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Die russische Revolution 1917

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DIE RUSSISCHE REVOLUTION 1917

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Der Erste Weltkrieg hatte die Arbeiterbewegung gespalten. In den meisten kriegführenden Staaten hatten die Sozialisten für die Dauer des Krieges einen sog. Burgfrieden mit den bürgerlichen Parteien geschlossen und damit der nationalen Einbindung den Vorrang gegeben gegenüber der internationalen Verbundenheit in der Arbeiterbewegung. Der Berner Sozialdemokrat R. Grimm begann auf der Konferenz von Zimmerwald 1915 die radikalen Sozialisten Europas zu sammeln, die gegen die Politik des Burgfriedens auf Kosten der internationalen Solidarität waren. Aus den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal erwuchs die kommunistische Bewegung, deren treibende Kraft die bis 1917 in der Schweiz lebenden russischen Bolschewisten unter Lenin wurden. Nachdem die 2. Internationale sich nach dem Krieg auf der Konferenz in Bern vom 3. bis 10. Februar 1919 (s. oben S. 464–480) neu konstituiert hatte, besiegelte die Gründung der 3. (Kommunistischen) Internationale auf dem Kongress in Moskau vom 2. bis 6. März 1919 die Spaltung in der Arbeiterbewegung. Nach ihrer Absage an die 2. Internationale (s. oben S. 437) stellte sich für die SPS die Frage, ob sie der 3. Internationale beitreten wollte.1 In dieser Situation hielt Barth an einer Reihe von Abenden im Safenwiler Arbeiterverein die Vorträge «Die russische Revolution» (20. und 26. März), «Bolschewismus» (2. und 9. April, wobei er unter dem 9. April in seinem Kalender notierte: «Diskussionsabend (Bolschewismus)»), «Demokratie oder Diktatur?» (16. April, wobei unter diesem Datum im Kalender steht: «Letzter Diskussionsabend»). An E. Thurneysen berichtet er darüber am 13. April 1919: «Wir hatten unterdessen sehr ausgefüllte Zeiten. Wo soll ich anfangen? Also: viel Apostelgeschichte: Ananias und Saphira, Gamaliel, Stephanus. Dazu eine Serie von Bolschewiki-Abenden mit Betrachtungen über die Lenin’schen Vorder- und Hintergründe (der Dostojewskische russische Christus, das Elias-Calvin-Cromwell-Problem des Reiches Gottes!).»2 Für die Ausführungen über die Revolution in Russland ist eine wichtige Quelle |482 Barths die Darstellung von L. Trotzki «Von der Oktober-Revolution bis zum Brester Friedensvertrag», die 1918 im Promachos-Verlag Belp-Bern («Herausgeber Fritz Platten, Nationalrat, Zürich») 📖 erschienen war. Barth war auf sie vielleicht durch den Vorabdruck eines Kapitels im «Neuen Freien Aargauer», Jg. 13, Nr. 185-190 vom 13.-20.8.1918 📖, aufmerksam geworden.

Die russische Revolution 1917

20. III 19
26. III 19

Eine vorläufige Orientierung zur Stellungnahme zur Frage: Demokratie oder Diktatur?3 Schwierig, weil mehrere Unbekannte in der Rechnung für uns a) Rußland b) die Bolschewiki c) die Tatsachen seit Nov. 1917 (Abwartende Stellung des internat. Soz[ialisten]kongresses4[,] Haltung von Naine in s[einer] Broschüre5) Also alles Mitteilungen, die der Ergänzung bedürfen.

1. Rußland, mit den übl. Mitteln nicht zu begreifen, auch nicht durch Reisen, am Besten wohl durch Lektüre s[einer] besten Schriftsteller. Das Land der erwachenden M[enschen], roher, unkultivierter aber auch frischer u. lebendiger als wir (Litwin6)

483 Tutscheff: Man versteht R[ußland] nicht mit d. Verstand, an R. kann man nur glauben!7

Gorki: R. hat noch gar nicht gelebt, noch nicht Zeit gehabt, der Welt s[eine] verborgenen Kräfte zu zeigen8

X: Der Ozean den man Rußland heißt9

a) Erkenntnis des Leidens u. d. Bösen. Die Russen haben etwas Erschreckendes für uns. Sie blicken in den Abgrund. Sache nie blos des Einzelnen, sondern der Zusammenhänge u. Notwendigkeiten. Mit Schwermut[,] mit Verzweiflung, mit Hohn, mit ruhiger Klarheit. Wie anders als etwa G. Keller.10 «Gott sei mir Sünder gnädig» [Lk. 18,13].

b) Glaube an das Gute. Da wird zu viel von uns verlangt. Ein selbstverständlicher Blick in die Ewigkeit. Tiefste Religiosität ohne Kirche. Rücksichtsloser Glaube an die Möglichkeit u. Wille in den Kampf zu treten. Es geht immer ums Ganze. Daneben Jer. Gotthelf.11

484 c) Beweglichkeit. Keine starren Grenzen der Moral. Die Ergriffenheit ist Alles. Schlechte M[enschen] als Heilige. Umgekehrt Gute[,] denen das Böse durch äußere od. innere Notwendigkeit Schicksal wird. Scharfe Witterung für das Augenblickliche, Lebendige. Uns flimmerts vor den Augen

Aus den russ. M. muß die russ. Revol[ution] verstanden werden, nicht nach den Schlagworten od. einzelnen Erscheinungen, sondern aus dem tiefen Rhythmus dieses Lebens.

