1919

Vergangenheit und Zukunft

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VERGANGENHEIT, UND ZUKUNFT

1919

Die unter dem sogleich Anknüpfung und Widerspruch – in Barths Worten «Kälte» und «Wärme» – anzeigenden Gesamttitel «Vergangenheit und Zukunft» am 3. und 4. September 1919 in dem Sozialdemokratischen Tagblatt «Neuer Freier Aargauer» veröffentlichten Nachrufe auf Friedrich Naumann (gestorben am 24. August 1919) und Christoph Blumhardt (gestorben am 2. August 1919) hat Barth offensichtlich unter dem Eindruck der Nachricht von Naumanns Tod verfasst. Blumhardt und Naumann hatten ihn ja in den zurückliegenden Jahren intensiv beschäftigt.1 Nachdem er in seiner Predigt vom 10. August 1919 ein Portrait Blumhardts gezeichnet hatte2, lockte es ihn nun wohl, dem Bild beider Persönlichkeiten und Entwürfe durch die Gegenüberstellung klare Konturen zu geben.

Das Echo der Freunde auf die Artikel war besonders im Blick auf die Naumann-Würdigung zurückhaltend. Karl Barths Vetter Albert Barth, in dem Karl Barths «Radikalismus […] stets verwandte Saiten […] klingen» ließ, hatte die «scharfen Antithesen» «sofort mit Interesse gelesen», musste jedoch bekennen: «ich bin eben einfach mehr Diesseitsmensch & kann das nicht verleugnen».3 Kritisch merkte auch Barths alter Freund Otto Lauterburg an: «Deine Würdigung Blumhardts hat mich ergriffen; die Ausführungen über Naumann lassen mich unbefriedigt. Ich zähle mich auch zu den Halben, die sich leider nicht auf allen Lebensgebieten ganz zu Gott bekehrt haben. Und nun hilft mir gerade auch Naumann mit seinen Andachten dazu, in vielem nach u. nach ein treuerer Nachfolger Jesu zu werden.»4 Doch sandte Otto Herpel, der Schriftleiter des «Christlichen Demokraten», die Nachricht, dass er in der «Tambacher Begrüßungsnummer»5 den Naumann-Artikel abdrucken wolle: «Ich stimme Ihnen ganz zu.»6 Und |529 später konnte Barths Tante Amélie Sartorius-Staehelin aus Bad Boll berichten: «Deinen Blumh. u. Naum. haben mehrere hier mit gr. Interesse gelesen. Es kamen überhaupt die meisten Nekrol. Bl.’s aus der Schweiz.»7 An Martin Rade hatte Barth die beiden Artikel mit einem nicht erhaltenen Begleitbrief geschickt, in dem er Naumanns Freund um Verständnis für seine Sicht des Verstorbenen gebeten hatte. Rade antwortete: «der Entschuldigung bedarf nicht, was so aus der Wahrhaftigkeit und Nötigung heraus kommt – aber entschuldigen hast Du ja auch nichts wollen, nur befürchtet, Du möchtest uns wehtun. Das ist ganz Nebensache: Du siehst den Mann so, wie Dein geistiges Auge eingestellt ist, und wenn Du ihm nicht gerecht worden bist, so hoffentlich Blumhardt umso gerechter. Sollte der ‹lebendige Gott› nicht an Beiden seine Freude gehabt haben?»8 Barths Brief an Rade kam dann später auch Naumanns Tochter Liese zu Gesicht, die mit Barths Freund Wilhelm Loew verheiratet war. Sie und ihre Familie hatten Barths Nekrolog im Abdruck des «Christlichen Demokraten» gelesen, «und gerade weil wir Sie schätzen, tat uns dieser Artikel doppelt weh. Nicht aus sachlichen Gründen – darüber kann man sich streiten, ohne persönlich getroffen zu sein – sondern, weil wir in dem Stil, der Art der Formulierung eine solche Geringschätzung des Wesens meines Vaters herausfühlten, die uns mehr als ungerechtfertigt erschien.» Nun aber habe ihr Barths Brief an Rade gezeigt, «daß Sie ein Verständnis hatten für die innere Lage, in der wir alle standen und stehen. Ich war sehr dankbar für die Zeilen, obwohl sie nicht an uns gerichtet waren».9

Die Edition folgt der Erstveröffentlichung im «Neuen Freien Aargauer» (A). In «Der Christliche Demokrat» wurde zunächst in Nr. 25 nur der Naumann-Teil abgedruckt – ohne den der Würdigung Naumanns vorangestellten einleitenden Teil und ohne Hinweis auf die Quelle; der Blumhardt-Teil folgte erst in Nr. 28. Diese Wiederabdrucke (B) sind z.T. fehlerhaft. Es sind jedoch zwei störende Fehler der Erstveröffentlichtung wohl nach Barths Anweisung verbessert. Diese Verbesserungen sind in den Text übernommen.

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Vergangenheit und Zukunft

Es soll kein Urteil über Menschen und Menschliches ausgesprochen sein, wenn ich diese Bezeichnungen: «Vergangenheit und Zukunft» anwende auf zwei jüngst verstorbene Männer, von denen jeder im Leben der letzten Jahrzehnte eine Stellung von entscheidender wegweisender Bedeutung eingenommen hat: Friedrich Naumann und Christoph Blumhardt. Ihre Wege begegneten sich, liefen eine Weile parallel und gingen dann weit auseinander. Beiden ist die große Frage unserer Zeit, der Sozialismus, zur Verheißung und zum Verhängnis (wie man es nehmen will) geworden. Beide haben in ihrer Lebensauffassung überhaupt Stellungen bezogen – Stellungen, zwischen denen man wählen muss. Es wird auch heute nicht an geistreichen Leuten fehlen, die es fertig bringen, Naumann und Blumhardt in gleicher Weise «gerecht» zu werden. Wir würden diese Unparteilichkeit als die schlimmste Form von Geringschätzung beiden gegenüber betrachten. Unparteiisch ist der unbeteiligte Zuschauer, der niemand und nichts ernst nimmt. Einen Menschen ernst nehmen heißt ihn verstehen im Zusammenhang dessen, was ihn bewegt hat. Und das bedeutet den bewussten Verzicht auf Unparteilichkeit. Ich möchte den beiden Verstorbenen damit Ehre erweisen, dass ich sie ernst nehme durch Beteiligung an dem, was sie bewegt hat, und darum damit, dass ich zum einen Nein, zum andern Ja sage – wohl verstanden nicht als Richter, sondern als Parteigänger. Es handelt sich nicht um das Persönliche, sondern um die Wege, um die Stellungen, um das Ganze der Richtung und des Lebenswerkes. Das Persönliche steht in einem andern Buch und geht uns hier nichts an. Es handelt sich nicht um Ruhm oder Tadel, sondern um die Erkenntnis der Sache und ihrer Bewegung. Die Geschichte rühmt nicht und tadelt nicht, wohl aber vollzieht sie durch ihre Entscheidungen fortwährend eine Erwählung und eine Verwerfung. Ohne Erwählung und Verwerfung, ohne Parteinahme ist ein fruchtbares Verhältnis zu bedeutenden Menschen und Ereignissen unmöglich. «Weil du lau bist», heißt es in der Bibel, «und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.» [Apk. 3,16]. Ich bekenne also sofort mit der Überschrift meine Kälte hier und meine Wärme dort und meine damit beiden Verstorbenen, von denen ich reden möchte, gerechter zu werden als die Allzugerechten.

