28. November 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich bin dir schon länger als recht ist eine gehörige Antwort schuldig auf deine verschiedenen ausgezeichneten Zurufe, Mitteilungen, Zwischenberichte und Geheimakten. Gestern abend traf nun auch noch die englische Zeitung1 ein, die ich sofort mit Schmunzeln entgegengenom|64men habe, nachdem erst dieser Tage auch Adolf Kellers unerwarteter Weltüberblick2 auch hierzulande bei den Mißgünstigen Unbehagen und bei den Naiveren unter unseren Anhängern einige Akklamation gefunden hatte. Eine der zum inneren Kreise der an der Weltsache Karl Barths (und doch auch Eduard Thurneysens!) Beteiligten sich rechnende[n] meiner Zuhörerinnen hat geradezu mit Ergriffenheit die weiten Aspekte registriert, die sich da plötzlich rund um die Münsterkanzel in Anlehnung an den großen Mann in Bonn eröffnen.

Dein Brief an Emil ist, wie Georg sagen würde, schlechthin gut. Ich habe die weise (an gute Pfeifentabake erinnernde) Mischung von letztem Ernst und freundlichem Auf-die-Achsel-Klopfen und vor allem überlegtester Schonung des ja so leicht in Schwanken geratenden Selbstgefühles unseres Freundes in Zürich (er ist nicht umsonst Sitzriese!) einfach bewundert. Er hat deinen Tabak auch offensichtlich in tiefen Zügen geraucht, denn es ist nun schon der zweite, seine Angegriffenheit verratende Brief bei mir eingetroffen, ich lege ihn dir bei. Er bekennt sich nun endlich doch zu der allerdings späten Einsicht, daß Eristik keine «andere Aufgabe» der Theologie3 sei, sondern daß sie mit der Dogmatik zusammenfalle.4 Wenn er nun noch dazu kommt, daß es überhaupt keine Aufgabe ist, sondern daß wirklich nur übrig bleibt, eine anständige Dogmatik zu erstellen, die an sich und von selber das Wort zur Lage sein müßte, dann ist die ganze Unruhe, das ganze eifervolle Suchen nach einem eigenen Jagdgrunde mit speziellem Großwild |65 zu Ende, und auch Emil macht schlecht und recht und natürlich durchaus auf seine Weise eben Dogmatik. Weißt du, er hat ja schon auch seine Spezialaufträge und ihnen entsprechende Spezialgnaden. Kürzlich hat er vor tausend zürcherischen Lehrern — bedenke, ein tausend zürcherische Sekundarlehrer! waren bei einander — einen Vortrag gehalten über die Begründung der Ethik5. Gleich nach ihm redete der Basler Freidenker und vom Erziehungsdepartement speziell gehätschelte «Schul»philosoph Haenssler über das gleiche Thema.6 Und da hat Emil scheints schlechterdings obenausgeschwungen7. Und ebenso hat er vor ein paar Wochen einen Gefechtsgang bestanden vor ebenfalls großem Forum mit den Evangelimannen, wie die Arbeiter die Evangelische Volkspartei nennen, wo er sich ebenfalls mit Bravour dieser Pietisten erwehrt hat.8 In solchen Lagen ist er wirklich unbezahlbar. Er ist ein magister Helvetiae, und seine Zürcher scheinen sehr auf ihn zu «loosen»9. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm wegen seines Briefes an dich. Habe ich dir schon davon geschrieben?10 Ich habe ihm vorausgesagt, wie du ihm antworten werdest. Und er hat mir da auch seine Komplexe dir gegenüber gestanden. Er war schon damals allerdings gerührt von der würdigen Form deines Gespräches mit ihm in letzter Zeit. Sicher erreichst du damit schließlich doch noch einiges bei ihm. Im übrigen ist es ja aber unendlich klar, daß du ihm gegenüber gerade das Entscheidende zu verteidigen hast.