2. Die Lage 1917 Zu 9/10 Bauernvolk, erst seit 1867 Leibeigenschaft aufgehoben.12 Dazwischen Städte mit mod[ernen] kapitalist. Verhältnissen[,] über dem Ganzen die zarische Autokratie. Bildung auch in den bessern Ständen oberflächlich. Der Staat ist entweder Ausbeutungsobjekt oder der natürliche Feind. Funktioniert oder auch nicht. (Bestechlichkeit, Skandale) Selbstverständl. Anarchismus von oben od. von unten. Da hilft nur die Gewalt, ausgeübt durch die Polizei, gegen die Revolten! Ochrana13 (Fall Azeff 190514). Liberale Partei: Kadetten.15 Brüderl. Sozialisten auf nat[ionaler] Basis: Trudowiki (mit Zemstvo-Einrichtungen)16 Revolut[ionäre] Sozialisten: |485 Narodniki und Menschewiki. Extreme Sozialisten: Bolschewiki17 (alle im Ausland)18 Revolution von 1905 niedergeschlagen19

Der Krieg von 1914 greift tiefer ein. Das Land, das die Armeen stellt[,] wird ernstlich vom Unglück berührt, die Stellung der Oppositionsparteien gestärkt.

3. Die Märzrevolution.20 Anlaß: neben den allgemeinen die kompromittierten Gestalten eines Stürmer21, Suchomlinow22, Raspu|486tin23. Die Entente begrüßt die Revolution!24 Ans Ruder kommen zunächst die Kadetten25, mit denen sich die Soz[ial-]Revol[utionäre] verbinden26. Fürst Lwow.27 Miljukov.28 Rodzanko.29 Frühlingstage in |487 Moskau!30 Rückkehr der Exilierten.31 Aber die Zersetzung geht weiter. In der Masse grollt trotz der Demokratisierung das Mißtrauen gegen die Intelligenz. Großer Fehler: der demokratische Feldzug gegen Deutschland soll fortgesetzt werden. Auch die Soz.Rev. wollen jetzt (trotz ihrer frühern Haltung) den Krieg.32 Kerensky mit der Knute Peters d. Gr. u. mit der Rede Alex[anders] II.33  Damit ist jetzt |488 nichts mehr zu machen. Der Sturm gegen das Bestehende ist erwacht. Die misslungene Brussilow-Offensive im Juni 191734

4. Die Bolschewiki. Das klassenbewußte Arbeitervolk selbst, vereinigt in den Sowjets, eine Minorität, aber infolge ihrer Lage, Disziplin u. Führung die stärkste.

Persönliches über Leninu. Trotzky  Sadoul35: Willens[-­] u. Vernunftmenschen, ohne Ruhetrieb36 u. Aufregung. Unmittelbare Intel|489lektualisten, moralisch kaum zu verdächtigen, nicht machtgierig. Fehler u. Tugend der Rel[igions-]Stifter. Glaube d. Berge versetzt [vgl. Mt. 17,20; 1.Kor. 13,2]. Spartan. Einfachheit. Aufrichtigkeit

Gorki[:] Lebensfremde Charaktere ohne Liebe u. Erbarmen, Sklaven ihres Dogmas37

Die Sache Offenbar etwas echt Russisches. Das Bisherige soll durch die Umkehrung d. bisherigen Methode gestürzt werden. Die Arbeiterschaft wird Zar. Das Bürgertum kommt zwischen die Räder. Teufel durch Beelzebub [Mt. 12,27]. Nicht ohne Bewußtsein der Tragik der Lage. Die Möglichkeit weist auf eine gewisse histor. Notwendigkeit hin.

5. Die Novemberrevolution.38 Vorbereitet durch Versuch im Juli.39 Repressalien.40 Kornilow-Putsch.41  Desorganisation der Armee durch |490 die Sowjets.42 Das Agrarprogramm.43 Konstit[uierende] Versammlung?44 Entfernung der revolut. Petersburger Armee?45 22. Okt.-7. Nov. der Aufstand.46 25. Okt. Trotzkys Erklärung.47 Flucht Kerens|491kys.48  Auftreten von Lenin  u. Sinowjew[.]49 Sabotage50 u. Fähnrichsaufstand.51 Kerensky-Putsch.52 Gewaltmaßregeln u. Auflösung der |492 konstit. Versammlung53

Friedensverhandlung in Brest-Litowsk.54 Redner-Tribüne.55 Die |493 Stiefel des Generals Hoffmann.56 Rolle der Kiewer Rada.57 Refus u. endliche Unterzeichnung58

