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10. Dezember 1930
Es ist so lange her, seit ich dir das letzte Mal gründlich geschrieben habe, und nun soll es einmal, obwohl auch viel anderes auf mich wartet, nicht länger aufgeschoben sein. Dein großer Brief vom 28. November gab uns ein so bewegtes Bild von den Basler Ereignissen und Gestalten und von dir mitten drin, daß man schon meinte, Alles zum Greifen nahe vor sich zu sehen und kopfschüttelnd mitzuerleben. Ich wollte, ich könnte dich auch so hineinsehen lassen in unser Leben, das sich ja auch in einer seltsam genug und immer wieder neu beleuchteten Landschaft abspielt. Aber du hast in Bezug auf solche Darstellungen eine Gnade, an die die meinige nicht heranreicht.
Laß mich zuerst auf deinen Brief antworten. Ich war sehr beruhigt durch deine Worte über meinen Brief an Emil. Denn nachdem dieser ab war, habe ich ihn und hat ihn auch Lollo mit etwas besorgten Gedanken begleitet, ob ich dem Guten nicht doch zu nahe getreten sein möchte. Der Beifall, den mein Brief bei Ruedi fand, der ja unseren Emil bekanntlich einfach nicht schmecken mag, war auch eher ein Warnungszeichen. Nun ist es mir tröstlich, daß du mir jedenfalls nicht geradezu ein Vergehen gegen die von mir selbst so geschätzte und oft angepriesene «Lindigkeit» [vgl. Phil. 4,5] zum Vorwurf machen mußt. |75 Ich bin ja in einer schwierigen Lage mit Emil. Denn ich kann nicht leugnen, daß mich solche Briefe wie sein letzter oder solche gedruckte Äußerungen, wie er sie mir gegenüber in der letzten Zeit immer wieder für nötig hält1 — weniger wegen ihres Inhalts als wegen des siegesgewiß schulmeisternden Tones —, gelegentlich nervös machen können, und in dieser Stimmung bin ich dann natürlich nicht in der Lage, ihm ganz gerecht zu werden. Alles, was du über seine Spezialgnade usw. schreibst, lasse ich mir gerne gesagt sein. Er soll diesen seinen Auftrag nur immer ausführen. Ich bin ihm ja auch nie öffentlich in die Klinge gefahren, sondern er mir, und da meine ich eben, das sollte nun er seinerseits, wenn es sich nicht um etwas ganz Dringendes handelt, lieber bleiben lassen und mich sozusagen im Departement des Innern nicht in dieser Weise stören, wie es jetzt ein paar Mal geschehen ist. Vielleicht kannst du ihm das einmal klar machen und damit weiterhin dem Frieden dienen.
Hast du wohl von Nigg eine Antwort bekommen? Ich nicht. Er ist doch ein recht kurioser Kauz geworden — eben sehe ich, daß du selber ihn mit denselben Worten bezeichnest! Aber seine Pathologie und die des armen Knaben Mettler geben mir doch recht zu denken. Die Beiden waren doch — weißt du noch? — so um 1920 herum2 ein wenig unsere Hoffnung auf kommende bessere Zeiten. Wir freuten uns ihres jugendlichen Eifers und freuten uns, daß da Leute kämen, die die Fahne jedenfalls weiter tragen würden. Es gehört wohl auch zu der uns ja überhaupt viel stärker als damals bewußt gewordenen Verflechtung unseres Unternehmens in den Lauf dieses Äons, daß wir nun gerade auf diese Gestalten nur mit so bedauernden Gedanken blicken dürfen.
Die Basler Dinge haben uns natürlich auch mit bewegt. Jenen Dr. Berg kenne ich sehr wohl. Er hat während eines Semesters in meinem offenen Abend in Göttingen die pietistische Opposition geführt. Ich erinnere mich nicht mehr an Einzelheiten, sondern kann nur bemerken, daß sich für mich eher unangenehme Assoziationen — Erinnerungen an |76 allerhand Fanatismen und Steckköpfigkeiten3 — mit diesem Namen verbinden. Was du von Köberle schreibst, wundert mich nicht. Ich habe ihn mehrfach persönlich getroffen und hatte immer den Eindruck, daß die Substanz, von der er lebt, eine ziemlich dünne Schicht von württembergischer Väterfrömmigkeit4 ist, für die er sich mit einer in ihrer Lauterkeit natürlich nicht anzuzweifelnden Wärme irgend einmal entschieden hat, vielleicht in einem ähnlichen Augenblick, wie er uns als Station aus den Jahren vor und nach 1916 ja auch nicht unbekannt ist.5 Sollte es dir nicht gelingen, ihn nachträglich noch ein wenig in die von ihm zu früh verlassene Schule zu nehmen und ihn, vielleicht auch noch, wenigstens ein paar Stationen weiterzubringen?
