1923 – 1924

Die Hermeneutik

DIE HERMENEUTIK

Indem wir uns nun vom Ganzen zu einigen Einzelheiten des theologisch-wissenschaftlichen Lebenswerks Schleiermachers wenden, liegt es mir daran, Ihnen außer an der Glaubenslehre, an die wir uns natürlich vor Allem zu halten haben werden, noch an einem anderen Beispiel wenigstens zu zeigen, wie der Mann gearbeitet hat. Ich wähle dazu die Hermeneutik, teils wegen der prinzipiellen Wichtigkeit des Stoffes: wenn uns ein Theologe von dieser Bedeutung erklären will, unter welchen Gesichtspunkten er liest und versteht und speziell die Bibel liest und versteht, so haben wir offenbar Anlaß, aufmerksam zu sein; wie sollte nicht auch diese scheinbare Spezialfrage in besonderer Weise der Ort sein, wo sich Alles entscheidet? — teils weil wir hier, ähnlich wie bei den Hausstandspredigten, Gelegenheit haben, Schleiermacher von einer seiner besten, glänzendsten Seiten kennen zu lernen, in seiner natürlichen Stärke, in seinen heimatlichsten Gewässern: er war, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, ein Virtuose des Gebiets, dessen Methode die Hermeneutik beschreibt. Diese Gelegenheit dürfen wir uns umso weniger entgehen lassen, als unsere Bedenken gegen die Gesamtrichtung seines Weges im Lauf unserer Vorlesung offenbar nicht ab-, sondern zugenommen haben.

Ich benutze als Quellen 1. zwei in der Berliner Akademie der Wissenschaften 1829 gehaltene Vorträge «Über den Begriff der Hermeneutik», in denen sich Schleiermacher mit den Philologen Wolf und Ast über diesen Gegenstand auseinandersetzt (Werke, zur Philosophie III 344ff.1), 2. die von Fr. Lücke 1838 herausgegebenen Vorlesungen Schleiermachers über Hermeneutik und Kritik mit |319 besonderer Beziehung auf das Neue Testament (Werke, zur Theologie VII)2.