Sachfußnoten

1
Vgl. H. Egger, Die Entstehung der Kommunistischen Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes der Schweiz, Zürich 1972, S. 193–220 📖.↩
2
Bw.Th.I, S. 324. 📖↩
3
Die Kommunistische Internationale hatte auf ihrem Gründungskongress in Moskau die «Diktatur des Proletariats» ausgerufen (vgl. W. I. Lenin, Die Dritte Internationale und ihr Platz in der Geschichte, in: ders., Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. V, Berlin 198712, S. 73–82 📖) und die scharfe Trennung von der Sozialdemokratie vollzogen. Die Diskussion innerhalb der SPS um die Frage, ob man der Kommunistischen Internationale beitreten solle, wurde von seiten der Gegner des Beitritts unter dem Motto geführt: Demokratie oder Diktatur? Vgl. Egger, a.a.O., S. 207f. 📖; Mattmüller II, S. 510–535 📖.↩
4
Gemeint ist der Internationale Sozialistenkongress vom 3.-10.2.1919 in Bern. Zur Haltung des Kongresses gegenüber der russischen Revolution vgl. oben S. 478f.↩
5
Ch. Naine, Dictature du prolétariat ou démocratie. Avec Préface de l’éditeur P. Swesditch, Lausanne 1918 📖. Die Broschüre enthält eine scharfe Absage an den Bolschewismus.↩
6
Wenn der Name so zu entziffern ist, möglicherweise eine Aussage Paul Litwins. Der Wirtschaftsführer deutsch-russischer Abstammung war in der deutschen Delegation an den Verhandlungen mit Russland im August 1918 beteiligt.↩
7
Das Zitat findet sich als Motto des Aufsatzes von J. Matthieu, Russische Geisteskämpfe, in: NW, Jg. 10 (1916), S. 450–465.489–506 📖. – F. I. Tutscheff (1803–1873), bedeutender russischer Lyriker panslawistischer Gesinnung.↩
8
M. Gorkij, Ein Jahr russische Revolution, in: Süddeutsche Monatshefte, Jg. 16 (1918/1919), S. 6–62, dort S. 17 📖: «das träumerische, knochenlose Russland, das Land, das noch gar nicht gelebt hat, das noch nicht Zeit gehabt hat, der Welt seine verborgenen Kräfte zu zeigen»; vgl. ders., Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, hrsg. von B. Scholz, Frankfurt am Main 1972, S. 80 📖.↩
9
Motto ohne Verfasserangabe über dem dritten Abschnitts des genannten Aufsatzes von J. Matthieu, a.a.O., S. 455 📖:
Der Schriftsteller, wenn er eine Woge ist
Des Ozeans, den man Rußland heißt,
Kann nicht sich nicht empören,
Wenn sich die Elemente empören. […]
↩
10
Vgl. unten Anm. 11. Vielleicht denkt Barth im besonderen an G. Kellers Gedicht «Revolution» 📖, auf das auch in dem redaktionellen Artikel Zur russischen Revolution, in: NW, Jg. 11 (1917), S. 153–156, dort S. 153 📖, angespielt wird.↩
11
Bei der Schilderung des russischen Menschen dürften Barth – neben dem genannten Aufsatz von J. Matthieu – die Romane F. Dostojewskis vor Augen gestanden haben. Zur Gegenüberstellung mit G. Keller und J. Gotthelf vgl. E. Thurneysen, Dostojewski, München 1921, S. 33f. 📖↩
12
Die Bauernbefreiung wurde in Russland von Zar Alexander II. durch ein Manifest vom 3.3. (bzw. nach altem russischen Kalender 19.2.) 1861 (nicht 1867) gegen heftige Widerstände eingeleitet. Vgl. Handbuch der Geschichte Russlands, hrsg. von M. Hellmann u. a. , Bd. III: Von den autokratischen Reformen zum Sowjetstaat (1856–1945), Stuttgart 1981, S. 36–47 📖. – Siehe auch unten S. 487, Anm. 33.↩
13
Die zaristische Geheimpolizei.↩
14
Barth spielt anscheinend auf Jewno F. Asef an – der Name wurde auch als Azef oder Azeff transkribiert –, der einer der Köpfe des terroristischen Arms der Sozialrevolutionären Partei und zugleich Agent der Ochrana war. Er war, wenngleich nicht so entscheidend, wie er selber später behauptete, an den Vorbereitungen zum Attentat auf den Großfürsten Sergei A. Romanow am 4. Februar 1905 beteiligt. Vgl. A. Geifman, Entangled in terror. The Azef Affair and the Russian Revolution,  Wilmington, DE 2000, bes. S. 70–73 📖.↩
15
Die im Oktober 1905 gegründete «Partei der Volksfreiheit» oder «Konstitutionell-Demokratische Partei» (daher Abkürzung «Kadetten») unter Führung von Pawel N. Miljukow.↩
16
Die Trudowiki waren eine kleinere Arbeiterpartei, die vorwiegend aus ländlichen Vertretern bestand. In der ersten Reichsduma bildete sie eine Koalition mit Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären. Ihr gehörte Alexander Kerensky an. – Die Zemstvo-Verbände waren von Alexander II. gegründete ländliche Selbstverwaltungseinrichtungen mit Zuständigkeiten für Verkehr, Krankenversorgung, Ernährungssicherung, Volksbildung und Medizinalwesen.↩
17