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Friedrich Naumann

Die Heimat des am 24. August verstorbenen deutschen Reichstagsabgeordneten, demokratischen (linksfreisinnigen) Parteiführers und Schriftstellers Friedrich Naumann war die Kirche. Die orthodoxe, lutherische Kirche Sachsens, aber das ist zufällig, es hätte auch die katholische oder die mohammedanische sein können – jedenfalls die Kirche, der das Verhältnis der Welt zum Göttlichen eine zuma vorneherein feststehende, geordnete und sich selbst gleich bleibende Beziehung ist, die bloß der religiösen Erklärung und Verklärung bedarf. Gott ist, wie er ist, und die Welt ist, wie sie ist, und dem Menschen bleibt neben seinen nächsten Pflichten und Sorgen nichts übrig, als – «Religion» zu haben, d.h. das Unerforschliche ruhig zu verehren10 und sich mit den Verhältnissen in diesem dunklen Erdental durch Ergebung und Moral möglichst optimistisch abzufinden. Naumann hat in seinen religiösen Anschauungen große Wandlungen durchgemacht: vom positiven Christentum zur modernen Theologie und von da weiter bis zum Darwinismus.11 Aber in dieser Grundvoraussetzung von der unerbittlichen Beharrlichkeit des Verhältnisses zwischen Gott und Welt ist er immer der typische – Pfarrer geblieben. Leicht ist es ihm nicht geworden. Es ist ein unheimlicher Augenblick, wenn ein aufrichtiger Mensch anfängt, mit offenen Augen zugleich über die Religion und über das Leben nachzudenken. Religion? Ja, was soll und was hilft denn Religion, was ist die Wahrheit der Religion, wenn das Leben mit seinen Ordnungen und Verhältnissen, der ganze rasende Lauf der Welt, wie er ist, so offenkundig an der Liebe und Gerechtigkeit «Gottes», von der die Religion redet, vorübergeht? Sollte die Religion in dem Kunststück bestehen, das Schicksal «Gott» zu nennen? Und das Leben? Muss eigentlich alles so sein, wie es ist, all das Leid und Unrecht, all die Unvernunft und Unordnung des Welt|532laufs? Gibt es nichts Neues unter der Sonne? [Pred.1,9]. Sollten nicht die Recht haben, die sich gegen dieses Leben auflehnen, die dieses Leben umkehren möchten? Sollte am Ende das Göttliche dort anfangen, wo die Religion aufhört? In diesen gefährlichen Engpass kam auch der junge Naumann. Als Helfer am «Rauhen Haus» (einer bekannten caritativen Organisation) in Hamburg, als Pfarrer einer sächsischen Industriegemeinde, dann als Vereinsgeistlicher in Frankfurt a. M.12 lernte er die Lage der modernen Arbeiterschaft, aber auch die Bestrebungen der Sozialdemokratie kennen, und gleichzeitig begann er, das Neue Testament mit neuen Augen zu lesen. Er erkannte darin eine Botschaft so radikal, so revolutionär, so deutlich gerade auf eine Weltveränderung hinzielend, dass ihm darüber das schöne kirchliche Gleichgewicht zwischen Gott und Welt aus den Fugen zu gehen drohte. Er war damals dem heiligen Feuer sehr nahe, sehr nahe daran, Gott, den die Kirche nicht versteht, zu verstehen. Ihm ahnte etwas von der Vorläufigkeit der jetzigen Welt und davon, dass hinter allen ihren Erscheinungen eine neue Welt zur Geburt drängt. Ihm ahnte, dass zwischen Jesus und dem heutigen Christentum etwas nicht in Ordnung sein könnte, dass Jesus vielleicht nicht der sein könnte, als den ihn die nach ihm genannte Kirche feiert und verehrt: der milde, alles Bestehendeb im Namen Gottes segnende und verklärende Heiland, dass «Gott» eigentlich Hilfe, Erlösung, Veränderung nicht nur bedeuten, sondern im Leben sein könnte. Sollten die gottlosen Sozialdemokraten (sie bekämpften ja die Kirche!) Gott besser verstanden haben als die Kirche? Sollte die Kirche eine Bekehrung nötig haben zum Gott der Gottlosen? Es war eine schöne, hoffnungsvolle Frühlingszeit für viele ernsthafte Christen weit über Deutschlands Grenzen hinaus, als Naumann damals – es war anfangs bis Mitte der Neunziger Jahre – anfing, mit seinen Freunden und in Verbindung mit dem ähnlich erweckten Hofprediger Stöcker, diese Fragen zu bewegen.13 Ich erinnere mich noch des Untertitels, den seine Zeitschrift «Die Hilfe» damals trug (ich sah sie als Schüler jeweilen auf dem Schreib|533tisch meines Vaters): «Gotteshilfe, Bruderhilfe, Staatshilfe, Selbsthilfe»14, und des Eindrucks, den diese starken Worte auf mich machten, obwohl ich sie kaum verstand. Man spürte weithin: da ist etwas ganz Starkes, Großes, Neues im Kommen. Aber es kam nicht. Es kam zwar ein evangelisch-sozialer Kongress, an dem über das Verhältnis des Christentums zur sozialen Frage Jahr für Jahr von vielen gelehrten und frommen Männern wundervolle Vorträge gehalten wurden, es kamen «evangelische Arbeitervereine» und «christliche Gewerkschaften», es kam ein «christlichsoziales Programm», in dem man dem gottlosen den wahren, mit der Kirche verbündeten Sozialismus gegenüberstellen wollte15, wie es der Katholizismus heute noch versucht. Aber merkwürdig: Gleichzeitig mit der völligen Kraft- und Erfolglosigkeit dieser Art Bemühungen zeigte sich bei denen, die sie unternahmen, und vor allem bei Naumann selbst ein offenkundiger Stillstand jener grundlegenden Erkenntnis, die ihm einst so nahe gewesen. Wohl fuhr er fort in seinen später unter dem Namen «Gotteshilfe»16 gesammelten Andachten (in denen seither mancher träge Pfarrer für seine Predigten Beutezüge gemacht hat!), den «sozialen Jesus», den Jesus der Armen und Unterdrückten, gezeichnet nach dem Bilde des heiligen Franz von Assisi, in glühenden Farben zu schildern.17 Es war doch eine nachdenkliche Tatsache, wie Naumann von diesem Thema immer mehr zu religiöser Verherrlichung der Natur und der |534 modernen Kultur überging. Am Meer, in den Bergen und in der Wüste (er wurde ein großer Reisender!)18, im Sausen der Maschinen und im Getriebe der Großstadt, in den Eisenkonstruktionen des Pariser Eiffelturms19 und des Frankfurter Bahnhofs20 suchte und fand er nun allerlei Gottesoffenbarungen. Warum nicht? Gott redet überall. Aber unvermerkt geschah es, dass sich ihm das Bestehende überhaupt: der Staat und die Hohenzollern und das preußische Militär, der deutsche Bürger mit seiner unvergleichlichen «Tüchtigkeit», der Großkapitalismus, der Handel und das Unternehmertum, kurz das wilhelminische Deutschland, das sich um die Jahrhundertwende dem Zenith seines Glanzes näherte, mit einem seltsamen religiösen Heiligenschein zu umgeben begann. Es verwandelte sich das «christlich-soziale» Fähnlein über Nacht in ein national-soziales21, um dann 1903 definitiv im Museum des Freisinns