Der schweizerische Landes- oder Generalstreik im November 1918 war eine der schwersten politischen Krisen des Schweizer Bundesstaates. Er bestand aus drei Phasen: Einmal aus einem 24-stündigen Proteststreik in 19 Städten am 9. November, der gegen die Anwesenheit von Militär in Zürich gerichtet war, dann aus einem zürcherischen Generalstreik vom 10. bis 11. November und schließlich aus dem schweizerischen Landesstreik vom 11./12. bis 14. November 1918. In der grundlegenden Darstellung der Ereignisse von W. Gautschi1 findet sich zum geschichtlichen Hintergrund folgende Zusammenfassung:
Zürich galt bei den Bürgerlichen ganz allgemein als der Ort, der am stärksten gefährdet war, sollte eine revolutionäre Bewegung im Ausland auf die Schweiz übergreifen. [...] Der Radikalismus der Zürcher Arbeiter war weitgehend bedingt durch die industriellen Verhältnisse und die sozialen Spannungen in dieser größten Schweizerstadt. Auch der Einfluß der vielen in Zürich lebenden ausländischen Deserteure und Refraktäre, vor allem der russischen Bolschewiki, darf nicht übersehen werden. [...]
Die schwelende Unzufriedenheit bei den sonst eher kleinbürgerlich gesinnten Angestellten hatte am 30. September und 1. Oktober 1918 zu einem Arbeitsausstand des Zürcher Bankpersonals geführt. [...] Die Zürcher Arbeiterunion hatte aus Solidarität – wohl auch um die Bankangestellten politisch zu gewinnen – zur Unterstützung [von deren] Forderungen einen städtischen Generalstreik ausgelöst und stellte für die Bankangestellten Streikposten. [...] Eine Verständigung kam erst durch Vermittlung des Zürcher Regierungsrates zustande. [...] Am Abend des 1. Oktober konnte die Staatskanzlei mitteilen, eine Einigung sei zustande gekommen und das Banken-Syndikat habe die Forderungen des Personals erfüllt. Die Arbeiterunion beschloß darauf, den städtischen Generalstreik abzubrechen.
Die Vorfälle, die sich im Zusammenhang mit dem Beamtenstreik ereignet hatten, steigerten die Beunruhigung der bürgerlich gesinnten |445 Kreise. Manchen erschien dieser städtische Generalstreik als Hauptprobe eines umfassenden Generalstreiks mit weiter gesteckten Zielen. Die unmittelbare Gefahr schätzte man zwar vorderhand eher gering ein, doch hatten Mitglieder der zürcherischen Regierung durch «vertrauliche Rücksprache» mit einzelnen Führern der Sozialdemokratie erfahren, daß im Falle «größerer revolutionärer Bewegungen» im Auslande, die auf das nahende Kriegsende zu erwarten waren, die Möglichkeit bestehe, daß «der Funke von jenseits der Grenzen dann zu uns herüberspringe».
Als in den ersten Novembertagen der Zusammenbruch der Zentralmächte zur Tatsache wurde und die ersten Nachrichten vom Aufstande der Kieler Matrosen in die Schweiz gelangten, schien die Voraussetzung zur Auslösung einer putschartigen Aktion gegeben zu sein, dies um so mehr, als die auf den 7. November 1918 angesetzten Feiern zum Jahrestag der russischen Revolution einen Ausbruch revolutionärer Gefühle erwarten ließen.2
Selbstverständlich hatte Barth im November 1918 die Ereignisse «in diesen außerordentlichen Zeiten»3 mit großer Anteilnahme verfolgt. Die detailgenauen Ausführungen in seinem Referat vor dem Arbeiterverein in Safenwil lassen vermuten, dass er Zeitungsartikel zu den Geschehnissen in einem Dossier gesammelt hatte, nach denen er an Hand der Stichwortnotizen die Abläufe referieren konnte. Leider hat er diese Sammlung – anders als die entsprechende Zusammenstellung zum Fabrikgesetz4 – nicht aufbewahrt. Doch zeigt die Recherche deutlich, dass seine Hauptquelle die Nachrichten und Berichte der von ihm im Abonnement bezogenen «Basler Nachrichten» waren, aus denen sich nahezu alle Stichworte konkretisieren und an Hand deren sich auch zunächst unlesbare Stellen schließlich doch entziffern ließen. Ein auf den ersten Blick unerklärliches Detail – die veränderte Reihenfolge, in der Barth die Forderungen des Oltener Komitees wiedergibt5 – erhärtet die Annahme, dass die Quelle seiner Ausführungen ganz überwiegend in den «Basler Nachrichten» zu sehen ist.