Vgl. J. Braunthal, Geschichte der Internationale, Bd. 1 (Internationale Bibliothek, Bd. 108), Hannover 19783, S. 237 📖: «Der russische Sozialismus kristallisierte sich in zwei Hauptströmungen: in der agrarsozialistischen Schule der Narodniki, aus der die Partei der Sozialrevolutionäre hervorging, und in einer marxistischen Schule, aus der sich die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei entwickelte; sie spaltete sich 1903 in die Parteien der Menschewiki und Bolschewiki.» Die letzten beiden unterschieden sich darin, dass die Menschewiki die Massen der Arbeiter und Bauern selbst für revolutionär hielten, während die Bolschewiki «eine kleine Partei von ‹Berufsrevolutionären›, die als Hebel die Massen in Bewegung setzen und sie leiten», für erforderlich hielten; vgl. J. Braunthal, Geschichte der Internationale, Bd. 2 (Internationale Bibliothek, Bd. 109), Hannover 19783, S. 89.↩
18
Die führenden Bolschewiki wie Lenin, Trotzki (dieser gehörte allerdings bis zum Sommer 1917 den Menschewiki an) und Sinowjew waren alle kurz nach der Jahrhundertwende ins Ausland geflüchtet und lebten dort im Exil.↩
19
Das Jahr 1905 brachte Russland die erste bürgerlich-demokratische Revolution, die im Dezember militärisch niedergeschlagen wurde.↩
20
Gemeint ist die nach dem neuen Kalender am 8.3.1917, nach dem alten russischen Kalender am 23.2.1917 ausgebrochene und heute meist «Februarrevolution» genannte Erhebung. Zum Verlauf der Februar- und der Oktoberrevolution vgl. die betr. Kapitel im Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. III (s. oben Anm. 12); Die russische Revolution. Von der Abdankung des ­Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki, hrsg. von M. Hellmann, München 1977 📖3.↩
21
Boris Stürmer (1848–1917), unter dem Einfluss Rasputins (s. oben S. 314, Anm. 15) und der Zarin 1916 zum Ministerpräsidenten ernannt, vertrat das autokratische Zarentum gegen jede konstitutionelle Weiterentwicklung in Russland.↩
22
Wladimir A. Suchomlinow (1848–1926), seit 1909 Kriegsminister, wurde verantwortlich gemacht für die Niederlagen der russischen Armee 1915 und im selben Jahr abgesetzt. Am 23. Juli 1917 wurde gegen ihn in Petersburg ein Prozess eröffnet, weil ihm vorgeworfen wurde, «die Anordnung des Zaren vom 30. Juli 1914 vormittags auf Aufschiebung der russischen Gesamtmobilmachung sabotiert zu haben. Tatsächlich hatten die russischen Militärs eine Teilmobilmachung, wie sie Wilhelm II. dem Zaren in letzter Minute als Ausweg vorgeschlagen hatte, für technisch undurchführbar erklärt und sich damit schließlich auch durchgesetzt»; vgl. Fr. Naumann, Der Kaiser im Volksstaat (1917), in: ders., Werke, Bd. 2: Schriften zur Verfassungspolitik, hrsg. von Th. Schieder, Köln und Opladen 1964, S. 638, Anm. 55 📖.↩
23
S. oben S. 314, Anm. 15.↩
24
Die USA erkannten als erster Staat die durch die Februarrevolution an die Macht gekommene Regierung an. Der englische Premier Lloyd George schrieb an den vom Zaren noch vor seiner Abdankung mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragten Fürsten G. J. Lwow: «Mit dem Gefühl der größten Befriedigung haben die Völker Großbritanniens und der britischen Dominien über See erfahren, daß ihr großer Verbündeter Rußland jetzt mit Nationen, welche ihre staatliche Ordnung auf eine verantwortliche Regierung stützen, in einer Reihe steht» (Die russische Revolution, a.a.O. [s. oben S. 485, Anm. 20], S. 165f. 📖).↩
25
Die unter Leitung des Fürsten Lwow stehende Provisorische Regierung wurde aus Mitgliedern der Konstitutionell-Demokratischen Partei und anderer kleiner liberaler Gruppierungen, wie den Oktobristen, gebildet. Der Gründer der Kadettenpartei, P. Miljukow, wurde Außenminister.↩
26
Am 2.3.1917 beschloss die Konferenz der Petrograder Sozialrevolutionäre die Unterstützung der Provisorischen Regierung.↩
27
Fürst Georgij J. Lwow (1861–1925) war zunächst Hauptbevollmächtigter des Allrussischen Zemstvo-Verbandes (s. oben Anm. 16). Am 2.3.1917 ernannte ihn der Zar im Zusammenhang mit seinem Thronverzicht zum Ministerpräsidenten. Da die Regierung Lwow kein soziales Programm hatte und die Fortsetzung des Krieges für selbstverständlich hielt, geriet sie als Regierung mit «kapitalistischem Charakter» sofort unter die Angriffe Lenins. Im Juli 1917 trat Fürst Lwow vom Amt zurück und übergab es an Alexander Kerensky.↩
28
