirklich ausgezeichneten Abend miteinander, nachdem
ja der Tag in Meiringen das
Theologische bereits bereinigt hatte. Zuerst hörten wir Musik auf einem Grammophon: viel guten und mir neuen Mozart, den wir vor Jahren schon gemeinsam liebten. Dann eine Unterhaltung zu
dritt mit seiner Frau, die ein bescheidenes, aber kluges und nettes Wesen zeigte
(vier Kinder sind auch da, darunter ein achtjähriger, der schon auf dem Ski über
die große Sprungschanze gefahren ist!), eine Unterhaltung, die merkwürdigerweise
fast darin aufging, daß wir uns unaufhaltsam Geschichten aus unserer gemeinsamen
Vergangenheit in Erinnerung riefen, oft unter einem Gelächter, daß wir fast
ersticken wollten und die Frau gar nicht begriff, was los sei. Du hättest es
auch nicht begriffen! Es war eben eine merkwürdige Auferstehung einer ganzen
Welt von studentischen Möglichkeiten, wie sie für edle Frauen
so wirklich nicht bestehen können. Zuletzt saßen wir dann noch bis ½3 Uhr zu
zweit, und da wurde dann die
Sache wieder ernsthaft, d. h. wir haben einen sehr bewegten Austausch über
unsere Erfahrungen eben auf dem Gebiet «edle Frauen» gehabt. Ich habe ihm
zuletzt, die Vollständigkeit und Aufrichtigkeit der gegenseitigen Berichte
erforderte es, auch von uns
erzählt, und er hörte still und gut zu. Aber vorher war auch lange von Rösy
Münger10 die Rede. Ich
erhielt allerhand bestätigt und auch neu erzählt, wovon ich dir dann mündlich
berichte. Morgen um 6 Uhr werde ich im Anschluß an jenes Grindelwaldner Gespräch
mit einem Vetter von
R. M.11, der mit Nil
und mir Zofinger gewesen ist (dem Leibfuchs von Nil, also meinem «Großsohn»), zusammen sein und |338 Weiteres über diese alte und mir doch noch so
gegenwärtige Sache hören. Ich bin sehr froh über die Gelegenheit, mit all den
ihrerseits älter gewordenen Menschen nun wenigstens nachträglich zu einem
gewissen gegenseitigen Verständnis zu kommen. Die Berner sind schwere, schwere
Menschen, aber sie wissen dann auch etwas von Treue, wie man es sicher nicht
überall findet. Nun, als wir endlich zu Bett kamen, war es schon bald Zeit,
wieder aufzustehen.Wir saßen dann noch stundenlang unter einer prächtigen
alten Arve, und Nil ließ sein
Herz übergehen von dem, wovon sein Herz nebenbei auch noch ganz voll ist, vom
Lobpreis seiner über Alles geliebten Berge und den vielen Abenteuern und Gefahren, die er dort in all den
Jahren erlebt hat. Du würdest wahrscheinlich eine Weile brauchen, bis du mit
diesem knorrigen, mehr murmelnden als redenden Menschen etwas anfangen könntest.
Aber dann würde er dir sicher auch einleuchten. Weißt du, was mir die guten
Leute ganz zuletzt, um zehn Uhr, bevor mein Zug abging, noch bereiteten? Einen
richtigen Gemsenbraten, dem ich dann zu dieser für Braten etwas ungewohnten Zeit
noch alle Ehre anzutun versuchte. Auch Gemsenbraten würdest du gerne essen und
dabei dann vielleicht sogar Studenten- und Berganekdoten mit in Kauf nehmen.
Auch die Kinder dort würden dir gut – ich fürchte sogar nur zu gut, ach Lollo – gefallen. Die Kinder
bekamen dann noch Schokolade von mir gekauft, und dann eilte das Züglein mit mir
talabwärts. Die Zeitungen, die ich mir in Interlaken kaufte, brachten mich rasch
genug wieder in die Welt dessen zurück, was da drunten wirklich ist. Aber es ist
doch gut zu denken, daß es auch solche Grindelwalder Möglichkeiten gibt.
Was aber mußte mein blaues unschuldiges Kinderauge entdecken, als ich hier das
Haus betrat? Dora Scheuner war
da zum Sch[warzen] Kaffee bei Mama und Peter …, aber es war eine große
Kuh in der Luft12 infolge einer Aussprache, die Mama vorher mit Peter über diese Sache gehabt
hatte. Es gab dann viel unsägliches Hin und Her, und schließlich war Peter diesen Nachmittag
stundenlang hier bei mir auf dem Zimmer, um mir über seine doppelte Bedrängnis
von Lenchen und von unserer Mutter her sein Leid zu
klagen, und beim Nachtessen ist er plötzlich zornig oder traurig oder beides vom
Essen weggegan|339gen, und ich versuchte – vergeblich -,
Mama klar zu machen, daß sie ihn in aller Wohlmeinenheit quäle mit
ihren direkten Eingriffen und Einreden. Nun grollt sie wieder mir und spricht
vom Sterben! Also eine echte Familienszene, bei der es ohne viele «überhaupt»
nicht abgeht. Ich kann gewiß nichts Besseres tun als unterdessen meiner Lollo
schreiben! Hoffentlich nimmt der in den Bergen so gut begonnene Tag noch ein
irgendwie leidliches Ende. Das ist sicher, daß der arme Peter nach allen Seiten noch schwieriger dran ist
als ich. Aber ich will dir dann das Nähere mündlich erzählen, soweit es sich
erzählen läßt. Kühe in der Luft sind eben schwer zu erzählen.
