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22. Februar 1931.
[Rundbrief]
Ihr lieben Freunde!
Nach vielen Jahren sollt ihr nun wieder einmal einen Rundbrief, einen wirklichen Rundbrief, von mir bekommen.1 Was ist der Grund dieses seltsamen Geschehens? Freunde, ich liege seit 8 Tagen im Bett, habe Fieber, habe Mittelohrentzündung, habe nach der überstürzten Meldung eines Kollegen sogar «galoppierende Kopfgrippe», kurzum, ich bin gänzlich kampfunfähig. — Eine klaffende Lücke ist in meiner Tätigkeit entstanden mittendrin, wo’s am schönsten war, und nun kann ich nur betrachtend rückwärts und vorwärts blicken, ohne für den Augenblick irgend etwas Positives leisten zu können. Dafür soll es nun also wieder einmal zu einem herzlichen Schreiben an euch alle kommen. Es hat ja wirklich etwas Herzloses und Amerikanisches an sich, wie ein solches Semester Woche für Woche vorübergeht, jeden Tag seine Ansprüche stellend und seine Portion Müdigkeit schaffend und Alles verhindernd, was über die allernächst greifbare Gemütlichkeit hinaus — an der es ja zum Glück nicht ganz fehlt — etwa Raum haben möchte. Und dazu würden doch vor allem die Freundschaftsbeziehungen gehören. Ihr habt mir mehr Treue bewiesen diesen Winter als ich euch. Von dir, Georg, traf nun schon der dritte Brief ein seit unserem kurzen Wiedersehen heute vor drei Wochen2, du, Ruedi, hast mir auch vor kurzem ei|91nen so guten und ausgiebigen Brief3 geschrieben, und wenn ich von Eduard, unser aller verehrtem johanneischen Mittelpunkt, dasselbe nicht sagen kann (er hat mir nämlich nun wirklich unheimlich lange nicht mehr geschrieben!), so weiß ich doch, daß sein Gedenken nicht minder treu ist und daß es die überaus mühselige und gefährliche Hut der Basler Herde ist, ein Tun, an dem wir im Geiste wahrlich alle unter Zittern mitbeteiligt sind, die ihn davon abhält.
Von dem allgemeinen Verlauf dieses Semesters seid ihr ja alle mehr oder weniger unterrichtet, Georg sogar aus größter Nähe. Ich will also nur zusammenfassend sagen, daß ich stark unter dem Eindruck der mit der gewachsenen Breite der Arbeit vermehrten Schwierigkeit meines ganzen Tuns stehe. Aus dem freundlichen kleinen Laden von Göttingen ist nun wirklich eine kaum mehr übersichtliche Seehandlung geworden, so etwas wie die Fa. Pestalozzi & Co., und ich wollte nur, ich hätte die direktorialen Fähigkeiten, die man jetzt an dieser Stelle haben sollte. (Lieber Ruedi, just eben deine Kapazitäten sind es, die ich brauchte!) Der «Offene Abend»4 ist zu einem fast unheimlichen Massenbetrieb geworden, bei dem es nun eben ohne Tee und Brötlein abgehen muß. Ich kann wohl von Heil reden, daß es gelungen ist, die politische Diskussion durch den Winter zu steuern, ohne daß es zu einem Kampf mit der Waffe oder doch mit der Tränengasbombe zwischen den hoffnungsvollen Jünglingen gekommen ist. Die Verhandlung über den Nationalsozialismus steht freilich noch aus und ebenso die krönende Schlußsitzung, bei der dann eine probeweise Reichstagswahl Gelegenheit geben soll, uns in Bezug auf die Frage «wo stöh mer eigetlig?»5 Klarheit zu verschaffen. — Die Teilnehmerschaft im Seminar habe ich also zunächst dezimiert und dann durch die Neuerrichtung einer dogmatischen Sozietät hierarchisch gegliedert.6 Es haben in beiden Abteilungen viele gute Aussprachen stattgefunden, auch mit den Rednern, die wir von auswärts |92 bekommen konnten7, und ich hoffe schon, daß die Leute, die da dabei waren, wenigstens Einiges gelernt haben, was sie nicht wieder vergessen werden. Im nächsten Semester wird ja für mich Alles sehr viel schwerer werden, weil ich den Kurs über Dogmatik beginne und in neuer Fassung vortragen möchte und dazu eine ebenfalls neue Vorlesung über theologische Encyclopädie.
