Ethik und Dogmatik
§ 1 ETHIK UND DOGMATIK
Ethik als theologische Disziplin ist diejenige Hilfswissenschaft der Dogmatik, in der im Worte Gottes die Antwort auf die Frage nach der Güte menschlichen Handelns gesucht wird. Sie ist als besondere Erläuterung der Lehre von der Heiligung Besinnung darauf,1 daß und inwiefern das in der christlichen Predigt verkündigte und vernommene Wort Gottes eine bestimmte Inanspruchnahme des Menschen vollzieht.
1.
Ethik (von ἦθος) ist gleichbedeutend mit Moral (von mos). Beides heißt Sittenlehre. Sitte (vom altdeutschen situ) heißt aber eine menschliche Handlungsweise, eine Stetigkeit menschlichen Handelns. Ethik oder Moral heißt also allgemein: Lehre, Wissenschaft, Kunde von den menschlichen Handlungsweisen, von den Stetigkeiten menschlichen Handelns. Aber in dieser Allgemeinheit definiert wäre Ethik noch nicht unterschieden von drei anderen Wissenschaften. Es fragt ja auch die Willenspsychologie nach den naturgesetzlichen, es fragt die Sittenkunde oder Moralstatistik oder Kulturgeschichte nach den in der Geschichte frei gewordenen und frei bestehenden, und es fragt die Rechtswissenschaft nach den durch die staatliche Gemeinschaft garantierten und sanktionierten Stetigkeiten menschlichen Handelns. Die Auf|2gabe der Ethik wird aber faktisch überall, wo sie als Aufgabe überhaupt in Angriff genommen wird, als eine von den Aufgaben jener anderen Wissenschaften verschiedene Aufgabe aufgefaßt.
Sittlichkeit im Sinn der ethischen oder moralischen Frage ist erstens etwas
Anderes als Kongruenz einer Handlungsweise mit einem allenfalls ausfindig zu
machenden Naturgesetz menschlichen Wollens und Handelns: mag
auch das sittliche Handeln diesem Naturgesetz unterliegen, so ist es doch nicht um
dieser empirisch feststellbaren Übereinstimmung willen sittliches Handeln. Auch
die naive Identifikation von Naturgesetz und Sittengesetz, wie wir sie etwa bei
Sittlichkeit im Sinn der ethischen Frage ist ferner etwas Anderes als Kongruenz
des menschlichen Handelns mit dem, was man landläufig «Sitte» nennt, d.h. mit
einer mehr oder weniger verbreiteten Gewohnheit. Mag auch diese
Kongruenz weithin statt|3finden, mag sich eine ethische Richtung, für die etwa die Namen
Und Sittlichkeit im Sinn der ethischen Frage ist drittens etwas Anderes als
Kongruenz mit den bestehenden Staatsgesetzen, also als
Legalität. Mag die Staatsgesetzlichkeit mit ihrer handgreiflichen
Allgemeingültigkeit etwa nach
Es wäre eben das Ende oder das Noch-nicht-angefangen-Haben der ethischen Frage, wenn man sie mit der psychologischen, der geschichtlichen, der juridischen Problematik, der der Begriff der menschlichen Handlung allerdings auch unterliegt, wirklich und restlos vereinerleien wollte und könnte. Die ethische Frage |4 ist nicht möglich ohne Aufmerksamkeit gegenüber den Stetigkeiten menschlichen Handelns, nach denen jene anderen Wissenschaften fragen. Es ist aber die Kenntnis der natürlichen, geschichtlichen, rechtlichen Stetigkeiten, die zum Problem werden und nach sittlicher Erkenntnis rufen kann. Und das ethische Problem kann nicht anfangen, wo nicht eben die natürliche, geschichtliche, rechtliche Stetigkeit menschlichen Handelns zum Problem geworden ist. Aber eben indem dies geschieht, greift die Frage über die natürliche, geschichtliche, rechtliche Möglichkeit und Wirklichkeit grundsätzlich hinaus. Sie wird ethische Frage als Frage nach dem Ursprung solcher Stetigkeit, nach der Richtigkeit der natürlichen, geschichtlichen, rechtlichen Regel, nach der Würde, die eine menschliche Handlung zur Handlungsweise erhebt, die ihr den Anspruch gibt, als regelmäßig aufzutreten, sich wiederholen zu dürfen, ja für Andere vorbildlich zu sein. Diese Frage ist durch den Verweis auf jene anderen Stetigkeiten noch nicht erledigt, sondern gerade durch die Einsicht in jene anderen Stetigkeiten ist diese Frage gestellt. Gelten sie denn? das ist die ethische Frage. Eben die Geltung alles für das menschliche Handeln Gültigen, der Ursprung aller Stetigkeiten, die Würde alles Allgemeinen, die Richtigkeit aller Regeln ist die Sittlichkeit oder die Güte menschlichen Handelns, nach dem die Ethik fragt. Mit den Begriffen Geltung, Ursprung, Würde, Richtigkeit bezeichnen wir vorläufig und allgemein das die Problematik der Psychologie, der Kulturgeschichte, der Jurisprudenz Transzendierende, nach dem im Unterschied zu jenen in der Ethik gefragt wird.
