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Bergli1, den 12. August 1930
Wir danken dir herzlich für deine beiden Briefe und für alle die Freundschaft und Teilnahme, die aus ihnen zu uns reden. Es ist schon so, daß Nellys plötzlich gestellte Kabinettsfrage uns aufs neue in akute Verlegenheit versetzt hat. Wir haben uns aber fast von Anfang an gesagt, daß wir die Situation nicht als hoffnungslos, d. h. nicht als reif für eine extreme Entscheidung nach der einen oder anderen Seite, wie Nelly sie provozieren zu wollen schien, auffassen dürfen. Es hängt für unser aller Zukunft zu viel an dem, worum es geht, als daß wir jetzt in der gewissen Ermüdung und Nervosität des Semesterendes, in der wir uns schließlich alle befinden, ein Novum schaffen dürften. Und so haben wir beschlossen, vor allem einige Tage ruhiger Überlegung ins Land gehen zu lassen, haben Nelly veranlaßt, Adelboden zunächst mit den Kindern allein zu beziehen, nicht zuletzt im Gedanken an deine freundschaftliche Einwirkung, der wir sie dort ausgesetzt wußten und die du nun bereits in so hoch dankenswerter und gewiß irgendwie hilfreicher Weise ausgeübt hast. Wir denken uns nun das Weitere so, daß zunächst Lollo übermorgen, Donnerstag, nur ganz kurz im voraus angezeigt, für ein paar Tage nach Adelboden geht. Sie glaubt, Nelly, bevor diese ihr Entweder-Oder als endgültig bestätigt, noch einiges sagen zu können und zu müssen. Wenn das Gespräch so verläuft, daß jedenfalls im Augenblick noch keine extreme Lösung stattfinden muß, dann komme ich Mitte der nächsten Woche selber auf 10-14 Tage nach Adelboden. Im anderen Fall hätte mein Kommen dorthin nicht viel Sinn, sondern ich würde hier bleiben, um mit Lollo zusammen zu dem dann nötig werdenden endgültigen Entschluß zu kommen. Wenn dieser Fall — was wir |35 aber nicht hoffen — eintreten sollte, dann könnten wir froh werden, von deinem Angebot, uns hier aufzusuchen, Gebrauch machen zu dürfen. Es wundert dich vielleicht, daß ich nicht selber zuerst nach Adelboden komme. Aber schau, die Frage der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Fortsetzung des Status quo entscheidet sich nicht zwischen mir und Nelly, sondern zwischen Lollo und Nelly. Und meine Sache wird es nur sein können, zu dem Ergebnis ihrer Begegnung möglichst aufrichtig und sachlich Stellung zu nehmen. Aber ich glaube deinem Briefe zu entnehmen, daß du die Dinge auch so siehst und darum mit dieser Anordnung einverstanden bist. — Laß dir inzwischen danken für alle Treue und Handreichung und sei herzlich gegrüßt von
[Nachschrift von Ch. von Kirschbaum:]
Am Abend
Lieber Eduard!
Nach mancherlei Hin- und Herüberlegen bleibe ich nun doch dabei, übermorgen zu Nelly zu fahren. Ich fühle mich an der augenblicklichen Sachlage doch auch schuldig, und zwar insofern, als ich in diesem hinter uns liegenden Jahr so bis an den Rand mit meiner eigenen Not zu schaffen hatte, daß ich für Nellys sicher zu wenig offen war. Ich möchte ihr das noch einmal sagen dürfen, ehe wir endgültige Entscheidungen treffen. «Überwachen» will ich sie nicht. Aber ich glaube, das muß und das darf ich ihr sagen. Und wenn sie mich gar nicht aufnehmen kann und will, dann muß ich eben den Rückzug antreten. — Ich danke dir auch noch für Alles und grüße dich und Marguerite herzlich.