zu verschwinden22. Es kam Naumanns Palästinareise, auf der er die Entdeckung machte, Jesus könne unmöglich der praktische Sozialreformer gewesen sein, den wir nötig haben, sonst müssten die - Straßen und Wege dortigen Landes in besserer Verfassung sein.23 Es kam die Erleuchtung, der einst viel gepriesene |535 Armenfreund Franz von Assisi möchte ein guter edler Narr gewesen sein, der uns im Zeitalter der Telegraphen und Schnellzüge wirklich nichts zu lehren hat.24 Es kam schließlich zur Aufrichtung jener neuen Dreieinigkeit: Demokratie, Industrie, Weltmacht (Stimmzettel, Eisenbeton, Panzerschiffe)25, deren Verkündigung der nun ganz zur Politik übergegangene Naumann26 fortan sein Leben widmete. Wie war das nur gekommen? Eine wahrhaft tragische zweite Bekehrung (wenn je eine erste erfolgt war) war eingetreten: Im Suchen nach einem neuen Verständnis Gottes und der Welt war er bis auf den Punkt vorgestoßen, wo ihm unerbittlich klar wurde: Entweder das ist Gott, was das Neue Testament so nennt. Dann bedeutet aber «Gott» die Umkehrung nicht nur einiger, sondern aller Dinge, die Erneuerung der ganzen Welt, eine Veränderung des Lebens, bei der kein Stein auf dem andern bleiben kann. Dann bedeutet Glauben das Einstehen für diese Umkehrung, die Vorbereitung darauf, das Rechnen damit als mit der sichersten Tatsache. Dann haben aber die Sozialdemokraten recht und nicht die Sozialreformer, ja dann sind die radikalsten Sozialdemokraten noch nicht radikal genug, dann ist das Bekenntnis zur Sozialdemokratie nur eine kleine, selbstverständliche, sehr ungenügende, ärmliche und vorläufige Abschlagszahlung auf das, was ein «Christ» heute seinem Glauben schuldig ist. Oder, musste sich Naumann sagen: das ist «Gott», was den Menschen mit Notwendigkeit an seine Natur und an die allgemeinen Naturgesetze bindet, was ihn in den Kampf ums Dasein wirft, was ihm, nicht ohne religiöse und moralische Beigaben allerdings, den Selbsterhaltungstrieb und den Rasseninstinkt einflößt und ihn sie gebrauchen lehrt. Der Mensch kann – o |536 tiefsinnige Erkenntnis! – nicht aus seiner Haut heraus. Dann heißt Glauben das mutige Aufnehmen des Daseinskampfes unter den gegebenen Bedingungen undc nebenbei der betrübte Versuch, den so entstehenden Unsinn des Lebens sinnvoll zu finden. Die Kirche mit ihrer Lehre vom Gleichgewicht hat also doch recht. Es gibt nichts Neues unter der Sonne [vgl. Pred. 1,9]. Der Sozialismus, je radikaler er ist, beruht auf einer fatalen Verkennung der «Wirklichkeit». Sozialreform unter sorgfältiger Schonung des Kapitalismus, Demokratisierung unter tiefem Respekt vor Kaisertum und Militär, Entfaltung der Persönlichkeit, aber beileibe nur im Reich der «deutschen Innerlichkeit»27, ist das Höchste und Letzte, was zu erwarten, zu fordern und zu erreichen ist. Naumann hat sich für das Oder entschieden. Vor die Wahl gestellt zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren, zwischen dem Möglichen und Unmöglichen hat er schweren Herzens, aber schließlich wohlüberlegt und entschlossen nach dem Sichtbaren und Möglichen gegriffen. Der stürmische Konflikt zwischen Religion und Leben, Gott und Welt, löste sich auf in ein verständiges Schiedlich-Friedlich, Sowohl-Als auch, das beiden Seiten ihr Recht gab. Naumann war wieder dort, von wo er ausgegangen war: bei dem unerforschlich waltenden «Gott» und bei der Religion der Seele, die wohl Trost und Kraft in der Welt, aber nicht den Sieg über die Welt [vgl. 1.Joh. 5,4] sucht. Als ich ihm vor einigen Jahren persönlich begegnete28, hatte ich, im Gegensatz zu seinen unentwegt sicher geschriebenen Büchern und Aufsätzen, den Eindruck eines Mannes, der seiner Sache nicht so ganz sicher ist, weil er heimlich noch etwas Besseres weiß als das, was er sagt. Diese Unsicherheit war jedenfalls das Beste, |537 das Lebendige, das Ewige in ihm. Er hat aber das Bessere, das er wusste, nicht mehr gesagt. Das neudeutsche Ideal hat in seinem Lebenswerk über die Erkenntnisse seiner Anfangszeit gesiegt. «Alle Religion ist uns jetzt recht», sagte er uns damals wörtlich, «heiße sie Heilsarmee oder Islam, wenn sie nur dazu taugt, uns den Krieg durchhalten zu helfen». Naumann ist auf dem Boden, den er sich gewählt, ein ausgezeichneter, verdienstvoller Mensch gewesen. Er ist, nachdem sich das Neue Testament endgültig vor ihm verschlossen hatte, einer der Einflussreichsten des neuen Deutschland (nach einigen der bedeutendste politische Kopf nach Bismarck!) geworden, ein berühmter und allzeit bereiter Parlaments- und Volksredner, das geistige Haupt des deutschen Linksliberalismus. Sein Name wurde letzten Herbst genannt, als es sich um die Besetzung des Reichspräsidentenstuhles handelte.29 «Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.» [Mt. 4,9]. Was die Sozialdemokratie betrifft, so hat er der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung immer das wärmste Interesse entgegengebracht, den Kern, den Geist des Sozialismus hat er nicht mehr verstanden, nicht mehr verstehen wollen. Er hat den Sozialdemokraten unermüdlich Vernunft, Mäßigung und Opportunismus gepredigt, und der 4. August 1914, der dunkle Tag, an dem die deutsche Sozialdemokratie den Sozialismus verraten hat30, war das verhängnisvolle Symbol für den Charakter seines eigenen Lebenswerkes. Das Treiben der Kirchenleute hat er mit einer gewissen milden Überlegenheit von weitem verfolgt als einer, der hinter die Kulissen gesehen und sich nichts mehr vormachen läßt. Auf seinen eigenen Weg sah er zurück mit jenem wehmütigen Lächeln, mit dem man der Ideale und Irrtümer seiner Jugend gedenkt. Was er von der Zukunft erwartete, hat er zuletzt in dem vielgenannten Buche «Mitteleuropa»31 geschildert, ein um Österreich-Ungarn, Holland, die Schweiz und andere Kleinigkeiten verstärktes Industrie-Deutschland als die vorläufige Zitadelle germanischer Weltbeherrschung. Diese Zukunft war Vergangenheit, bevor sie Gegenwart wurde. Die rauhe Wirklichkeit hat seltsamerweise gerade ihn, der sich so völlig und |538 gläubig zur «Wirklichkeit» bekehrt hatte, aufs Schnödeste im Stich gelassen. Wenn etwas durch die heutige Weltkatastrophe Lügen gestraft, abgetan und erledigt ist, so ist es die religiöse und politische Gedankenwelt Friedrich Naumanns. Man geht nicht ungestraft so nahe an der Wahrheit – vorbei. Seine Gestalt ist die Verkörperung der tragischen Größe, Schuld und Beschämung nicht nur seines Volkes, sondern unserer ganzen Zeit.