Neben all dem Regulären und Irregulären, was die Tage eines o[rdentlichen] P[rofessors] ohnehin ausfüllt — seid doch alle froh und zufrieden und in keiner Weise neidisch, lieben Freunde, die ihr nicht o. P. seid: dagegen gedenke ich mit heimlicher Schadenfreude an den Tunnel, in welchen Gogarten mit seinem bösen Maul nun endlich einfährt8 und in dem es ihm hoffentlich ein bißchen trümmlig9 wird —, wird diese Neuproduktion ziemlich belastend werden, und ich möchte euch schon jetzt darauf aufmerksam machen, daß im Sommer ungefähr niemand auf einen Brief von mir rechnen kann. Ein Glück, daß es noch eine Weile geht bis dahin! Zunächst brechen die Frühjahrsferien an. Ich könnte weinen, indem ich euch sagen muß, daß der «Anselm» immer noch nicht fertig ist. Ich habe in den Winterferien m. W. keine Stunde versäumt, ihn zu pflegen, aber er ist fast ein so zartes Kind wie das dritte Kind von Frau Lieb und will mir einfach nicht wachsen, wie ich es gerne hätte. Es sind nur noch zwei Abschnitte, aber zwei schwierige Abschnitte, die fehlen, und damit werde ich nun also im März fürs erste beschäftigt sein, wobei ich immer im stillen denke, daß die Begrüßung, die man diesem Buch
📖 bereiten wird, aller Vermutung nach unmöglich |93 eine freundliche sein kann, sondern wahrscheinlich darin bestehen wird, daß man mich anschreien wird, wozu ich nun wildernd auch noch auf dieses Gebiet, das heilige Gebiet der eigentlichen Kirchengeschichte, eingebrochen bin. Nun, das alles wird seinen Lauf nehmen müssen. Wenn dieses Buch unter Dach ist, wird es höchste Zeit sein, mit den Vorbereitungen für den Sommer zu beginnen, und so kann leider, leider in diesem Frühjahr von einer Schweizerreise keine Rede sein. —
Nun will ich euch aber einiges aus den letzten Wochen erzählen, was zu hören euch Vergnügen bereiten kann. Ich bin ja in Berlin, Bremen und Hamburg gewesen, habe da meinen Vortrag gehalten, viele Menschen gesehen und auf viele Menschen die verschiedensten Eindrücke gemacht, die nun nach und nach bereits teilweise wieder zu mir zurückkommen. — Besonders der Berliner Vortrag war in verschiedenster Hinsicht eine merkwürdige Angelegenheit: 1400 Menschen waren — die Böswilligen sagten freilich nicht mit Unrecht: «unter dem Fluidum der Sensation»10 — in der neuen Aula zusammengeströmt unter lebensgefährlichem Gedränge, und nun hatte ich zwei Stunden lang das Wort von einem Känzlein herunter, in dessen Hintergrund ein Fresko-Gemälde den eindringlich zur deutschen Nation redenden Fichte11, umgeben von General Scharnhorst, Pfarrer Schleiermacher und dem ganzen übrigen Personal der Befreiungskriege, zeigte. Gewiß eine würdige, aber auch eine irgendwie komische Situation, weil der Kerl da hinten eben fortwährend auch redete, und zwar ohne Zweifel etwas ganz Anderes als ich. Die Aufnahme des Vortrags durch das Publikum war sehr lebhaft, es ging oft fast volksversammlungsmäßig zu, mit Unterbrechungen durch Beifall und Widerspruch, es kam aber schließlich Alles zum glücklichen Ende, ohne daß es zu Ereignissen gekommen wäre, wie sie im heutigen Deutschland leider möglich sind. Um euch einen Eindruck |94 zu geben von der anderen Seite her, müßte ich euch schon in meine Drucksachen-Sammlung12 hineinschauen lassen. Es ist nämlich nun über diesen Vortrag schon wieder eine ganze kleine Lawine von Papier gegangen. Der Generalsuperintendent Dibelius, der auch in meinem Vortrag war, hat 8 Tage später an derselben