Wir haben uns in diesem ersten Paragraphen klarzumachen, in welchem bestimmten Sinn wir uns auf dem Boden der Theologie mit der Ethik zu beschäftigen haben.
2.
Es versteht sich nicht von selbst, daß es in der Theologie eine besondere
Disziplin gibt, die diesen Namen trägt und die sich dieser Aufgabe zuwendet, daß
wir in der Theologie irgendwie
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außerhalb der Dogmatik auch noch Ethik zu treiben haben. Und die Frage, ob und in welchem Sinn dieses
enzyklopädisch zu begründen ist, gehört keineswegs, wie
Theologische Ethik gab es keineswegs von jeher. Gelegentlich – in Andeutungen und
Weisungen zu einzelnen konkreten Problemen, in exegetischen und homiletischen
Exkursen, an bestimmter Stelle auch der dogmatischen Untersuchungen und
Darstellungen – ist zwar die Frage nach der Güte menschlichen Handelns von den
Theologen von Anfang an gestellt und beantwortet worden. Gegen ihre
Verselbständigung innerhalb des theologischen Nachdenkens und Redens scheinen
jedoch noch bis tief ins zweite Jahrhundert hinein Hemmungen bestanden zu haben.
Es ist bezeichnend, daß einer der ersten, von dem wir besondere ethische Traktate
besitzen, der spätere Montanist
Die mittelalterlich-christliche Ethik in nuce findet man darum nicht in einem
Lehrbuch, sondern in der berühmten Regel des
8Es waren die Epigonen der Reformation, die allmählich die Dinge anders zu sehen
begannen. Der Lutheraner
Im 18. Jahrhundert hat dann die Moraltheologie schon unverkennbar die Führung
übernommen. Finden wir bei
11So weit in den Umrissen die Geschichte des Problems. Denn die verhältnismäßige Neuheit der ganzen Verselbständigung der Ethik in der Theologie samt der ihr folgenden Tendenz zur gänzlichen Aufsaugung der Dogmatik in die Ethik weist auf ein Problem hin: Nehmen wir vorweg an, es sei so, daß die Theologie in irgendeinem Zusammenhang und in irgendeinem Sinn auch die Frage nach der Güte des menschlichen Handelns zu erörtern habe – ist es dann sachgemäß und ratsam, wenn sie dies in Form einer besonderen, von der Dogmatik unterschiedenen Disziplin tut?