Christoph Blumhardt

Auch der am 2. August verstorbene Blumhardt hat als Pfarrer begonnen. Aber sein Weg hatte mit dem der Kirche nichts Gemeinsames, obwohl seine Wirksamkeit – im Gegensatz zu der reich bewegten Laufbahn Naumanns – äußerlich immer ungefähr die eines Pfarrers gewesen ist. Sein Lebenswerk bestand, überraschend bescheiden und unscheinbar, in der Leitung des von seinem Vater übernommenen Bades Boll bei Göppingen in Württemberg und in der Seelsorge an den Gästen, die sich aus der Nähe und aus der Ferne seinetwegen dort einfanden. Auch als die Kirchenleitung später das fremde neue Element in ihm erkannte und ihn ersuchte, auf den Pfarrertitel zu verzichten32, änderte das am Charakter seiner Tätigkeit nicht das Geringste. Es war nur die Bestätigung dafür, dass Blumhardt etwas anderes meinte als die Kirche, wenn er von «Gott» redete. Seine innere Stellung war so frei und so radikal, dass sie es ihm erlaubte, ja geradezu von ihm verlangte, «Pfarrer» zu sein mit oder ohne Titel.

Man kann von Blumhardt nicht reden, ohne schon seines Vaters zu gedenken, des Pfarrers Johann Christoph Blumhardt (1805–1880), eines der merkwürdigsten Männer des 19. Jahrhunderts, der sich in schweren Erfahrungen in seiner Gemeinde Möttlingen bei Calw zu einer ganz neuen oder vielmehr der ältesten Erkenntnis des Christen|539tums hindurch gefunden hatte. Die erste Strophe eines in jenen Kämpfen von ihm gedichteten Liedes ist in Möttlingen und später in Boll für den Inhalt dieser neuen Erkenntnis symbolisch geworden; die Ungeschicklichkeit der Form steht in einem eigentümlichen Verhältnis zu der Wucht und Ernsthaftigkeit des Sinnes:

Jesus ist der Siegesheld,
Der all seine Feind besieget.
Jesus ist’s, dem alle Welt
Bald zu seinen Füßen lieget.
Jesus ist’s, der kommt mit Pracht
Und zum Licht führt aus der Nacht.33