Pawel N. Miljukow (1859–1943), Führer der Konstitutionell-Demokratischen Partei seit 1905, Abgeordneter in der Reichsduma und Mitglied des die Provisorische Regierung vorbereitenden Duma-Komitees, Außenminister der Provisorischen Regierung. Er befürwortete die Fortsetzung des Krieges und trat sowohl für einen Siegfrieden über Deutschland als auch für annexionistische Kriegsziele Russlands ein. Damit geriet er in scharfen Gegensatz zu den Arbeiter- und Soldatenräten und den sozialistischen Parteien, besonders den Bolschewiki, die für einen «Frieden ohne Annexionen und Reparationen» kämpften. Bereits bei der ersten Kabinettsumbildung der Regierung Lwow im Mai 1917 demissionierte er.↩
29
Michail W. Rodsjanko (1859–1924) war Mitglied der Oktobristen-Partei und Präsident der Reichsduma. Er hatte den Zaren mehrmals mündlich und schriftlich vor dem Umsturz gewarnt für den Fall, dass nicht sofort eine andere Regierung und ein der Duma verantwortlicher Ministerpräsident zugelassen werde. Rodsjanko wurde Mitglied und Präsident des Duma-Komitees, das nach dem Sturz des Zaren bis zur Einsetzung der Provisorischen Regierung die Macht innehatte.↩
30
Nach der Abdankung des Zaren kam es in Moskau zu großangelegten Truppenparaden und sozialistischen Kundgebungen, die in voller Disziplin durchgeführt wurden. Die sofort proklamierte Freiheit des gesprochenen und geschriebenen Wortes, der Versammlung, der Religion und des Atheismus wurde begeistert gefeiert. Innerhalb von drei Tagen nach dem Sturz des Zaren erschienen in Moskau drei neue Zeitungen: der «Vorwärts» als Blatt der Menschewiki, «Trud» (Arbeit) als Blatt der Sozialrevolutionäre und der «Sozialdemokrat».↩
31
Rückkehr der Gruppe um Lenin aus dem Schweizer Exil mit Hilfe der deutschen Regierung am 16.4.1917. Trotzki traf am 17.5. in Petrograd ein.↩
32
Der hauptsächlich von Sozialrevolutionären gestellte Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Bauerndeputierten rechtfertigte am 14.3.1917 in einem Appell an die Völker der ganzen Welt die Fortsetzung des Krieges von russischer Seite als Verteidigungskrieg.↩
33
Alexander F. Kerensky (1881–1970), seit 1912 Führer der Trudowiki, war als einziger Sozialist in der bürgerlich-liberalen Provisorischen Regierung zunächst Justizminister, dann Kriegsminister. Am 20.7.1917 wurde er Ministerpräsident als Nachfolger des Fürsten Lwow. Während der Oktoberrevolution wurde er von den Bolschewiki gestürzt. Kerensky galt als hervorragender Redner. Seine Überredungskunst trieb die russischen Soldaten im Juli 1917 zu einem letzten großen Angriff. – Im Zentrum der politischen Biographie des russischen Zaren Peter der Große (1672–1725) steht der große Nordische Krieg (1700–1721) gegen Schweden: «An seinem Ende war R[ussland] nach gewaltigem Aufwand an menschlichem Leid, wirtschaftlicher Kraft, politischer Unterdrückung und Innovation ein anderes geworden. Der persönliche Anteil P[eter]s an dem Krieg ist selbst dann noch ungewöhnlich, wenn man den besonders großen Spielraum, den die Autokratie dem Zaren eröffnete, in Rechnung stellt. In seinen militärischen, administrativen und diplomatischen Aktivitäten zeigte der Zar eine reiche politische Begabung, gepaart mit fast übermenschlichen Willenskräften» (Lexikon der Geschichte Russlands. Von den Anfängen bis zur Oktober-Revolution. Hrsg. von H.-J. Torke, München 1985, S. 297 📖). – Die Regierungszeit des Zaren Alexander II. (1818–1881) von 1855 bis 1881 war geprägt von den «Große[n] Reformen [...], mit denen das auf der Leibeigenschaft beruhende politische, soziale und wirtschaftliche System modernisiert wurde. [...] Die wichtigsten Elemente der G[roße]n R[eformen] waren die Bauernbefreiung, die Einführung der ersten echten Selbstverwaltungen, nämlich der Zemstvo auf dem Lande und der städtischen Selbstverwaltung, ferner die Justizreform, die Heeresreform und die Bildungsreform. Den Auftakt für die Bemühungen um die Bauernbefreiung [...] bildete die berühmte Rede Alexanders II. vor dem Moskauer Adel am 30.3.1856, in der er [...] zu einer Besserung der Lage der Bauern aufrief. Die Rede, die noch keinerlei Konzept aufwies, blieb bei dem widerstrebenden Adel ohne Resonanz» (a.a.O., S. 139). Mehr noch als Alexander II. stieß A. Kerensky in seiner Tätigkeit als Ministerpräsident vom Juli bis Oktober 1917 auf den Widerstand des Großbürger- und Großbauerntums.↩
34
Alexej Brussilow (1853–1926) leitete gemeinsam mit General Kornilow die von Kerensky initiierte Offensive an der österreichischen Front vom 1. bis 5. Juli 1917. Diese Aktion scheiterte nicht nur an der Stärke des gegnerischen Widerstandes, sondern vor allem auch an der von Kriegsmüdigkeit unterminierten Disziplin der Masse der russischen Soldaten.↩
35