Es könnte dabei erstens der negative Akzent, den bei dieser
Unterscheidung die Dogmatik bekommt – als redete sie nicht auch,
als redete sie nicht gerade von der Güte des menschlichen Handelns –, eine
Entleerung der Aufgabe der Dogmatik bedeuten, die von dieser aus allen Ernstes
beanstandet werden müßte. Es war doch wohl verfänglich, wenn schon um die Mitte
des 17. Jahrhunderts von zwei «Teilen» der Theologie, d. h. zuerst von der
agnitio, dann zweitens vom cultus Dei gesprochen wurde. (
Und nun könnte zweitens und umgekehrt der positive Akzent, den bei jener Unterscheidung die Ethik bekommt, zum vornherein sich als Fehlerquelle erweisen für den Sinn, in dem die Güte des menschlichen Handelns doch allein Gegenstand der Theologie sein kann. Wer Dogmatik und Ethik grundsätzlich unterscheidet, der nimmt es auf sich zu zeigen, daß und inwiefern den beiden wirklich eine verschiedene Fragestellung und Methode zugrunde liegt. Was bei diesem Nachweis herauskommt, ist aber, soweit das Auge reicht, recht bedenklich. Ich zeige |14 dies an einigen Beispielen aus der neueren Geschichte der theologischen Ethik.
Nach
Nach
Nach
Nach
Nach
Nach
Nach
Wir halten alle diese Versuche, Dogmatik und Ethik methodisch zu unterscheiden,
darum auch, von der Ethik aus betrachtet, für bedenklich, weil dabei mit großer
Regelmäßigkeit ein bedenklicher Wechsel in der Blickrichtung, eine bedenkliche Ver|18tauschung des Subjekts mit einem anderen Subjekt, nämlich Gottes mit dem Menschen
stattfindet, was merkwürdigerweise gerade in der Formel von
Die Theologie ist die Darstellung der Wirklichkeit des sich an den Menschen richtenden Wortes Gottes. Diese Darstellung stellt sie vor drei verschiedene Aufgaben: sie fragt als Exegese nach der Offenbarung dieses Wortes in der Heiligen Schrift; sie fragt als |19 Dogmatik nach der notwendigen Beziehung des Inhalts der heutigen Predigt der Kirche zu diesem in der Schrift offenbarten Worte; sie fragt als Homiletik nach der notwendigen Beziehung der Form der heutigen Predigt zu diesem Worte. Die Aufgaben dieser drei eigentlichen Disziplinen der Theologie sind verschieden: wesentlich historischen Charakter hat die erste, wesentlich dialektisch-kritischen die zweite, wesentlich technologischen Charakter die dritte. Die Blickrichtung aber und das Subjekt, von dem die Rede ist, sind dieselben. Exegese, deren Gegenstand wirklich die frommen Persönlichkeiten der Propheten und Apostel oder auch Jesu selbst, eine Dogmatik, deren Gegenstand wirklich das fromme Selbstbewußtsein, eine Homiletik, deren Gegenstand wirklich die Frömmigkeit des Predigers und seiner Gemeinde geworden sein sollte, hat eben damit aufgehört, Theologie zu sein. Sie hat dann den Boden unter den Füßen verloren, auf dem der Theologie ein ihr eigentümlicher Gegenstand auf eine ihr eigentümliche Weise gegeben ist. Denn jene Definition der Theologie läßt sich nicht ebensogut auch umkehren.
Theologie ist also nicht Darstellung der Wirklichkeit des an den Menschen sich
richtenden Wortes Gottes und Darstellung der Wirklichkeit des
Menschen, an den sich das Wort Gottes richtet. Das ist freilich auch eine
Wirklichkeit, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Theologie in
keiner von ihren Hauptdisziplinen an ihr vorübergehen kann. Sie kennt ja auch die
Wirklichkeit des Wortes Gottes nur als die Wirklichkeit des an den Menschen sich
richtenden Wortes Gottes und kann von dieser Bestimmung ihres Gegenstandes keinen
Augenblick abstrahieren. Eben darum kann man sagen, daß nicht nur die Dogmatik,
sondern die Theologie überhaupt das Problem der Ethik von Haus aus und auf der
ganzen Linie in sich schließt. Aber der Mensch, an den sich das Wort Gottes
richtet, kann in der Theologie nirgends zum Thema, zum Subjekt, von dem geredet
wird, werden. Er ist nicht, er ist in keinem Sinn ein zweiter Gegenstand der
Theologie, an den dann mit einer Umwendung des Blickes auch noch heranzutreten
wäre. Wo dieser Übergang eintritt, wo Fragen
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wie die möglich werden: was wir werden und aus uns machen wollen, da ist der Tod
im Topf [vgl.