1. Versuchen wir es, uns in einem ersten Abschnitt Schleiermachers allgemeine Auslegungsgrundsätze klar zu machen. Es sind die beiden Akademievorträge und die Einleitung zu den Vorlesungen, die hier vor Allem heranzuziehen sind. Hermeneutik ist nach Schleiermacher die Kunst des Verstehens, nämlich der in Wort oder Schrift eines Anderen niedergelegten Gedanken. So allgemein wollte er den Begriff gefaßt wissen, um von da nur umso sicherer das Besondere zu treffen. Wolf und Ast hatten als Gegenstand dieser Kunst nur die Texte des klassischen Altertums namhaft zu machen gewußt. Schleiermacher erinnert sie daran, daß Hermeneutik auch ein notwendiges Organ der Theologie sei. Also müsse sie selbst etwas Umfassenderes sein als diese speziellen Anwendungen. Auch das Verstehen des Fremdsprachlichen wäre ein zu enger Begriff: ein Text in der eigenen Sprache kann des kunstmäßigen Verstehens ebenso bedürftig sein. Endlich kann auch das geschriebene Wort nicht die Grenze dieser Kunst bezeichnen. Ihre Ausübung ist vielmehr gerade im unmittelbarsten Verkehr mit Menschen ein sehr wesentlicher Teil des gebildeten Lebens, abgesehen von allen philologischen oder theologischen Studien. Um eine Kunst handelt es sich. Es gibt nämlich ein mechanisches Verstehen z.B. dessen, was auf Markt und Straßen und in den Salons an Worten hin- und hergeht wie beim Ballspiel, wo man fast im voraus errät, was der Andere sagen wird, ferner ein auf Erfahrung und Beobachtung mehr oder weniger breit und umsichtig gegründetes, das aber das Geheimnis und Eigentum des betreffenden Verstehenden ist, endlich, und hier setzt die Hermeneutik ein, ein kunstmäßiges, also die Erfahrung nach Regeln begreifendes, lehr- und lernbares. Diese Kunst steht korrespondierend gegenüber der Kunst zu reden, der Rhetorik: Jeder Akt des Verstehens ist die Umkehrung eines Aktes des Redens. Wie der |320 Andere seine Gedanken in Rede umgesetzt hat, so muß ich meinerseits seine Rede in Gedanken umsetzen. Verstehen setzt voraus, daß man sich dem Urheber einer Rede gleichstellen kann, daß man seine Sprache kennt, nicht nur wie seine ursprünglichen Leser oder Hörer sie vernahmen, sondern wie er selbst sie sprach, und daß man sein inneres und äußeres Leben kennt, daß man also in der Lage ist — und das heißt dann Verstehen —, seine gegebene Rede nachzukonstruieren, sie, ohne von seinem Gedanken abzuweichen, selber zu denken, ohne selber aufzuhören zu denken, seinen Gedanken zu denken. Auf diesem Wege lauert — und dies ist die durch die Hermeneutik zu überwindende Hemmung —, die Gefahr des Mißverständnisses: Ich kann einem Wort, das der Andere braucht, eine andere Bedeutung beilegen, als es in der Sprache oder doch im Munde des Anderen tatsächlich hat; ich kann Ironie für Ernst nehmen oder umgekehrt. Schleiermacher nennt dies das qualitative Mißverständnis. Ich kann aber auch, wenn es damit seine Richtigkeit hat, in seinem Satz einen Nachdruck hören, wo keiner ist, und umgekehrt. Schleiermacher nennt dies das quantitative Mißverständnis. Beide Mißverständnismöglichkeiten gehen durch die ganze Sprache hindurch. Auch der Begriff Gott ist ihnen ausgesetzt. Kunstloses Verstehenwollen wird von der Voraussetzung ausgehen, das Verstehen sei selbstverständlich und es handle sich nur darum, das Mißverständnis zu vermeiden. Kunstmäßiges Verstehenwollen wird umgekehrt zunächst von der Selbstverständlichkeit des Mißverstehens ausgehen und das Verstehen auf jedem Punkt erst suchen. Gibt es eine notwendige, zwingende Einsicht in die in Rede gefaßten Gedanken eines Anderen? Nein, antwortet Schleiermacher dem von der Aufklärung herkommenden Homerforscher Wolf. Wo wäre, im Blick auf die Mannigfaltigkeit der zu berücksichtigenden geschichtlichen und sprachlichen Momente, vor Allem aber im Blick auf das Individuelle jedes Autors, die Möglichkeit einer anderen Deutung als der höchst-wahrscheinlichen nicht möglich? Es bleibt also die Kunst der Hermeneutik eine Kunst der relativen Annäherung an das Ziel des absolut gewissen Verstehens.