Niggius! Als dein Brief kam, stand bei mir — ich hatte eben in der Nacht darüber nachgedacht — der beiliegende Brief fest, ich las den dei|66nen und schrieb ihm unverzüglich den meinen11. Antwort habe ich keinerlei von ihm darauf erhalten. Ich fürchte, das Buch werde keine gute Wirkung tun. Aufs Ganze gesehen ist es ein glatter Rückschritt, Reaktion im einfachsten Sinne des Wortes. Die Basler Humanisten und Theologen werden triumphieren und sagen: so haben wir’s immer gesehen. Und niemand wird sich wirklich mehr etwas von Overbeck sagen lassen. Ein kurioser Kauz dieser Nigg. Irgendwo hinter diesem Buche steckt natürlich sein eigenes Lebensproblem, um nicht zu sagen, seine eigene Pathologie. Übrigens hat der ja sonst durchaus nicht mit Nigg zu verwechselnde Artur Mettler12, weil ich gerade an unseren «Schülern» bin, einen schweren Zusammenbruch erlitten, der ihn zwingt, für lange Zeit das Pfarramt sein zu lassen, in irgendeinem Sanatorium Heilung zu suchen. Es hängt dies zusammen mit dem plötzlichen Tode seines Bruders in Paris, eines selten netten Jünglings, der in Bruggen einst unter meinen Konfirmanden saß. Dieser Todesfall hat den Artur in schwere innere Auseinandersetzungen mit seinem nach wie vor ganz zynisch denkenden Vater getrieben, hat irgendwie seine ganze eigene Entwicklung aufgerührt, so daß er sich glaubte von seiner ganzen Vergangenheit (unter anderem auch von mir) innerlich lösen zu müssen. Nach einer Nachricht, die ich hatte, muß er ganz steile Flüge in seinen Predigten unternommen haben, irgendwie im Sinne von Durchbruchsversuchen und schärfsten Absagen an die laue Chrisdichkeit und Kirche, bis alles ganz eindeutig in einer Neurose endete, von der er sich nun heilen lassen soll. Ein armer Kerl, der zweifellos ganz schwierige Zeiten hinter und vielleicht noch vor sich hat. Hoffentlich bringt er es durch.

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Basel — da wäre allerhand zu erzählen. Vielleicht hast du durch Fritz Lieb erfahren, daß wir zunächst (ich mußte an Ruth Lieb schreiben wegen einer bestimmten Sache)13 rasante Berührungen hatten mit unserer Arbeiterschaft infolge der unglückseligen Versuche eines deutschen Evangelisten (er nennt sich Dr. Berg, ist ein ehemaliger Jurist, der sich fatalerweise bekehrt und nun den Drang hat, andere auch zu bekehren, in seinen Lebenserinnerungen, die irgendwo auflagen, las ich, daß er auch dich bereits einmal in Augenschein genommen und gewogen und natürlich für die eigentlich gläubige Gemeinde als zu leicht befunden hat14, ein Dubel15 erster Klasse und von einer fabelhaften Einbildung) — also infolge seiner Evangelisationsversuche in Basel16. Die |68 Burgvogtei war an drei Abenden überfüllt. Er hatte ziemlich herausfordernde Themata, und die Kommunisten, vor allem deren Jugend, aber auch die Führer traten darauf ein. Und so kam es dann zu großen Diskussions und Krachabenden, an denen Fritz Liebs alte Freunde17 mit Wucht in die Schranken traten. Ein letzter Abend wurde von den Freidenkern angeschlossen: «Gott im Lichte der Vernunft», an dem sogar dein Bruder Heiner als Zuhörer und Dieterle und ich sogar als Diskussionsredner teilnahmen.18 Das ganze Ergebnis war allerdings bedrük|69kend, denn es trat nur handgreiflich zu Tage, wie völlig, wie völlig die Kirche auch in Basel bei der Arbeiterschaft abgewirtschaftet hat. Da ist einfach Schluß. Und sie hat vor allem an diesen Abenden selber durch ihre gänzlich unmöglichen Vertreter womöglich noch den letzten Rest von Kredit versaut, den sie vielleicht noch hatte. Was man da zu hören bekam aus dem Munde von Chrischonenpredigern19 und anderen Satten, das war mit das Aufreizendste. Man konnte nur noch eines denken: dieses Schiff sinkt. Ich dachte einen Augenblick lang an unsere Gespräche in Adelboden20 an jenem