Stelle mit einem Gegenvortrag geantwortet, und 3 Tage später war der bereits als Broschüre13 zu haben, also sehr lange vor meinem Vortrag, auf den er antwortet und den man vor dem 1.IV. nicht wird lesen können. Nur um euch einen Kleinen Geschmack zu geben von den Möglichkeiten Berlins, will ich eine Stelle aus dem Artikel einer politischen Zeitschrift, die sich im übrigen die Bekämpfung der Polen zum Ziel gesetzt zu haben scheint, hierhersetzen: «Etwas von den Zacken, dem Schwung und den Abgründen seiner Schweizer Berge ist an diesem seltsamen Menschen fühlbar, der eine göttliche Berufung hat in unserer Zeit. Es ist keine heilige Sanftmut an ihm wie bei den Staretzen in Dostojewskis Werk14, dennoch kreuzt sich sein Weg mit dem Dostojewskis. In der Erkenntnis des Menschen als Schächer am Kreuz, als eines Verdammten, der aber auferstehen kann zum Glauben. Auch um Karl Barth ist etwas wie ein Rembrandtscher Lichtkreis. Es sind oft fremde Gebärden da, bisweilen ein Blick, der einen großen religiösen Maler inspirieren könnte. — Als ein harter Felsblock steht Karl Barth da in der Realität des Lebens, aber er ist Staub, er ist Irrealität, er ist nichts vor Gott. Wir erlebten durch ihn das Durchschimmern der [sic] Transzendenten. — Das ist einer, der das kommende Werden der Kirche verkündet und vorbereitet.»15 — Da|95neben ist aber auch und vor allem ganz zünftig über mich geschimpft worden, mit am lautesten vom Protestantenblatt16, dessen Auslassungen in irgend einer Verkürzung von H. Baur17 gewiß auch den Schweizer Interessenten zugänglich gemacht werden mögen. Zu einer richtigen Diskussion kam es in Berlin nicht, sondern nur zu einer privaten Aussprache im Neuwerkkreis von Günther Dehn18. Ich möchte übrigens nicht versäumen zu melden, daß ich einen ganz tiefen Eindruck gehabt habe von den Neuerwerbungen der antiken Museen: Pergamon-Altar, Marktplatz von Milet und vor allem das Tor des babylonischen Astarte-Tempels mit der Löwen-Allee. Das ist eine Angelegenheit, die einen auf einmal die Furchtbarkeit des Exils für die Israeliten und von da aus den ganzen Deutero-Jesaja und so viel Anderes aus dem Alten Testament ganz neu verstehen läßt. Man soll ja nicht nach Berlin gehen, ohne sich diese Löwen als etwas vom Wichtigsten, was es da zu sehen gibt, genau anzusehen.
9614 Tage später trat ich dann die Reise nach Bremen und Hamburg an. Die Reise nach Bremen war dadurch ausgezeichnet, daß ich die verschiedensten Dinge aus meinen Rocktaschen verlor, die man nicht verlieren sollte, z. B. einen zärtlich geliebten Tabaksbeutel mit Reißverschluß und eine weniger zärtlich geliebte Broschüre von Wobbermin gegen mich19. Das alles hinderte nicht, daß ich zur gegebenen Stunde an jenem Ort eintraf und kurz darauf wieder auf einem Pültlein stand und meine Rede hielt. Der Unterschied des Temperamentes in der Art der Aufnahme war bemerkenswert. Wo Berlin gejauchzt oder getobt hatte, da verzog Bremen kaum die Mundwinkel, wo man sich in Berlin wirklich mitten in der Arena der Zeit fühlte, da war man in Bremen, wenigstens dem äußeren Aspekt nach, durchaus noch immer in der gemäßigten Atmosphäre eines Bibliothek-Vortrages, wie er dort schon vor 100 Jahren gehalten wurde und in 100 Jahren immer noch gehalten werden wird. Nachher kam es zu einer pivaten Diskussion im Hause Stoevesandt20. Man sah und hörte Heinrich Schultheis21, in dessen Augen nur noch ein fernes Leuchten erraten läßt, daß einst auch