Die Liebe
§ 14 DIE LIEBE
Gottes Gebot wird von mir erfüllt, D.h.mein Tun ist gut, ist Gehorsam gegen das Gebot des Gesetzes, geschieht in Anerkennung der mir gesetzten Autorität und als Werk der Demut, sofern mir gesagt ist und ich mir gesagt sein lasse, daß ich selbst ein an Gott und durch ihn an meinen Nächsten Gebundener bin. Daß mir das gesagt ist und daß ich mir das gesagt sein lasse, das ist als Werk des Wortes Gottes die Wirklichkeit der Liebe.
1.
Wir haben nun auch in bezug auf das Gebot Gottes des Versöhners das Problem unseres Tuns, unseres Haltens des Gebotes kurz ins Auge zu fassen. Wir haben dieses Gebot, D.h.das eine Gebot Gottes in dieser besonderen Beleuchtung kennen gelernt als das Gebot des Gesetzes Gottes, wie es uns in unserem Gegenüber mit dem Mitmenschen konkret gegeben ist. Wir haben unsere Bestimmtheit durch dieses Gebot verstanden als unser Stehen unter der Autorität Gottes, und darum unseres Mitmenschen. Wir haben die in dieser Bestimmtheit an uns ergehende Forderung des Gebotes erkannt im Begriff der Demut oder des Opfers, der sich uns in die Begriffe der Buße vor Gott und des Dienstes am Nächsten auseinanderlegte. Wieder sind uns damit eine Anzahl von Kriterien unseres Handelns sichtbar geworden, Fragen, an denen es sich entscheidet oder mitentscheidet, ob unser Handeln im Gehorsam und also in der Heiligung geschieht. Wir haben aber noch nicht nach unserem Handeln als solchem gefragt, nach dem Subjekt aller dieser Bestimmungen. Anders gesagt: es bleibt uns noch übrig, eben diese Frage, die Frage: Wer oder was müssen wir denn sein, um unter dem Gesetz, unter Autorität, in der Demut zu stehen und also Christen zu sein? – als1 den Sinn aller gestellten Fragen ausdrücklich |344 herauszustellen. Wieder deuteten ja alle auf unserem Weg berührten Punkte auf einen Mittelpunkt hin, auf die fallende Entscheidung unseres konkreten Handelns, in dem wir unter das Kriterium, in dem wir vor Gott selbst gestellt sind. Nur zur weiteren Beleuchtung des in diesem Mittelpunkt sich vollziehenden Ereignisses erlaubten wir uns die diesem Kapitel zu Grunde liegende Abstraktion einer lex gratiae und die weiteren Abstraktionen, die wir mit der Aufstellung jener Begriffe vollzogen haben. Wir sind uns klar darüber, daß wir unter keinem der angeführten Gesichtspunkte, und auch nicht unter allen ineinandergerechnet, in der Lage sind, weiter als bestenfalls bis zu höchst wahrscheinlich richtigen Antworten in bezug auf die Frage nach der Güte unseres Tuns vorzustoßen. Die entscheidende Antwort auf diese Frage gibt Gott und Gott allein, indem er uns in der fallenden Entscheidung als Gehorsame findet oder nicht findet. Wenn theologische Ethik mehr sein will als ein Kompendium von höchst wahrscheinlich richtigen Antworten, d.h. aber von ethischen Überzeugungen, dann dürfen auch ihre Antworten keinen anderen Charakter tragen als den von spezifizierten Fragen. Sie müssen geöffnet bleiben und immer wieder geöffnet werden, nicht nach der Seite der menschlichen Willkür, wohl aber nach der Seite des allein entscheidenden Wortes Gottes selber. Anders als in dieser grundsätzlichen Offenheit werden wir nun auch die Frage nach unserem Handeln als solchem oder nach unserem eigenen Sein als Handelnde nicht stellen und beantworten dürfen. Wir dürfen ihr aber auch nur schon darum nicht ausweichen, weil deutlich zu machen ist, daß wir auch und daß wir gerade in der entscheidenden Frage nach unserer eigenen Entscheidung als solcher, auch und gerade [nach] unserer Entscheidung gegenüber der lex gratiae, vor der Entscheidung Gottes stehen. Mit der entscheidenden Frage haben wir es hier zu tun, sage ich. Alle Antworten auf die Frage: wie handle ich als mit Gott versöhnter Mensch? müssen ja offenbar darum offene Antworten sein und bleiben, Antworten, die letztlich selber nur bestimmt fragen wollen, weil sie gewissermaßen nur Vorfragen, Eventualfragen sind, die auf die entscheidende Frage zurückweisen, ob ich denn als versöhnter |345 Mensch handle? Ob ich unter das Gesetz gestellt bin, ob ich unter Autorität und ob ich in der Demut stehe, das alles hängt an jenem ersten großen Ob. Gibt es eine Möglichkeit, nun auch noch dieses große Ob auf einen Begriff zu bringen, der sich dadurch als ethischer