Das war die Atmosphäre, in der Blumhardt der Jüngere (geb. 1842) aufwuchs. Das unglückliche Wort «Religion», in dem zugleich jene Unbeweglichkeit und Unerforschlichkeit Gottes und jene Unabänderlichkeit der «wirklichen» Welt enthalten ist, dieses Wort, mit dem sich der Mensch, des Lebens müde, dem fernen Unbekannten zuwendet, kam in Möttlingen und Boll nicht mehr vor. «Gott», nach dem diese Menschen fragten und von dem sie zeugten, war der lebendige Gott. In dem doppelten Sinn: dass sie ihn wieder wie die Bibel verstehen wollten als den, der lebt, von dem neue Taten, Kräfte und Erweisungen zu erwarten sind, und dass sie sein Reich nicht nur in den Seelen der einzelnen Menschen oder im fernen Himmel, sondern vor allem und zuerst im Leben, gerade im «wirklichen» Leben der Menschen auf der Erde suchen und erwarten wollten. Ihnen erschien das Verhältnis Gottes zur Welt wieder als ein mächtiger geschichtlicher Vorgang, eine Bewegung, ein siegreicher Kampf, der mit der Erneuerung aller Dinge endigen muss. Die wohlfeile, den Tatsachen so offen widersprechende Behauptung aller Kirchen von der Allmacht und Weltregierung Gottes ist nicht wahr, sondern sie wird wahr dadurch, dass Jesus siegt auch auf Erden. (Darum eben: «Jesus ist der Siegesheld!» – nicht bloß der Seelenfreund34 oder Moralprediger, sondern der Verkündiger und Träger der göttlichen Macht auf der Erde.) Im Zusammenhang dieses Kampfes und im Lichte dieses kommenden |540 Sieges wollten die beiden Blumhardt die Lage der Welt verstehen. Die kirchliche Auffassung, dass die Welt im Großen und Ganzen im Argen liege [vgl. 1.Joh. 5,19] und liegen bleibe, während allerdings im einzelnen durch die Religion manches gemildert, erleichtert und verbessert werden könne, kehrten sie gerade um: Es gibt im einzelnen auch ohne Religion viel Gutes und Hoffnungsvolles, viele Gleichnisse des Göttlichen in der Welt, sie bedarf und harrt aber im Ganzen einer durchgreifenden Erlösung und Neuordnung, nicht durch Religion, sondern durch die realen Kräfte Gottes. Man kann das Neue und Neutestamentliche, das in Boll wieder aufging, zusammenfassen in das eine Wort: Hoffnung: Hoffnung auf eine sichtbare und greifbare Erscheinung der Herrschaft Gottes über die Welt (im Gegensatz zu dem bloßen, oft so gotteslästerlichen Reden von der Allmacht Gottes), Hoffnung auf eine radikale Hilfe und Errettung aus dem gestrigen Weltzustand (im Gegensatz zu jenem Vertrösten und Beschwichtigen, das allenthalben vor den unabänderlichen «Verhältnissen» Halt machen muss), Hoffnung für alle, für die Menschheit (im Gegensatz zu der selbstsüchtigen Sorge um das eigene Seelenheil und zu all den Versuchen, religiöse Übermenschen und Aristokraten zu züchten), Hoffnung für die leibliche Seite des Lebens, so gut wie für die geistige, in dem Sinn, dass nicht nur Sünde und Traurigkeit, sondern auch Armut, Krankheit und Tod einmal aufgehoben werden sollen (im Gegensatz zu dem rein geistigen Ideal des sogenannten «religiös-sittlichen» Lebens). An «Gott» glauben, das hieß für beide Blumhardt: diese umfassende Hoffnung ernst nehmen, ernster als alle andern Erwägungen; alle Dinge von dieser Hoffnung aus betrachten und behandeln, sich und sein Leben bis ins einzelne in das große Licht dieser Hoffnung stellen. Es ist diese neue Erkenntnis auf der ganzen Linie und in allen Stücken bis auf den heutigen Tag der volle Gegensatz zu der allgemeinen Kirchen- und Pfarrer-Religion aller Konfessionen. Das Originelle des jüngern Blumhardt liegt darin, dass er gerade nicht originell sein wollte und musste, wie es sonst die Art der Söhne gegenüber den Vätern zu sein pflegt. Er ist nur treu umgegangen mit der Gottes- und Welterkenntnis seines Vaters, welche die der Bibel war. Er hat sie vertreten und verkündigt in seiner Zeit, d.h. aber in unserer Zeit, der Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Dabei ist ihm ganz selbstverständlich mit der Zeit manches unwich|541tiger geworden, auf das sein Vater noch große Erwartungen setzte: z.B. die äußere Kirche mit ihren Formen, Versuchen und Erfolgen, die Theologie mit ihren Glaubenssätzen und ihrer historischen Gelehrsamkeit, die Heidenmission und die christliche Vereinstätigkeit mit ihrer etwas zweifelhaften Sicherheit und Vielgeschäftigkeit. Noch deutlicher als bei seinem Vater wurde das Fragezeichen, das von der neuen Erkenntnis ausd hinter das ganze gestrige Christentum zu setzen ist. Noch deutlicher aber auch das Licht der Verheißung und des Glaubens, in das alle Menschen, alle Verhältnisse und Bewegungen gerade des «weltlichen» Lebens durch das Evangelium gerückt werden, und damit traten umgekehrt allerlei Kreise und Lebensgebiete in den Bereich seiner Betrachtung, für die dem Vater die Augen noch nicht ganz aufgegangen waren. Eines schälte sich immer deutlicher heraus: dass in der neuen Erkenntnis gerade wegen der vergebenden erlösenden Liebe, mit der hier alles Menschliche umspannt wurde, ein umfassender Angriff auf die Grundlagen der heutigen Gesellschaft, Kultur und – Kirche enthalten war. Blumhardt hatte ein feines durchdringendes Gehör für das Seufzen nach Erlösung, das durch die ganze Kreatur und Menschheit geht. Und darum konnte er sich mit dem, was jetzt ist und besteht und gilt, an keinem Punkte abfinden. Es war die Last seines Lebens und auch seine Freude, dass er immer und überall an das Neue glauben musste und konnte, das aus dem Alten geboren werden will. So ist in Boll wie sonst vielleicht gar nirgends die Geduld gepredigt worden, die aus der stärksten Opposition stammt, und die Opposition, die gleichsam eingebettet ist in die größte Geduld. Aber über allem stand immer das große göttliche «Vorwärts!» Weil Gott lebt, darum muss bei den Menschen nicht nur einiges, sondern alles anders werden. Zu viel Unsinn, Unrecht und Unglück haben sie trotz aller Religion geduldet, mitgemacht und ertragen, nicht nur sich selber zum Schaden und zur Schande, sondern vor allem dem Namen Gottes zur Unehre, der Liebe Christi zu Leid. Weil Gott lebt, darum muss der Mensch aufwachen aus dem Schlaf, aus dem Schlaf auch der Ehrbarkeit und Frömmigkeit, um dem Ganzen seines Lebens, nicht nur einzelnen mehr oberflächlichen Beziehungen, den Sinn wiederzugeben, den es heute verloren hat. Blumhardt hat sich so |542 wenig wie Naumann getäuscht über die «Wirklichkeit», über die Natur des Menschen. Er erwartete nicht, sie durch Predigen, Agitieren und Belehren anders zu machen, er verzichtete aber auch nicht darauf, mit der nötigen Umkehrung des Menschen zu rechnen. Er vertraute auf die wirkliche Wirklichkeit, auf die natürliche Natur des Menschen, auf das Offenbarwerden dessen, was jetzt im Menschen noch verborgen ist, auf eine neue Ausgießung des heiligen Geistes. Weil er an Gott glaubte, glaubte