Die Begründung dieser Kunst ist nach Schleiermacher die folgende: |321 Jede Rede oder Schrift eines Menschen hat einen Doppelcharakter. Sie ist einerseits ein Ausschnitt aus der Totalität der Sprache, und insofern ist der betreffende Mensch nur der Ort, wo eine gegebene Sprache in eigentümlicher Weise Gestalt gewinnt. Sie ist aber andererseits eine Tatsache seines individuellen Lebens, und insofern ist der Gebrauch, den er von der Sprache macht, nur ein Moment in dieser psychologisch-biographischen Reihe. Die grammatische und die psychologische Seite eines Textes nennt Schleiermacher diese beiden Betrachtungsmöglichkeiten. Nicht jeder Text wird den Ausleger gleich sehr interessieren. Von der grammatischen Seite gesehen ist das Interesse das Klassische, von der psychologischen Seite das Originelle. Klassisches kann unoriginell sein, z.B. Cicero, Originelles unklassisch, z.B. Hamann, aber auch vom Neuen Testament hörten wir schon in der Kurzen Darstellung, daß es mit seinem schlechten Griechisch für den Sprachforscher kaum viel Verlockendes habe3. Die ideale Einheit des Klassischen und des Originellen wäre als höheres Drittes das Genialische. Verstehen bedeutet nun ein Ineinandersein dieser beiden Momente der Betrachtung, der grammatischen und der psychologischen, so eng, daß eine Rede auch psychologisch nicht verstanden ist, wenn sie grammatisch nicht verstanden wird, und ebenso umgekehrt. Beide Interpretationsarten haben grundsätzlich gleiche Dignität: mit Unrecht würde man die psychologische etwa die höhere nennen. Wohl aber kann, je nach dem Gegenstand, das Gewicht mit mehr oder weniger Ausschließlichkeit auf die eine oder andere Seite verlegt werden. Rein historische Texte erfordern z.B. ein Minimum, Briefe dagegen ein Maximum an psychologischer Interpretation. Die absolute Lösung der Aufgabe des Verstehens wäre dann gegeben, wenn jede Methode, für sich durchgeführt, im Resultat mit dem der anderen zusammenträfe, sie also überflüssig machte bzw. sie in sich schlösse: ein vollständiges psychologisches Begreifen eines Menschen nur aus seinen vorliegenden Worten zum Beispiel. Vollendung von der einen Seite würde also bedingen vollkommene Sprachkenntnis, von der anderen vollkommene Menschen |322 kenntnis. Da beides nie gegeben sein kann, wird es sich in praxi immer um ein Alternieren zwischen den beiden Methoden handeln müssen. Folglich setzt Verstehen voraus zwei Talente: das der Sprach- und das der individuellen Menschenkenntnis, von denen aber jedes, wenn es fehlt, den Verstehenwollenden lähmt, von denen aber tatsächlich immer das eine oder andere überwiegen wird und muß. Es gibt grammatische Virtuosen, die an den psychologischen Vorgang im Autor, und es gibt psychologische Künstler, die, nur selten ein Wörterbuch zur Hand nehmend, an des Autors Verhältnis zur Sprache kaum zu denken brauchen und doch das Richtige treffen. Aber wer ein Ausleger werden will, dem ist zu raten, sich nach beiden Richtungen zu üben. Wird er dann weder auf der einen noch auf der anderen ein Virtuose, so wird er dann doch auch weder auf der einen noch auf der anderen ganz hinken. Ein Ausleger, der über das Sprachliche (wozu nach Schleiermacher auch das Literarische im weiteren Sinn gehört) nur so hinpfuschen wollte, müßte, wie tiefsinnig er auch seinen Autor zu verstehen meinte, wie sehr er sich auch bemühte, nichts in ihn hineinzulegen, ein hermeneutischer Nebulist genannt werden, wogegen ein bloß Sprache und Literatur Kennender, der im Werke nicht den ganzen Menschen sähe, nicht mit ihm zu leben wüßte, alle Merkmale eines hermeneutischen Pedanten an sich trüge. Das Ideal des Auslegers, dem der Eine mehr von dieser, der Andere mehr von dieser Seite, beide aber unter allen Umständen prinzipiell von beiden Seiten sich annähern müssen, liegt also genau, wenn auch in Wirklichkeit nicht erreichbar, in der Mitte der durch jene beiden entgegengesetzten einseitigen exegetischen Ideale bzw. die entsprechenden Vogelscheuchen bezeichneten Pole. Liegt das Ideal der Auslegung wie das des Auslegers jenseits des Erreichbaren, so ist die als erfüllbar zu bezeichnende exegetische Aufgabe, den Autor wenn nicht im Zusammenhang der Sprache und seiner Individualität geradezu zu durchschauen, so doch ihn zuerst ebenso gut und dann besser zu verstehen, als er sich selbst verstand bzw. als er sich über sich selbst Rechenschaft ablegen konnte.