Was aber passiert derweilen in der Welt! Reichstagsbrandprozeß13! Völkerbundsversammlung14 unter Mitwirkung von Wotans15
Micki-Maus16! Ein Erdbeben
hat’s hier auch noch gegeben, aber ich habe es in Meiringen verschlafen, und niemand war bei mir in der
Stunde der Gefahr! Ich sende dir als Drucksache einige Zeitungsausschnitte zur
Lage, natürlich
von unseren Talschaften aus gesehen, aber doch in ihrer Gesamtheit recht
beunruhigend. Was wird noch alles geschehen? Gut, daß wir jetzt dann wenigstens
wieder beieinander sind! Ich fand hier einen langen Brief von K. L. |340 Schmidt17. Er ist rüstig am Abbau
seiner Bonner Existenz.18
Uns wird zunächst die Obhut über den Knaben Andreas19 zufallen.
Andere Kinder sind anderswo, und die Eltern reisen nach Süddeutschland, um neues
Quartier zu suchen. Peter hat
bereits einen phantastischen Plan für K. L. Schmidt entworfen, und jedenfalls
wird unser Freund im Februar hier einen Vortrag20
halten. Und nun denk nur: sie haben den unglücklichen Fuchs21 auch abgesetzt bzw. weggeschickt.
So hat ihm seine Fahnenflucht22 nun doch
nichts ge|341holfen, und er sitzt zwischen allen Stühlen,
zwischen denen man nur sitzen kann, wie K. L. S. diesen Zustand beschreibt. Ferner
bekam ich eine Karte von Gertruds Schwester in Essen23 mit der
Nachricht, daß jener Pfr. Graeber, der das saftige Flugblatt gegen die D. Chr. verfaßt, in Schutzhaft genommen worden sei.24 Und ferner einen unerhörten Artikel aus der Nationalzeitung mit einem Bericht über eine Versammlung der D. Chr. am 15. Sept., in
welcher ein cand. theol. Jung
berichtet habe: (in Sperrdruck)
«Wie früher gewirtschaftet
wurde, beweist der Fall, daß man dem Theologieprofessor Barth, Bonn, als
Mitglied der S. P. D.
ein Jahresgehalt von 58 000 Mark zahlte, ein solcher Mann sollte nun die
Theologen zu Kämpfern erziehen. Sein Bruder ist noch heute kommunistischer
Verleger in Zürich.»25
Kurzum, es müssen merkwürdige himmlische Konstellationen sein, unter denen sich Mitteleuropa wieder einmal
befindet. Ob wohl |342 gerade Vollmond ist und also besondere
Wirksamkeit der Sonnenprotuberanzen? Jedenfalls keine lustige noch liebliche
Welt. Aber wir wollen uns nicht vergelstern26 lassen. Es ist Alles schwer genug, auch
ohne daß man es sich noch selber schwer macht, indem man sich fallen läßt. Wir
halten fest und treu zusammen! Dies wird nun mein letzter Brief gewesen sein.
Auf Freitag ist Alles schönstens verabredet. Es war mir etwas bekümmernd, daß
Eduard, dem ich doch
eine drastische Schilderung der ohnehin bevorstehenden Schwierigkeiten geboten
hatte, mich neulich anrief mit der Frage …, ob nicht doch auch noch Marguerite
mitfahren könnte, von welchem Plan ich ihm dann mit etwas gepreßter Stimme
abriet. Es wird nun sicher nicht geschehen, aber ich wollte ihm «eine Tafel
Schokolade» geben, wenn er mich gar nicht erst gefragt hätte. Sorge du nur
dafür, daß wir dich auf dem Bahnhof Lindau richtig vorfinden, wenn wir nämlich vor 1156 dort sein sollten, andernfalls mußt du eben auf uns warten. Aber
das wird meine kluge Lollo schon recht machen. Wirst du dem Knaben Gollwitzer das Zeichen
geben, sich ebenfalls dort einzufinden?27
Ich muß abbrechen. Der bewußte Tagesabschluß will in Angriff genommen sein. Grüß
Gott, Lollo, und grüß mir alle Lieben, die ich ja nun bald selbst von Angesicht
sehen werde.
An die Bank schreibe
ich.28