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Barths Bedürfnis, im Februar 1919 über die Vorgänge vor und während des Landesstreiks zur Klarheit zu kommen und, wie er eingangs sagt, «daraus zu lernen», hatte wohl vor allem zwei Gründe: Zum einen stand die juristische Würdigung der Ereignisse im Landesstreikprozess bevor.6 Zum anderen hatte Barths Haltung zum Landesstreik in seiner Gemeinde und in der «Kirchenpflege» (dem Kirchgemeinderat bzw. dem Presbyterium) lebhafte Auseinandersetzungen provoziert, die schließlich zum Rücktritt des Präsidenten und dreier weiterer Mitglieder der Kirchenpflege führten.7 Am 20. Februar 1919 stand die letzte Sitzung der Kirchenpflege in der alten Zusammensetzung bevor. Auch im Blick darauf mag es Barth wichtig gewesen sein, die Ereignisse noch einmal zu reflektieren.
Fr.-W. Marquardt hat die Diskussionen in der Kirchenpflege an Hand der zu jener Zeit von Barth selber als «Aktuar» (Schriftführer) geschriebenen Protokolle der Sitzungen dargestellt.8 In der Sitzung vom 15. November 1918 kündigte der Präsident der Kirchenpflege für die folgende Woche eine Sondersitzung an, in der es um Äußerungen des Pfarrers zum Landesstreik gehen solle. Er bezog sich dabei auf die «Enthüllungen», wie Barth ironisch protokolliert, die Ernst Hüssy-Senn bei einer freisinnigen Versammlung gemacht habe: «Einer der schlimmsten Anhänger des Sozialismus sei der Pfarrer. Er habe nämlich in einem Privatgespräch in einer Familie den Generalstreik verherrlicht, indem er geäußert habe, der Bundesrat lasse die armen Kinder verhungern und der Streik sei notwendig wegen der von der S. B. B. bezahlten Hungerlöhne. Er habe ferner bedauert, gegenwärtig infolge der Grippe nicht predigen zu können, ansonst er auch noch etwas zu sagen hätte.»9 In der Sondersitzung vom 20. November 1918 teilte der Präsident einleitend mit: «dass das beanstandete Gespräch in der Familie des Herrn Hüssy-Kunz geführt worden sei». Die Wiedergabe |447 durch Herrn Hüssy-Senn «hat sich nach den Mitteilungen von Hrn. Hüssy-Kunz als gänzlich entstellt herausgestellt. Die namhaft gemachten Äusserungen sind nicht gefallen. Der Pfarrer hat den Generalstreik nicht ‹verherrlicht›, wohl aber die Ansicht vertreten, er sei eine notwendige Folge der allgemeinen Lage und der herrschenden Politik.»10 In der Diskussion stellte Barth klar: «Zur Sache selbst ist zu sagen, daß es sich nicht um eine Verherrlichung, aber um ein ruhiges Begreifen des Generalstreiks handelt. Der Gebrauch von Gewalt ist selbstverständlich vom Bösen. Aber mit dieser Feststellung ist die absolute Verurteilung einer solchen Erscheinung noch nicht gerechtfertigt. Es ist übrigens mindestens die Frage, von welcher Seite mit der Drohung oder mit dem Gebrauch von Gewalt der Anfang gemacht worden ist. Die Freiheit, solche Erwägungen auszusprechen, wo es sei, kann sich der Pfarrer nicht beschneiden lassen.»11
Der Generalstreik im Nov[ember] 1918
18. II 19
1. Ein in viel Dunkel gehülltes Ereignis. Einer der merkwürdigsten Punkte d. Geschichte, speziell auch des schweiz[erischen] Sozialismus. Alle unbedingten Urteile zu verwerfen. Große Möglichkeiten u. Gefahren taten sich auf, 2 Welten traten sich gegenüber. Zu einer Entscheidung kams nicht. Die Spannung besteht weiter. Umso mehr daraus zu lernen.
