1919

Der internationale Sozialistenkongress in Bern

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DER INTERNATIONALE SOZIALISTENKONGRESS IN BERN

1919

Das Internationale Sozialistische Büro, Sekretariat der 2. Internationale in London, bemühte sich nach Kriegsende um eine neue Sammlung der sozialistischen Parteien. Der internationale Sozialistenkongress, der vom 3. bis 10. Februar 1919 in Bern tagte, versuchte eine doppelte Standortbestimmung. Zum einen ging es um eine Stellungnahme zu den Pariser Friedensverhandlungen, die am 15. Februar begannen und auf eine neue politische und wirtschaftliche Völkerordnung und einen «Völkerbund» zielten. Zum anderen wollte man Stellung nehmen zur radikalen Kommunistischen Bewegung, die sich am 2. März zu einer internationalen Konferenz in Moskau traf. Im Blick auf Paris sollte eine Abgrenzung gegenüber den bürgerlichen Vorstellungen einer neuen Weltordnung stattfinden, im Blick auf Moskau eine Abgrenzung gegenüber den revolutionären Vorstellungen des russischen Bolschewismus. Für das Referat im Safenwiler Arbeiterverein, das zu einem Urteil gegenüber «Paris», «Moskau» und «Bern» beitragen sollte, bilden die ausführlichen Berichte, die unter der Überschrift «Die internationale Sozialistenkonferenz in Bern» in den «Basler Nachrichten» erschienen, die direkte Quelle. Das belegt eine Reihe von Stichworten, die sich so in dem «Bulletin der Internationalen Arbeiterund Sozialistenkonferenz 📖» nicht finden, auf das wir als offizielles Konferenzdokument parallel verweisen.

Der internationale Sozialistenkongreß
in Bern 3.–10. II 19

26. II 19

1. Einberufen von den soz[ialistischen] Führern der Entente-Länder1 (Henderson2, Alb. Thomas3, Vandervelde4, Gompers5) unter Assi|465stenz des soz. Bureaus (Huysmans6) Vertreten sind 26 Staaten mit ca. 90 Deleg[ierten]. – Nicht vertreten wegen Radikalismus: Schweiz7 u. die off[izielle] italien. Partei8, wegen Nationalismus: Belgien9. Außerdem: Serbien10, Amerika11! Japan12, das bolschew. Rußland13. Branting |466 als neutrales Präsidium.14

2. Die Schuld am Kriege. Branting will keine Diskussion darüber15, sie kommt aber doch, u. zw. als erstes Thema

3.II. Thomas. Die schuldigen Regierungen müssen bestraft, die schuldigen Sozialisten aus d. Internationale ausgestoßen werden16

Renaudel.  Die direkte Schuld Deutschl[an]ds am Kriege. Wir übten nur Landesverteidigung17

467 Mistral Stellung z. Frieden u. z. Revolution18

Wels19 Schuldfrage schon entschieden, Fürsten abgesetzt.20 Wir übten nur Landesverteidigung.21 Russische Drohung.22 Verzweiflungskampf.23 Verurteilung gewisser Methoden.24 Aber die Hungerblok|468kade.25 Und die Reise Thomas nach Rußland.26 Wir sind dieselben geblieben!27

Renaudel Aber 1914 haben die d[eutschen] Soz[ialisten] die Verantwortlichkeit nicht festgestellt. Sie sind politisch unfähig28

4.II. Eisner29 Klarheit u. Wahrheit!30 D. Recht der Schuldfrage. Heraus aus dem Wahnsinn! Keine Steine werfen [,] auf das was tot |469 ist31[,] eine neue Zeit hat begonnen32[,] 1914 ein großer Betrug33, ein Taumel der Irrungen. Das ist zuzugeben.34 Warum haben die M[ehrheits-­­]S[ozialisten] nicht nachher opponiert?35 Jetzt hilft nur öffentl. Bekenntnis.36 Aber die Revolution war längst geistig vorbereitet u. sühnt die Schuld.37 Darum keine unwürdigen Zumutungen. «Wir le|470ben heute u. heute wollen wir handeln»38

Müller39 Die Militaristen in ganz Europa schuld.40 Öffnung aller Archive!41 Unser Einfluß!42

Kautsky43 Ein Glück, daß Deutschland nicht siegte. Die Opposition der U[nabhängigen] S[ozialisten]44

Stuart-Bunning45 Genug davon! Kein Krieg zwischen den Völkern. Die Schuldfrage führt uns nicht weiter. Eisner  [,] Kautsky gut! Appell an Thomas und die M.S.46

471 Grumbach47 Einigung auf d. Basis Eisner. M.S. sollen sich erklären über Deutschlands Schuld, keine Verteidigungen mehr48

Troelstra49 Guter Wille bei den M.S.! Paris nicht Waffen geben[,] sondern unsre Meinung kundgeben50

Longuet51 M.S. protestierten nicht wegen Belgien, nicht gegen Brest, gingen zuerst zurück. Französ. M.S. verhinderten Stockholm. Nun ists nötig, das ganze Prol[etariat] (Bolsch[ewisten] inbegr[iffen]) zu sammeln gegen den gemeinsamen Feind52

472 Adler53 Österr. u. Deutschl. wollten u. entzündeten d. Krieg. Doch wo blieb Selbstkritik54

5.II.  Resolution

Deutsche Erklärung: Die Rev[olution] hat das für den Krieg verantwortliche alte System gestürzt

Die Frage d. unmittelb[aren] Schuld ist geklärt, das Geschichtliche bleibt der Zukunft vorbehalten55

3. Der Völkerbund

Thomas (Engl.)56 Verantwortung für d. Zukunft wichtiger als die für die Vergangenheit. Die Arb[eiter] sind nicht schuld. Von Paris kommt die Gefahr. Überall Abrüstung! Schluß mit d. Kriegspsychose. Alle Völker sollen sich verbinden.57

473 Müller Rüstungsindustrie unter internat. Kontrolle58

R. Macdonald59 Kein Friede von 1871. Nicht Friede d. Regierungen sondern d. Völker60

Cachin61 Fort mit dem Haß! Kein Ausschluß!62

6.III. Henderson Genug des Kriegs. Gegen Paris!63

Eisner Die Presse! Strafgesetz geg. Weltverrat. Abschaffung der Wehrpflicht überhaupt64

Henderson Kein Gleichgewicht, keine Geheimdiplomatie, keine Kriegsentschädigungen65

474 Renaudel Nicht Zerstörung Deutschlands. Gleichheit der Nationen. Es geht ums deutsche Volk. Paris muß mit d. Willen von Bern rechnen66