Sondern die Wirklichkeit des durch das Wort Gottes angeredeten Menschen verhält sich zu der Wirklichkeit des Wortes Gottes selbst wie das Prädikat sich zum Subjekt verhält, d.h. sie ist diese Wirklichkeit nie und nirgends und in keiner Hinsicht an sich, sondern eben nur als mitgesetzt in jener. Sie ist nur von jener aus ausfindig zu machen; man kann von ihr nur reden, indem man von jener redet. Christen gibt es nur in Christus, nicht an sich, nur von oben, nicht von unten gesehen, nur im Glauben, nicht im Schauen, also gerade nicht so, wie es Mohammedaner und Buddhisten und Atheisten, wie es Katholiken und Protestanten gibt.
Redet man von Christen und Christentum und Christlichkeit
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in diesem letzteren Sinn – und das können wir Alle schon der Kürze halber weithin
nicht vermeiden –, dann muß man sich bewußt sein, daß man von der christlichen Welt redet, die wahrlich Welt, Kosmos im Sinn des
Johannesevangeliums ist, wie die ganze übrige Welt. Man redet dann eben typisch
untheologisch. Warum soll man nicht auch untheologisch vom Christentum reden statt
von Christus? Zweifellos: auch der fromme Mensch, auch der Christ an sich kann ein
dankbarer, interessanter und lehrreicher Gegenstand wissenschaftlicher Forschung
sein. Es gibt sogar eine ganze der Exegese, der Dogmatik und der Homiletik in
gleicher Weise unentbehrliche theologische Hilfsdisziplin, nämlich die Kirchengeschichte, in der scheinbar, dialektisch, der Belehrung
halber, er, der christliche Mensch als solcher, zum Gegenstand auch der
theologischen Forschung wird. Aber gerade die Kirchengeschichte macht es nolens
volens wahrhaftig sichtbar, daß dieser christliche Mensch nicht an sich der von
Gottes Wort angesprochene Mensch ist, daß von seiner evidenten
Heiligkeit, und wenn er
Darum geht es nun aber offenbar, wenn in der Theologie nach der Güte menschlichen Handelns gefragt wird. Wir haben im ersten Absatz unseres Paragraphen gesehen, daß diese Frage von Haus aus die Fragen der Psychologie sowohl wie der Geschichts-, wie der Rechtswissenschaft transzendiert. Offenbar muß sie das auch in der Theologie tun, wo unter Güte konkret jedenfalls etwas in der Richtung des Begriffs Gottgemäßheit zu verstehen sein wird. Es gibt allerdings auch in der Theologie in methodischer Fortsetzung der Linie der Kirchengeschichte und in Analogie zu jenen im ersten Absatz genannten profanen Disziplinen |22 die Hilfswissenschaften der Religionspsychologie, der religiösen Volkskunde und des Kirchenrechts. Soll es nun in der Theologie Ethik geben, soll hier in irgendeinem Sinn nach der Güte oder Gottgemäßheit menschlichen Handelns gefragt werden, so kann diese Frage weder mit der religionspsychologischen noch mit der Frage der religiösen Volkskunde, noch mit der des Kirchenrechts zusammenfallen, sie kann ihnen und damit der Kirchengeschichte aber auch nicht methodisch an die Seite treten. Ihr Gegenstand kann nicht das christliche, gottgemäße und insofern gute Leben des Menschen als solches sein, sondern, in jenen Begriffen unseres ersten Absatzes geredet: die Richtigkeit seiner Christlichkeit, ihre Geltung, ihr Ursprung und ihre Würde als solche. Sie kann die Güte menschlichen Handelns nicht anderswo suchen als in der Güte des an den Menschen sich richtenden Wortes. Sie wäre nicht nur nicht Theologie, sondern auch nicht Ethik, wenn ihr Verhältnis zur Dogmatik, wenn ihre Fragestellung in der Weise bestimmt werden sollte, wie wir es uns von den angeführten theologischen Autoren haben sagen lassen, und wie es durch die nicht allzu glückliche Geschichte des Problems allerdings nahe genug gelegt ist.