Abend, wo du irgendwie die Fühlung zu den Rechtskreisen als etwas vielleicht doch nicht zu Vernachlässigendes erwogst. Ich habe sie nun wieder für einmal genossen, diese Kerngemeinde im Kampf mit der Welt. Aber danke schön! Ich gab sie in meinem Votum — und in diesem Augenblick wurde es im Saal ganz still — vor dem Feinde einfach preis, erhielt dafür in einem anonymen Brief schwere Beschuldigungen, daß ich, während die Wölfe heulen, die Mitstreiter selber «gebissen» hätte.21 Ich dachte vor allem aber auch an dein Quousque tandem 📖 und was dort über die Verderbnis der Substanz der Kirche gesagt war.22 Das ist einfach das einzig Wahre, was gesagt werden kann und muß.

Unterdessen hat sich auch in der akademischen Welt wieder allerhand vollzogen. Köberle hat seine Antrittsvorlesung gehalten.23 Er ist als Mensch ein heillos netter Kerl, aber als Theologe wirklich mehr als harmlos. Böse Mäuler sagten, seine Antrittsvorlesung sei etwa für Pfadfinder recht gewesen. Und es ist etwas dran. Er ist darin unverbesser|70lich, daß er einfach nur ein Thema hat: Apologetik. Was aber bei Emils Eristik Rasse hat, weil es da noch zu scharfen Schüssen kommt, und was bei Heim vielleicht irgendwie geistreich sein mag, das ist bei unserem Köberle einfach langweilig. Ich habe noch nie in allem von ihm Gehörten etwas systematisch Interessantes oder überhaupt etwas von der Dogmatik her angefaßt gefunden. Er hat immer nur diese langweilige Front gegen die moderne Weltanschauung hin.

Und dann hat unser Freund Querbein am letzten Mittwoch ebenfalls die Arena betreten und einen ebenfalls sehr merkwürdigen Vortrag gehalten.24 Wo liegt’s nur, daß auch dies nicht viel wog? Es war ungleich viel wissender und gelehrter, was er bot, als bei Köberle und auch sehr gut eingestellt, aber irgendwie konfus vorgebracht, ohne rechte Linie, wenigstens ohne erkennbare Linie, alles nur so angedeutet und vielleicht für Heiner und mich berechnet. Wir saßen auch beide da, ich war sehr dabei, aber auch mit Sorge dabei, weil ich sah, wie wenig verständlich für die Anderen das Ganze sein mußte. Mitten drin kam es dann zu einer — ich fand eher etwas peinlichen — solennen Anprostung von Heiner, der als «der Basler Philosoph, mein verehrter Lehrer, Freund und Kollege» begrüßt wurde25, alles mit Lautsprecherstimme vor einem fast leeren Saal und in tadellosem Deutsch mit Berlineraussprache vorgebracht. Ich sagte nachher ganz vorsichtig zu ihm, daß ich beim Anhören den Eindruck gehabt hätte, den ich auch von seinem Buche26 habe, daß seine wirkliche Gabe auf dem Grenzgebiet zwischen Historie und Systematik liege. Denn wirklich, auch bei ihm habe ich das Gefühl, es fehle die eigentlich systematische Kraft. Es wirkt alles so |71 merkwürdig wenig original und interessant, was er auf systematischem Wege vorbringt, während er historisch, geistesgeschichtlich enorm viel weiß. Er selber meint zwar — wie mir scheint — durchaus, seine Aufgabe sei auf dem Gebiete des eigentlichen systematischen Gespräches mit den Zeitgenossen. Er rühmte sich mir gegenüber schon, daß er z. B. in seinem Buche über die Prädestination wirklich Erschöpfenderes gesagt habe27, als es bei dir zu lesen sei. Aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich etwas von ihm studiert habe, weiß ich nachher bald nicht mehr viel davon. Er hat einfach kein rechtes Profil. Oder siehst du es anders? Dabei rühmt er sich fortwährend des tiefen Verständnisses von Heiners Arbeit, die er bei unsereinem irgendwie zu wenig berücksichtigt findet. Er ist aber, auch er, ein netter Mensch. Ich sehe ihn regelmäßig. Marguerite findet — zu regelmäßig. Denn bei ihr steht er nicht gerade in Gnaden. Sein Calvinbärtlein gefällt ihr nicht, und es mag sein ganzes allerdings etwas komisch prätentiöses Getue nicht. Der gute Querbein!