Barth bezieht sich auf Jacques Sadoul (1881–1956), der als Mitglied der französischen Militärmission in Petrograd Augenzeuge und später Anhänger der russischen Revolution wurde. Sadouls Notes sur la Révolution Bolchévique (Octobre 1917 – Juillet 1918), édité par Fr. Platten, Belp-Berne 1918 📖, enthalten entsprechende Aussagen (vgl. z.B. S. 73f.85.100.143.157f.244.254), doch scheinen sie Barth nicht im Original, sondern in einer zusammenfassenden Bearbeitung vorgelegen zu haben – etwa einem Zeitungsbericht, in dem vielleicht auch Sadouls Briefe aus der Sowjet-Republik. Moskau 1918 (Der Rote Hahn, Bd. 51/52), Berlin-Wilmersdorf 1919 📖, und Es lebe die Räte-Republik! Aufzeichnungen von Kapitän Jacques Sadoul, Bern-Belp und Biel 1919 📖, berücksichtigt worden waren.↩
36
Das Wort ist nur vermutungsweise zu entziffern.↩
37
Vgl. Gorkij, a.a.O. (s. oben S. 483, Anm. 8), S. 26f. 📖 (vgl. Unzeitgemäße Gedanken, S. 97f. 📖): «Lenin selbst ist natürlich ein Mann von ausschließlicher Kraft; fünfundzwanzig Jahre stand er in den ersten Reihen der Kämpfer für den Endsieg des Sozialismus; er ist eine der bedeutendsten und originellsten Erscheinungen innerhalb der internationalen Sozialdemokratie; er ist ein Mann von großer Begabung und hat alle für den ‹Führer› notwendigen Eigenschaften; zugleich zeichnet ihn auch der für diese Rolle notwendige Mangel an Moral und ein selbstherrliches, erbarmungsloses Verhältnis gegen das Leben der Volksmassen aus. – Lenin ist ‹Führer›, zugleich aber auch russischer Grandseigneur, und gewisse seelische Eigenschaften dieses ins Nichtsein versunkenen Standes sind ihm nicht fremd; daher hält er sich für berechtigt, mit dem russischen Volke ein grausames Experiment, dem schon im vorhinein ein Mißerfolg beschieden ist, anzustellen.» «Diese unausbleibliche Tragödie berührt Lenin, den Sklaven des Dogmas, und seine Genossen, die seine Sklaven sind, in keiner Weise. Ihm ist das Leben in seiner ganzen Kompliziertheit fremd; er kennt die Volksmassen nicht, er hat niemals im Volke gelebt».↩
38
Gemeint ist die nach dem alten russischem Kalender am 25.10.1917, nach dem neuen Kalender am 7.11.1917 ausgebrochene und heute meist «Oktoberrevolution» genannte Erhebung (vgl. oben S. 485).↩
39
Vgl. L. Trotzki, Von der Oktober-Revolution bis zum Brester Friedensvertrag, Belp-Bern 1918, S. 19–24 📖: Die «Bewegung vom 3. bis 5. Juli», bei der «die Offensive […] bald von einem tragischen Rückzug abgelöst» wurde (S. 24). Lenin konnte fliehen. Trotzki wurde verhaftet (S. 25).↩
40
Trotzki, a.a.O., S. 25 📖: «Die neue Koalitionsregierung mit Kerenski an der Spitze betrat nun offen den Weg der Repressalien.»↩
41
Trotzki, a.a.O., S. 26–28 📖. – Der Höchstkommandierende der Armee, Lawr G. Kornilow (1870–1918) putschte am 27.8. gegen die Regierung Kerensky, die ihm immer mehr unter bolschewistischen Einfluss zu geraten schien. Die Bolschewisten erklärten den Putsch als gegenrevolutionäre Aktion und riefen Soldaten und Arbeiter zu sofortigem Widerstand auf. ↩
42
Trotzki, a.a.O., S. 36f.38.50–54 📖. ↩
43
Trotzki, a.a.O., S. 37f. 📖: «Die Situation auf dem Lande war aufs äusserste verworren und kompliziert. Die Revolution hatte den Bauern Land versprochen, zugleich aber verlangten die leitenden Parteien, dass die Bauern bis zum Zusammentritt der Konstituante dieses Land nicht anrührten.» «Aus den Dörfern strömten Deputationen nach dem Petrograder Sowjet. Sie klagten darüber, dass die Bauern verhaftet würden, wenn sie entsprechend dem Programm des Petrograder Sowjets das Land der Gutsbesitzer in die Hände der Bauernkomitees übergäben. Die Bauern erwarteten unsern Schutz. Wir gaben ihnen zur Antwort, dass wir sie nur dann beschützen könnten, wenn wir die Regierungsgewalt besässen. Daraus ergab sich die Folgerung, dass, wenn die Sowjets sich nicht in einfache Redeanstalten verwandeln wollten, sie die Regierungsgewalt an sich reissen müssten.» Nach der Oktoberrevolution versuchten die Bolschewiki, die errungene militärisch-politische Macht zu halten, indem «sie bereits am ersten Tage des neuen Regimes die Forderungen der Bauern nach einer vorläufigen Bodenverteilung wortwörtlich, wie sie von deren Vertretern formuliert worden waren, zum Gesetz erhoben» (vgl. Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. III, a.a.O. [s. oben S. 484, Anm. 12], S. 589f. 📖).↩
44