3.
Die Antwort auf die Frage nach einer der Sache vielleicht besser entsprechenden enzyklopädischen Eingliederung der Ethik in die Theologie finden wir am besten, indem wir nun selbständig zu überlegen versuchen, ob und wiefern denn die Ethik tatsächlich im Aufgabenkreis der Theologie liegen möchte.
Wir definierten die Theologie als Darstellung der Wirklichkeit des an den Menschen sich richtenden Wortes Gottes. Wir sahen, daß sich dieses Thema nicht in zwei Themata Gott und der Mensch Zerfällen läßt, daß sich also so die theologische Ethik nicht begründen läßt, als ob, nachdem von dem, was Gott für uns, an uns und in uns getan, hinreichend die Rede gewesen, nun endlich auch das Andere zur Sprache gebracht werden müsse: was wir |23 selber zu tun haben. Wahrhaftig nicht aus Gleichgültigkeit gegen das, was mit dieser zweiten Frage gemeint ist, lehnen wir sie ab, aber weil wir sie, in dieser Abstraktion als zweite der ersten gegenübergestellt, weder als theologische noch wie wir zuletzt sahen, als ethische Frage ernst nehmen können. Aber treten wir nun dem, was mit ihr gemeint sein könnte, näher.
Es ist offenbar innerhalb der Theologie im besonderen die Dogmatik, der gegenüber das Anliegen der Ethik angemeldet ist. Die Dogmatik ist die Wissenschaft vom Inhalt der christlichen Predigt, nämlich von der Beziehung der Predigt zum offenbarten Worte Gottes. Das Anliegen der Dogmatik besteht darin, daß in der christlichen Predigt das Wort Gottes zu Gehör komme. Sie stellt die Wirklichkeit des Wortes Gottes dar nicht direkt, aber in ihrem Reflex in der allseitigen Bewegung des frommen Menschenwortes durch diesen seinen Gegenstand, in der dogmatischen Dialektik, deren intentionaler Ursprungs-, Beziehungsund Zielpunkt eben die Wirklichkeit des Wortes Gottes ist. Wie sollte sie dabei je aus den Augen verlieren dürfen und können – an den Menschen richtet sich ja auch das Menschenwort der Predigt –, daß die Wirklichkeit des Wortes Gottes, die sie letztlich auf der ganzen Linie für sich selber muß reden lassen – die Wirklichkeit des vom Menschen wirklich gehörten, den Menschen wirklich angehenden, in Anspruch nehmenden und mit Beschlag belegenden Wortes ist? Den Menschen, nämlich den existierenden, d.h. also nicht bloß denkenden, sondern, indem er denkt, lebenden, handelnden, irgendwie in der Tat seines Daseins begriffenen Menschen. Nur der Täter des Wortes, d.h. der vom Worte Gottes auf frischer Tat ergriffene Hörer dieses Wortes, ist sein wirklicher Hörer. Weil es Gottes Wort an den wirklichen Menschen und weil der wirkliche Mensch der im Wirken, in der Tat seines Lebens begriffene Mensch ist,44 hört man es nicht abseits, sondern im Akt, und zwar nicht in irgendeinem Akt, sondern im Lebensakt, im Akt seiner Existenz, oder man hört es gar nicht. Man |24 hört es nicht in der Zerstreuung, und wäre sie noch so tiefsinnig und geistvoll, in der man wähnt, daß es wohl wahr sei, daß es einen aber nicht angehe, daß von jemand oder von etwas Anderem die Rede sei als von uns selbst. Anders denn in dieser Aktualität des wirklich gesprochenen und vernommenen Wortes kann die Dogmatik ihren Gegenstand an keiner einzigen Stelle ihres langen Weges darstellen wollen, so weit sie sich oft scheinbar (aber nur scheinbar) von der konkreten Wirklichkeit und Lage des Menschen entfernen muß.