Heiners Sache selber steht nach wie vor am alten Orte. Es ist aber nicht ganz ausgeschlossen, daß der Kieler Mann schließlich doch nicht wirklich kommen will28. Und dann würde sich alles noch einmal aufrollen. Daher empfiehlt sich auf alle Fälle eine zurückhaltende Taktik. Dieser Tage war deine Mutter hier. Und sie machte uns einen guten, langen Besuch, der uns eine große Freude war. Auch sie leidet natürlich unter Heiners Lage, aber sicher kommt er schließlich, mag es ausgehen, wie es will, darüber hinweg. Er hat kürzlich einen akademischen Vortrag gehalten über das Problem des Bösen, in dem er an mehr als einer Stelle auch zur aktuellen Lage in der Philosophie sprach.29 Es herrschte eine Gewitterstimmung im Saale. Er hatte aber ein großes Publikum, |72 und seine Sache war so geistvoll vorgebracht, daß er auch Eindruck machte. Aber die Basler bleiben eben die Basler.

Von Ruedis bekam ich Einblick in einen Brief von Frl. Hilde30, oder wie sie heißt, die einen ausgezeichneten Bericht abgab über eine Reise von euch zu Magister Horn31. Ich habe das natürlich gern gelesen. Dieser Horn sollte mir doch auch noch einmal begegnen. Übrigens soll er ein großer Freund von De Quervain sein. Wie beurteilt er ihn wohl? Querbein sagte mir letzthin, er sei der einzige, der in Horns Blättlein gelegentlich eine Predigt veröffentlichen dürfe32.

Was macht deine Arbeit über Anselm? Sie wird wohl bald vorliegen. Gib sie doch ja ohne Scholzens Mitschrift heraus. Sie ist doch einfach an sich ein entscheidender theologiegeschichtlicher Beitrag zum Methodenproblem der Dogmatik, wie es in dieser Stunde nicht erwünschter sein kann, wo es doch irgendwie darum geht. Überhaupt, es liegt viel daran, alles daran, daß deine Arbeit weitergeht, vor allem auch die an der Dogmatik selbst33. Ich lese eben dieser Tage wieder in der Vorbereitung auf den Konfirmandenunterricht in deiner Dogmatik 1, ich besitze sie aber nur in einer sicher vielfach überholten Kollegnachschrift von Mettler.34 Aber gerade diese Dogmatik 1 wird ein sehr wichtiges Buch |73 werden mit ihrer Gotteslehre und Anthropologie, vielleicht für die Lage wichtiger als die Rechtfertigungslehre in Dogmatik 2. Wenn dich deine 300 Studenten nur nicht zu viel aufbrauchen.