4. Territorialfragen

Mistral Kein Gewaltfriede!67 Böhmen gegen Deutsch-Österr[eich].68 Elsäßer gegen Deutsche69

475 7.II. Troelstra Erhebung zum Sozialismus!70

Dann gegen Deutsche71

Kautsky Abstimmungen auf alle Fälle72

Molkenbuhr Keine Abst[immung] im Elsaß

Mistral Doch!73

Renaudel Ja, wegen Alldeutschen, keine Annexion am l[inken] Rheinufer[,] auch deutsche Kolonien74

Armenier geg. Türken

Ungarn geg. Tschechen

Georgien

476 Juden75

Longuet Nicht Nationen, M[ensch]heit76

8.II. Macdonald Auskunft über Irland, engl. Kolonien, ­Stützpunkte

Estländer

Belgier

Finnländer

Baltenländer77

477 Zwischenfall wegen der Rede Davids in der Nat[ional-]Vers[ammlung]

Grumbach . Müller . Kautsky78

Resol[ution]

Abstimm[un]g. Nicht Beute[,] nicht strateg.[,] ökonom.[,] histor. Gründe[,] nicht Schaff[un]g von Tatsachen79

9.II. 5. Arbeitsgesetzgebung80

478 6. Kriegsgefangene

Wels

Eisner «D[eutschland] hat kein Recht». Freiwillige f. Frankreich81

7. Diktatur u. Demokratie

Branting Es giebt Verhältnisse wo ...[,] aber Aufbau nur durch Demokratie. Warnung an die Imperialisten82

MacdonaldDikt[atur] kann nur Phase sein. Ziel ist Freiheit83

Zwischenfall zw. Renaudel, Loriot, Longuet[.]84 Nachts 1 h!85

479 10.II. Gawronski gegen Bolsch[ewisten] 

Faure für sie

Kautsky Unterstütz[un]g d. echten russ. Sozialisten. Bolsch[ewismus] ist neuer Militarismus

Henderson Bolsch. ist Gewalt

Bernstein Tod der Revolution!86

Mehrheit scheint gegen Bolschewismus

________

480 1. Über den Wert von Kongressen überhaupt. Worte haben ihren Wert durch das[,] aus dem sie kommen u. was daraus wird. Also Abschluß u. Neuanfang. Wir können zunächst nur nach dem fragen, was dabei zu Tage tritt.

2. Hier der Wille zu einer Verständigung unter d. arbeitenden Völkern[.] Nur Bruchteil vertreten, aber wichtiger. Dieser Wille ist da, mehr als zu erwarten war. Wertvolle Zugeständnisse von beiden Seiten. Noch ist die Kriegspsychose nicht überwunden, aber sie wird es. Die Internationale marschiert wieder, nicht in der Richtung der Soz[ial-]Patrioten, sondern in d. Richtung Eisner. Das wird man sich in Paris merken!

3. Haben die Befürchtungen unsrer Radikalen Recht bekommen? Nein, es ist Schluß erklärt worden. Der Kampf d. Arb[eiter-]Klasse geht auf neuer Grundlage weiter.

4. Die Frage des Bolschewismus ist mit Recht offen gelassen worden unter deutlichen Erklärungen der Sache gegenüber. Hier stehen wichtige Entscheidungen bevor.