Auch deine Eindrücke von Querbein treffen merkwürdig mit den meinigen zusammen. Er hat sich zu den übrigen Eigenschaften, die ihn von jeher zierten, hinzu in den letzten Jahren noch die eines merkwürdig hohen Tones eines gewissen französisch-aristokratischen Selbstbewußtseins angeeignet. Vielleicht war das schon früher da und ich merkte es nur nicht. Jedenfalls ist — im Zusammenhang mit seiner Rechtsschwenkung in der Richtung zu den Schöpfungsordnungen und zum preußischen Konservatismus — irgend ein neuer Rappel in ihn gefahren, der ihn auch für mich — ich sah ihn im Herbst in Bern mehrere Stunden — auch nicht leichter genießbar macht. Auch ich denke, daß seine eigentliche Gabe, wie er sie in seinem Buch bewiesen hat, mehr auf historischem als auf systematischem Gebiet liegt. Aber davon will er nichts wissen, sondern war eher gekränkt, als ich ihn in jener und nun eben |77 nicht in dieser Hinsicht lobte. Seinem beabsichtigten neuen Buch6 sehe ich nach den Mitteilungen, die er mir in Bern darüber gemacht hat, nun wirklich etwas mißtrauisch entgegen, und auch der Besuch seines Berliner Freundes Vorwerk, des Redaktors des «Ring», hat mich nicht gerade davon überzeugt, daß Querbein sich auf sehr hoffnungsvollen Wegen befindet. Aber das muß nun offenbar so sein, daß wir alle wie Maulwürfe in den verschiedensten Richtungen unsere Gänge graben und daß dann an den unerwartetsten Orten eines jener Häuflein auf dem Rasen sichtbar wird, ankündigend, daß da wiederum einer letzte Worte gesprochen zu haben meint!
Wie wird’s mit Heiner werden? Weder deine Nachrichten noch die in der letzten Zeit auf anderen Wegen eingelaufenen lauten sehr tröstlich. Einem Briefe meiner Schwägerin Gertrud an Nelly entnehme ich, daß Regierungsrat Hauser7 sich über von Heiner gesponnene Intriguen beklage und daß sich dies nur auf meine Korrespondenz mit Stenzel8 beziehen könne. Von Heiner selbst lag ein Brief vor, in welchem er sich über meinen Brief an Stenzel ebenfalls eher mißzufrieden ausließ. Mein lieber Bruder Heiner ist wirklich ein schwer zu behandelnder Fall. Wenn er die Leute in Basel so behandelt hat wie jetzt z. B. mich, so kann ich mich über allerhand nicht wundern. Unwillkürlich bekommt man da Neigung, sich zurückzuhalten, weil man offenbar jeden Augenblick in Gefahr steht, eins auf die Finger zu bekommen, was schließlich bei erreichtem höheren Alter nicht jedermann Vergnügen macht. —
Du wirst in diesen Tagen Fritz Lieb, den neuen Doktor der heiligen Schrift9, gesehen haben, und ich denke, daß du bereits durch ihn allerhand weißt über die Dinge, die uns hier bewegt haben und bewegen. |78 Wir haben, man kann wohl sagen, Hochbetrieb. Die liebe lange Woche läuft es fast ununterbrochen auch an den Abenden, und es kommt mir manchmal vor, ich rede ununterbrochen, bald vom Katheder, bald im Kreise meines Seminars, bald mit den Auserwählten der neu eröffneten «Dogmatischen Societät»10, bald mit Leuten, die mir noch daneben mit allerhand Anliegen auf die Bude rücken und Gehör und Zuspruch begehren. Am Sonntag habe ich gepredigt11 und gestern Abend bei den «studierenden Frauen» — lieber Eduard, eine schreckliche Situation: ich ganz allein als Mann in einem Raum gestoßen voll von Frauen, Witwen, alten und jungen Jungfrauen aller Art — Bibelstunde gehalten.12 — Letzte Woche hatten wir einen großen Tag mit Heinrich Scholz, den ich in mein Seminar geladen hatte, um uns seine vorläufig sehr problematischen Ansichten über die Möglichkeit einer evangelischen Theologie als Wissenschaft vorzutragen. Er tat dies mit großer Kraft und viel Geist — du wirst die Sache in Z.d.Z. wiederfinden13 und die notwendigen Fragezeichen selber zu setzen wissen —, erfuhr aber auch energischen Widerspruch seitens einer aufs genaueste auf ihn vorbereiteten studentischen Kampfgruppe, deren Mitglieder eines nach dem anderen wie Weine Torpedoboote ihren Schuß auf den großen Panzerkreuzer ab|79gaben, so daß dieser tatsächlich seinerseits nicht ohne einige Eindrücke von dem Kampfplatz schied. Es hat sich mir aufs neue gezeigt, daß ich wohl getan habe, mich mit diesem Mann einzulassen, möge daraus werden, was da will. Du wirst aus seinem Referat sehen, daß er jedenfalls hinhört auf das, was bei uns geht; und daß er sich nun in dieser Weise stellt und das theologische Thema nach zehnjähriger Gleichgültigkeit dagegen überhaupt wieder in Angriff nimmt, das ist sicher schon allerhand.14 Es kommt dazu, daß wir auch diesmal menschlich wieder sehr gut mit ihm übereinkamen. Ich verstehe gut, wenn der ganze Vorgang für dich von weitem etwas Kurioses hat. Der ganze Mann ist auch tatsächlich immer noch ein bißchen kurioser, als man vorher zu wissen gemeint hatte. Aber man kann ihn unmöglich näher kennen, ohne ihn gern zu haben und auch sachlich ernst zu nehmen.