Aber mit dem Aufweis dieser Dialektik der grammatischen und psychologischen Methode ist die Grundlegung der Schleiermacher |323 sehen Theorie des Verstehens noch nicht erschöpft. Die Rede oder Schrift eines Menschen hat noch in anderer Hinsicht einen Doppelcharakter. Sie ist nämlich einerseits ein Einzelnes, neben anderen ähnlichen Einzelnen, in einer Reihe, in einem Zusammenhang, und zwar von der grammatischen wie von der psychologischen Seite betrachtet. Andererseits ist sie aber auch immer selbst ein Ganzes, in sich Geschlossenes, ein Individuum, wiederum Beides: in der Sprache überhaupt und im Leben ihres Urhebers. Verstehen wird notwendig heißen müssen: sie von der einen und von der anderen Seite begreifen, wird sich also auch auf dieser zweiten Ebene spalten in zwei wohl zu unterscheidende Funktionen. Schleiermacher nennt die erste, auf das Einzelne im Zusammenhang des sprachlichen und biographischen Ganzen gerichtete, die komparative, geschichtliche oder extensive Interpretation, die zweite, auf das Ganze in diesem Einzelnen gerichtete, die divinatorische oder intensive Interpretation. Wieder wird mit Macht die Gleichberechtigung und Gleichnotwendigkeit beider Methoden gefordert. Unmittelbares Verstehen eines Textes würde bedeuten ein absolutes, kaum zeitausfüllendes Ausgeübthaben und Zusammentreffen beider. In Wirklichkeit kann aber die eine die andere nie ersetzen, sondern stehen sie sich immer relativ gegenüber, ist jedes Verstehen ein beständiger Übergang von der einen zur anderen. Wieder unterscheiden sich an den beiden Funktionen die Talente, wieder ist beiden ihr Recht zu geben und sind beide an ihre Gefahren zu erinnern. Der Begriff der divinatorischen oder, wie es einmal sogar heißt, prophetischen Interpretation war das Neue, was Schleiermacher besonders in den Akademievorträgen gegenüber Wolf, aber unter sorgfältiger Abgrenzung gegenüber der spekulativen Exegese von Ast, vertreten hat. Die Seele ist ein «ahndendes Wesen», immer beginnt unser Verstehen der Sprache Anderer wie bei den Kindern mit einer divinatorischen Kühnheit, mit der «Ahndung des Ganzen» in einem Werk. Woher haben wir sie? Aus der Überschrift? Aus der Vorrede des Autors? Aus dem Inhaltsverzeichnis? Aus den Prolegomena des Herausgebers? Das alles kann Hilfe bedeuten, aber auch Fehlerquelle. Verhältnismäßig am freundlichsten redet Schleiermacher von der «sonst eher |324 verdammlich scheinenden Neigung, ehe man mit einem Buch ordentlich4 anbindet, darin zu blättern». Dem, der Glück und Geschick habe, könne das «von bedeutendem Nutzen» sein5. Aber das Altertum kannte alle diese Hilfsmittel noch nicht. Tatsächlich wird auch die divinatorische Erklärung, bei der es auf Verständnis des Einzelnen aus dem Ganzen abgesehen ist, nicht anders können, als sich an Ton, Gestaltung, Gedankenfortschritt des Textes oder der Rede im einzelnen zu halten, um daraus Schlüsse zu ziehen auf das Ganze, aus dem sie doch das Einzelne erst begreifen soll. Sie biegt also sozusagen auf ihrer Spitze um und wird komparativ, ohne daß darum die Wurzel, aus der sie stammt, aufhört, eine andere zu sein. Schleiermacher hat selbst zugegeben, daß es sich schließlich um einen Zirkel handelt. Kursorische Lektüre, «ein regelmäßigeres und vollständigeres Blättern»6 muß den Anfang machen, auch hier muß divinatorisches Verstehen stattfinden, wenn es überhaupt zum Verstehen kommen soll. Genauere, komparative Auslegung des Einzelnen bildet die Fortsetzung, und sofern sie nicht durchgeführt ist, ist das Verstehen kein Verstehen.