Sachfußnoten

1
Zum Vorbereitungsausschuss gehörten keine Mitglieder aus dem Bereich der Mittelmächte; vgl. J. Braunthal, Geschichte der Internationale, Bd. 2 (Internationale Bibliothek, Bd. 109), Hannover 19783, S. 167f. 📖↩
2
Arthur Henderson (1863–1955), britischer Labour-Politiker, 1915 Arbeitsminister im nationalen Kriegskabinett, aus dem er 1917 wegen seiner Sympathie zur sozialistischen Friedensbewegung von Stockholm zurücktreten musste.↩
3
Albert Thomas (1878–1932) vertrat die Sozialisten in Frankreichs «Regierung der nationalen Verteidigung» im Weltkrieg, 1916/17 Kriegsminister.↩
4
Emile Vandervelde (1866–1938), belgischer Sozialist, Publizist und Minister, 1900 Vorsitzender des Büros der Sozialistischen Internationale.↩
5
Samuel Gompers (1850–1924), amerikanischer Gewerkschaftsführer.↩
6
Camille Huysmans (1871–1968), belgischer Sozialist, Generalsekretär der 2. Internationale.↩
7
Am 2. Februar 1919 hatte ein außerordentlicher Parteitag der SPS eine Beteiligung an dem Kongress der 2. Internationale und damit eine Gemeinschaft mit den an ihm teilnehmenden sozialistischen Parteien abgelehnt (vgl. oben Schweizerischer Parteitag und internationale Konferenz, S. 437–443).↩
8
Die italienischen gehörten mit den schweizerischen Sozialisten zu den Initiatoren der Zimmerwalder Konferenz vom 5. bis 8. September 1915, die faktisch zum Vorläufer der kommunistischen Internationale werden sollte (vgl. J. Humbert-Droz, Der Krieg und die Internationale. Die Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964, S. 81–98 📖). An der Restauration einer «sozialpatriotischen» Internationale wollten sie 1919 nicht mehr beteiligt sein (Braunthal, a.a.O. [s. oben Anm. 1], S. 168 📖).↩
9
Die belgischen Sozialisten weigerten sich, «sich mit Vertretern der deutschen Mehrheitssozialisten, die es unterlassen hatten, gegen die Besetzung Belgiens zu protestieren, an den Beratungstisch zu setzen» (Braunthal, ebd. 📖).↩
10
Anders als andere sozialistische Parteien auf dem Balkan gehörte die Serbische Sozialistische Partei zum linken, marxistischen Flügel der Internationale. Sie zählte zu den wenigen Parteien, die 1914 den Kriegskredit verweigert hatten (Braunthal, a.a.O., S. 47f. 📖), und bewegte sich seither konsequent auf der revolutionären Linie weiter. Schon im März 1919 gehörte sie zu den Initianten der Kommunistischen Internationale (vgl. Humbert-Droz, a.a.O., S. 54 📖).↩
11
Aus den USA war der amerikanische Gewerkschaftsbund eingeladen, er weigerte sich aber, an einer von «Arbeiterorganisationen feindlicher Länder» beschickten Zusammenkunft teilzunehmen (Braunthal, a.a.O., S. 168f. 📖).↩
12
Die Notiz scheint darauf zurückzugehen, dass der Meldung der BN, Nr. 54 vom 1.2.1919 (2. Blatt), S. [3] 📖, «daß eine Delegation der japanischen Sozialisten sich unterwegs befindet» (vgl. Nr. 58 vom 4.2.1919 [2. Blatt], S. [2]), keine Nachricht über deren Eintreffen folgte.↩
13
Die russischen Bolschewisten fehlten aus ähnlichen Gründen wie die italienischen und serbischen Sozialisten, so dass in Bern nur Menschewiki und rechte «Sozialrevolutionäre» vertreten waren (J. Braunthal, a.a.O., S. 170 📖).↩
14
Hjalmar Branting (1860–1925), Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Schwedens.↩
15
H. Branting hatte in seiner Eröffnungsrede gesagt: «Die Urteile über frühere Kameraden fielen um so bitterer aus, je weniger man von der anderen [d.h. der deutschen] Seite des eisernen Vorhangs es verstand, [...] daß man hier an einem weltgeschichtlichen Verbrechen teilnahm, worauf wieder eine weltgeschichtliche Vergeltung folgen mußte. Ich werde mich von diesem Platze aus in dieses Thema nicht vertiefen. Ich wollte es aber in diesen ersten Worten der Konferenz nicht beiseite lassen. Wir müssen uns nämlich alle sagen, daß klare Aussprachen in diesen Dingen in der Fortsetzung unserer Debatten unausbleiblich werden wird. Es ist außerdem meine tiefe Überzeugung, daß nur durch eine offene Aussprache in diesen Dingen die Atmosphäre geschaffen werden kann, in welcher der Aufbau eines neuen Vertrauens zwischen denen, die doch alle zum selben Ideal emporstreben, möglich sein wird [...]. Indem wir folglich keinen Fragen von Verantwortung aus dem Wege gehen, ist es jedoch selbstverständlich, daß wir alle deswegen hier versammelt sind, weil uns in erster Linie der Zukunft gegenüber Pflichten obliegen» (Offizielles Bulletin der Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkonferenz. Publiziert vom Preßkomitee der Konferenz, Bd. I, Bern, den 4. Februar 1919, Nr. 1, S. 2 📖 [im folgenden zitiert: Bulletin der I.A.S.]).↩
16
Vgl. Die internationale Sozialistenkonferenz in Bern, in: BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖. – Antrag von A. Thomas: Die Konferenz «beschließt, auf ihre Tagesordnung zunächst die Frage der Verantwortlichkeiten der Regierungen in bezug auf die Ursachen des Krieges, auf den Bruch der unter der Garantie Europas gewährleisteten Neutralität einzelner Staaten, sowie die Verantwortlichkeit der Sozialisten, die darin verwickelt sind, zu setzen» (Bulletin der I.A.S., Nr. 1, S. 4 📖).↩
17
Pierre Renaudel (1871–1935), zum rechten Flügel seiner Partei gehörender französischer Sozialist. Redakteur bei der «Humanité», zuerst unter J. Jaurès, nach dessen Ermordung 1914 sein Nachfolger. BN, Jg. 75, Nr. 58 vom 4.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖: Renaudel und Thomas erklärten, «die allgemeine Ursache des Krieges» sei «die gegenwärtige Gesellschaftsordnung samt ihrer Politik», «aber die unmittelbare Schuld treffe den Angreifer, in diesem Falle die Zentralmächte». «Die französischen Sozialisten mußten als Mitglieder eines angegriffenen Landes die Landesverteidigung auf sich nehmen.» ↩
18