Begriff, als Darstellung einer Inanspruchnahme unseres Handelns kennzeichnet, daß er nicht nur das ausdrückt, daß die Antwort auf jenes Ob in Gottes Hand ist – das muß er freilich auch tun– sondern auch das Andere, daß das, was hier in Gottes Hand ist, wirklich unser eigenes verantwortliches Handeln ist, zu dem wir freilich erwählt sein müssen, um dessen Geschehen wir also nur beten können, zu dessen Vollbringen wir aber auch, indem wir um sein Geschehen beten, indem wir dazu erwählt sind, mit letzter Dringlichkeit, und eben indem wir voll verantwortlich gemacht werden, aufgerufen sind? Die Bestimmung unseres Tuns, derer hier zu gedenken ist, ist nach Anleitung der Bibel Alten und Neuen Testamentes sowohl wie der in diesem Stück mehr oder weniger einmütigen theologischen Tradition, aber auch nach dem Ansatz, von dem aus wir den Weg zu dieser unserer letzten Frage gegangen sind, die Bestimmung unseres Tuns durch die Wirklichkeit der Liebe.
2.
Was könnte und müßte das heißen, wenn mein Handeln als Christ im Verhältnis zu dem Gebot dessen, der mich zum Christen macht, in diesem Augenblick gut, also Erfüllung, Halten dieses Gebotes, also christlich wäre, wenn ich also in diesem Augenblick unter dem Gesetz stünde, unter Autorität mich beugte, das Gott wohlgefällige Opfer der Demut darbrächte? Dann würde offenbar der Wille Gottes geschehen. Aber wir haben offenbar jetzt noch ganz anders als an der entsprechenden Stelle unseres Kapitels vom Schöpfungsgebot2 Anlaß zu bedenken, daß es sich dabei um das Geschehen des Willens Gottes auf Erden handelt, von dem dasselbe |346 Geschehen im Himmel wohl zu unterscheiden ist [vgl.
Nochmals: schon darin ist sie eben das Gute, das von uns geforderte Tun. Aber wir müssen schon weitergehen. Wenn die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, dann muß schon von ihr zu sagen sein, daß in ihr der Wille Gottes geschieht: «auf Erden wie im Himmel» [
Aber wir haben allen Anlaß, uns zu fragen, ob es einen solchen Augenblick des Wohlgefallens, ein solches Existieren in der Gebun|348denheit unseres Willens an den Willen Gottes gab, gibt und geben wird. Was haben wir, was wissen wir, als daß wir danach eben gefragt sind? Darum kann es bei der Tat der Liebe nicht gehen, daß wir diese oder jene Antwort auf die uns gestellten Fragen ergreifen als die uns überzeugendste, als die für uns notwendige. Das tun wir freilich fort und fort, und wenn man will, so mag man ja auch dieses unser Ergreifen der jeweils wahrscheinlichsten Möglichkeit Liebe nennen. Aber das Gute, die Erfüllung des Gebotes sollten wir auf dieser Linie nicht suchen. Liebe im Sinn von Gebundenheit sollten wir das nicht nennen. Denn sind nicht wir selbst es, die uns hier binden? Wer hat uns aber ermächtigt und bevollmächtigt, uns selbst durch unser Ergreifen dieser oder jener Antwort auf das, wonach wir gefragt sind, so zu binden, daß wir in dieser Bindung durch uns selbst zugleich die an Gott Gebundenen wären? Von Liebe im eigentlichen Sinn kann offenbar nur da die Rede sein, wo wir uns nicht selbst gebunden haben, sondern gebunden sind. Liebe gründet doch in der gesuchten und gefundenen und wieder gesuchten Gegenliebe, in ihrem sie, weil er selber liebt, weckenden und herausfordernden Gegenstande. Zur Liebe entschließt man sich nicht, sondern zur Liebe ist man entschlossen von dem geliebten Gegenstand her. Liebe ist nicht eine Begleitmusik zu unserem Ergreifen dieser und jener Möglichkeiten, sie ist aber auch selber nur insofern ein Ergreifen, als sie zuerst ein Ergriffensein ist, und alles Ergreifen dieser und jener Möglichkeiten kann dann nur noch ein Ausdruck dieses Ergriffenseins sein wollen. Geht es nun aber um unser Gebundensein an Gott und also um die reine, von allem Sichselberbinden freie Liebe (zu der sich alles unser Lieben kreatürlicher Gegenstände nur wie das Gleichnis zur Sache verhalten kann), dann können wir unser Gebundensein, die Bedingtheit unserer Liebe durch ihren Gegenstand nur dadurch einigermaßen angemessen ausdrücken, daß wir ihren Grund, das, was sie zur wirklichen Liebe und also zum Tun des Guten macht, darin suchen, daß uns unser Gebundensein gesagt ist und daß wir es uns gesagt sein lassen. Gesagt durch das zu uns gekommene Wort der Versöhnung.