Beide7 Arten des Verstehens: die grammatisch-psychologische und |325 die komparativ-divmatorische sind nun nach Schleiermacher aufeinander zu beziehen, und zwar so, daß jeder Pol des einen Gegensatzes sich auf die beiden Pole des anderen bezieht. Wir haben es also, wie bei Schleiermacher öfters, mit einem Fadenkreuz zu tun. Genau an der Stelle, wo die beiden Gegensätze (die auf den Urgegensatz von Denken und Sein zurückgehen) sich schneiden, findet idealiter das von der Hermeneutik gesuchte Verstehen statt. Wobei zu bemerken ist, daß das Gleichgewicht hier wie bei den ähnlichen Konstruktionen Schleiermachers insofern bewußt nicht vollständig ist, als die divinatorische Erklärung zu der psychologischen naturgemäß eine größere Affinität hat als zu der grammatischen und die komparative zu der grammatischen eine größere als zu der psychologischen, wie ja auch im Hauptsystem Dialektik und Ethik näher zusammengehören und auf der anderen Seite Mathematik und Physik. Aber auch dieser Gegensatz ist nur relativ; es gibt der Gebiete oder Fälle genug, wo die grammatische Erklärung ohne die divinatorische und die psychologische ohne die komparative nicht auskommen, und grundsätzlich ist die eine bei der anderen sogar immer als mitwirkend zu denken. Bei richtiger Interpretation müssen alle die verschiedenen Motive zu einem und demselben Resultat zusammenstimmen.

Neben dieser, also nicht etwa vierfachen, sondern in ihrer Vierfaltigkeit einfachen Erklärungsmethode gibt es nun aber keine andere. Die in diesem System unter sich zusammenhängenden Möglichkeiten der allgemeinen Hermeneutik sind erschöpft. In dieser folgenschweren Erklärung gipfeln die Akademievorträge sowohl wie die Einleitung zu den Vorlesungen. Hatte der spekulative Philologe Ast eine dreifache Hermeneutik des Buchstabens, des Sinnes und des Geistes gefordert, so bemerkt ihm Schleiermacher schneidend, daß, was er Geist nenne, mit Sinn zusammenfalle, daß aber auch die Hermeneutik des Buchstabens, die für sich allein gar keine wäre, mit dieser einen Hermeneutik des Sinns zusammenfalle8. Noch schneller ist Schleiermacher mit der allegorischen Auslegung fertig; sie ist da berechtigt, wo die Stelle selbst allegorisch gemeint ist, und damit Punktum9. Wie aber steht es mit der |326 bei der Bibel in Betracht kommenden dogmatischen Auslegung? «Hier drängt sich uns nun beiläufig die Frage auf, ob die heiligen Bücher des heiligen Geistes wegen anders müßten behandelt werden?»10 In der Tat eine aufdringliche Frage. Aber das Schleiermachersche Fadenkreuz erweist sich als auch dem heiligen Geist durchaus gewachsen. Ob Inspiration vorliegt, das ist Resultat, nicht Voraussetzung der Auslegung. Waren die biblischen Schriften nicht Reden einzelner Menschen an andere Einzelne, Gelegenheitsschriften? Mit welchem Recht substituiert man statt dessen als Autor den heiligen Geist, als Adressatin die ganze Christenheit? Konnte selbst der heilige Geist anders durch sie reden, als wie sie ohne ihn selbst würden geredet haben? Ist die Wirksamkeit des heiligen Geistes in ihnen eine andere als die des «innerlichen Impulses»11? Also grammatisch-psychologisch ist Alles rein menschlich zu behandeln und bleibt Alles auch hier bei den allgemeinen Regeln.

Aber gibt es denn keine spezielle Hermeneutik des Neuen Testaments? Gewiß, antwortet Schleiermacher, aber speziell heißt einfach individuell, angepaßt dieser Sprache, diesen Menschen. Die spezielle neutestamentliche Hermeneutik wird also begründet durch den «hebraisierenden Sprachcharakter» des Griechischen, in dem der neutestamentliche, «der neue christliche Geist» sich ausdrückt12, und durch die besondere Konstitution des biographischen Lebensaktes, mit der diese besondere Satzkonstitution zusammenhängt.