das prophetische Jahr 191922 Ereignis war, ferner Georgs einstiger Kollege, der noch immer zugleich steifleinerne und gewundene Cohrs23, der für Til|97lich etwas sagen wollte und doch nicht recht wollte, ferner ein Graf Sowieso von ursprünglich neuenburgischer Herkunft und angeblich brennendem theologischen Interesse, dazu natürlich Knittermeyer24 und der ganze übrige vertraute Stab des Bremenser Kreises25. Am folgenden Morgen ging es weiter in die noch größere Hansastadt Hamburg, wo ich mich zunächst von den Armen bzw. Händen eines kleineren Kreises von speziellen Freunden und Schülern auffangen ließ. Es handelte sich vor allem um zwei ganz treue Schülerinnen aus Münster, Fräulein Schulz26 und Rohwedder27, die dort, wie ich nachher hörte, unter höchstem Beifall der Kirche sowohl wie des Staates als Religionslehrerinnen tätig sind, ferner war der aus Z.d.Z. bekannte Pfr. Asmussen28 auf dem |98 Plan, ferner der grundtreue, schlechterdings zuverlässige Lehrer Grobe29 mit einem Schwager gleichen Kalibers (und gleichen Berufes), ferner Wilhelm Wedekind30, der Inbegriff eines verhaltenen, bis zur Feierlichkeit respektvollen Hannoveraners, im übrigen auch er eine äußerst gediegene und hoffnungsvolle Gestalt! So war gesorgt dafür, daß ich mich an jenem Nachmittag in Fuhlsbüttel im Heim jener beiden Lehrerinnen (die werktätige Frau von heute versteht es wirklich, sich einzurichten!) sehr wohl fühlte, obwohl bereits da aufsteigendes Fieber und Kopfweh mich inmitten der zahlreichen Gesellschaft lebhaft bedrängten und mit allerhand Pillen (oh Gerty!31) bekämpft werden mußten. Am Abend ging dann der Vortrag wiederum vor einem großen Auditorium ein drittes Mal vom Stapel. Ich glaube, ich habe sogar infolge des immer mehr überhand nehmenden Fiebers besonders frei und nachdrücklich reden können, marschierte auf der Rednertribüne auf und ab wie ein richtiger Volkstribun (vielleicht ist mir auch da der «Rembrandtsche Lichtkreis» neben den aus Klein-Basel stammenden natürlichen Eigenschaften32 zu Hilfe gekommen), kurzum, es gelang, die Aufmerksamkeit zwei Stunden lang rege zu halten und endlich glücklich in |99 den Hafen zu laufen. Aber dann schloß sich erst noch eine bis nach 1 Uhr dauernde Diskussion in einem Hotel an, zum Glück in dem Hotel, wo ich auch zu schlafen hatte. Wer ergriff da das Wort? Wahrhaftig Dr. Wilhelm Stapel33, der Mann vom Deutschen Volkstum, und zwar gar nicht unfreundlich und uneinsichtig, sondern so, daß wir uns zum Schluß wirklich freundlich zuwinken konnten. Etwas weniger glücklich äußerte sich Freund Asmussen; ganz zum Schluß erhoben sich auch noch die großen Hamburger Kirchentiere, Schöffel34 und Beckmann35, mächtige Gestalten, denen man es ansieht, daß sie im Ernstfall noch die Halskrause tragen36. Beide hielten äußerst kluge, freundliche, möglichst weit entgegenkommende Reden für und im letzten Grunde doch gegen mich, eine Menuettbewegung, die in ebenso freundlichen Worten zu beleuchten ich trotz weiter zunehmenden Fiebers gerade noch die Kraft und Geistesgegenwart hatte, so daß es dem Publikum nicht entgehen konnte, daß ich auf den mir so liebevoll gestrichenen Leim eben doch nicht gekrochen war. Dann war es aber genug. Die Nacht im Hotelzimmer war wenig schön. Ich mußte mich am Morgen schon ein wenig zusammenraffen, um nun dennoch den FD-Zug zu errei|100chen, der mich dann schnurstracks in dieses mein eigentliches und vertrautes Bett zurückgeführt hat.