Trotzki, a.a.O., S. 38f. 📖: «Die Konstituierende Versammlung wurde unterdessen immer weiter hinausgeschoben. Die Bourgeoisie bestand darauf, dass die Konstituante erst nach Friedensschluss einberufen würde.» «Aber wir waren keineswegs von» dem «Fetischismus der Konstituante angesteckt. Vor allem hatten wir ja keine Garantien dafür, dass sie in der Tat einberufen würde. Der Zerfall der Armee, die Massendesertionen, die Verpflegungskalamitäten, die Agrarrevolten – all das hatte eine Lage geschaffen, die für die Wahlen für die Konstituante wenig günstig war. […] Und dann – wäre selbst die Konstituierende Versammlung unter Leitung der alten Parteien, nach den alten Listen zusammengetreten, so wäre sie nur ein Deckmantel und ein Heiligungsmittel für die Koalitionsmacht geworden.»↩
45
Trotzki, a.a.O., S. 40–42.51.55f. 📖 ↩
46
Barth gibt den ersten Tag nach dem alten, den letzten Tag nach dem neuen Kalender an (25. Oktober = 7. November). Trotzki, a.a.O., S. 57f. 📖: Der 22. Oktober, der «Tag des Petrograder Sowjets», «wurde zum Paradetag der Kräfte der proletarischen Armee. Er verlief vortrefflich in jeder Hinsicht. […] In der Luft herrschte jene elektrische Spannung, die alle kritischsten Momente der Revolution auszeichnet, ‹Nieder mit der Regierung Kerenskis!› – ‹Nieder mit dem Krieg!› – ‹Die ganze Regierungsgewalt den Sowjets!› Vor diesen ungeheuren Menschenmengen wagte sich aus der Mitte der ehemaligen Sowjetparteien kein Mensch mit einem Wort des Widerspruchs hervor. Der Petrograder Sowjet dominierte absolut. Eigentlich war die Kampagne bereits gewonnen. Es blieb nur noch übrig, der illusorischen Regierung den letzten militärischen Stoss zu versetzen.»↩
47
Trotzki, a.a.O., S. 65 📖: «Im Laufe des 25. Oktober wurde das Winterpalais nach und nach von allen Seiten von unsern Truppen umzingelt. Um ein Uhr mittags gab ich in der Sitzung des Petrograder Sowjets im Namen des Militär-Revolutionären Komitees die Erklärung ab, dass die Regierung Kerenskis nicht mehr existierte und dass bis zu weiterem Beschluss des Allrussischen Sowjet-Kongresses die Regierungsgewalt in die Hände des Militär-Revolutionären Komitees überginge.»↩
48
Trotzki, a.a.O., S. 67 📖: «Das Winterpalais – genommen, Kerenski – geflüchtet, die übrigen Minister verhaftet und nach der Peter-Pauls-Festung verbracht! Das erste Kapitel der Oktober-Revolution war damit zu Ende.»↩
49
Trotzki, a.a.O., S. 69 📖: «Am 26. fand tags die Sitzung des Petrograder Sowjets […] statt. Hier traten zum ersten Mal, nach fast viermonatlicher Unterbrechung, Lenin und Sinowjew auf, empfangen von stürmischen Ovationen.»↩
50
Trotzki, a.a.O., S. 70 📖: «Der Sowjet der Volkskommissare eroberte eine Regierungsinstitution nach der andern, stiess aber überall auf die passive Resistenz der obern und mittlern Beamtenschaft. Die frühern Sowjetparteien verwandten alle ihre Kräfte, um in diesen Schichten eine Stütze zu finden und die Sabotage der neuen Regierung zu organisieren.»↩
51
Trotzki, a.a.O., S. 72–74 📖: Beim «Fähnrichsaufstand vom 29. Oktober» dienten «als Stützpunkt für die Organisation der Gegenrevolution» «die Fähnrichschulen und das ‹Ingenieur-Schloss›, in denen eine ziemlich grosse Anzahl Waffen und Kriegsvorräte konzentriert waren und von denen die Anschläge gegen die revolutionäre Regierung ausgingen.» «Die Säuberung Petrograds von contre-revolutionären Herden vollzog sich mit grosser Intensität. Die Fähnriche wurden fast durchwegs entwaffnet und die Teilnehmer am Komplott verhaftet […]. Der militärische Widerstand der Hauptstadt war endgültig gebrochen.»↩
52
Trotzki, a.a.O., S. 75–84; S. 81f., Anm. 1 📖: Aus dem «Radiotelegramm über unsern Sieg über die Truppen Kerenskis» vom 31.10.1917: «Die Nacht vom 30. auf 31. Oktober wird der Geschichte angehören. Der Versuch Kerenskis, gegen die Hauptstadt contre-revolutionäre Truppen zu führen, erhielt einen entscheidenden Schlag. Kerenski weicht zurück, wir schreiten vorwärts.» «Die grosse Idee der Diktatur der Arbeiter- und Bauerndemokratie hat die Reihen der Armee fest gefügt und ihren Willen gestärkt. Das ganze Land wird von heute an überzeugt sein müssen, dass die Sowjetregierung keine vorübergehende Erscheinung, sondern die unvergängliche Tatsache der Herrschaft der Arbeiter, Soldaten und Bauern bedeute.»↩
53
