Der Erste Weltkrieg hatte die Arbeiterbewegung gespalten. In den meisten kriegführenden Staaten hatten die Sozialisten für die Dauer des Krieges einen sog. Burgfrieden mit den bürgerlichen Parteien geschlossen und damit der nationalen Einbindung den Vorrang gegeben gegenüber der internationalen Verbundenheit in der Arbeiterbewegung. Der Berner Sozialdemokrat R. Grimm begann auf der Konferenz von Zimmerwald 1915 die radikalen Sozialisten Europas zu sammeln, die gegen die Politik des Burgfriedens auf Kosten der internationalen Solidarität waren. Aus den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal erwuchs die kommunistische Bewegung, deren treibende Kraft die bis 1917 in der Schweiz lebenden russischen Bolschewisten unter Lenin wurden. Nachdem die 2. Internationale sich nach dem Krieg auf der Konferenz in Bern vom 3. bis 10. Februar 1919 (s. oben S. 464–480) neu konstituiert hatte, besiegelte die Gründung der 3. (Kommunistischen) Internationale auf dem Kongress in Moskau vom 2. bis 6. März 1919 die Spaltung in der Arbeiterbewegung. Nach ihrer Absage an die 2. Internationale (s. oben S. 437) stellte sich für die SPS die Frage, ob sie der 3. Internationale beitreten wollte.1 In dieser Situation hielt Barth an einer Reihe von Abenden im Safenwiler Arbeiterverein die Vorträge «Die russische Revolution» (20. und 26. März), «Bolschewismus» (2. und 9. April, wobei er unter dem 9. April in seinem Kalender notierte: «Diskussionsabend (Bolschewismus)»), «Demokratie oder Diktatur?» (16. April, wobei unter diesem Datum im Kalender steht: «Letzter Diskussionsabend»). An E. Thurneysen berichtet er darüber am 13. April 1919: «Wir hatten unterdessen sehr ausgefüllte Zeiten. Wo soll ich anfangen? Also: viel Apostelgeschichte: Ananias und Saphira, Gamaliel, Stephanus. Dazu eine Serie von Bolschewiki-Abenden mit Betrachtungen über die Lenin’schen Vorder- und Hintergründe (der Dostojewskische russische Christus, das Elias-Calvin-Cromwell-Problem des Reiches Gottes!).»2 Für die Ausführungen über die Revolution in Russland ist eine wichtige Quelle |482 Barths die Darstellung von L. Trotzki «Von der Oktober-Revolution bis zum Brester Friedensvertrag», die 1918 im Promachos-Verlag Belp-Bern («Herausgeber Fritz Platten, Nationalrat, Zürich»)
📖 erschienen war. Barth war auf sie vielleicht durch den Vorabdruck eines Kapitels im «Neuen Freien Aargauer», Jg. 13, Nr. 185-190 vom 13.-20.8.1918
📖, aufmerksam geworden.
Die russische Revolution
1917
20. III 19
26. III 19
Eine vorläufige Orientierung zur Stellungnahme zur Frage: Demokratie oder Diktatur?3 Schwierig, weil mehrere Unbekannte in der Rechnung für uns a) Rußland b) die Bolschewiki c) die Tatsachen seit Nov. 1917 (Abwartende Stellung des internat. Soz[ialisten]kongresses4[,] Haltung von Naine in s[einer] Broschüre5) Also alles Mitteilungen, die der Ergänzung bedürfen.
1. Rußland, mit den übl. Mitteln nicht zu begreifen, auch nicht durch Reisen, am Besten wohl durch Lektüre s[einer] besten Schriftsteller. Das Land der erwachenden M[enschen], roher, unkultivierter aber auch frischer u. lebendiger als wir (Litwin6)
483 Tutscheff: Man versteht R[ußland] nicht mit d. Verstand, an R. kann man nur glauben!7
Gorki: R. hat noch gar nicht gelebt, noch nicht Zeit gehabt, der Welt s[eine] verborgenen Kräfte zu zeigen8
X: Der Ozean den man Rußland heißt9
a) Erkenntnis des Leidens u. d. Bösen. Die Russen haben etwas Erschreckendes für uns. Sie blicken in den Abgrund. Sache nie blos des Einzelnen, sondern der Zusammenhänge u. Notwendigkeiten. Mit Schwermut[,] mit Verzweiflung, mit Hohn, mit ruhiger Klarheit. Wie anders als etwa G. Keller.10 «Gott sei mir Sünder gnädig» [Lk. 18,13].
b) Glaube an das Gute. Da wird zu viel von uns verlangt. Ein selbstverständlicher Blick in die Ewigkeit. Tiefste Religiosität ohne Kirche. Rücksichtsloser Glaube an die Möglichkeit u. Wille in den Kampf zu treten. Es geht immer ums Ganze. Daneben Jer. Gotthelf.11
484 c) Beweglichkeit. Keine starren Grenzen der Moral. Die Ergriffenheit ist Alles. Schlechte M[enschen] als Heilige. Umgekehrt Gute[,] denen das Böse durch äußere od. innere Notwendigkeit Schicksal wird. Scharfe Witterung für das Augenblickliche, Lebendige. Uns flimmerts vor den Augen
Aus den russ. M. muß die russ. Revol[ution] verstanden werden, nicht nach den Schlagworten od. einzelnen Erscheinungen, sondern aus dem tiefen Rhythmus dieses Lebens.