Ich lege dir noch einiges bei, aus dem du ersehen kannst, daß ich mich da und dort herumschlagen muß. Grüße Nelly und die Kinder, grüße Lollo von uns. Und sei selber herzlich gegrüßt. Bald kommen die Weihnachtsferien, wo du Ruhe hast, während unsereiner seine allerhand Anreden an das Volk zu verrichten haben wird, Weihnacht, Silvester, Neujahr — eine gefährliche Zeit!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
J. McConnachie, Karl Barth at home, in: The British Weekly. A Journal of Social and Christian Progress vom 13.11.1930, S. 143 (Rubrik: Literature and Life) 📖 (Karl Barth-Archiv).↩
2
A. Keller, Vom Weltprotestantismus der Gegenwart. Die Wirkung der dialektischen Theologie im heutigen Weltprotestantismus, in: CW, Jg. 34 (1930), Nr. 22 vom 15.11.1930, Sp. 1097–1103. 📖↩
3
Vgl. oben S. 42, Anm. 16.↩
4
Gemeint sind wahrscheinlich zwei im Nachlaß Thurneysen 📖 befindliche undatierte Briefe von Brunner. In dem vermutlich früheren heißt es: «Nun ist also das Gegenwort aus Bonn gekommen, und deine Prophezeiung [s. oben S. 56] hat sich als ziemlich richtig erwiesen» (Signatur B 38, 149); es folgt eine Erläuterung Brunners, wo und inwiefern er sich von Barth mißverstanden fühlte. In dem anderen Brief, auf den Thurneysen hier offenbar Bezug nimmt, schrieb Brunner: «Eristik: Es handelt sich nicht darum, ob auch Eristik. Ich würde nicht mehr von der ‹andern» Aufgabe der Theologie sprechen. Sondern Dogmatik als Eristik, und Eristik als Dogmatik. Dogmatik im beständigen Blick auf den Menschen in seinem Selbstverständnis. Ich fürchte, daß bei Köberle, wie bei Heim eine Eristik getrieben wird, die nicht mehr Dogmatik ist; das ist ebenso verkehrt wie das Gegenteil» (Signatur B 38, 99; an der Stelle des Datums steht die mit Bleistift nachgetragene irrtümliche Jahreszahl 1931).↩
5
Der ursprüngliche Titel des am 6.9.1930 in der Kirche von Fluntern gehaltenen Vortrags war «Die Grundfrage der Ethik», veröffentlicht unter dem Titel Das Grundproblem der Ethik (Unveränderte Wiedergabe eines Vortrags vor dem Zürcherischen Schulkapitel), Zürich u. a. 1931 📖; vgl. den Kurzbericht in der Rubrik «Schul- und Vereinsnachrichten»: St., Zürich. Schulkapitel Zürich, in: Schweizerische Lehrerzeitung. Organ des Schweizerischen Lehrervereins, Jg. 75 (1930), S. 476 📖, sowie dazu E. B., Zwei Vorträge über Ethik im Schulkapitel Zürich, in: Schweizerisches Evangelisches Schulblatt. Organ des Evangelischen Schulvereins der Schweiz, Jg. 67 (1930), S. 316f. 📖 (mit teilweiser Wiedergabe der Diskussion im Anschluß an beide Vorträge).↩
6
Den zweiten Vortrag hielt E. H. Haenssler über «Die Grundlage der Ethik». ↩
7
= die Oberhand behalten.↩
8
Konnte nicht nachgewiesen werden.↩
9
= hören.↩
10
Vgl. oben S. 55f.↩
11
Nicht erhalten.↩
12
Artur Mettler (1901–1990) hatte, angeregt durch das Erscheinen von Barths Römerbrief-Kommentar 📖 (vgl. oben S. 27, Anm. 38), noch als Schüler Kontakt zu E. Thurneysen und K. Barth aufgenommen und studierte daraufhin Theologie. 1921–1923 war er Barths erster Schweizer Student in Göttingen, wohin er 1924 nochmals zurückkehrte. Nach einem Vikariat in Pfäffikon war er 1928–1930 Pfarrer in Oberhelfenschwil (Kanton St. Gallen), arbeitete dann als Lehrer an verschiedenen Schweizer Orten und schloß sich 1938 der von Eberhard Arnold gegründeten Lebensgemeinschaft ‹Bruderhof› in England an, die ihn zu einem langjährigen Aufenthalt nach Paraguay und zurück nach England führte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1960 arbeitete er wieder 17 Jahre als Pfarrer. Vgl. Bw.Th. II 📖 (Namenregister)↩
