5. Dezember 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

ich bin bei der Vorbereitung meiner Bibelstunden über den Hebräerbrief auf jene merkwürdige Stelle gestoßen 6,4-8, der dann ja die allerdings nicht ganz so dunkle Stelle 10,26-31 an die Seite tritt. Ich habe gesehen, daß schon Luther in seinen Vorreden den Kopf über diese Stellen schüttelt.1 Die Kommentare sagen Widersprechendes. Schlatter redet davon, daß man seinen Willen von der Bosheit trennen können müsse.2 Calvin3 habe ich nicht. Aber ich dachte nun, da du im Seminar an der «Heiligung» bist4, du sehest da vielleicht klar durch. Geht die Stelle wirklich primär auf das, was man gemeinhin «Heiligung» nennt, oder ist es vielmehr primär eine Prädestinationsstelle, würde also vielmehr die Freiheit Gottes und den Glauben betreffen? Möglicherweise |74 kennst du auch einen einsichtigen Kommentar. Es pressiert gar nicht mit einer Antwort. Vielleicht kommst du überhaupt nicht dazu. Dann laß es ruhig. Kannst du mir aber irgendeinen Wink geben, so bin ich natürlich empfänglich dafür.

Während ich hier sitze und schreibe, schreitet wohl Gerty Segen spendend durch Bonn oder hat euch schon wieder verlassen, um sich weiteren armen Pilgern zuzuwenden, also vorerst Georgs in Bethel. Ich muß schließen, da die Predigt anzugreifen ist. Mit Heiner hatte ich dieser Tage ein längeres Gespräch. Es steht nicht sehr gut um seine Positionen, auch nicht einmal um die, die doch auf alle Fälle sollten gewonnen werden können. Aber es ist freilich noch nicht aller Tage Abend. Aber Basel ist und bleibt ein seltsames Nest.

Sei herzlich gegrüßt mit dem ganzen Hause.
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
WA.DB 7, 344,13-19 und 345,1-19. 📖 ↩
2
A. Schlatter, Erläuterungen zum Neuen Testament, Bd. III: Die Briefe des Petrus, Judas, Johannes, an die Hebräer, des Jakobus. Die Offenbarung des Johannes, Stuttgart 19233[=2], S. 70 📖: «Es gilt auch hier die Probe zu machen, ob wir unseren Willen noch von unserer Bosheit trennen können und sie zu richten und zu hassen vermögen, ob wir noch zu Jesus herzutreten können und ihn zu bitten vermögen: sei mir nicht tot! nein, sei mir der Lebendige! … Es ist unter allen Umständen … ein Mißbrauch unseres Wortes, wenn wir es dazu benützen, um uns die Umkehr zu verschließen oder zu erschweren und von Gott und Christus fern in unserem Elend bleiben.»↩
3
J. Calvin, Commentarius in epistolam ad Hebraeos, in: CR 83 (= Calvini opera 55), Sp. 5–198. 📖 ↩
4
Seminar im WS 1930/31: «Die reformatorische Lehre von der Heiligung».↩