2. Die Lage 1917 Zu 9/10 Bauernvolk, erst seit 1867 Leibeigenschaft aufgehoben.12 Dazwischen Städte mit mod[ernen] kapitalist. Verhältnissen[,] über dem Ganzen die zarische Autokratie. Bildung auch in den bessern Ständen oberflächlich. Der Staat ist entweder Ausbeutungsobjekt oder der natürliche Feind. Funktioniert oder auch nicht. (Bestechlichkeit, Skandale) Selbstverständl. Anarchismus von oben od. von unten. Da hilft nur die Gewalt, ausgeübt durch die Polizei, gegen die Revolten! Ochrana13 (Fall Azeff 190514). Liberale Partei: Kadetten.15 Brüderl. Sozialisten auf nat[ionaler] Basis: Trudowiki (mit Zemstvo-Einrichtungen)16 Revolut[ionäre] Sozialisten: |485 Narodniki und Menschewiki. Extreme Sozialisten: Bolschewiki17 (alle im Ausland)18 Revolution von 1905 niedergeschlagen19
Der Krieg von 1914 greift tiefer ein. Das Land, das die Armeen stellt[,] wird ernstlich vom Unglück berührt, die Stellung der Oppositionsparteien gestärkt.
3. Die Märzrevolution.20 Anlaß: neben den allgemeinen die kompromittierten Gestalten eines Stürmer21, Suchomlinow22, Raspu|486tin23. Die Entente begrüßt die Revolution!24 Ans Ruder kommen zunächst die Kadetten25, mit denen sich die Soz[ial-]Revol[utionäre] verbinden26. Fürst Lwow.27 Miljukov.28 Rodzanko.29 Frühlingstage in |487 Moskau!30 Rückkehr der Exilierten.31 Aber die Zersetzung geht weiter. In der Masse grollt trotz der Demokratisierung das Mißtrauen gegen die Intelligenz. Großer Fehler: der demokratische Feldzug gegen Deutschland soll fortgesetzt werden. Auch die Soz.Rev. wollen jetzt (trotz ihrer frühern Haltung) den Krieg.32 Kerensky mit der Knute Peters d. Gr. u. mit der Rede Alex[anders] II.33 Damit ist jetzt
|488 nichts mehr zu machen. Der Sturm gegen das Bestehende ist erwacht. Die misslungene Brussilow-Offensive im Juni 191734
4. Die Bolschewiki. Das klassenbewußte Arbeitervolk selbst, vereinigt in den Sowjets, eine Minorität, aber infolge ihrer Lage, Disziplin u. Führung die stärkste.
Persönliches über Leninu. Trotzky Sadoul35: Willens[-] u. Vernunftmenschen, ohne Ruhetrieb36 u. Aufregung. Unmittelbare Intel|489lektualisten, moralisch kaum zu verdächtigen, nicht machtgierig. Fehler u. Tugend der Rel[igions-]Stifter. Glaube d. Berge versetzt [vgl. Mt. 17,20; 1.Kor. 13,2]. Spartan. Einfachheit. Aufrichtigkeit
Gorki[:] Lebensfremde Charaktere ohne Liebe u. Erbarmen, Sklaven ihres Dogmas37
Die Sache Offenbar etwas echt Russisches. Das Bisherige soll durch die Umkehrung d. bisherigen Methode gestürzt werden. Die Arbeiterschaft wird Zar. Das Bürgertum kommt zwischen die Räder. Teufel durch Beelzebub [Mt. 12,27]. Nicht ohne Bewußtsein der Tragik der Lage. Die Möglichkeit weist auf eine gewisse histor. Notwendigkeit hin.
5. Die Novemberrevolution.38 Vorbereitet durch Versuch im Juli.39 Repressalien.40 Kornilow-Putsch.41 Desorganisation der Armee durch |490 die Sowjets.42 Das Agrarprogramm.43 Konstit[uierende] Versammlung?44 Entfernung der revolut. Petersburger Armee?45 22. Okt.-7. Nov. der Aufstand.46 25. Okt. Trotzkys Erklärung.47 Flucht Kerens|491kys.48 Auftreten von Lenin u. Sinowjew[.]49 Sabotage50 u. Fähnrichsaufstand.51 Kerensky-Putsch.52 Gewaltmaßregeln u. Auflösung der |492 konstit. Versammlung53
Friedensverhandlung in Brest-Litowsk.54 Redner-Tribüne.55 Die |493 Stiefel des Generals Hoffmann.56 Rolle der Kiewer Rada.57 Refus u. endliche Unterzeichnung58