Paul Mistral (1872–1932), französischer Journalist und sozialistischer Abgeordneter, Gründer der Zeitschrift «Le Droit du Peuple». Mistral erklärte auf der Konferenz, dass es vor allem darum gehe, die Frage der Verantwortlichkeit in Richtung auf die Zukunft und nicht nur in Richtung auf die Vergangenheit zu stellen (Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 1 📖): «Die Hauptsache dieser Konferenz muß die Untersuchung dessen sein, was der neue Friede enthalten soll [...]. Die Internationale muß versuchen, auf die Gestaltung dieses Friedens möglichst viel Einfluß zu gewinnen, und es muß auch die Frage der Zustände diskutiert werden, die geschaffen wurden durch den Ausbruch der Revolutionen in Rußland, Österreich und Deutschland. Wir wollen das gesamte Bild, das die letzten Revolutionen bieten, untersuchen, und ich glaube, daß die internationale Konferenz ihre Pflicht nicht erfüllen würde, wenn sie nicht von vornherein der Revolution in Rußland, Österreich und Deutschland ihren Gruß entbieten würde.» Vgl. BN, Jg. 75, Nr. 58 vom 4.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖.↩
19
Otto Wels (1873–1939), deutscher sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter seit 1912.↩
20
BN, Jg. 75, Nr. 58 vom 4.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖: Die deutsche Sozialdemokratie hat die Schuldfrage «bereits entschieden, indem sie die Landesväter zum Teufel schickte».↩
21
Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 2 📖: «Wir wissen, daß Deutschlands Kriegsführung Haß und Empörung in der ganzen Welt gegen Deutschland gesät hat. Wir deutschen Sozialdemokraten haben die Verteidigung unseres Landes als unsere Pflicht betrachtet».↩
22
Ebd. 📖: «Während der ganzen Debatte des heutigen Tages lag es mir schwer auf der Seele, daß hier noch niemand das Wort gesprochen hat, das uns deutsche Sozialdemokraten in jenen Augusttagen gefangen nahm, der Name ‹Rußland›. Wir deutschen Sozialdemokraten lebten von dem Tage an, an dem der Sozialdemokratie organisatorisches Leben begann und wir unsere Kämpfe führten, unter dem Alpdruck des zaristischen Rußland. [...] Um so mehr wunderte es mich, daß Thomas uns heute nur frug, wie kamt ihr dazu, so zu handeln, welche Erklärung habt ihr für Euer Vorgehen? Wir haben die Erklärung darin, daß die russischen Heere in Ostpreußen einfielen und an die 400 000 aus Ostpreußen in furchtbarem Elend vertriebener Landsleute uns die Gefahr der feindlichen Invasion grell vor Augen stellten.»↩
23
BN, Jg. 75, Nr. 58 vom 4.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖: «Die deutsche Sozialdemokratie mußte in dem Kampfe, den das ganze deutsche Volk als einen Verzweiflungskampf gegenüber einer Welt von Feinden betrachtete, als größte Volkspartei zum Volke stehen.»↩
24
Ebd. 📖: «Wenn die deutschen Sozialdemokraten die Verteidigung des Landes als ihre Pflicht erachteten, so haben sie darum nicht weniger die Methoden der deutschen Kriegführung verurteilt.»↩
25
Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 2 📖: «Ein Blick in Deutschlands Städte, ein Gang durch die Arbeiterviertel der Industriestädte und -Bezirke des deutschen Reiches, würde unsern englischen Freunden die Augen öffnen und das Gewissen der Welt wachrufen, und ihnen sagen, daß der Krieg in der Weise, wie er gegen unsere Nichtkombattanten, gegen Frauen, Kinder und Greise geführt wurde, durch die Absperrblockade und die Aushungerungspolitik eine Anklage gegen die Entente bedeutet, und daß diese Kriegsführung uns deutschen Sozialdemokraten die Waffen zum Teil aus der Hand gewunden hat, die wir gegen den Unterseebootkrieg ins Feld führen konnten.»↩
26
A. Thomas war als Minister 1917 im Auftrag der französischen Regierung bei der Regierung Kerensky in Russland, um Druck zur Weiterführung des Krieges gegen Deutschland auszuüben. BN, Jg. 75, Nr. 58 vom 4.2.1919 (2. Blatt), S. [2] 📖: «Die Erfolge von Thomas in Rußland sind bekannt. Sie führten letzten Endes zum Bolschewismus, wofür Thomas mit die Verantwortung trägt.»↩
27
Ebd. 📖: «Der Redner schließt mit der Versicherung, daß die deutschen Sozialdemokraten dieselben geblieben sind, und er fordert die Entente-Sozialisten auf, den Beweis zu geben, daß sie ebenfalls dieselben geblieben sind.»↩
28
Ebd. 📖: «Die deutsche Partei hätte am ersten Tage schon die Verantwortung ihrer Regierung feststellen sollen und nicht erst heute nach dem verlorenen Kriege.» «Der Redner geißelte sodann den untertänigen Geist der deutschen Sozialdemokraten». «Diese politische Unfähigkeit der Deutschen ist eine Tatsache, mit der die Internationale rechnen muß».↩
29
Kurt Eisner (1867–1919), sozialistischer Politiker, seit 1917 in der USPD, 1918 Ministerpräsident der von ihm am 8.11.1918 ausgerufenen Bayerischen Republik, ermordet am 21.2.1919 durch den Grafen Arco-Valley. Die BN berichteten über die Rede Eisners in Jg. 75, Nr. 59 vom 5.2.1919 (1. Blatt), S. [3], und Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.] 📖.↩
30
Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 3 📖: «Es muß aber Klarheit und Wahrheit zwischen uns sein. Die Internationale ist ein wesenloses Werkzeug, wenn sie nicht auf sicherem gegenseitigem Vertrauen beruht.»↩
31
BN, Jg. 75, Nr. 59 vom 5.2.1919 (1. Blatt), S. [3] 📖: «Das Ziel der Aussprache muß sein, uns herauszuheben aus dem Wahnsinn dieser Zeit.» – Bulletin, ebd. 📖: «So sehr ich vor einem Jahre bereit gewesen wäre, die schärfsten und schroffsten Anklagen zu erheben, so sehr widerstrebt es mir heute, nach dem Zusammenbruch, die billige Arbeit zu leisten und Steine zu werfen auf das, was bereits tot ist.»↩
32
Ebd. 📖: «Sie haben im Ausland die Umwälzung in Deutschland nicht richtig erkannt. Die Massen sind hier aufs tiefste auf- und umgewühlt. Nirgends ist der Hang zur Demokratie so stark wie bei uns, nirgends die Sehnsucht so tief, die neue Volksherrschaft in sozialistischem Sinn zu leiten.»↩
33
Ebd. 📖: «Wir haben uns im August 1914 alle geirrt. Seit 1912 verkündete uns die Regierung Bayerns den drohenden Überfall durch Rußland in vertraulichen Besprechungen. So war auch ich im Sommer 1914 ganz von dem Gedanken überzeugt, daß uns ein Überfall durch den imperialistischen Zarismus drohe [...]. Als ich dann das erste deutsche Weißbuch las, da war mir nun beinahe klar, daß wir getäuscht worden waren».↩
34
BN, Jg. 75, Nr. 59 vom 5.2.1919 (1. Blatt), S. [3] 📖: «Die deutsche Mehrheitspartei und ihre Vertreter hier müssen endlich klar zugeben, daß sie 4 1/2  Jahre in einem Taumel der Irrungen befangen gewesen sind.»↩