Und wie sollte es anders sein, als daß dieser Sachverhalt dann auch an ganz bestimmter Stelle des Weges der Dogmatik ausdrücklich zur Sprache kommen muß: dort nämlich, wo die Dogmatik als Lehre von der Versöhnung im besonderen auch das zu sagen hat, daß das Ereignis der Versöhnung des sündigen Menschen durch Gott mit Gott ein an diesem Menschen, wie er ist, sich vollstreckendes wirkliches Ereignis ist, daß Gottes Gnade ihn angeht? Wer es etwa (aber das wäre allerdings sehr bedenklich) in der übrigen Dogmatik, in der Lehre von Gott etwa oder in der Lehre von der Schöpfung oder in der Christologie, noch nicht gemerkt haben sollte, der müßte es spätestens an dieser Stelle merken: tua res agitur, oder Alles ist für dich Unsinn; das Wort Gottes, dessen Wirklichkeit wir zu umschreiben versuchen, ist nicht nur geredet, sondern für dich, zu dir geredet. Du kannst nichts denken, sagen noch tun, du kannst keinen Atemzug vollbringen, ohne daß es so oder so Entscheidung wäre gegenüber dem dir gesagten Worte Gottes.
Diese in Gottes Offenbarung grundsätzlich vollzogene, in der Heiligen Schrift bezeugte, in der christlichen Predigt promulgierte Inanspruchnahme des Menschen als solchen nennen wir in der Dogmatik die Heiligung. Eben damit, daß wir das Wort nicht nur als das Wort Gottes verstehen, nicht nur als das Wort unseres Schöpfers, nicht nur als das Wort seiner Treue und Barmherzigkeit in Christus, nicht nur als das berufende und rechtfertigende Wort, und weiter nicht nur als das Wort, das die Kirche begründet, und das uns unsere Erlösung verheißt, damit, daß wir |25 es – das Alles sollte genügen, möchte man denken – ausdrücklich und nachdrücklich auch als das heiligende Wort verstehen, haben wir das Recht zu dem Satz, daß in der Wirklichkeit des Wortes Gottes die Wirklichkeit des das Wort vernehmenden Menschen enthalten und damit die christliche Antwort auf die Frage nach der Güte menschlichen Handelns gegeben ist.
Gut heißt: durch Gottes Wort geheiligt, so könnten wir kurz formulieren und in Erinnerung an den ganzen starken Inhalt dieses Begriffs der Heiligung das Bedürfnis nach einer besonderen Ethik in der Theologie rundweg in Abrede stellen. Es ist durch die Erinnerung an den ethischen Charakter der Dogmatik überhaupt und durch die Erinnerung an die ausdrückliche Beantwortung der ethischen Frage in der Lehre von der Heiligung gesichert, daß Ethik als selbständige Disziplin neben der Dogmatik eine Unmöglichkeit ist. Ihr Anliegen ist nicht nur im allgemeinen, sondern auch im besonderen eigenstes Anliegen der Dogmatik selber.