Indem wir auch an dieser unerwarteten Stelle vom «Sagen» |349 und vom «Wort» reden, halten wir einmal fest, daß wir ja von der Liebe als des Gesetzes Erfüllung reden, von der Liebe zu dem Gott, der uns gerade als unser Versöhner im überbrückten, aber darum nicht aufgehobenen Gegensatz gegenübersteht. Da wissen wir nicht ohnehin um ihn, da können wir ihn auch nicht lieben auf Grund irgendeiner Vorerkenntnis, die wir vom ihm hätten, da muß er zu uns gesprochen und da müssen wir ihn gehört haben. Wir unterstreichen, indem wir von Sagen und Gesagtseinlassen reden, zweitens, daß die Liebe wirklich Inhalt eines an uns ergehenden Gebotes und eben so wirkliches Gebundensein durch ihren Gegenstand, durch die Liebe ihres Gegenstandes ist. Darin ist die Liebe reine Liebe, daß sie nicht auf einer eigenen inneren Notwendigkeit beruht und nicht in einem eigenen Ergreifen besteht, sondern ganz, in der Ganzheit, wie sie [in] keiner menschlichen, auf kreatürliche Gegenstände gerichteten Liebe Ereignis ist, in der Ganzheit eines von außen fremd zu uns kommenden Wortes als «Aufgang aus der Höhe» [
Ist uns nicht gesagt, daß wir gebunden sind, und lassen wir es uns nicht sagen, so sind wir es gewißlich gar nicht, so könnte unser Lieben noch immer ein eigenhändiges und eigenmächtiges Ergreifen sein, dessen Charakter als Erfüllung des Gesetzes ganz in der Luft stünde. Wenn wir mit Gott versöhnt sind, dann lieben wir auch. Die Liebe Gottes ist dann ausgegossen in unsere Herzen durch den |350 heiligen Geist (
Wir können uns das Entscheidende, das geschehen muß, nicht nehmen, sondern es muß uns geschenkt werden. Das ist die beherrschende theologische Bestimmung des Begriffs der Liebe. Sie wird sich aber dadurch als echt erweisen müssen, daß sie sich auch, wenn auch keinen Augenblick anders als im Blick auf den Grundtext, ins Anthropologische übersetzen, also als verantwortliches Tun des Menschen verstehen läßt. Die Möglichkeit und die Notwendigkeit dazu ist eben damit gegeben, daß wir jenes Geschenk, daß wir die Gnade, jetzt also die in unsere Herzen ausgegossene Liebe nicht, wie es, sicher im Mißverständnis jenes Pauluswortes, so oft geschehen ist, als eine Art physikalischen Influxus auffassen, sondern eben als ein Wort, das zu uns gesagt ist und das wir uns gesagt sein zu lassen haben.
