Der internationale Sozialistenkongreß
in Bern 3.–10. II 19
26. II 19
1. Einberufen von den soz[ialistischen] Führern der Entente-Länder1 (Henderson2, Alb. Thomas3, Vandervelde4, Gompers5) unter Assi|465stenz des soz. Bureaus (Huysmans6) Vertreten sind 26 Staaten mit ca. 90 Deleg[ierten]. – Nicht vertreten wegen Radikalismus: Schweiz7 u. die off[izielle] italien. Partei8, wegen Nationalismus: Belgien9. Außerdem: Serbien10, Amerika11! Japan12, das bolschew. Rußland13. Branting |466 als neutrales Präsidium.14
2. Die Schuld am Kriege. Branting will keine Diskussion darüber15, sie kommt aber doch, u. zw. als erstes Thema
3.II. Thomas. Die schuldigen Regierungen müssen bestraft, die schuldigen Sozialisten aus d. Internationale ausgestoßen werden16
Renaudel. Die direkte Schuld Deutschl[an]ds am Kriege. Wir übten nur Landesverteidigung17
467 Mistral Stellung z. Frieden u. z. Revolution18
Wels19 Schuldfrage schon entschieden, Fürsten abgesetzt.20 Wir übten nur Landesverteidigung.21 Russische Drohung.22 Verzweiflungskampf.23 Verurteilung gewisser Methoden.24 Aber die Hungerblok|468kade.25 Und die Reise Thomas nach Rußland.26 Wir sind dieselben geblieben!27
Renaudel Aber 1914 haben die d[eutschen] Soz[ialisten] die Verantwortlichkeit nicht festgestellt. Sie sind politisch unfähig28
4.II. Eisner29 Klarheit u. Wahrheit!30 D. Recht der Schuldfrage. Heraus aus dem Wahnsinn! Keine Steine werfen [,] auf das was tot |469 ist31[,] eine neue Zeit hat begonnen32[,] 1914 ein großer Betrug33, ein Taumel der Irrungen. Das ist zuzugeben.34 Warum haben die M[ehrheits-]S[ozialisten] nicht nachher opponiert?35 Jetzt hilft nur öffentl. Bekenntnis.36 Aber die Revolution war längst geistig vorbereitet u. sühnt die Schuld.37 Darum keine unwürdigen Zumutungen. «Wir le|470ben heute u. heute wollen wir handeln»38
Müller39 Die Militaristen in ganz Europa schuld.40 Öffnung aller Archive!41 Unser Einfluß!42
Kautsky43 Ein Glück, daß Deutschland nicht siegte. Die Opposition der U[nabhängigen] S[ozialisten]44
Stuart-Bunning45 Genug davon! Kein Krieg zwischen den Völkern. Die Schuldfrage führt uns nicht weiter. Eisner [,] Kautsky gut! Appell an Thomas und die M.S.46
471 Grumbach47 Einigung auf d. Basis Eisner. M.S. sollen sich erklären über Deutschlands Schuld, keine Verteidigungen mehr48
Troelstra49 Guter Wille bei den M.S.! Paris nicht Waffen geben[,] sondern unsre Meinung kundgeben50
Longuet51 M.S. protestierten nicht wegen Belgien, nicht gegen Brest, gingen zuerst zurück. Französ. M.S. verhinderten Stockholm. Nun ists nötig, das ganze Prol[etariat] (Bolsch[ewisten] inbegr[iffen]) zu sammeln gegen den gemeinsamen Feind52
472 Adler53 Österr. u. Deutschl. wollten u. entzündeten d. Krieg. Doch wo blieb Selbstkritik54
5.II. Resolution
Deutsche Erklärung: Die Rev[olution] hat das für den Krieg verantwortliche alte System gestürzt
Die Frage d. unmittelb[aren] Schuld ist geklärt, das Geschichtliche bleibt der Zukunft vorbehalten55
3.