35
Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 3. 📖: «Unsere Parteigenossen von der Mehrheit waren nicht gut beraten, als sie sich entschlossen, diejenigen alten Reden zu wiederholen, die wir im zweiten oder dritten Kriegsjahre gehört haben. Daß sie 12 Millionen Wähler hinter sich haben, beweist nichts für ihre Politik. Sie sollten sich überlegen, ob sie nicht viereinhalb Jahre in einem Taumel des Irrtums befangen gewesen waren. Und nun haben auch sie erkannt, daß man keine Welteroberungspolitik auf einer Lüge aufbauen kann.»↩
36
BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «Die Mehrheitspartei muß diesen schweren Irrtum öffentlich bekennen.»↩
37
Bulletin der I.A.S., Nr. 2, S. 4 📖: «Das deutsche Volk hat im Aufstand gegen den Krieg mehr geopfert als vielleicht irgend ein anderes Volk. Diese Auflehnungen begannen schon im Herbst 1914 trotz Kerker, Zensur und Standrecht. Vor einem Jahre, als Deutschland auf der Höhe seiner Macht stand, erhoben sich wie ein Mann seine Arbeitermassen. Die revolutionäre Gesinnung Deutschlands ist nicht das feige Werk des Zusammenbruchs, sondern das Ergebnis einer unermüdlich vorwärts drängenden Arbeit, die gerade da einsetzte, als Deutschland scheinbar auf der Höhe der Macht stand. Wir sind heute das radikalste Volk der Welt. Wir wollen unsere Schuld sühnen, indem wir auf dem Wege zum Sozialismus vorwärtsschreiten.»↩
38
BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «Wenn man dem deutschen Volke Unwürdiges zumuten wird, wird es lieber untergehen als diese Zumutungen annehmen.» «Wir leben heute, und heute wollen wir handeln.»↩
39
Hermann Müller (1876–1931) hatte sich als führender SPD-Politiker am 1.8.1914 in Paris um eine gemeinsame Haltung von französischen und deutschen Sozialisten zur Kriegsfrage bemüht.↩
40
BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «nicht nur die deutschen Militaristen, sondern die Militaristen von ganz Europa tragen die Schuld am Kriege.»↩
41
Ebd. 📖: «Wir wollen die volle Wahrheit und wollen, daß alle Archive der Welt geöffnet werden, um die wirkliche Schuld festzustellen.»↩
42
Ebd. 📖: «Der Redner betont, daß die deutschen Mehrheitssozialisten ihren Einfluß im Volke auf ewig verloren hätten, wenn sie während des Kampfes nicht zum Kriege gestanden wären.»↩
43
Karl Kautsky (1854–1938), Publizist, Verfasser des theoretischen Teils des Erfurter Programms der deutschen Sozialdemokratie (vgl. auch oben S. 440, Anm. 11).↩
44
Ebd. 📖: «Der Redner erörterte dann die Stellungnahme der Unabhängigen Sozialisten, die während des Krieges rasch die Schuld der Regierung erkannten […]. Er bezeichnet es als Glück, daß Deutschland nicht gesiegt hat, da sonst das deutsche Volk in die Knechtschaft des deutschen Militarismus gefallen wäre.»↩
45
George Harold Stuart-Bunning (1870–1949), Führer der britischen Postgewerkschaft.↩
46
Bulletin der I.A.S., Nr. 3, S. 1 📖: «Wir können mit der Diskussion der Schuldfrage während Wochen weiterfahren, ohne zu einem Resultat zu kommen. [...] Die britische Delegation appelliert durch den Redner an Albert Thomas und ersucht ihn, diesen Krieg der Regierungen nicht zu einem Krieg zwischen den Arbeitern zu machen.» – BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «Der Appell an Albert Thomas ist zugleich ein Appell an die deutschen Mehrheitssozialisten, daß sie aufrichtig mitwirken sollen, die Arbeiter der ganzen Welt zu vereinigen.»↩
47
Salomon Grumbach  (1884–1952), elsässischer Sozialist.↩
48
Vgl. BN, ebd. 📖 – Bulletin der I.A.S., Nr. 3, S. 2 📖: «Wenn die deutschen Mehrheitsgenossen eine Erklärung abgeben im Sinne der Erklärung Eisners und Kautskys, so ist die Basis gegeben für die Internationale. Ohne Unterschied der Tendenzen ist die französische Delegation überzeugt, daß auf der Basis dessen, was Eisner  und Kautsky  erklärt haben, die große Kluft überbrückt ist, die zwischen den Sozialisten der verschiedenen Länder besteht.»↩
49
Pieter Jelles Troelstra  (1860–1930), friesischer Dichter, niederländischer Staatsmann und sozialdemokratischer Parteiführer.↩
50
BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «es ist zu hoffen, daß die Mehrheitssozialisten ihren ganzen Willen aufbieten, um die Wiederherstellung der Internationale zu ermöglichen.» «Die Pariser Konferenz muß unsere Meinung über die Revolution wissen. Aber nicht um dem Gegner des Sozialismus Waffen in die Hand zu geben. Wenn wir auch die Methoden der Bolschewisten verurteilen, so müssen wir doch anerkennen, daß auch sie für den Sozialismus kämpfen.»↩
51
Jean Longuet  (1876–1938) gehörte 1914 zur Gruppe der «Minoritaires» in Frankreich, die die sozialistische Unterstützung des Krieges bekämpften.↩
52
BN, a.a.O., S. [3]. 📖 –Bulletin der I.A.S., Nr. 3, S. 2. 📖: «Daß kein Protest gegen die Verletzung der Neutralität Belgiens, gegen den U-Bootkrieg, gegen die barbarische Kriegführung überhaupt erhoben worden ist, daß man sich gegen den Frieden von Brest-Litowsk und den Bukarester Vertrag nicht aufgelehnt hat, das alles bedauern wir aufs tiefste. Aber es ist auch bedauerlich, daß die Mehrheit in Frankreich sich gegen die Beteiligung an der Stockholmer Konferenz», der internationalen sozialistischen Friedenskonferenz im September 1917, «ausgesprochen hat, die für die Sache des Sozialismus von größtem Interesse gewesen wäre. [...] Ob die Methoden der Bolschewisten richtig sind, weiß ich nicht, aber es wird unmöglich sein, sie auszuschließen [...]. Wir haben uns gegen den Haß und die Verhetzungen der Völker zu wenden, wir haben die internationale Brüderlichkeit wieder aufzurichten [...], wir haben uns über den Blutstrom, der nicht von den Proletariern, sondern vom Bürgertum und vom Kapitalismus vergossen wurde, die Hand zum Bunde zu reichen.»↩
53
Friedrich Adler (1879–1960), Sohn des Gründers und Leiters der österreichischen Sozialdemokratischen Partei Viktor Adler. Er ermordete 1916 den österreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh.↩
54