er auch an den Menschen, und weil er an den Menschen glaubte, glaubte er auch an die Erneuerung der Welt. Wenn die Gabe «von oben» [vgl. Jak. 1,17] wieder verstanden wird und einen bereiteten Boden findet, dann werden alle Dinge möglich. Unterdessen bejahte er aber freudig und hoffnungsvoll alles, was ihm auf die sich vorbereitende Erneuerung der Welt hinzuweisen schien als Anzeichen und Vorboten des kommenden Sieges Jesu Christi. Auch er war wie Naumann ein großer Freund der Natur und der Naturwissenschaft. Der Entwicklungsgedanke hat ihn nicht weniger beschäftigt als jenen. Aber das, was er sich von der Natur sagen ließ, war nicht die öde vernichtende Lehre, dass wir alle nach ewigen ehernen großen Gesetzen unseres Daseins Kreise vollenden müssen35, sondern die freudige Botschaft von der Unerschöpflichkeit der Lebensmöglichkeiten, die ihm wie einst dem Paulus (1.Kor. 15) zum Gleichnis der Auferstehung wurde. Auch er hatte wie Naumann ein offenes Auge für die Wunder der modernen Technik, für die Fortschritte des Menschengeistes im Wissen und Können. Aber er verlor sich nicht in der Bewunderung des Menschen und seiner Werke, verlor die Hauptsache nicht aus den Augen, die Frage nach der eigentlichen Befreiung und Belebung des Menschendaseins, für die auch die höchsten kulturellen Errungenschaften bestenfalls Gleichnis und Vorbereitung sein können. Wie Naumann hatte auch Blumhardt eine Vorliebe für Reisen in ferne Länder. Aber was er heimbrachte, war nicht die Kenntnis von allerlei seltsamen Tatsachen und daneben der niederdrückenden Wahrheit, dass der Mensch überall der Mensch ist, sondern immer neue Anregungen und Möglichkeiten, an die Menschen aller Länder und Völker zu glauben und für sie zu hoffen. Alles Vergängliche ist ja nur ein Gleichnis, aber eben doch ein Gleichnis für das Unvergäng|543liche.36 Auch sein Weg kreuzte sich endlich wie der Naumanns mit dem der Sozialdemokratie. Er erlag aber der Versuchung nicht, die an jeden bürgerlich empfindenden Menschen, der sich mit dieser Erscheinung beschäftigt, zunächst herantritt, diee Versuchung nämlich, das Praktische, Liberale, Erreichbare am Sozialismus, also die Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung zu bejahen und über den unbegreiflichen Utopismus des sozialistischen Endziels mitleidig die Achseln zu zucken. So allerdings Naumann – entsprechend seiner Stellung zum neuen Testament. Blumhardt aber erkannte freien Blickes gerade im Radikalismus, im Endzielgedanken der Sozialisten das Gleichnis des Gottesreiches für unsere Zeit. Das bewahrte ihn vor der weiteren Versuchung, der Naumann und Stöcker erlegen sind: vor dem zum Tod verurteilten Unternehmen, der Sozialdemokratie einen «christlichen» Sozialismus an die Seite setzen zu wollen. Haben die Gottlosen Gott besser verstanden als die Christen, dann kann es nicht deren Sache sein, jene durch eine «christliche» Nachahmung überbieten zu wollen; dann heißt es, Gott die Ehre, und in diesem Fall den Gottlosen Recht geben. Das hat denn auch Blumhardt getan – indem er sich nun nicht etwa damit begnügte, das ungezählte Heer der «Sozialgesinnten» im bürgerlichen Lager zu vermehren, sondern zum Befremden und Entsetzen fast aller seiner Freunde offen der sozialdemokratischen Partei Württembergs beitrat und sich sogar für eine Reihe von Jahren in den dortigen Landtag wählen ließ.37 Dieser Schritt war ein ganz unpolitisches, schlichtes unscheinbares Bekenntnis zu dem Zukunftsglauben Gott und den Menschen gegenüber, der in ihm lebte. Gerade als das war er aber der Beweis der Tat dafür, dass es ihm mit diesem Glauben Ernst war. Er hat Blumhardt den Pfarrertitel, die größere Zahl seiner bisherigen Anhänger und den Rest von Vertrauen, das die «christlichen» Kreise noch zu ihm hatten, gekostet. Das tiefe Befremden, dass es mit der Hoffnung auf das Reich Gottes so gemeint sein könnte, spiegelt sich heute in den gewundenen Erklärungen, mit |544 denen sogar seine nächsten Freunde diesen Schritt zu deuten und in seiner grundsätzlichen Wichtigkeit womöglich wegzudenken versuchen.38 Blumhardt ist sonst von seiner Umgebung reichlich nachgeahmt worden, obwohl er aufs Nachdrücklichste verlangte, dass jeder in Freiheit seinen Weg gehen müsse. Von der Freiheit, nicht Sozialdemokratenf zu werden, haben seine Freunde auffallenderweise den stärksten Gebrauch gemacht! Das nebenbei! Blumhardts Geheimnis war seine immerwährende Bewegung zwischen Eilen und Warten [vgl. 2.Petr. 3,12], zwischen dem frischen Zugreifen mitten hinein in die Fülle dessen, was ist, und dem staunenden innerlichen Lauschen auf das, was werden will durch die Kraft aus der Höhe [vgl. Luk. 24,49]. Er hatte, in Gott gegründet, ein höchst lebendiges Verhältnis zu seiner Zeit. Ihn konnte kein Weltkrieg und keine Revolution Lügen strafen. Naumann und Blumhardt haben sich einst gekannt. Ich war |545 später einmal in der seltsamen Lage, Blumhardt einen Gruß von Naumann ausrichten zu dürfen, den letzten wahrscheinlich.39 Im Eilen und Zugreifen hat der letztere den ersteren verstanden, im Warten und Lauschen weniger. Umgekehrt fehlt es nicht an Freunden Blumhardts, die sich trefflich darauf verstehen, zu warten, ohne zu eilen, die großen Gedanken des Gottesreiches immer wieder zu bewegen und sich daran zu freuen und unterdessen den Lauf der Welt mit einem gewissen Lächeln mitzumachen. Im einen wie im andern Falle wird ausg der neuen Erkenntnis wieder das, was die Kirche immer gesagt hat. Das Einzigartige, wir sagen mit vollem Bedacht: das Prophetische in Blumhardts Botschaft und Sendung lag darin, wie sich das Eilen und Warten, das Weltliche und das Göttliche, das Gegenwärtige und das Kommende in seinem Reden und Tun begegnete, vereinigte, ergänzte, immer wieder suchte und fand. Kein Wunder, dass dieser Mann auf viele einen seltsamen, abstoßenden, irrlichtartigen Eindruck gemacht hat. Er musste ja ein Fremdling sein unter allen, die sich in der heutigen Gesellschaft, Kirche und Welt heimisch fühlen können und wollen. Kein Wunder auch, dass viele andere, die in allerlei persönlichen eigenen Schwierigkeiten und Leiden Trost und Rat suchten, in Boll die Antwort fanden, die niemand sonst geben konnte – ohne dass sie sich darum einließen auf das, was eigentlich sein Anliegen den Menschen gegenüber, seine große Sache war. Einige andere wurden weder seine Feinde noch seine Freunde, sie hörten aber die Botschaft, wurden angesteckt von der Unruhe, bewegt von der Erschütterung, ergriffen von dem Glauben, die in diesem Manne waren. Seine unverständigen Gegner und seine dankbaren Verehrer werden mit der Zeit still werden; er selbst wird lebendig bleiben unter allen, die es fassen können, um was es in diesem Leben gegangen ist: um den Sieg der Zukunft über die Vergangenheit.