351Damit wird die Liebe im wörtlichsten Sinne eben zur Verantwortung. Wir gehorchen, indem wir lieben, nicht einem wie ein Zauber über uns gekommenen Trieb – wir können uns also, wenn wir nicht lieben, auch nicht damit entschuldigen, daß dieser Zauber nicht über uns gekommen sei –, sondern, und das ist etwas ganz Anderes, wir sind gefragt, ob wir das Wort der ewigen Liebe etwa wirklich nicht gehört haben und ob wir, wenn wir es gehört haben, etwas Anderes tun können als eben lieben. Denn Lieben ist ein Tun, dasjenige Tun, das in der Bindung geschieht, die wir mit den Begriffen Gesetz, Autorität, Demut umschrieben haben, in der Bindung, die der tragende Sinn dieser Begriffe ist. Man könnte die Liebe wie den Glauben als ein «Trauen und Wagen des Herzens»3 beschreiben, man könnte auch von ihr sagen, daß es darum geht, die Mitte unseres Daseins in Frage gestellt zu sehen, loszulassen, preiszugeben, aufs Spiel zu setzen, um Gott unseren Herrn sein zu lassen in der ganz bestimmten Weise der Offenheit für sein uns in der Gegebenheit unseres Nächsten gegebenes Gesetz. Man könnte auch hier das Bild vom Schwimmer oder vom Radfahrer verwenden, der das Gleichgewicht aufgeben muß, um es in der Vorwärtsbewegung neu zu suchen. Aber über das, was die Liebe mit dem Glauben gemeinsam hat, hinaus ist für sie bezeichnend der Charakter der Notwendigkeit ihres Wagnisses. Das Tun der Liebe ist notwendiges Tun, sofern es sich eben bezieht auf eine Not und auf eine Notwende. Gnade heißt ja nicht nur Gott der Herr im allgemeinen, wie er als der Schöpfer hoch über unserer Not steht, sondern Gott der Herr unserer Notwende. Danach sind wir gefragt, wenn es um das Wort der ewigen Liebe geht, ob wir in Christus und darum in seinen geringsten Brüdern [vgl.
Müssen! Das ist das Wort, das uns, ausdrücklich oder nicht ausdrücklich, durch dieses ganze Kapitel begleitet hat. Das ist das Wort, das auch für die durch das Gebot von uns geforderte Liebe, das also für das Tun des Gebotes als solches bezeichnend ist. Wir tun das Gute, wenn wir es tun müssen, und dieses Müssen ist die christliche Liebe. Daß wir diesem Müssen uns fügen, also gegen uns selber uns fügen, das ist das Wagnis der christlichen Liebe. Es ist eine paradoxe, aber notwendige Formulierung, wenn wir sagen: christliche Liebe kommt dann von Herzen, wenn sie gegen unser Herz, und eben so uns zu Herzen geht. «So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.»4 Wie sollte es anders sein, wenn wir über dem anthropologischen den theologischen Charakter dieses Begriffes nicht aus den Augen verlieren, vielmehr in diesem den eigentlichen und entscheidenden Gehalt jenes festhalten wollen. Wir müssen ja nun doch von diesem wieder auf jenen zurückblicken.
Die christliche Liebe bietet phänomenologisch ebenso wie der christliche Glaube das befremdliche Bild eines Sprungs ins Leere. Was ist das für ein Gebundensein, das in keinem Sichselberbinden sein Korrelat haben soll? Was ist das für ein Entschluß, der darin besteht, daß ich entschlossen bin? Was ist das für eine Tat, die ich tun muß, die ich ganz und gar aus Notwendigkeit tue? Wenn hier Klarheit und Wahrheit sein soll und nicht Wahnsinn, wenn wir hier gewisse Tritte tun sollen, dann muß Gott zur Stelle sein, nicht bloß unser Gedanke an Gott, nicht bloß unsere Intention auf ihn, sondern Gott selber in der Wirklichkeit seiner Liebe. Alles Gesagte: Liebe als Verantwortung, Liebe als Wagnis, Liebe als Beugung, Liebe als Notwendigkeit und damit Liebe als das Eigentliche und Entscheidende in der Frage, ob wir unter dem Gesetz, unter Autori|354tät, ob wir in der Demut stehen – Alles hängt daran, daß Gott selbst zur Stelle ist, D.h.daß er sich uns – und daß er sich uns durch unseren Nächsten als Gegenstand gibt. Wären wir gegenstandslos, so würden wir, so könnten wir nicht lieben, so fiele Alles, die