BN, Jg. 75, Nr. 60 vom 5.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.], dort S. [3] 📖: Auch «die Imperialisten in Paris und Petersburg haben auf den Krieg hingearbeitet. Aber die Schuld der Entzündung fällt auf die Zentralmächte.» Zur «Wiederaufrichtung einer wirklichen Internationale» seien «größere Vorarbeiten und mehr Selbstkritik in den einzelnen Parteien nötig».↩
55
«Die Genossen der deutschen Mehrheit haben [...] die folgende Erklärung abgegeben: ‹Durch die Revolution hat das deutsche Proletariat das alte für den Krieg verantwortliche System gestürzt und zerstört. [...]›» – «Die Kommission schlägt Ihnen einstimmig folgende Resolution zur Annahme vor: ‹Die Konferenz von Bern erkennt an, daß für sie die Frage der unmittelbaren Verantwortlichkeit des Krieges geklärt ist sowohl durch die Aussprache als auch durch die Erklärung der deutschen Mehrheit. [...] Die Konferenz sieht in den auf ihr geführten Debatten eine fruchtbare Vorarbeit und überläßt es einem künftigen internationalen Kongreß [...], über die weltgeschichtliche Frage der Verantwortlichkeiten das Urteil der Internationale zu fällen›» (Die Resolutionen der Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkonferenz in Bern vom 3.-10. Februar 1919, hrsg. vom Preßkomitee der Konferenz, Basel o.J., S. 3 📖; auch in: Bulletin der I.A.S., Nr. 5, S. 3 📖).↩
56
James Henry Thomas (1874–1949), britischer Eisenbahngewerkschaftler.↩
57
BN, Jg. 75, Nr. 61 vom 6.2.1919 (1. Blatt), S. [3] 📖: «die englischen Arbeiter interessiere mehr die Verantwortung für die Zukunft als die Verantwortung für die Vergangenheit. Die Arbeiter aller Länder sind am Kriege nicht schuld. Die Hauptaufgabe sei, die Gefahr, die von Paris drohe, zu beschwichtigen. Der Völkerbund meine alle Völker ohne Ausnahme. Sonst sei die Gefahr der Rüstungen […] wiederum groß. Die englischen Arbeiter seien für die Abrüstung […]. Die ganze Rede Thomas war […] vom Willen, endlich einmal mit der Kriegspsychose Schluß zu machen und die neue Welt zu bauen, getragen.»↩
58
Ebd. 📖: «die Rüstungsindustrie solle unter internationale Kontrolle gestellt werden».↩
59
Ramsay Macdonald (1866–1937), britischer Labour-Politiker, überzeugter Pazifist, der 1914 gegen Englands Teilnahme am Krieg votierte und deswegen 1918 sein Mandat verlor; 1924 Premierminister der ersten Labour-Regierung nach dem Krieg.↩
60
Bulletin der I.A.S., Nr. 5, S. 2 📖: «Der zweite Punkt ist der, daß die Möglichkeiten des Völkerbundes von dem Charakter des Friedens abhängen. Ist der Friede wieder nur ein solcher, wie er 1871 in Frankfurt zustande kam, dann ist der Völkerbund vollständig zwecklos.» – BN, Nr. 62 vom 6.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.], dort S. [1] 📖: «Wir wollen keine Liga der Regierungen, sondern eine Liga der durch die Parlamente vertretenen Völker selbst.»↩
61
Marcel Cachin (1869–1958), französischer Sozialist, wurde 1920 nach einer Moskaureise Kommunist. Wichtigster Wortführer der Kommunisten im französischen Parlament, seit 1920 Direktor der «Humanité».↩
62
BN, Jg. 75, Nr. 62 vom 6.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.], dort S. [2] 📖: Cachin «erklärt, es sei die größte Reserve gegen Paris am Platze und der Ausschluß irgend eines Volkes aus dem Völkerbund absolut unzulässig. Es muß mit dem Haß, schrie er in den Saal hinaus, ein für alle Mal Schluß gemacht werden, sobald Belgien entschädigt ist.»↩
63
BN, Jg. 75, Nr. 63 vom 7.2.1919 (1. Blatt), S. [3] 📖: «Die Konferenz muß nach Paris den Ruf erlassen, daß die Welt genug habe nicht nur vom Waffenkrieg, sondern auch vom wirtschaftlichen Krieg und vom Kriege des Hasses.»↩
64
BN, Jg. 75, Nr. 64 vom 7.2.1919 (2. Blatt), S. [1] 📖: «Eisner richtet einen Appell an die Vertreter der Presse, daß sie sich ihrer Verantwortung bewußt werden und aufhören, durch Lügen und Entstellungen die Völker zu verhetzen.» Es «muß in allen Ländern dahin gewirkt werden, daß die Grundsätze des Völkerbundes in das nationale Recht aufgenommen werden und daß jeder Staatsmann, der entgegen diesen Rechtsätzen zum Kriege aufruft, des Weltverrates schuldig erklärt und entsprechend bestraft wird.» «In Deutschland [...] ist keine Forderung volkstümlicher als die gänzliche Abschaffung der Wehrpflicht.»↩
65
BN, Jg. 75, Nr. 64 vom 7.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.], dort S. [2] 📖: «Das Prinzip des Gleichgewichtes der Kräfte hat im Weltkriege eine völligen Schiffbruch erlitten. Es hat die Völker nur auf die Schlachtbank geführt. Der Redner kritisiert in scharfen Worten die Geheimdiplomatie, die sofort beseitigt werden soll.» «Wir wollen auch keinerlei Kriegsentschädigungen».↩
66
Bulletin der I.A.S., Nr. 6, S. 2 📖: «Von der Gesellschaft der Völker darf keine Nation ausgenommen werden, auch nicht Deutschland [...]. Die französischen Sozialdemokraten wünschen die Zurückstellung Deutschlands in keiner Weise, weder politisch noch wirtschaftlich». – BN, Jg. 75, Nr. 64 vom 7.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.], dort S. [2] 📖: «Wir machen einen Unterschied zwischen der deutschen Regierung und dem deutschen Volke.» «Die Internationale […] muß heute […] Paris zwingen, mit dem Willen von Bern zu rechnen.»↩
67
BN, ebd. 📖: «Wenn der Frieden durch die brutale Gewalt geschlossen würde, dann entständen bald neue Konflikte und ein neuer Krieg.»↩
68
Vgl. BN, ebd. 📖 – Zu einer Resolutionsvorlage des Kongresses «betreffend die territorialen Fragen», in der es hieß: «Die Konferenz fordert [...]: In umstrittenen Gebieten Entscheidung über die Zugehörigkeit durch Volksabstimmung unter Kontrolle des Völkerbundes, der in letzter Instanz entscheidet» (Die Resolutionen der Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkonferenz, a.a.O. [s. oben S. 472, Anm. 55], S. 6 📖; auch in: Bulletin der I.A.S., Nr. 6, S. 4 📖), bemerkte der tschechische Sozialistenführer A. Nemec (ebd.): «Wenn Sie den ersten Teil annehmen, so bedeutet dies für uns die Vernichtung unseres Staates, da uns die Lebensmöglichkeiten durch die Wegnahme der gemischtsprachigen Bezirke, die sich an unserer Landesgrenze auf allen Seiten herumziehen, geraubt würden. Bei den Volkszählungen entscheidet man bei uns nicht nach der Nationalität, sondern nach der Umgangssprache. So kommt es, daß unabhängige Arbeiter als Deutsche eingeschrieben werden, weil sie die deutsch-ungarische Sprache sprechen. Dann erklärt man einfach: Dieses Gebiet ist deutsch, und weil es deutsch ist, muß es eben zu Deutsch-Österreich kommen. Österreich hat die Balkanvölker immer verhetzt, eines gegen das andere».↩