Seit dem Augenblick jener Rückkehr stand hier für mich sozusagen Alles still. Es begann der ruhige Turnus von Schlafen, Zitronenwasser trinken, Messen, Sichvorlesenlassen, verworrene Gespräche mit sich selber führen usw., den ihr aus eigener Erfahrung alle kennt. Nur zwei Ereignisse medizinischer Art sollen jetzt als schauderhafte Höhepunkte dieser Woche hervorgehoben sein: 1. Es ergab sich, daß das, was ich für eine Grippe gehalten hatte, eine Mittelohrentzündung war und daß sich im Inneren meines Hauptes unziemlicher Weise eine Menge Eiter angesammelt hatte. Diesem Unheil zu wehren hat der Arzt mir — ich brüllte einen Augenblick wie ein angestochener Stier, aber dann war es schon vorbei — das Trommelfell perforiert, wovon ich dann auch — Gerty! — wirkliche Erleichterung hatte. Es war doch ein sehr seltsames Gefühl, der Arzt sagte, es werde nur einen Augenblick ein bißchen wehtun, und so war’s auch. Immerhin, ich bewege seither in mir den Gedanken und Wunsch, man sollte dem Generalsuperintendent Dibelius, der sicher auch viel Eiter im Kopfe hat, ebenfalls das Trommelfell perforieren. Es tut ja wirklich nur einen Augenblick ein bißchen weh, aber er sollte auch erfahren, in welcher speziellen Weise! 2. Des Unheils war noch nicht genug. Es zeigte sich — was zeigte sich? — es zeigte sich, daß sich in den meinem Haupte entströmenden Flüssigkeiten wahrhaftige Diphtherie-Bazillen befunden hatten. (Freunde, fürchtet nichts für euch und eure Kinder, das Papier, auf dem ihr dies lest, ist nie in meinem Krankenzimmer gewesen, sondern auf Grund eines Diktats so beschrieben worden.) Also zur Gegenwirkung gegen diese Bazillen hat der Arzt eine tüchtige Einspritzung von einem gelblichen Serum (ein ganzes Fläschchen, Gerty) für gut und nützlich befunden, und zwar hat er mir das dort eingespritzt, wo man gewöhnlich sitzt, eine Stelle, die sicher schöpfungsmäßig nicht just eben dazu in Aussicht genommen ist. Aber wie dem auch sei, auch dieser Eingriff hat mir (Gerty!!) einfach gut getan. Es läßt sich nicht leugnen, daß erst seit diesem Ereignis gewisse fatale Schmerzen im Hinterkopf das Feld geräumt haben. Nun hoffe ich sehr, es komme zu keinen weiteren derartigen Gewalttaten mehr und die Zeit sei nicht zu fern, wo ich dann wieder herumgehen, meine Pfeife rauchen und die übrigen Lebensfunktionen versehen darf. Ich hoffe sogar in irgend einer Weise und Vermummung den letzten |101 Offenen Abend am Mittwoch und das Schlußfest37 am Freitag wieder präsidieren zu können, weil es zu traurig wäre für die muntere Jugend, wenn das alles wegen dieser törichten Krankheit nicht stattfinden könnte. Die Ethik II wird auf alle Fälle zu Ende gelesen: unser Freund Fritz Lieb hat mit starker Hand die sinkende Standarte ergriffen und trägt nun mein Manuskript alle Morgen, wie ich höre, nachdrücklich und bestimmt vor, so daß der eschatologische Rand, der dritte Teil38, der auch zu dieser Sache gehört wie zu jeder rechten Sache, in geziemender Weise sichtbar wird.
Es ist nur schade: seit ich als Bazillenträger erkannt bin, hat der gemütliche Verkehr, den die Familienväter K. L. Schmidt und Fritz Lieb zu meinem Krankenbett hin täglich gepflogen hatten, jäh aufhören müssen; aber die glückliche Erfindung des beweglichen Telephons, das ich nun unmittelbar neben meinem Kopfkissen habe, ermöglicht es mir auch so, mich von ihnen zu jeder gewünschten Stunde mit den nötigen Nachrichten über Kirche, Wissenschaft und Welt versorgen zu lassen. — Macht euch über mein Ergehen keinerlei Kummer! Auch für die nötige Absperrung ist natürlich gesorgt, und wir hoffen, daß niemand sonst angesteckt wird.
Nun ist der Brief recht lang geworden, und der Sonntag Abend ist darüber weit vorgerückt. Möchte es euch allen so gut gehen, wie das unter den widrigen und immer wechselnden Zeichen dieses Äons möglich ist.
Von Herzen