So einfach und siegreich ist also Schleiermacher mit der altkirchlichen Inspirationslehre fertig geworden. Er scheint sie anders als in der gröbsten Form von den biblischen Schriftstellern als Griffeln des heiligen Geistes überhaupt nicht gekannt, nicht durchdacht und jedenfalls nicht verstanden zu haben. Erledigt bleibt sie mit der armen Allegorese und mit der Geisttheorie des Herrn Ast zusammen auf der Strecke, und das Fadenkreuz triumphiert. Wie merkwürdig, daß er die Möglichkeit gar nicht bedacht zu haben scheint, daß der Gedanke, den ich in der Rede eines Anderen mit oder ohne Fadenkreuz oder andere Hermeneutik verstehe, zufällig, ohne alle quali |327 tative oder quantitative Mißverständnismöglichkeiten, die Wahrheit, das Wort Gottes sein könnte und daß ich dann Anlaß hätte, diese Rede als Träger dieses Inhalts, als Hinweis auf diesen Gegenstand spezifisch ernster zu nehmen als andere Reden. Wenn die spezielle neutestamentliche Hermeneutik nun unter dankbarer Benützung der Schleiermacherschen oder einer anderen allgemeinen Methode einfach in diesem spezifischen Ernstnehmen dieser Texte bestehen sollte? Warum sollte Gott nicht zwingend notwendig verständlich zu Menschen geredet haben? Und warum sollte menschliches Reden von Gott nicht zwingend notwendig verständlich sein? Wenn Gott Gott ist? Aber hier steher. wir vor der Schranke, über die wir bei Schleiermacher und in Schleiermachers Bahnen nicht hinwegkommen.

2. Grammatische Ausleung}
3. Psychologische Auslegung} Vacant13

Sachfußnoten

1
Fr. Schleiermacher, Über den Begriff der Hermeneutik mit Bezug auf F. A. Wolfs Andeutungen und Asts Lehrbuch, in: Sämmtliche Werke, 3. Abth., Zur Philosophie, Bd. III, hrsg. v. L. Jonas, Berlin 1835, S. 344–386 📖. Neuausgabe: Fr. D. E. Schleiermacher, Hermeneutik. Nach den Handschriften neu herausgegeben und eingeleitet von H. Kimmerle, Heidelberg 1959 (= Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse, Jg. 1959, 2. Abhandlung), S. 123–156. 📖 ↩
2
Hermeneutik und Kritik mit besonderer Beziehung auf das Neue Testament von Dr. Fr. Schleiermacher, aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen hrsg. v. Dr. Fr. Lücke, Berlin 1838 (= Sämmtliche Werke, 1. Abth., Zur Theologie, Bd. VII). 📖 ↩
3
Kurze Darstellung, § 124 Anmerkung. 📖 ↩
4
Schl.: «ernstlich».↩
5
Über den Begriff der Hermeneutik … (vgl. oben S. 318, Anm. 1), S. 370 📖; Kimmerle S. 144.↩
6
A.a.O., S. 372 📖; Kimmerle S. 146.↩
7
Neben dem hier beginnenden Absatz steht am Rand des Mskr. folgende schematische Darstellung: ↩
8
Vgl. A.a.O., S. 382ff 📖; Kimmerle S. 153ff.↩
9
Vgl. A.a.O., S. 385 📖; Kimmerle S. 155.↩
10
Hermeneutik und Kritik (vgl. oben S. 319, Anm. 2), S. 22. 📖 ↩
11
A.a.O., S. 24. 📖 ↩
12
A.a.O., S. 27. 📖 ↩
13
Die beiden Stichworte sind die Überschriften des 1. und des 2. Teils von Schleiermachers Hermeneutik und Kritik, a.a.O., S. 41 bzw. 143. 📖 «Vacant» soll wohl bedeuten, daß Barth auf eine ursprünglich geplante, nach diesen Stichworten disponierte weitere Ausführung aus Zeitgründen verzichtet hat.↩