13
Brief nicht erhalten.↩
14
Dr. iur. Hans Berg (1877–1958), seit seinem rechtswissenschaftlichen Studium evangelisatorisch tätig, Bürgermeister in Wesenberg, nach seiner Berufung zum nebenamtlichen Akademikermissionar durch den Zentralausschuß der Inneren Mission in Verbindung mit dem Deutschen Christlichen Studentenverband 1919 Aufgabe des weltlichen Berufe, Arbeit als Evangelist (aber noch einige Jahre Mitarbeit in politischen und kirchlichen Ämtern in Neustrelitz), zeitweise auf eigene Verantwortung, 1926 nach einem theologischen Kolloquium in Rostock Anerkennung als Theologe, 1934-1.4.1935 Pfarrer in Waren (Mecklenburg). — Vgl. H. Berg, Der Befehl ist da! Aus meinem Leben und Dienst, Schwerin 1939. 📖 — Wahrscheinlich handelt es sich bei den ausliegenden Lebenserinnerungen um Bergs Buch Jurist und Evangelist. Gedanken und Erfahrungen aus meiner Evangelisationsarbeit, mit Anhang: Evangelist und Pfarramt, Schwerin a. S. [1918]. 📖 Darin schildert er seine Eindrücke vom Kongreß des kontinentalen Verbandes für innere Mission in Amsterdam im Sommer 1926, besonders von Barths dort gehaltenem Vortrag «Die Kirche und die Kultur» 📖 und der nachfolgenden Diskussion (a.a.O., S. 69–72).↩
15
= Dummkopf.↩
16
In der Basler Tagespresse berichtete nur der Vorwärts über Bergs im Auftrag der Volksmission Basel unter dem Gesamttitel «Moderne Arbeiterschaft und Christentum» am 21. («Marx und Jesus»), 22. («Woher kommt Krieg und Elend») und 23.10.1930 (Thema nicht angegeben) gehaltene Vorträge, an die sich jeweils eine Aussprache anschloß. Dabei kamen verschiedene Diskussionsredner, darunter auch Kommunisten, mit fünfminütigen Beiträgen zu Wort, denen Berg unmittelbar antwortete. Besonders der zweite Teil der Veranstaltungen verlief oft lebhaft. Über den ersten Abend berichtete der Vorwärts u. a. : «Die kommunistischen Redner hatten großen Beifall von Seite der Arbeiter, die gekommen waren, um gegen die Christen aufzutreten. Der frühere katholische Geistliche und heutige Freidenker freigeistiger Richtung A. Krenn, erklärte unter großem Beifall, er anerkenne das große Werk der russischen Arbeiter und Bauern. Es sprachen noch eine sozialdemokratische Frau, der Stadtmissionar Graf, dem eine Frau zurief, ob er sich seiner Hausbesitzerpolitik wegen nicht schäme. … Zum Schluß der Versammlung riefen junge Arbeiter im Chor: ‹Heraus aus der Kirche.