Der Völkerbund
Thomas (Engl.)56 Verantwortung für d. Zukunft wichtiger als die für die Vergangenheit. Die Arb[eiter] sind nicht schuld. Von Paris kommt die Gefahr. Überall Abrüstung! Schluß mit d. Kriegspsychose. Alle Völker sollen sich verbinden.57
473 Müller Rüstungsindustrie unter internat. Kontrolle58
R. Macdonald59 Kein Friede von 1871. Nicht Friede d. Regierungen sondern d. Völker60
Cachin61 Fort mit dem Haß! Kein Ausschluß!62
6.III. Henderson Genug des Kriegs. Gegen Paris!63
Eisner Die Presse! Strafgesetz geg. Weltverrat. Abschaffung der Wehrpflicht überhaupt64
Henderson Kein Gleichgewicht, keine Geheimdiplomatie, keine Kriegsentschädigungen65
474 Renaudel Nicht Zerstörung Deutschlands. Gleichheit der Nationen. Es geht ums deutsche Volk. Paris muß mit d. Willen von Bern rechnen66
4.
Territorialfragen
Mistral Kein Gewaltfriede!67 Böhmen gegen Deutsch-Österr[eich].68 Elsäßer gegen Deutsche69
475 7.II. Troelstra Erhebung zum Sozialismus!70
Dann gegen Deutsche71
Kautsky Abstimmungen auf alle Fälle72
Molkenbuhr Keine Abst[immung] im Elsaß
Mistral Doch!73
Renaudel Ja, wegen Alldeutschen, keine Annexion am l[inken] Rheinufer[,] auch deutsche Kolonien74
Armenier geg. Türken
Ungarn geg. Tschechen
Georgien
476 Juden75
Longuet Nicht Nationen, M[ensch]heit76
8.II. Macdonald Auskunft über Irland, engl. Kolonien, Stützpunkte
Estländer
Belgier
Finnländer
Baltenländer77
477 Zwischenfall wegen der Rede Davids in der Nat[ional-]Vers[ammlung]
Grumbach
. Müller
. Kautsky78
Resol[ution]
Abstimm[un]g. Nicht Beute[,] nicht strateg.[,] ökonom.[,] histor. Gründe[,] nicht Schaff[un]g von Tatsachen79
9.II. 5. Arbeitsgesetzgebung80
478
6.
Kriegsgefangene
Wels
Eisner «D[eutschland] hat kein Recht». Freiwillige f. Frankreich81
7.
Diktatur u. Demokratie
Branting Es giebt Verhältnisse wo ...[,] aber Aufbau nur durch Demokratie. Warnung an die Imperialisten82
MacdonaldDikt[atur] kann nur Phase sein. Ziel ist Freiheit83
Zwischenfall zw. Renaudel, Loriot, Longuet[.]84 Nachts 1 h!85
479 10.II. Gawronski gegen Bolsch[ewisten]
Faure für sie
Kautsky Unterstütz[un]g d. echten russ. Sozialisten. Bolsch[ewismus] ist neuer Militarismus
Henderson Bolsch. ist Gewalt
Bernstein Tod der Revolution!86
Mehrheit scheint gegen Bolschewismus
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480 1. Über den Wert von Kongressen überhaupt. Worte haben ihren Wert durch das[,] aus dem sie kommen u. was daraus wird. Also Abschluß u. Neuanfang. Wir können zunächst nur nach dem fragen, was dabei zu Tage tritt.
2. Hier der Wille zu einer Verständigung unter d. arbeitenden Völkern[.] Nur Bruchteil vertreten, aber wichtiger. Dieser Wille ist da, mehr als zu erwarten war. Wertvolle Zugeständnisse von beiden Seiten. Noch ist die Kriegspsychose nicht überwunden, aber sie wird es. Die Internationale marschiert wieder, nicht in der Richtung der Soz[ial-]Patrioten, sondern in d. Richtung Eisner. Das wird man sich in Paris merken!
3. Haben die Befürchtungen unsrer Radikalen Recht bekommen? Nein, es ist Schluß erklärt worden. Der Kampf d. Arb[eiter-]Klasse geht auf neuer Grundlage weiter.
4. Die Frage des Bolschewismus ist mit Recht offen gelassen worden unter deutlichen Erklärungen der Sache gegenüber. Hier stehen wichtige Entscheidungen bevor.