69
Vgl. BN, ebd. 📖 – S. Grumbach erhob schwere Vorwürfe gegen die deutschen Mehrheitssozialisten, die es seit 1914 abgelehnt hätten, die Selbstbestimmungsforderung für Elsass-Lothringen zu unterstützen, sie aber jetzt auf der Berner Konferenz selber in einer besonderen Resolution stellten: «deshalb ist heute unter den elsässischen Arbeitern ein geradezu maßloser Haß gegen Euch [scil. die deutschen Mehrheitssozialistenführer] vorhanden» (Bulletin der I.A.S., Nr. 7, S. 2–4 📖).↩
70
BN, Jg. 75, Nr. 65 vom 8.2.1919 (1. Blatt), S. [2f.], dort S. [2] 📖: «Troelstra appelliert zum Schluß an die Konferenz, sie möge sich zu den höheren Gesichtspunkten des Sozialismus erheben und dann werde die Lösung leichter werden.»↩
71
Das Stichwort bezieht sich auf die im folgenden berührten Auseinandersetzungen um die zunächst von den deutschen Vertretern in einer eigenen Resolution geforderte Abstimmung in Elsass (und in Lothringen). ↩
72
Kautsky erklärte, dass Grumbach gegen die Mehrheitssozialisten zwar recht habe; dennoch müsse es auch zu einer Abstimmung im Elsass kommen; die allgemeine Resolution der Konferenz gelte «für alle strittigen Gebiete» (Bulletin der I.A.S., Nr. 8, S. 3f., und Nr. 9, S. 1 📖).↩
73
Wilhelm Molkenbuhr (1851–1927), sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, zog angesichts des Wortlauts der Gesamtresolution die Sonderresolution der deutschen Mehrheitssozialisten zurück, während der französische Delegierte Mistral mit Bezug auf die Gesamtresolution ausdrücklich auf einer Abstimmung auch im Elsass bestand (BN, Jg. 75, Nr. 66 vom 8.2.1919 [2. Blatt], S. [1f.] 📖; Bulletin der I.A.S., Nr. 9, S. 2f. 📖).↩
74
BN, Jg. 75, Nr. 66 vom 8.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.] 📖. – Bulletin der I.A.S., Nr. 10, S. 3 📖: «Die Pangermanisten verlangen heute das Plebiszit in Elsaß-Lothringen, weil sie hoffen, daß Frankreich sich weigern würde und daß es damit den Pangermanisten einen prächtigen Agitationsgrund in die Hände spielen würde. [...] In der Frage des linken Rheinufers kann es unter den französischen Sozialisten gar keine Meinungsverschiedenheit geben. Abgesehen von Elsaß-Lothringen selbst, widersetzen sich die französischen Sozialisten jeder Annexion, ob sie nun politischen oder ökonomischen Charakter hat.» – BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [2]: Renaudel erklärte, «nach der Auffassung der französischen Genossen» wäre es «verhängnisvoll für den Frieden», «wenn die deutschen Kolonien weggenommen würden».↩
75
BN, Jg. 75, Nr. 66 vom 8.2.1919 (2. Blatt), S. [1f.] 📖. – Der armenische Delegierte Ohandjanian trug eine Resolution zur armenischen Frage vor, die aber vom Kongress nicht angenommen wurde. Der ungarische Delegierte Buchinger wandte sich in der Slowakei-Frage gegen die Ausführungen des tschechischen Delegierten Nemec (Bulletin der I.A.S., Nr. 9, S. 3f. 📖). Der georgische Delegierte Tschenkeli brachte eine Resolution ein für die vollständige Unabhängigkeit Georgiens, die die Internationale vom Völkerbund verlangen sollte; der Antrag wurde abgelehnt. Tschenkeli wollte von nun an nicht mehr als Menschewik auftreten, sondern «als Vertreter der selbständigen sozialdemokratischen Partei Georgiens». Der palästinensisch-jüdische Delegierte Locker brachte eine dreiteilige «Resolution zur Judenfrage» gegen Antijudaismus und für jüdische Autonomie «in den Ländern jüdischer Massensiedlung» ein, die abgelehnt wurde (Bulletin der I.A.S., N. 10, S. 1f.).↩
76
BN, Jg. 75, Nr. 66 vom 8.2.1919 (2. Blatt), S. [2f.] 📖. – Bulletin der I.A.S., Nr. 10, S. 4 📖: «Gegenüber einem chauvinistischen Sturm, der durch die Länder geht und sich vielenorts erhebt, müssen wir proklamieren, daß sich die Internationale nicht auf irgendeinen nationalen Standpunkt stellt, sondern auf den Standpunkt der ganzen Menschheit.»↩
77
BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [1] 📖. – Bulletin der I.A.S., Nr. 11, S. 1f. 📖: «Was die Hauptfragen unter den für das britische Weltreich in Betracht kommenden Nationalitäten betrifft, die Frage von Irland, hat die Arbeiterpartei in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise sich für die Selbstverwaltung Irlands ausgesprochen. [...] Was die Frage der Kolonien anlangt, sowohl die indischen als derjenigen, die Deutschland im Kriege abgenommen worden sind, verweise ich auf das Memorandum über die Kriegsziele, welche die Konferenz der Arbeiter- und Sozialistenparteien der Ententeländer im Februar 1918 angenommen haben. [...] Was die dritte Frage anlangt, die Frage jener Punkte, welche das britische Reich aus strategischen Gründen besetzt hat, gehe ich nur auf die Frage von Zypern ein». - Der estnische Delegierte Martna brachte eine Resolution für die estnische Unabhängigkeit, Neutralität und die Beseitigung des Feudalismus in seinem Land ein, die nicht beschlossen wurde. Der belgische Delegierte Huysmans erklärte, daß es zwischen Belgien und Holland keinen Nationalitätenkonflikt gebe. Der finnische Delegierte Wuolijoki verlangte die Anerkennung der Selbständigkeit Finnlands, erhob Anspruch auf einen eisfreien Hafen an der Murmanskküste, auf Selbstbestimmung der finnischen Gemeinden in Russisch-Karelien und verlangte eine Volksabstimmung auf den Alands-Inseln (Bulletin der I.A.S., Nr. 11, S. 2f.).↩
78
BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [2] 📖. Der «Zwischenfall» entstand, als der elsässische Delegierte Grumbach  aus einem Telegramm Äußerungen des Präsidenten der deutschen Nationalversammlung in Weimar, Eduard David (1863–1930, zu den Mehrheitssozialisten gehörend) zitierte, nach denen das Recht auf Selbstbestimmung für die Elsass-Lothringer nur «im Rahmen des deutschen Reiches» zur Diskussion stehe. Der deutsche Delegierte H. Müller trug einen anderen Text derselben Rede vor. K. Kautsky  qualifizierte die Rede Davids als «unnötige Provokation», wenn der Grumbach vorliegende Text stimme. Der Franzose Renaudel hielt diese Erklärung Kautskys für befriedigend, der Konferenzvorsitzende Branting erklärte daraufhin den Zwischenfall für erledigt (Bulletin der I.A.S., Nr. 12, S. 4 📖).↩
