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28. November 1930
Ich bin dir schon länger als recht ist eine gehörige Antwort schuldig auf deine verschiedenen ausgezeichneten Zurufe, Mitteilungen, Zwischenberichte und Geheimakten. Gestern abend traf nun auch noch die englische Zeitung1 ein, die ich sofort mit Schmunzeln entgegengenom|64men habe, nachdem erst dieser Tage auch Adolf Kellers unerwarteter Weltüberblick2 auch hierzulande bei den Mißgünstigen Unbehagen und bei den Naiveren unter unseren Anhängern einige Akklamation gefunden hatte. Eine der zum inneren Kreise der an der Weltsache Karl Barths (und doch auch Eduard Thurneysens!) Beteiligten sich rechnende[n] meiner Zuhörerinnen hat geradezu mit Ergriffenheit die weiten Aspekte registriert, die sich da plötzlich rund um die Münsterkanzel in Anlehnung an den großen Mann in Bonn eröffnen.
Dein Brief an Emil ist, wie Georg sagen würde, schlechthin gut. Ich habe die weise (an gute Pfeifentabake erinnernde) Mischung von letztem Ernst und freundlichem Auf-die-Achsel-Klopfen und vor allem überlegtester Schonung des ja so leicht in Schwanken geratenden Selbstgefühles unseres Freundes in Zürich (er ist nicht umsonst Sitzriese!) einfach bewundert. Er hat deinen Tabak auch offensichtlich in tiefen Zügen geraucht, denn es ist nun schon der zweite, seine Angegriffenheit verratende Brief bei mir eingetroffen, ich lege ihn dir bei. Er bekennt sich nun endlich doch zu der allerdings späten Einsicht, daß Eristik keine «andere Aufgabe» der Theologie3 sei, sondern daß sie mit der Dogmatik zusammenfalle.4 Wenn er nun noch dazu kommt, daß es überhaupt keine Aufgabe ist, sondern daß wirklich nur übrig bleibt, eine anständige Dogmatik zu erstellen, die an sich und von selber das Wort zur Lage sein müßte, dann ist die ganze Unruhe, das ganze eifervolle Suchen nach einem eigenen Jagdgrunde mit speziellem Großwild |65 zu Ende, und auch Emil macht schlecht und recht und natürlich durchaus auf seine Weise eben Dogmatik. Weißt du, er hat ja schon auch seine Spezialaufträge und ihnen entsprechende Spezialgnaden. Kürzlich hat er vor tausend zürcherischen Lehrern — bedenke, ein tausend zürcherische Sekundarlehrer! waren bei einander — einen Vortrag gehalten über die Begründung der Ethik5. Gleich nach ihm redete der Basler Freidenker und vom Erziehungsdepartement speziell gehätschelte «Schul»philosoph Haenssler über das gleiche Thema.6 Und da hat Emil scheints schlechterdings obenausgeschwungen7. Und ebenso hat er vor ein paar Wochen einen Gefechtsgang bestanden vor ebenfalls großem Forum mit den Evangelimannen, wie die Arbeiter die Evangelische Volkspartei nennen, wo er sich ebenfalls mit Bravour dieser Pietisten erwehrt hat.8 In solchen Lagen ist er wirklich unbezahlbar. Er ist ein magister Helvetiae, und seine Zürcher scheinen sehr auf ihn zu «loosen»9. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm wegen seines Briefes an dich. Habe ich dir schon davon geschrieben?10 Ich habe ihm vorausgesagt, wie du ihm antworten werdest. Und er hat mir da auch seine Komplexe dir gegenüber gestanden. Er war schon damals allerdings gerührt von der würdigen Form deines Gespräches mit ihm in letzter Zeit. Sicher erreichst du damit schließlich doch noch einiges bei ihm. Im übrigen ist es ja aber unendlich klar, daß du ihm gegenüber gerade das Entscheidende zu verteidigen hast.