2. Die allgem. Lage Anfang Nov.: Deutscher u. österr. Rückzug.12 |448 Abfall von Türkei u. Bulgarien13 3.14 Österr. Waffenstillstand.15 «Neuer Kurs» in Deutschland16 4. Kundgebungen in Stuttgart u. |449 München.17 Aufruf der Reichsregierung18 6. Ausweisung d. Sovjetgesandtschaft aus Berlin19 7. Aufstand in Kiel.20 Waffenstillstandsver|450handl[un]g21 8. Ultimatum d. Soz[ial]dem[okraten] an den Kaiser.22 Republik in Bayern23 9. Abdankung Wilhelms II.24 Revol[ution] in Berlin25 10.
Waffenstillstandsbedingungen.26 Regierung Ebert.27 Wil|451helm II. nach Holland.28 Karl I. abgedankt.29 Republik in Österreich30 – Proklamation des schweiz. Generalstreiks.31
Dieser Zus[ammen]hang zeigt a) den Zus[ammen]bruch der stärksten Stützen des bisherigen Systems b) die sich meldende neue Zeit, ihrer selbst noch ungewiß[.] Die Frage wird für ganz Europa akut: ist das Alte vergangen, ein Neues im Kommen [vgl. 2.Kor. 5,17]. Irgendwie mußten wir dazu Stellung nahmen
3. Bericht über d. Tatsächliche. 1.32 Aufruf d. Geschäftsleitung zur Feier der russ. Revol. (7. XI 17)33 Zeigt, daß die Lage begriffen war. |452 Obs mit den Folgerungen ernst werden sollte, ernst gemeint war? 2. Meldungen von «Umtrieben». 10 Mill. «D. Schweizervolk wittert»34 6. Zürcher Regierung verlangt Militär a) psycholog. Moment35 b) Abreise des Bat[aillons] 1836 c) Mitteilung einer Amtsperson über Bomben37 d) Hetzartikel[.]38 2 Inf[anterie] Reg[imenter] 2 Kav[allerie] |453 Brig[aden]39 7. Nochmals 2 Inf. Reg[.] 2 Kav. Brig.40[,] «steht außer Zweifel[»,] bestimmter Plan, Anschlag auf Staatsgewalt.41 Regierung in Kaserne. Sonderegger.42 Manifest von Herzog[,] «Führer d. Jung|454burschen».43 Arbeiterunion wehrt ab: n[icht] veranlaßt, beweisen. Aktion wie bisher.44 Aber Platten u. Jugend beschließen Kundgebung |455 auf 10.XI45 8. Aufruf des B[undes]R[ates]: Ordnung[,] daher Militär. Wir haben Alles getan!46 Aufruf d. O[ltener] K[omitees47:] Vermutungen! 24stünd. Proteststreik48 9. Zürcher Regierung: das Ausland!49 |456 Nicht gegen d. Arbeiter! Ordnung!50 – Grimm in Bern: polit. Macht[,] aber unblutig!51 «Entdeckungen» der Freisinnigen in Zürich.52 Auflauf am
Paradeplatz53 10. Verhandlungen scheitern.54 Generalstreik.55 |457 Aufforderungen an SBB etc.56 Neue Aufgebote.57 Zusammenstoß in Zürich.58 Olten[er] Programm59 11. Neue Aufgebote u. Strafdrohungen.60 Konzessionen in Zürich (3 Demissionen, 8[-]St[un]d[en-]Tag[,] Truppen weg)61 u. Basel (2 Demissionen, Truppen weg)62 12. B[un|458des-]Vers[ammlung]!63 (Sonderegger: unsre Truppen sind mit Handgranaten ...)64 Calonder: Vertret[un]g der Soz[ialisten] im B[undes-] R[at]. Sozialpol[itische] Vereinbarungen.65 Grimm fragt nach Gründen!66 13. Militär Aktion gegen Komitee67 u. Zeitungen68. Zus.stoß in |459 Grenchen.69 Streikabbruch (Eisenbahner, Versprechungen, nicht vor Masch[inen]gewehren[,] d. Kampf geht weiter)70