›» («Marx und Jesus», in: BV, Jg. 33 [1930], Nr. 247 vom 22.10.1930, S. 5 📖). Die letzte Veranstaltung, zu der angeblich etwa 2000 Personen erschienen waren, endete nach dem Bericht des Vorwärts mit einem Eklat: «Von Seiten der revolutionären Arbeiter marschierte eine starke Vertretung auf, die durch ihre Lebhaftigkeit, treffende Zwischenrufe und stürmische Zustimmung bei unsern Sprechern zeigte, daß sie mit uns geht. Als erster Diskussionsredner sprach Gen[osse] Bodenmann in einem scharfen aber sachlichen Votum, mit verlängerter Redezeit. … Eine Reihe von Bekehrten und Bibelzitierern trat auch auf. Die scharfe und frische Auseinandersetzung der Arbeiterredner setzte dem Referenten zu. Er erklärte, dies gehe über seine Kraft. Er wollte den Vorsitz einem Pfarrer abtreten, aber auf Vorschlag aus der Versammlung übernahm Genosse Bodenmann den Vorsitz. Ein Kommunist präsidiert die von der Mission einberufene Versammlung! Gen. Arnold sprach gegen die Christen, die Praktiken ihrer Kapitalisten aufdeckend. Unruhe. Der Vorsitzende schlägt vor, dem Redner die Redezeit zu verlängern. Es gab eine Abstimmung, aber als der Redner weitersprach, verließen die Christlichen den Saal. Der Vorsitzende schloß mit einem Hoch auf die Kommunistische Internationale, das wuchtig aufgenommen wurde. Die ‹Internationale› wurde angestimmt, die Jünglingsvereinler wollten mit einem Choral erwidern, was nicht gelang. Immer wieder brausten Hochrufe auf die Sovietunion durch den Saal» (Eine erste Antwort an die Hetzliga. Im Angriff gegen pfäffischen Arbeiterfang, a.a.O., Nr. 250 vom 25.10.1930, S. 4 📖); vgl. auch Kirchliche Demagogen [in der Rubrik Baselstadt], a.a.O., Nr. 249 vom 24.10.1930, S. 7; 📖 sowie von «Hinz dem Älteren» Weg mit dem religiösen Opium (Arbeiter-Korrespondenz), a.a.O., Nr. 251 vom 27.10.1930, S. 5. 📖 ↩
17
D. h. die Kommunisten. Lieb, seit 1915 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und später 15 Jahre einer von deren Vertretern im Basler Großen Rat, hegte zunächst große Sympathien für die russische Revolution. Er gehörte auch zu der radikalen Minderheit, die 1920 vergeblich versuchte, die Mehrheit der Partei zum Anschluß an die 3. Kommunistische Internationale zu bewegen (vgl. Bw.Th. I, S. 454 📖), und daraufhin 1921 die Kommunistische Partei gründete. Unter dem Einfluß seines «Vikariats» bei Barth in Safenwil 1921 begann für ihn wohl erstmals die unmittelbare Verquickung von Evangelium und kommunistischen Anschauungen fraglich zu werden (vgl. Bw.Th. I., S. 493.495f. ↩
18
Am 5.11.1930 fand in der Burgvogtei eine große Versammlung der Freidenker statt mit einem Vortrag über das Thema «Gott im Lichte der Vernunft», gehalten von Anton Krenn, seit August 1930 als Nachfolger E. H. Haensslers Redaktor der Zeitschrift «Der Freidenker. Organ der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz».↩
19
Bei der Kirche Sankt Chrischona, am östlichen Rand des Kantons Basel-Stadt, befindet sich der Sitz der pietistischen Pilgermission St. Chrischona (gegründet 1840) mit einer eigenen Predigerausbildung.↩
20
Vermutlich bei dem Ferienaufenthalt im August 1930; vgl. oben S. 37.↩
21
Der anonyme Brief ist nicht erhalten.↩
22
Siehe oben S. 12, Anm. 15.↩
23
Am 5.11.1930 im Münstersaal des Bischofshofes gehaltene Antrittsvorlesung über das Thema «Der moderne Relativismus und die christliche Wahrheit» (unveröffentlicht); vgl. den anonymen, unter demselben Titel erschienenen Artikel in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 303 vom 8./9.11.1930, 1. Beilage 📖.↩
24