Verantwortung, das Wagnis, die Beugung, die Notwendigkeit auf uns selbst zurück. Es wäre dann in der Tat auch ontologisch nur als Wahnsinn zu verstehen. Daß wir aber nicht gegenstandslos sind, das ist nicht schon damit gegeben, daß Gott Gott ist und daß es uns auch an Mitmenschen nicht zu fehlen scheint. Sonst würden wir wohl in derselben Selbstverständlichkeit auch lieben. Wir wissen aber, wie selten wir lieben, und wenn wir ganz genau sein wollen, so werden wir sogar sagen müssen, daß wir, obwohl Gott Gott ist und obwohl es uns auch an Mitmenschen nicht fehlt, an sich gar nie lieben, und stehen dann vor der Wahl, ob wir uns damit zermartern wollen, dies dennoch zu tun, oder ob wir uns entschließen wollen, von diesem Unternehmen zu lassen, wie man eben von einem offenkundigen Wahnsinn läßt. Wir können also die anthropologische Definition der Liebe gar nicht vollziehen, ohne den Kreis zu schließen, indem wir sie theologisch noch einmal definieren als die Liebe, mit der wir geliebt sind, als die Liebe Gottes selber, in der er – wir können nur sagen: Wunder über Wunder – nicht nur Gott, sondern Gott für uns ist, sich als durch unsere Not, die doch unsere Schuld an ihm ist, gefragt bekennt und darauf antwortet, sozusagen selber einen Schritt ins Leere tut, nämlich den Schritt hinein in die Nichtigkeit, in die wir uns begeben haben, sich beugt vor einem Anspruch, den nicht nur er uns geschenkt [hat], indem er uns schuf, den wir auch verloren und verwirkt haben, – [und so] ein Müssen für sich in uns entdeckt, das doch nur das Müssen seiner Barmherzigkeit sein kann. So und damit wird Gott Gegenstand für uns, so und damit wird der Nächste uns Gegenstand. So und damit wird Liebe möglich und wirklich. Wir können dieses Fürunssein Gottes keinen Augenblick ausschalten, wenn wir nicht, von der Liebe redend, von einem Schemen reden wollen. Aber wie hätten wir dieses Moment verstanden, wenn wir es anders in unsere Definition einschalten wollten denn als das |355 Moment, um dessen Zugegensein wir nur beten können, weil sein Zugegensein keinen Augenblick anderswo als in ihm selbst begründet ist?
Also nur, indem wir dessen gedenken, daß die Klarheit und Wahrheit unseres Liebens im göttlichen Lieben, in unserem Geliebtwerden steht, indem wir der ganzen Unverfügbarkeit dieses entscheidenden Momentes gedenken, können wir nun fortfahren und sagen: indem wir lieben, sind wir an den Willen Gottes gebunden, ist also unser Tun als das Tun der begnadigten Sünder, die wir sind, gutes Tun. Als Augenblick der Liebe kann der Augenblick meiner Entscheidung der Augenblick göttlichen Wohlgefallens sein, der Augenblick, in dem ich das Gebot erfülle. Mein ganzes Wissen um meine Sünde, auch um mein Nicht-Lieben ist dann – nicht beseitigt, aber widerlegt durch das, was Gott von mir hält, indem er mich gesucht und gefunden, indem er mich geliebt und also zum Lieben geweckt und aufgerufen hat im Widerspruch zu meiner Sünde, im Widerspruch auch und gerade zu meinem Nicht-Lieben. Gewiß ist gerade die Liebe die Aufdeckung meiner Nicht-Liebe, aber ich würde nicht lieben, wenn es nicht eben meine widerlegte Nicht-Liebe wäre, die da aufgedeckt wird. Und alles Andere Ob: ob ich denn meinen Nächsten sehe als Gesetz Gottes, ob ich unter Autorität und in der Demut stehe, ob ich dem ganzen an mich gerichteten Anspruch gerecht werde – alle diese anderen Ob sind freilich, indem ich liebe, auch erst aufgestanden in ihrer ganzen Größe als lebendige Fragen. Mein Antworten aber auf diese Fragen ist, wenn ich liebe, das rechte, Gott wohlgefällige Antworten, und wenn – davon, daß ich liebe, auch nur einen Augenblick abgesehen – sofort Alles, vielleicht die höchste Wahrscheinlichkeit dagegen spräche. In der Liebe handle ich, wie Gott die Seinigen als Brände, die er aus dem Feuer gerissen hat [vgl.
Vorbehaltlos hat