Niggius! Als dein Brief kam, stand bei mir — ich hatte eben in der Nacht darüber nachgedacht — der beiliegende Brief fest, ich las den dei|66nen und schrieb ihm unverzüglich den meinen11. Antwort habe ich keinerlei von ihm darauf erhalten. Ich fürchte, das Buch werde keine gute Wirkung tun. Aufs Ganze gesehen ist es ein glatter Rückschritt, Reaktion im einfachsten Sinne des Wortes. Die Basler Humanisten und Theologen werden triumphieren und sagen: so haben wir’s immer gesehen. Und niemand wird sich wirklich mehr etwas von Overbeck sagen lassen. Ein kurioser Kauz dieser Nigg. Irgendwo hinter diesem Buche steckt natürlich sein eigenes Lebensproblem, um nicht zu sagen, seine eigene Pathologie. Übrigens hat der ja sonst durchaus nicht mit Nigg zu verwechselnde Artur Mettler12, weil ich gerade an unseren «Schülern» bin, einen schweren Zusammenbruch erlitten, der ihn zwingt, für lange Zeit das Pfarramt sein zu lassen, in irgendeinem Sanatorium Heilung zu suchen. Es hängt dies zusammen mit dem plötzlichen Tode seines Bruders in Paris, eines selten netten Jünglings, der in Bruggen einst unter meinen Konfirmanden saß. Dieser Todesfall hat den Artur in schwere innere Auseinandersetzungen mit seinem nach wie vor ganz zynisch denkenden Vater getrieben, hat irgendwie seine ganze eigene Entwicklung aufgerührt, so daß er sich glaubte von seiner ganzen Vergangenheit (unter anderem auch von mir) innerlich lösen zu müssen. Nach einer Nachricht, die ich hatte, muß er ganz steile Flüge in seinen Predigten unternommen haben, irgendwie im Sinne von Durchbruchsversuchen und schärfsten Absagen an die laue Chrisdichkeit und Kirche, bis alles ganz eindeutig in einer Neurose endete, von der er sich nun heilen lassen soll. Ein armer Kerl, der zweifellos ganz schwierige Zeiten hinter und vielleicht noch vor sich hat. Hoffentlich bringt er es durch.
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Basel — da wäre allerhand zu erzählen. Vielleicht hast du durch Fritz Lieb erfahren, daß wir zunächst (ich mußte an Ruth Lieb schreiben wegen einer bestimmten Sache)13 rasante Berührungen hatten mit unserer Arbeiterschaft infolge der unglückseligen Versuche eines deutschen Evangelisten (er nennt sich Dr. Berg, ist ein ehemaliger Jurist, der sich fatalerweise bekehrt und nun den Drang hat, andere auch zu bekehren, in seinen Lebenserinnerungen, die irgendwo auflagen, las ich, daß er auch dich bereits einmal in Augenschein genommen und gewogen und natürlich für die eigentlich gläubige Gemeinde als zu leicht befunden hat14, ein Dubel15 erster Klasse und von einer fabelhaften Einbildung) — also infolge seiner Evangelisationsversuche in Basel16. Die |68 Burgvogtei war an drei Abenden überfüllt. Er hatte ziemlich herausfordernde Themata, und die Kommunisten, vor allem deren Jugend, aber auch die Führer traten darauf ein. Und so kam es dann zu großen Diskussions und Krachabenden, an denen Fritz Liebs alte Freunde17 mit Wucht in die Schranken traten. Ein letzter Abend wurde von den Freidenkern angeschlossen: «Gott im Lichte der Vernunft», an dem sogar dein Bruder Heiner als Zuhörer und Dieterle und ich sogar als Diskussionsredner teilnahmen.18 Das ganze Ergebnis war allerdings bedrük|69kend, denn es trat nur handgreiflich zu Tage, wie völlig, wie völlig die Kirche auch in Basel bei der Arbeiterschaft abgewirtschaftet hat. Da ist einfach Schluß. Und sie hat vor allem an diesen Abenden selber durch ihre gänzlich unmöglichen Vertreter womöglich noch den letzten Rest von Kredit versaut, den sie vielleicht noch hatte. Was man da zu hören bekam aus dem Munde von Chrischonenpredigern19 und anderen Satten, das war mit das Aufreizendste. Man konnte nur noch eines denken: dieses Schiff sinkt. Ich dachte einen Augenblick lang an unsere Gespräche in Adelboden20 an jenem Abend, wo du irgendwie die Fühlung zu den Rechtskreisen als etwas vielleicht doch nicht zu Vernachlässigendes erwogst. Ich habe sie nun wieder für einmal genossen, diese Kerngemeinde im Kampf mit der Welt. Aber danke schön! Ich gab sie in meinem Votum — und in diesem Augenblick wurde es im Saal ganz still — vor dem Feinde einfach preis, erhielt dafür in einem anonymen Brief schwere Beschuldigungen, daß ich, während die Wölfe heulen, die Mitstreiter selber «gebissen» hätte.21 Ich dachte vor allem aber auch an dein Quousque tandem
📖 und was dort über die Verderbnis der Substanz der Kirche gesagt war.22 Das ist einfach das einzig Wahre, was gesagt werden kann und muß.