Textkritische Fußnoten

a
B: «von».↩
b
B: «verstehende».↩
c
B: «und».↩
d
A: «Erkenntnis, das».↩
e
B: «der».↩
f
B: «Sozialdemokrat».↩
g
A: «von».↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 48–79 und 275–302.↩
2
K. Barth, Predigten 1919, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 290–295 📖.↩
3
Postkarte vom 6.9.1919 (KBA 9319.156).↩
4
Ansichtskarte vom 19.9.1919 (KBA 9319.175).↩
5
Zur Tambacher Konferenz vgl. unten S. 546–555.↩
6
Postkarte vom 16.9.1919 (KBA 9319.172).↩
7
Ansichtskarte vom 21.10.1919 (KBA 9319.200).↩
8
Bw. R., S. 147 📖.↩
9
Brief von Liese Loew vom 9.3.1920 (KBA 9320.75).↩
10
Anspielung auf J. W. von Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 1207 (Hecker) 📖: «Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.»↩
11
Vgl. Th. Heuss, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit (Siebenstern-Taschenbuch 121/123), München und Hamburg 19683, S. 158–173 📖.↩
12
Vgl. Heuss, a.a.O., S. 54–65.70–80.89–91.109f. 📖↩
13
Vgl. Heuss, a.a.O., S. 65–70 📖.↩
14
«Die Hilfe» führte diesen Untertitel von 1895 bis 1901.↩
15
Vgl. Fr. Naumann, Werke, Bd. 1: Religiöse Schriften, hrsg. von W. Uhsadel, Köln und Opladen 1964, S. XXII­-XXV und bes. S. 322–370.389–401.424–454 📖; Heuss, a.a.O. (s. oben S. 531, Anm. 11), S. 92–105 📖.↩
16
Fr. Naumann, Gotteshilfe. Gesamtausgabe der Andachten aus den Jahren 1895-1902 sachlich geordnet, Göttingen 1911 📖4.↩
17
Vgl. z.B. a.a.O., S. 210f.250f.412f.472f.478f.490f. 📖 Prägnant zusammengefasst finden sich die entsprechenden Gedanken in Fr. Naumann, Jesus als Volksmann (1894), in: ders., Werke, Bd. 1, a.a.O., S. 371–388 📖; vgl. ders., Debatterede: Wie lassen sich die sittlichen Ideale des Evangeliums in das gegenwärtige Leben überführen? (1911), a.a.O., S. 825–831, dort S. 827 📖: «Das Christentum der absoluten Evangelischkeit, der imitatio Christi, der Nachfolge jenes Armen, der damals mit zwölf anderen nur mit einem Kleide und ohne eine Heimat durch Palästina gegangen ist, diese Nachfolge Christi im Sinne des heiligen Franz v. Assisi schwebte uns als ein unerreichbares, aber ersehnenswertes christliches Ideal damals vor, als das Wort ‹evangelisch-sozial› geprägt wurde.»↩
18
Vgl. Fr. Naumann, Sonnenfahrten, Berlin-Schöneberg 1909 📖; ders., Werke, Bd. 6: Ästhetische Schriften, hrsg. von H. Ladendorf, Köln und Opladen 1969, S. 612f. und die Auswahl der Reiseberichte Naumanns S. 452–542 📖.↩
19
Vgl. Fr. Naumann, Pariser Briefe (1900), Werke, Bd. 6, a.a.O., S. 352–411, dort S. 372f.400–405 📖.↩
20
Vgl. Fr. Naumann, Die Kunst im Zeitalter der Maschine (1904), a.a.O., S. 186–201, dort bes. S. 195 📖, wo Naumann vom Frankfurter Bahnhof als «diesem wunderbar aus Morgenfrühe des Eisenbaues heraus entstandenen besten Werke unserer Tage» schreibt, und S. 201, wo er zum «Verhältnis von Industrie und Religion» die Andeutung macht, «daß es teilweise wortlos gewordener Pietismus ist, den wir in unseren Künsten finden».↩
21
Zur Gründung des «Nationalsozialen Vereins» als gemeinsamer Organisation der «nichtkonservativen Christlich-Sozialen» 1896 vgl. Heuss, a.a.O. (s. oben S. 531, Anm. 11), S. 129–131 📖.↩
22
Zur Entscheidung Naumanns und der Mehrheit des «Nationalsozialen Vereins» 1903, sich der «Freisinnigen Vereinigung» («Wahlverein der Liberalen») anzuschließen, vgl. Heuss, a.a.O., S. 191–196 📖.↩
23
Vgl. Fr. Naumann, «Asia». Athen, Konstantinopel, Baalbek, Damaskus, Nazaret, Jerusalem, Kairo, Neapel, Berlin-Schöneberg 1899, S. 114f. 📖, Abdruck des vorletzten Teils in: ders., Werke, Bd. 1, a.a.O. (s. oben Anm. 15), S. 535–553, dort S. 546–548 📖.↩
24
Vgl. Fr. Naumann, «Asia», a.a.O., S. 7f. 📖: Der heilige Franz – ein «Bettelmann und ein Narr» – «ist nur deshalb auf das Schiff gekommen, um sein Sprüchlein zu sagen: arm diene den Armen! Ich fange an, ihm zu antworten, daß er selbst zur Beseitigung der Armut nichts gethan hat, daß er mitschuldig ist an Italiens frommer Bettelwirtschaft, daß er von Arbeit, Volkswirtschaft und Fortschritt nichts versteht, daß seine Methode nichts ist, als die Verklärung des Elends, das von ihm gar nicht beseitigt werden soll, - da war er weg, denn für Logik ist nun einmal der heilige Franz nicht sehr zu haben.» Vgl. auch ders., Seelenfragen und Kapitalismus (1906) 📖 und Beim heiligen Franziskus (1906), in: Werke, Bd. 1, a.a.O., S. 689–694.695–704 📖.↩