79
Einstimmige Annahme der Resolution: BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [2] 📖. - «Die Konferenz [...] verwirft [...]: 1. Das Recht des Siegers auf Beute, und alle Bündnisverträge, die einem Staate für seinen Eintritt in den Krieg einen Gebietszuwachs auf Kosten fremder Nationen zusichern; 2. die Festsetzung von Grenzen nach strategischen Gesichtspunkten; 3. gewaltsame oder verschleierte Annexionen auf Grund sogenannter historischer Ansprüche oder angeblicher ökonomischer Notwendigkeiten; 4. die Schaffung von vollzogenen Tatsachen durch vorgreifende militärische Besetzung strittiger Gebiete; 5. Schaffung jeder ökonomischen oder politischen Einflußsphäre» (Die Resolutionen der Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkonferenz, a.a.O. [s. oben S. 472, Anm. 55], S. 6f. 📖; BN, Jg. 75, Nr. 64 vom 7.2.1919 [2. Blatt], S. [1f.], dort S. [2]).↩
80
BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [1f.]; Nr. 69 vom 11.2.1919 (1. Blatt), S. [1f.] 📖. – In drei Sitzungen am 8. und 9. Februar befasste sich die Konferenz mit der Erstellung einer Arbeitercharta. Am 9. Februar wurde dann einstimmig ein «Programm für eine internationale Arbeiterschutzgesetzgebung» in 15 Punkten angenommen. Die Konferenz verlangte, dass die Durchführung dieses Programms, das u. a. allgemeine Schulpflicht, Achtstundentag und freies Koalitionsrecht der Arbeiter vorsah, von der im Entstehen begriffenen «Gesellschaft der Nationen» als eine ihrer «unerläßlichen Aufgaben» angesehen werde (vgl. Bulletin der I.A.S., Nr. 12, S. 1–3 📖).↩
81
BN, Jg. 75, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [2] 📖. – Bulletin der I.A.S., Nr. 12, S. 4f. 📖: «Wels begründet die Resolution der deutschen Mehrheit, indem er die Konferenz auffordert, sich gegen die Behandlung der 800,000 deutschen und österreichischen Gefangenen als Sklaven auszusprechen.» «Eisner  sagt, daß die Deutschen kein Recht hätten, gegen die Behandlung der Gefangenen zu protestieren, nachdem sie selbst jahrelang in der Gefangenenbehandlung die größten Mißstände duldeten. Aber es sei ein Gebot der Menschlichkeit, daß alle Gefangenen so rasch wie möglich ihrem Volk zurückgegeben würden. Der Wiederaufbau Nordfrankreichs soll nicht durch Zwangsarbeit vollbracht werden, sondern durch die freiwillige Mitarbeit der deutschen Arbeiter, Techniker und Architekten».↩
82
BN, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [2] 📖: Branting erklärte als Präsident der Kommission, die Resolution über «Demokratie und Diktatur» trage «einesteils der Tatsache Rechnung», «daß es Verhältnisse geben könne, die eine revolutionäre Aktion der unterdrückten Arbeiterklasse durchaus rechtfertigen», sie stelle «aber andernteils» fest, «daß die Errungenschaften einer Revolution nur dann von bleibender Bedeutung sind, wenn die großen Massen des arbeitenden Volkes hinter der Revolution stehen. Die sozialistische Welt muß aufgebaut werden auf die Demokratie, sie kann niemals dauernd erhalten werden durch eine Diktatur.» Dabei ergehe «allerdings an die Imperialisten und Gegenrevolutionäre die Warnung», «die sozialistische Entwicklung nicht durch Gewaltmaßnahmen hemmen zu wollen».↩
83
BN, ebd. 📖 – Bulletin der I.A.S., Nr. 12, S. 5f. 📖: «Wenn die Herrschaft einer Minderheit unter Umständen politisch förderlich sein kann, so darf diese Herrschaft nur als Phase einer Revolution, niemals aber als Grundlage für die dauernde Errichtung einer Regierung als berechtigt anerkannt werden. Der Zweck jeder Revolution muß Freiheit und Demokratie sein.»↩
84
BN, Nr. 68 vom 10.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1-3], dort S. [3] 📖: Renaudel «verurteilt scharf den bolschewistischen Terror, worauf der Zuruf von Loriot […] erfolgt: ‹Bekämpfen wir doch vorerst den bürgerlichen Terror, bevor wir über den Terror der Bolschewisten sprechen.› (Allgemeine Unruhe.)». «Longuet protestiert gegen die Fassung der Resolution, die geeignet ist, Clemenceau und Lloyd George Waffen für den Kampf gegen die Sowjet-Regierung in die Hand zu geben.»↩
85
Ebd. 📖: Die Sitzung wurde «um 1 Uhr nachts» «abgebrochen».↩
86
BN, Nr. 70 vom 11.2.1919 (Mittagsausgabe), S. [1f.], dort S. [1] 📖. – Der der Partei der Sozialrevolutionäre angehörende russische Delegierte Gawronski erklärte: «Die russische Revolution rollt dem Abgrund zu, da sie vom Zarismus nicht nur die wirtschaftliche Zerrüttung erbte, sondern auch die vollkommene Unkultur und Unkenntnis des Volkes. Den sozialistischen Tendenzen standen von Anfang an stark partikularistische und anarchistische Tendenzen gegenüber. Wir kämpften dagegen, die Bolschewisten schützten sie, und so gelang es einer relativ geringen Zahl, das ganze Reich in die Luft zu sprengen. Vom russischen Proletariat ist kaum noch etwas übrig geblieben.» «Paul Faure (Frankreich) fragt sich, ob mit der begonnenen Debatte eine Offensive des Revisionismus oder des Ministerialismus gemeint sei. Ihr verlangt von uns, eine soziale Revolution zu richten im Augenblick, wo sich alle reaktionären Mächte gegen diese Revolution zusammenballen». K. Kautsky wandte sich dagegen, «den Bolschewismus mit der russischen Revolution, mit dem russischen Proletariat» zu identifizieren. «Die Bolschewiki haben die großen Industrien zerstört. Was sie Positives geschaffen haben, ist eine starke Armee, eine neue Form des Militarismus». «Henderson hat die Bolschewisten in Rußland selbst an der Arbeit gesehen. Ihre Methode ist eine direkte Negierung des konstruktiven Sozialismus. Sie läuft auf eine gewalttätige Unterdrückung des Proletariats selbst hinaus.» Eduard Bernstein (s. oben S. 57, Anm. 33): «Das System des Bolschewismus ist der Tod der Errungenschaften der Revolution, es ist die Desorganisation, der Ruin des Landes» (Bulletin der I.A.S., Nr. 12, S. 7 📖).↩