Es wäre nun aber nicht wohlgetan, wenn wir es bei dieser Feststellung bewenden
lassen und auf alles Weitere verzichten würden. Die ethische Frage ist offenbar
nicht eine Frage neben vielen anderen, sondern in eminentem Sinn die menschliche
Existenzfrage. Wie wir wollen, so – und was
wir tun, das – sind wir. Es ist nicht so, daß
der Mensch existiert und dann u. a. auch noch handelt, sondern er existiert, indem
er handelt. Sein Handeln, sein existere, sein Hervortreten ist seine Existenz. Die
Frage, ob und inwiefern er richtig handelt, ist also keine
andere als die, ob er denn richtig existiert. Fragt nun die
Ethik eben nach dieser Güte des menschlichen Handelns und zielt die Dogmatik
ihrerseits im ganzen und im besonderen auf den Satz, daß das menschliche Handeln
insofern gut ist, als Gott es heiligt, so ist dieser Koinzidenzpunkt jedenfalls
für beide Teile von ganz einzigartiger Bedeutung. Lassen wir es zunächst
dahingestellt, was es für die Ethik, die ja nicht von Haus aus und
selbstverständlich theologische Ethik ist, bedeutet, daß ihr hier in der Dogmatik
die Theologie, die Stimme der christlichen Kirche begegnet. Der Dog|26matik jedenfalls kann es nicht gleichgültig sein, daß sie hier, im Anliegen der
Ethik als ihrem eigenen Anliegen, auf die menschliche Existenzfrage stößt. Es ist
allerdings nicht so – diesen Einbruch
Der Gegenstand der Dogmatik ist schlechterdings das Wort Gottes, der Gegenstand
des Wortes Gottes aber ist schlechterdings die menschliche Existenz, das
menschliche Leben oder Handeln. Dieser Sachverhalt kann nun offenbar für die
Dogmatik nicht nur ein Beziehungspunkt, ein Locus neben anderen sein, von dem aus
sie re bene gesta, nachdem das Nötige dazu in der Lehre von der Heiligung gesagt
ist, zur Tagesordnung übergehen könnte. Sondern daß sie diesen Beziehungspunkt
wirklich hat, daran hängt die ganze Entscheidung der Frage, ob sich ihre
Darstellung der Wirklichkeit des Wortes Gottes von einer in der Haltung eines
Zuschauers entworfenen Metaphysik unterscheidet, die als solche, als Darstellung
einer nicht existentiell gehörten, den
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Menschen nicht angehenden, ihn nicht in Anspruch nehmenden, nicht zur
Verantwortung ziehenden Wirklichkeit bei allem möglichen Tiefsinn, bei allem
möglichen Reichtum ihres Inhalts auf keinen Fall die Wirklichkeit des Wortes
Gottes wäre. Gott, außerhalb der Beziehung zu unserer Existenz verstanden, ist
eben, und wenn er der dreieinige Gott von Nicaea, und wenn er der vollständig
umschriebene Gott
Es steht nun freilich nicht in unserer Macht, der Dogmatik diese Beziehung auf die
Wirklichkeit des Menschen zu geben, sowenig es in unserer Macht steht, die
Darstellung der Dogmatik Darstellung der Wirklichkeit des Wortes Gottes sein zu
lassen. Beides tut Gott ganz allein und selber nach seinem souveränen
Wohlgefallen. Es ziemt aber der theologischen Wissenschaft, hier wie überall zu
Gottes Dienst bereit zu sein, welches dann auch sein Wille sein möge. Wie die
Dogmatik Maßregeln ergreifen kann und ergreift, um der Zerstreutheit des
menschlichen Denkens, das sich der Aufmerksamkeit auf das Wort
immer wieder entziehen möchte, wenigstens einigermaßen zu wehren, so kann sie
Maßnahmen ergreifen, um derselben Zerstreutheit wenigstens einigermaßen zu wehren,
wenn sie vergessen möchte, daß es sich um das an den Menschen
sich richtende Wort handelt. Sie kann sich einmal darum bemühen, dieser
Zerstreutheit passim, durchgehend durch Vermeidung aller reinen Spekulation, und
positiv durch ständige Beachtung und Hervorhebung des Entscheidungscharakters
aller ihrer Sätze entgegenzutreten. Sie wird zweitens nicht versäumen, die Lehre
von der Heiligung mit dem Nachdruck vorzutragen, der ihr gebührt, weil hier die
Frage nach dem Gegenstand des Wortes Gottes brennend wird. Sie wird aber drittens
wohl daran tun, eingedenk dessen, daß sie Menschenwerk ist, und eingedenk des
klassischen Vorbildes des Überganges von
Die Anerkennung der Notwendigkeit einer solchen Hilfswissenschaft bedeutet ein gerade an dieser Stelle sehr angebrachtes, durch die Tat bewiesenes Demutsbekenntnis der Theologie. Indem sie ihr entscheidendes Wort, das Wort vom Hören des Wortes, in der Tat noch einmal sagt, als hätte sie es noch nicht gesagt, anerkennt sie, daß ihr entscheidendes Wort nicht das entscheidende Wort ist. Sie weist mit dieser Wiederholung darauf hin, daß gerade im entscheidenden Punkt alle Theologie nicht Meister-, sondern bestenfalls Gesellenarbeit sein, daß von einem dogmatischen System als in sich selbst genugsamer Darstellung des hohen Gegenstandes nicht die Rede sein kann. Sie hat nicht vom Himmel herab geredet, und wenn sie es noch so gut gemacht hätte, sondern auf Erden, und darum muß sie noch einmal sagen, was nur Gott selber ein für allemal gesagt haben kann.