Trotzki, a.a.O., S. 94–96 📖. – Die noch von der gestürzten Regierung Kerensky geplante Konstituierende Versammlung trat am 5./6.1.1918 zusammen. Die Wahlen dazu, die vom 12.11.1917 an stattgefunden hatten, waren die erste und vorläufig letzte allgemeine gleiche, geheime und direkte Stimmabgabe, zu der es in Russland kam, und brachten den Bolschewiki nur zwischen 20 und 30 Prozent der Stimmen (vgl. Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. III, a.a.O. [s. oben S. 484, Anm. 12], S. 588 📖). Trotzki, a.a.O., S. 93f.: «Die Majorität erhielten in der Konstituierenden Versammlung die rechtsstehenden Sozialisten-Revolutionäre. Der parlamentarischen Mechanik entsprechend hätte ihnen die Regierungsgewalt gehören müssen.» Diese Regierung hätte aber «in das politische Leben des Landes lediglich eine zeitweilige Verwirrung hineingetragen, um dann wenige Wochen später durch einen neuen Aufstand gestürzt zu werden. Die Sowjets beschlossen, dieses verspätete historische Experiment auf ein Minimum zu reduzieren, und sie lösten die Konstituierende Versammlung noch an demselben Tage auf, an dem sie zusammengetreten war.» «Das Auseinanderjagen der Konstituierenden Versammlung machte unzweifelhaft auch auf die führenden Kreise der sozialistischen Parteien Westeuropas einen ungünstigen Eindruck. Dort erblickte man in diesem politisch unvermeidlichen und notwendigen Akt eine Parteiwillkür, eine Art Tyrannei.»↩
54
Trotzki, a.a.O., S. 97–117 📖. – Am 15.12.1917 war es zur Unterzeichnung eines Waffenstillstands für die gesamte russische Front gekommen. Schon eine Woche darauf begannen in Brest-Litowsk zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland Friedensverhandlungen, die auf russischer Seite zeitweise von Trotzki geleitet wurden. Nachdem die Ententemächte eine Einladung zur Teilnahme an den Friedensgesprächen abgelehnt hatten, setzten die Deutschen einen Diktatfrieden durch, der am 3.3.1918 unterzeichnet wurde.↩
55
Trotzki, a.a.O., S. 98 📖: «alle Völker lauschten mit gieriger Aufmerksamkeit dem Dialog in Brest-Litowsk». In den BN wurde freilich auch von «wachsender Ungeduld» (Jg. 74, Nr. 30 vom 18.1.1918 [2. Blatt], S. [3] 📖) über «die in den letzten Tagen sehr unangenehm aufgefallenen langen Reden Trozkis über allgemeine Themen» (Jg. 74, Nr. 33 vom 20.1.1918, S. [2]) berichtet. Trotzki hoffte auf eine revolutionäre Erhebung in Deutschland und Österreich-Ungarn und benutzte die Verhandlungen immer wieder zu Propagandaerklärungen etwa im Sinne der Resolution einer Versammlung am 3.1.1918 in Petrograd, an der u. a. Trotzki mit dem zentralen Exekutivkomitee der Sowjets teilnahm: «Wir sagen zu den Völkern Deutschlands, Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens: Eure Regierungen wurden unter Eurem Druck genötigt, unseren Grundsatz über einen annexions- und kontributionslosen Frieden anzunehmen. Sie versuchen indessen, ihre alte Annexionspolitik zu betreiben. Vergegenwärtigt Euch, daß der Abschluß eines demokratischen Friedens vor allem von Euch abhängt. Die Völker Europas glauben, daß Ihr durch den Kampf erschöpft seid. Ihr werdet dem deutschen und österreichischen Imperialismus nicht gestatten, gegen das revolutionäre Rußland Krieg zu führen und Polen, Litauen, Kurland und Armenien zu unterjochen» (BN, Jg. 74, Nr. 8 vom 5.1.1918 [2. Blatt], S. [1]).↩
56
Generalmajor Max Hoffmann (1869–1927) war als Stabschef des deutschen Oberbefehlshabers Ost an den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk beteiligt und besaß das Recht, Wünsche und Bedenken der Obersten Heeresleitung auch gegen den politischen Verhandlungsleiter Staatssekretär v. Kühlmann geltend zu machen. Trotzki, a.a.O., S. 102 📖: «Der General Hoffmann trug in die Verhandlungen eine erfrischende Note hinein. Ohne eine grosse Sympathie zu den diplomatischen Instruktionen Kühlmanns zu zeigen, legte der General mehrmals seinen Soldatenstiefel auf den Tisch, um den sich komplizierte juristische Debatten drehten. Wir unsererseits, wir zweifelten keinen Augenblick, dass gerade dieser Stiefel des Generals Hoffmann als die einzige ernsthafte Realität bei diesen ganzen Verhandlungen zu betrachten sei.»↩
57
Vgl. Trotzki, a.a.O., S. 102f.109–111.114f. 📖 – Eine von den Mittelmächten abhängige ukrainische Vertretung schloss am 9.2.1918 in Brest-Litowsk einen Separatfrieden mit den Mittelmächten und bildete seither einen dem übrigen Russland gegenüber selbständigen und gegen die Sowjetregierung mit deutscher Unterstützung Krieg führenden Staat. Die ukrainische Zentralrada, eine aus Vertretern der ukrainischen politischen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen im Juni 1917 gegründete Nationalvertretung, hatte am 22.1.1918 die völlige Selbständigkeit der Ukraine erklärt. ↩
58
Trotzki, a.a.O., S. 115f. 📖 - Die Verhandlungen der Friedenskonferenz waren dreimal durch die Abreise der sowjetischen Delegation unterbrochen worden. Schließlich setzte Lenin sich mit seinem Willen durch, den Krieg unter allen Umständen zu beenden, so dass der Vertrag am 3.3.1918 unterzeichnet wurde.↩