Unterdessen hat sich auch in der akademischen Welt wieder allerhand vollzogen. Köberle hat seine Antrittsvorlesung gehalten.23 Er ist als Mensch ein heillos netter Kerl, aber als Theologe wirklich mehr als harmlos. Böse Mäuler sagten, seine Antrittsvorlesung sei etwa für Pfadfinder recht gewesen. Und es ist etwas dran. Er ist darin unverbesser|70lich, daß er einfach nur ein Thema hat: Apologetik. Was aber bei Emils Eristik Rasse hat, weil es da noch zu scharfen Schüssen kommt, und was bei Heim vielleicht irgendwie geistreich sein mag, das ist bei unserem Köberle einfach langweilig. Ich habe noch nie in allem von ihm Gehörten etwas systematisch Interessantes oder überhaupt etwas von der Dogmatik her angefaßt gefunden. Er hat immer nur diese langweilige Front gegen die moderne Weltanschauung hin.
Und dann hat unser Freund Querbein am letzten Mittwoch ebenfalls die Arena betreten und einen ebenfalls sehr merkwürdigen Vortrag gehalten.24 Wo liegt’s nur, daß auch dies nicht viel wog? Es war ungleich viel wissender und gelehrter, was er bot, als bei Köberle und auch sehr gut eingestellt, aber irgendwie konfus vorgebracht, ohne rechte Linie, wenigstens ohne erkennbare Linie, alles nur so angedeutet und vielleicht für Heiner und mich berechnet. Wir saßen auch beide da, ich war sehr dabei, aber auch mit Sorge dabei, weil ich sah, wie wenig verständlich für die Anderen das Ganze sein mußte. Mitten drin kam es dann zu einer — ich fand eher etwas peinlichen — solennen Anprostung von Heiner, der als «der Basler Philosoph, mein verehrter Lehrer, Freund und Kollege» begrüßt wurde25, alles mit Lautsprecherstimme vor einem fast leeren Saal und in tadellosem Deutsch mit Berlineraussprache vorgebracht. Ich sagte nachher ganz vorsichtig zu ihm, daß ich beim Anhören den Eindruck gehabt hätte, den ich auch von seinem Buche26 habe, daß seine wirkliche Gabe auf dem Grenzgebiet zwischen Historie und Systematik liege. Denn wirklich, auch bei ihm habe ich das Gefühl, es fehle die eigentlich systematische Kraft. Es wirkt alles so |71 merkwürdig wenig original und interessant, was er auf systematischem Wege vorbringt, während er historisch, geistesgeschichtlich enorm viel weiß. Er selber meint zwar — wie mir scheint — durchaus, seine Aufgabe sei auf dem Gebiete des eigentlichen systematischen Gespräches mit den Zeitgenossen. Er rühmte sich mir gegenüber schon, daß er z. B. in seinem Buche über die Prädestination wirklich Erschöpfenderes gesagt habe27, als es bei dir zu lesen sei. Aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich etwas von ihm studiert habe, weiß ich nachher bald nicht mehr viel davon. Er hat einfach kein rechtes Profil. Oder siehst du es anders? Dabei rühmt er sich fortwährend des tiefen Verständnisses von Heiners Arbeit, die er bei unsereinem irgendwie zu wenig berücksichtigt findet. Er ist aber, auch er, ein netter Mensch. Ich sehe ihn regelmäßig. Marguerite findet — zu regelmäßig. Denn bei ihr steht er nicht gerade in Gnaden. Sein Calvinbärtlein gefällt ihr nicht, und es mag sein ganzes allerdings etwas komisch prätentiöses Getue nicht. Der gute Querbein!
