Adelboden, 18. August 1930
[…] — Unsere drei Großen ersteigen heute einen Berg mit Thurneysens zusammen. Karl macht ein Weglein mit Matthisli und Hans-Joggeli, die so lebhaft um ihren Papa geworben haben.
Ja, das ist das ganz große Ereignis, daß Karl gestern abend zu uns gekommen ist! Wie lange, lange hatten wir ihn nicht mehr allein unter uns. Wie möchte |36 ich mich festlich freuen, wieder einmal ganz froh sein — froher als je. — Wir haben noch nicht zusammen geredet von dem Einen. Ich wollte, ich müßte nicht davon reden, sondern dürfte nur weiterfahren, alles zu bereiten, zu verschönern, Karl zulieb zu tun, ohne mich ihm nahezurücken. Aber 14 Tage werden rasch umgehen, und gesprochen wird sein müssen. Ich habe eine Scheu davor, vor meinem eigenen Reden, das dann einen eigenen Wunsch vorbringen will. Ich möchte offen sein bis ins Herz vor Karl und nichts Krampfhaftes, nichts Ungutes sagen. Muß es dann sein, daß wir wieder aneinander vorbei hoffen, wünschen, müssen, uns im Innersten weh tun?
Liebe Mama, mich hat spontan der Wunsch erfaßt, Dir etwas zu sagen. Sieh, wenn ich dürfte unser Heim in Bonn wieder allein gestalten. Ich spüre eine Kraft, eine Freudigkeit, mich mit allem guten Willen einzusetzen, daß dieses Heim Karl recht, vertraut und etwas warm werde. Lollo würde mit ihrer Freundin, die für ein Jahr nach Bonn kommt1, und nahe mit Erica Küppers wohnen. Das dürfte eine kleine Milderung bringen für sie. Die Freundin würde sie pflegend, mitwissend liebevoll umgeben.
Lollo käme von dort aus schon bald nach der Vorlesung zu Karl, würde mit ihm arbeiten bis zum Abend. Sie und ich würden etwas erlöster, etwas vornehmer uns wieder gegenüberstehen. Sie würde, wenn die etwas größere Distanz [da wäre, diese] nur äußerlich tragen. Aber [sie könnte] doch so eng verbunden mit Karl denken und wirken. Mühe würde es sie auch kosten, diesen kleinen Schritt zurückzutreten. Aber ich würde ihr dann weniger Mühe machen. Ich könnte ihr etwas freier begegnen, sie in mein Heim kommen sehen, in dem ich atmen und das ich eher aufbauen könnte, nach der mir gesetzten Möglichkeit. Ich wäre den Kindern2 — Ich will innehalten. Es kann sein, daß, von Karl aus gesehen, diese meine kleine und doch so mächtig aufsteigende Hoffnung eine ihm und Lollo ganz unmögliche Zumutung und von mir eine rein böse Absicht bedeutet. Wie denkst Du, Mama? Vielleicht kannst Du mir eine Antwort geben, mir sagen, ob ich, auch nur so wenig, meine Lage nicht selber erleichtern darf. Ich möchte nur so gern etwas besser leben dürfen innerlich. Ich würde es Karl und Lollo danken, viel mehr als wenn Lollo direkt neben mir für mich quasi Märtyrerin sein will. Sie kann nichts für mich. Es muß Eines das Andere leben lassen und so lieben.
Ich gehe Karl entgegen jetzt. — Liebe Mama, Du nimmst diesen Brief schon
gut auf. Darum bittet Dich