25
Vgl. oben S. 77.↩
26
Vgl. Heuss, a.a.O. (s. oben S. 531, Anm. 11), S. 271–273 📖.↩
27
Max Scheler hat die «deutsche Innerlichkeit» als eine «deutsche Krankheit» dargestellt und ihre Wurzeln analysiert: M. Scheler, Von zwei deutschen Krankheiten (1919), in: ders., Schriften zur Soziologie und Weltanschauungslehre, Gesammelte Werke, Bd. 6, Bern und München 19632, S. 204–219, bes. S. 207–219 📖; vgl. die Schilderung des «deutschen Überreichtums» an «metaphysischer Innerlichkeit» und der «Metaphysik der Innerlichkeit» bei E. Troeltsch, Das Wesen des Deutschen. Rede, gehalten am 6. Dezember 1914 in der vaterländischen Versammlung in der Karlsruher Stadthalle, Heidelberg 1915, S. 26f. 📖↩
28
Vgl. oben S. 142f..↩
29
Vgl. Heuss, a.a.O. (s. oben S. 531, Anm. 11), S. 487, vgl. auch S. 531 📖.↩
30
Vgl. oben S. 77.↩
31
Fr. Naumann, Mitteleuropa, Berlin 1915 📖.↩
32
Nach dem Aufsehen und der Kritik, die Blumhardts Eintreten für die Sozialdemokratie und sein Eintritt in die sozialdemokratische Partei 1899 erregt hatten, forderte das württembergische Konsistorium Blumhardt zum Verzicht auf den Pfarrertitel auf. Blumhardt entsprach dieser Aufforderung. Vgl. die Darstellung der Vorgänge bei Kl.-J. Meier, Christoph Blumhardt. Christ – Sozialist – Theologe (Basler und Berner Studien zur historischen und systematischen Theologie, Bd. 40), Bern / Frankfurt am Main / Las Vegas 1979, S. 59–76, bes. S. 71–73 📖.↩
33
RG [1998] 856; EKG (Württemberg) 429. 🎵↩
34
Vgl. den Choral «Jesu, Seelenfreund der Deinen» von (J.) M. Hahn (GERS [1891] 181; EG 560) 🎵.↩
35
Vgl. J. W. von Goethe, «Das Göttliche», 6. Strophe 📖.↩
36
Vgl. J. W. von Goethe, Faust II, V. 12104f. (5. Akt, Bergschluchten) 📖.↩
37
Zum Beitritt Blumhardts zur Sozialdemokratischen Partei 1899 und zu seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter von 1900 bis 1906 vgl. Meier, a.a.O. (s. oben S. 538, Anm. 32), S. 60–64 und S. 83–91.110–112 📖.↩
38
Vermutlich ist vor allem an den mit S. P.-S. (Samuel Preiswerk-Sarasin?) gezeichneten Artikel In memoriam Christoph Blumhardt 1842-1919, in den BN, Jg. 75, Nr. 345 vom 13.8.1919 (2. Blatt), S. [1f.] 📖, gedacht. Dort heißt es zu Blumhardts Kritik an der Haltung, die die «erlebte Wohltat» nicht als «Antrieb der Vollendung nachzujagen, sondern nur als Mehrung des eigenen Wohlseins» begreift: «Freilich stand Blumhardt mit solchen Gedanken sehr allein. Hier handelt es sich auch nicht darum, ihre Richtigkeit zu behaupten oder zu bestreiten.» Und weiter: «Daß er im einzelnen Falle einen Gedanken zunächst zu hoch gewertet habe, zu laut betont oder zu kühn, vielleicht auch nur zu früh ausgesprochen, das mag ja sein.» Zum Eintritt in die SPD im besonderen wird bemerkt: «Ihm den Schritt nachzutun, davor hat er seine Freunde mit dem größten Ernst gewarnt. Er selber hat ihn getan in einer Weise, die einem Zweiten schwerlich möglich gewesen wäre.» Es sei Blumhardt nicht gelungen, «die Partei zur Höhe seiner Anschauungen und Ziele zu erheben». «So wie sie heute vielfach sich darstellt, würde er sie ohne Frage weit von sich weisen.» Ähnlich wird Barth Eberhard Vischers Ausführungen zum Schritt Blumhardts zur Sozialdemokratie empfunden haben: Während «jüngere schweizerische Freunde, die ihm auch auf diese Bahn gefolgt waren, seither eifrige sozialdemokratische Parteigänger geblieben sind, zog sich Blumhardt selber in nicht allzulanger Zeit wieder von dem politischen Leben zurück. Die Politik, vor allem die damals von der deutschen Sozialdemokratie befolgte rein negative […], entsprach seiner positiven, optimistischen, großzügigen Art nicht» (E. Vischer, †Christoph Blumhardt, in: KBRS, Jg. 34, Nr. 34 vom 23.8.1919, S. 133–135, dort S. 135 📖).↩
39
Vgl. oben S. 142f..↩