Heiners Sache selber steht nach wie vor am alten Orte. Es ist aber nicht ganz ausgeschlossen, daß der Kieler Mann schließlich doch nicht wirklich kommen will28. Und dann würde sich alles noch einmal aufrollen. Daher empfiehlt sich auf alle Fälle eine zurückhaltende Taktik. Dieser Tage war deine Mutter hier. Und sie machte uns einen guten, langen Besuch, der uns eine große Freude war. Auch sie leidet natürlich unter Heiners Lage, aber sicher kommt er schließlich, mag es ausgehen, wie es will, darüber hinweg. Er hat kürzlich einen akademischen Vortrag gehalten über das Problem des Bösen, in dem er an mehr als einer Stelle auch zur aktuellen Lage in der Philosophie sprach.29 Es herrschte eine Gewitterstimmung im Saale. Er hatte aber ein großes Publikum, |72 und seine Sache war so geistvoll vorgebracht, daß er auch Eindruck machte. Aber die Basler bleiben eben die Basler.
Von Ruedis bekam ich Einblick in einen Brief von Frl. Hilde30, oder wie sie heißt, die einen ausgezeichneten Bericht abgab über eine Reise von euch zu Magister Horn31. Ich habe das natürlich gern gelesen. Dieser Horn sollte mir doch auch noch einmal begegnen. Übrigens soll er ein großer Freund von De Quervain sein. Wie beurteilt er ihn wohl? Querbein sagte mir letzthin, er sei der einzige, der in Horns Blättlein gelegentlich eine Predigt veröffentlichen dürfe32.
Was macht deine Arbeit über Anselm? Sie wird wohl bald vorliegen. Gib sie doch ja ohne Scholzens Mitschrift heraus. Sie ist doch einfach an sich ein entscheidender theologiegeschichtlicher Beitrag zum Methodenproblem der Dogmatik, wie es in dieser Stunde nicht erwünschter sein kann, wo es doch irgendwie darum geht. Überhaupt, es liegt viel daran, alles daran, daß deine Arbeit weitergeht, vor allem auch die an der Dogmatik selbst33. Ich lese eben dieser Tage wieder in der Vorbereitung auf den Konfirmandenunterricht in deiner Dogmatik 1, ich besitze sie aber nur in einer sicher vielfach überholten Kollegnachschrift von Mettler.34 Aber gerade diese Dogmatik 1 wird ein sehr wichtiges Buch |73 werden mit ihrer Gotteslehre und Anthropologie, vielleicht für die Lage wichtiger als die Rechtfertigungslehre in Dogmatik 2. Wenn dich deine 300 Studenten nur nicht zu viel aufbrauchen.
Ich lege dir noch einiges bei, aus dem du ersehen kannst, daß ich mich da und dort herumschlagen muß. Grüße Nelly und die Kinder, grüße Lollo von uns. Und sei selber herzlich gegrüßt. Bald kommen die Weihnachtsferien, wo du Ruhe hast, während unsereiner seine allerhand Anreden an das Volk zu verrichten haben wird, Weihnacht, Silvester, Neujahr — eine gefährliche Zeit!