Am 26.11.1930 hielt de Quervain im Münstersaal seine Antrittsvorlesung als Basler Privatdozent über das Thema «Die theologischen Voraussetzungen der Politik»; vgl. die ausführliche, unter demselben Titel erschienene Wiedergabe des Vortrags von K.P. in: BN, Jg. 86, Nr. 326 vom 28.11.1930, 1. Beilage 📖 (dort fälschlich als Habilitationsvorlesung bezeichnet). — Neben den bibliographischen Angaben zu de Quervains Buch Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie, Berlin 1931 📖, ist im Zettelkatalog der Basler Universitätsbibliothek notiert: «[Erweiterte Antrittsvorlesung geh. an der Universität Basel.]».↩
25
Zu «Anprostung» s. oben S. 52, Anm. 18. Laut Basler Nachrichten (a.a.O.) 📖 sagte de Quervain: «Philosophie und Theologie müssen zusammenarbeiten und von einander lernen, der Basler Philosoph Heinr. Barth hat hier wesentliche Beiträge zum Verständnis der vorliegenden Probleme geleistet.»↩
26
A. de Quervain, Gesetz und Freiheit, Stuttgart 1930. 📖 ↩
27
A.a.O., S. 72–89. 📖 ↩
28
Die offiziell erst nach dem 12.12. begonnenen Berufungsverhandlungen mit J. Stenzel (s. oben S. 46, Anm. 16) endeten Ende Februar 1931 tatsächlich mit Stenzels Absage, dem das — für Basler Verhältnisse überdurchschnittlich hohe — Gehalt nicht ausreichte (laut Brief von Hauser an Stenzel vom 3.3.1931; vgl. auch die Briefe von Wenk, Sekretär des Erziehungsdepartements, an Kuratel, Rektorat, Philosophische Fakultät und Expertenkommission vom 28.1.1931 und von Hauser an Stenzel vom 12.2.1931, alle in: Dossier Universitätsarchiv XI 3,3, Staatsarchiv Basel-Stadt).↩
29
Am 18.11.1930; H. Barth, Das Problem des Bösen. Akademischer Vortrag, Basel 1931 📖; vgl. sk., Das Problem des Bösen, in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 318 vom 20.11.1930, 2. Beilage. 📖 ↩
30
Konnte nicht identifiziert werden.↩
31
Fritz Horn (1875–1957), 1906–1945 Pfarrer in Duisburg-Laar, seit 1931 zugleich Superintendent, jahrzehntelang Schriftleiter der Zeitschrift «Korrespondenzblatt der Freunde des Heidelberger Katechismus» (später umbenannt in «Das Wort und die Zeit. Beiträge zur Schriftauslegung im Sinne der Reformation»), um die sich die Kohlbrüggianer sammelten; vgl. Bw.Th. II 📖 (Namenregister).↩
32
Von de Quervain erschienen in Das Wort und die Zeit …, Jg. 28 (1930): Konfirmations-Predigt am 13.4.1930 über Luc. 14,15–24 (S. 67–69) 📖 und Predigt über 11. Mose 20 (S. 69–71). 📖 — Im Vorwort seines Buches Die theologischen Voraussetzungen der Politik. Grundlinien einer politischen Theologie, Berlin 1931 📖, verweist A. de Quervain auf seine Beziehung zu Fr. Horn.↩
33
Thurneysen denkt wohl an den (nicht ausgeführten) Plan Barths, die Veröffentlichung seiner dreisemestrigen Münsteraner Dogmatik-Vorlesung mit dem Titel «Die christliche Dogmatik im Entwurf» 📖, die 1927 mit dem Prolegomena-Band begonnen wurde (vgl. oben S. 10, Anm. 7), mit den Vorlesungstexten aus dem SS 1927 (Dogmatik I) und dem WS 1927/28 (Dogmatik II) zu Ende zu führen.↩
34
Nachschrift von Barths Göttinger Vorlesung aus dem WS 1924/25, posthum veröffentlicht: «Unterricht in der christlichen Religion», Bd. II: Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen (1924/25), hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1990. 📖 ↩