460 4. Die Ursachen[:] Bolschewist[ische] Agitation. Vorhanden*72, genügt aber nicht zur Erklärung. Große Teile d. Arbeiterschaft wollten.73 Über Geld nichts bewiesen74 (Parteikassenbücher!) Gründe[:] Tiefgreifende Unzufriedenheit mit den Bundesbehörden, die sich mit Deutschland kompromittiert hatten.75 Mangelnde Fürsorge76 (der Staat ohnmächtig gegen Schieber u. Wucherer)77 Preispolitik (cf. Steiger in B[asler] N[achrichten])78 Kein Entgegenkommen (SBB)79 Militarismus. Anarchie von oben.80 Zum Rechten sehen! Darum: Festbe|461soldete81, Helvet[ische] Gesellschaft82, Zofingia Zürich83[.] Demokratie[.] Ja wo war sie? Proporz!84
5. Der Anlaß: Komplott oder Angstschwindel? Hier auf einmal starke Hand, größte Vorsorge. Und die Tatsachen? Nichts bewiesen (Interpell[ation] Müller!)85 Wille u. das Zürcheraufgebot.86 Gertsch in Bern.87 Sprecher gegen Wildbolz.88 Warum die Konzessionen[,] wenn gutes Gewissen? Eher der Preußengeist d. Armeeleitung schuld. Dis|462lozierungen!89 Bürgerwehren!90 Wie Deutschland 1914 «angegriffen». Wehrlosigkeit d. Arbeiterschaft. Ausland!91
Das Olte[ne]r Komitee hat immerhin entscheidende Beschlüsse gefaßt: Die gewöhnl. Mittel genügen nicht mehr. Streik ist nicht Gewalt, aber auf d. Weg dazu. Zweifellos Gedanke an Umsturz. Lag in dieser Richtung nicht ein böser Irrtum über die Lage? Weltgeschichtl. Betrunkenheit? Eine Folge der vielen Phrasen? Gefangen im eigenen Netz?92 Siegen oder Sterben!93
6. Folgen Dem Bürgertum ist die Gefahr d. Lage klar geworden. Was wird es tun? Reaktion? Dann kommts erst recht. Ernster Wille? Aber dann bald
Und wir? Haben das Halsbrecherische d. Systems Platten94 erkannt, andrerseits die große Arbeit, die zu tun ist.
Beilagen
1. Aufruf d. Parteileitung am 1. XI 1895
Schon rötet die nahende Revol[ution] den Himmel über Zentraleuropa. Der erlösende Brand wird d. ganze morsche blutdurchtränkte Gebäude der kapitalist. Welt erfassen. Eine neue Ära öffnet sich, die Ära d. Kampfes um die Befreiung der Volksmassen von Druck u. Ausbeutung, Hunger u. Krieg, die Ära d. Sozialismus. Indem das Prol[etariat] aller Länder das Banner der soz[ialen] Revol. erhebt, wird es nicht nur die russ. Arbeiterrevol. von den ihr drohenden Gefahren erretten, es wird s[eine] eigenen Fesseln abstreifen. Unsre Aufgabe ist es, das Prol. für diese nahenden Kämpfe zu wappnen. Arbeiter |463 d. Schweiz, zeigt, daß ihr gewillt seid, in der neuen Internationale den euch gebührenden Platz zu beanspruchen!
2. Olten[er] Programm96
| Wir fordern: |
1. Neuwahl des N[ational-]R[ates] |
|
2. Frauenstimmrecht |
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3. Reorganis[ation] der Armee |
|
4. Lebensmittelversorgung |
|
5. 48[-]St[unden-]Woche |
|
6. Allgem. Arbeitspflicht |
|
7. Staatsmonopole f. Export u. Import |
|
8. Alters- u. Invalidenversicherung |
|
9. Schuldentilgung durch die Besitzenden |
Siegen oder Sterben!97
3. Steiger in den Bas[.] Nachr. 2. XII 18
Die Ursachen der enormen Teuerung sind heute zu einem beträchtl. Teil im eigenen Lande zu suchen u. die Preissteigerung vieler Artikel wäre nicht in dem Umfang eingetreten, wenn die Bundesbehörden bei Zeiten einem künstl. Hinauftreiben d. Riegel gestoßen hätten.98