Und nun ist also, wie du wissen wirst, in ganzer Pracht und Majestät auch unsere Freundin Gerty hier über die Szene gegangen. Wo immer etwas los war, saß sie mit klugem Auge auch dabei, und ihre mächtige Gestalt in dem dicken Wintermantel, eine wandelnde Glocke, begann bereits zu den gewohnten Erscheinungen des Bonner Straßenbildes zu gehören. Es ist klar, daß sie nirgends eintreten und verweilen konnte, ohne zugleich Güte und Weisheit (letztere mit einem ganz leisen Stich in eine sagen wir einmal erdhafte Theosophie) um sich zu verbreiten. Gertrud Staewen15 war aus Berlin auch eingetroffen für diese Tage, Eri|80ca Küppers hatte sie auch sehnlichst erwartet, und du kannst dir denken, daß viele Gespräche nach allen Seiten geführt worden sind. Na ja, du weißt, daß ich dafür nicht gerade viel übrig habe, und es ist mir tröstlich zu wissen, daß wir darin einig sind, daß es ebensogut wäre, Alles ein bißchen weniger zu besprechen. Aber es ist trotzdem sehr nett gewesen mit Gerty, und wenn man ihr immer nachblickt in der gewissen Zwiespältigkeit: hat man nun einen ganz lieben Menschen gesehen und gehört, oder war es ein gewaltiges Naturphänomen, an das man auch ein wenig erschreckt zurückdenkt, so überwog doch auch diesmal fraglos das erste. Nun ist sie weitergezogen nach Bethel, Osnabrück, Berlin, Würzburg16, sicher überall in ihrer Weise «lichte Spuren» hinterlassend, wie Dora Schlatter sagen würde17. Ich sehe eben, daß nun Einiges in den Brief gekommen ist, was ihn zur ungekürzten Weitergabe nach Zürich18 untauglich machen wird. Aber nicht wahr, dir durfte und mußte ich das doch sagen.
Sehr belebt hat sich diesen Winter der offene Abend angelassen, in |81 welchem wir die Ideologie der deutschen Parteien verhandeln. Der Zustrom ist so gewaltig, daß er das Haus bald zu sprengen droht, und die Erregung der Geister ist angesichts dieses Themas auch eher zu groß als zu klein.19 Alles in Allem, die Zeit geht uns sehr schnell um, und nur an einer gewissen wachsenden Müdigkeit, die einen oft mitten am Tag zum Gähnen und Träumen veranlaßt, merkt man, daß allerhand läuft und daß man dabei doch auch ganz ein bißchen abgenutzt wird. Aber das kennst du ja so gut und besser als ich. — Laß mich schließen. Einen Krankenbericht über unsere persönliche Notlage will ich jetzt nicht geben. Es würde tatsächlich noch immer und immer wieder ein Krankenbericht sein müssen. Daß Alles, was dir in dieser Hinsicht etwa durch Gerty zu Ohren kommen wird, mit einiger Vorsicht zu genießen ist, angesichts der starken Subjektivität ihrer Eindrücke von Dingen und Menschen, will ich nur leise hinzusetzen. — Grüße Marguerite. Wie mag es ihr gehen? Sage ihr, daß wir ihrer ganz besonders gedenken.
Mit herzlichem Gruß