Solche Hilfswissenschaften kennt die theologische Enzyklopädie bekanntlich auch an anderer Stelle, und es würde sich wohl zeigen lassen, daß sie alle in irgendeinem Sinn die Bedeutung eines ganz ähnlichen Vorbehalts der Theologie gegen sich selber haben. So treten Einleitung ins A. T. und N. T., vorderasiatische und hellenistische Religionsgeschichte, Palästinakunde als Hilfswissenschaften neben die Exegese, so Liturgik, Katechetik usw. neben die Homiletik, so schon Dogmengeschichte und Symbolik neben die Dogmatik, speziell neben die Prolegomena zur Dogmatik, so die Kirchengeschichte als Hilfswissenschaft neben alle drei theologischen Disziplinen.
Eine solche Hilfswissenschaft der Dogmatik ist nun auch die Ethik. Keine μετάβασις εἰς ἄλλο γένος darf hier stattfinden – das ist es, was wir als den Fehler der üblichen Unterscheidung zwischen Dogmatik und Ethik erkannt haben, und was gerade zu vermeiden ist. Aufgabe und Methode der Ethik sind dieselben wie die der Dogmatik. Theologische Ethik ist selbst Dogmatik, keine selbständige Disziplin neben der Dogmatik. Wir gehorchen |29 nur einer unterrichtstechnischen Notwendigkeit, wenn wir sie hier gesondert von jener behandeln. Es geht auch in der Ethik um die Besinnung auf das Wort Gottes als den überlegenen Sinn und Gegenstand und Träger der christlichen Predigt in Form der Kritik des frommen Menschenwortes – nun aber speziell um die Besinnung darauf, daß dieses Wort Gottes, das in der christlichen Predigt verkündigt und vernommen werden soll, den Menschen in ganz bestimmter Weise in Anspruch nimmt. Es war ja, wir denken nochmals an das Vorbild der paulinischen Briefe, besonders des Römerbriefs, an sich sehr wohl am Platz, wenn schon die alte Kirche dem Problem der Ethik jene qualifizierte Aufmerksamkeit schenkte. Es steckte auch in jener ganzen neuzeitlichen Emanzipation der Ethik gegenüber der Dogmatik nicht nur ein berechtigtes Anliegen, und in ihrem Überwuchern eine Nemesis und geschichtlich wohlverständliche Reaktion gegenüber dem Sündenfall, vor dem keine Dogmatik sicher ist, dem Sündenfall in eine Zuschauermetaphysik, in den Luxus einer müßigen Weltanschauung. Es ist aber an der Zeit, daß man aus diesem geschichtlich berechtigten, aber sachlich hochgefährlichen Reagieren gegen eine unethische Dogmatik herauskomme, Zeit, jenem Anliegen so gerecht zu werden zu suchen, wie es jedenfalls auf dem Boden der Reformationskirchen allein möglich ist, so nämlich, daß jene letztlich heidnische Einführung eines zweiten heterogenen Gesichtspunktes, bei dem dann wohl der erste und eigentliche unvermeidlich verlorenzugehen pflegt, rückgängig gemacht und auch in der Ethik ausschließlich, wenn auch in der besonderen Zuspitzung ihrer Frage, nicht nach einem Zweiten, sondern nach dem Einen und Einzigen, was not tut, gefragt wird. Anders als so müßte das Unternehmen einer theologischen Ethik letztlich kirchenzerstörende statt kirchenbauende Bedeutung haben.