9. Januar 1931

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Es soll nur ein ganz kurzer Gruß werden diesmal. Den Anlaß bietet mir beiliegender Brief von Peterson1, den du auch nachdenklich zur Kenntnis nehmen wirst.

Ich hörte durch Fritz Lieb, der sichtlich etwas familienmitgenommen, dazu auch noch stark erkältet, aber immerhin körperlich auffallend gerundet aus Basel zurückgekehrt ist, daß du eine sehr anstrengende Weihnachtszeit hinter dir hast. Sehr gut, daß du hingingst, dich im Schwarzwald ein wenig zu erquicken. Du mußt dir ja keine schlaflosen Stunden bereiten mit der Schreibung eines Briefes an mich, so sehr mich die Ergebnisse solcher Nächte von dir nachher zu erquicken pflegen. Ich habe so von weitem den Eindruck, es sei jetzt an der Zeit, daß ich dich ermahne zu bedenken, daß du dich der Kirche erhalten mußt. Laß dich doch von Basel ja nicht auffressen!

87Entscheidende Dinge von hier sind nicht zu berichten. Wir haben vorgestern das Semester wieder aufgenommen. Morgen Abend wird unser alter Freund Dampfschiff2 für einen Tag zu uns kommen. Morgen in 8 Tagen fahre ich mit K. L. Schmidt3 zu einer solennen Antrittsvisite bei dem Präses Wolff4 in Aachen, am Abend desselben Tages wird dann Helmi Vischer (wahrscheinlich begleitet von Georg) hier sein und in meinem Seminar über die Einheit des Alten und Neuen Testamentes sprechen5, noch 14 Tage später werde ich in Berlin sein und dort den bewußten Vortrag über die Kirche6 halten und wieder 14 Tage später zu |88 einer Wiederholung desselben Vertrags in Hamburg. Dann wird die selige Küste des Semesterendes schon recht sichtbar sein, doch werden die dann noch bleibenden 14 Tage interessant sein durch das Ereignis der Licentiaten-Prüfung des dir ja auch bekannten Eduard Ellwein7 in München. Leider, leider bin ich über dessen Dissertation nicht so entzückt, wie ich es wohl gerne wäre. Weißt du, es handelt sich auch bei ihm um jenes von unserem Freund Georg so gern angestimmte mächtige Getöne von der «reformatorischen Erkenntnis», die ja gewiß etwas Schönes ist, mit deren immer erneut freudiger Wiederholung aber auf die Länge doch nicht gearbeitet werden kann. Ach, unsere undialektische Nachkommenschaft aller Kaliber! (Ellwein ist ja wirklich gutes Kaliber.) Hast du nicht auch oft Anlaß zu seufzen, wenn du den Leuten zuhörst oder ihre Scripta liesest?

Von meiner Anselm-Arbeit ist noch immer nur das eine Langweilige zu erzählen, daß sie weitergeht. Es ist hier ein ganz bestimmter langsamer «Arbeitsgalopp» nötig, wie man in der Reitschule sagt, wo keinerlei große Sprünge zu machen, keinerlei Hürden zu nehmen sind, sondern wo eben alles darauf ankommt, daß das Pferdlein mit Zügel und Schenkel vorwärts gebracht wird, nicht so, wie es selber in seinem Eifer wohl möchte, sondern so, wie es das Exerzitium nun einmal verlangt. Ich fürchte manchmal, die Sache möchte nachher langweilig oder jedenfalls mühsam zu lesen sein und möchte mich selbst mehr interessiert haben als die Leute. Aber der Tunnel ist nun doch schon so weit vorgetrieben (ich bin am vorletzten Paragraphen), daß ich eher mit wachsender Zähigkeit in allen freien Stunden weiter strebe und darum hoffen |89 kann, in absehbarer Zeit doch so weit zu sein, wie Herr Lempp8 es schon längst haben möchte.

Vorgestern hatte ich den Besuch des dir auch bekannten Holländers Stufkens9. Er tat allerhand auszeichnete Sprüche über die verschiedensten Zeitgenossen, z. B. über Köberle: «der infamste Pietist, der mir noch vorgekommen ist» (er hat ihn an irgend einer christlichen Konferenz erlebt). Da ich gerade beim Schnöden bin, will ich dir ein Dictum aus einem Brief von Horn zitieren, der über Gogarten, Brunner, Tillich etc. schreibt, «daß ihr theologisches Interesse mit einem Auge auf die erhöhte Schlange [vgl. Num. 21,6–9], mit dem anderen auf die schmerzende Bißstelle schaut, was sie in eine Lage bringt, um die man schon etwas herumreden muß, um nicht als Theologe vor sich selbst aufzufallen. Es ist die alte Versuchung, das, was im Geiste begonnen wurde, im Fleische zu vollenden [vgl. Gal. 3,3]».10 — Es ist mir übrigens sehr wenig ums Schnöden über Andere. Ich werde dieses Jahr alle Hände voll zu tun haben, um meine eigene Sache ordentlicher zu machen als bisher: im Sommer die neue Vorlesung über Encyklopädie11 und die Prolegomena zur Dogmatik in neuer Fassung12, als Ferienzugabe dann den Vortrag über die Gemeinschaft der Heiligen bei eurer Predigergesellschaft in Wädenswil13. Was mag das für ein Fest werden? Du mußt dann schon auch zur Stelle sein, um mich in Schutz zu nehmen, |90 wenn mir die Jungreformierten14 zu viel auf den Kragen schreiben wollen.

Genug für heute! Vom Persönlichen laß mich lieber schweigen. Man könnte nur immer dasselbe sagen. Sei mit Marguerite herzlich gegrüßt von
deinem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Erik Peterson (1890–1960), 1920–1924 Privatdozent für christliche Archäologie und Kirchengeschichte in Göttingen (wo er erstmals Barth begegnete), 1924–1930 Professor für Neues Testament und Kirchengeschichte in Bonn (seit 1929 auf eigenen Wunsch beurlaubt), seit dem 14.10.1930 Honorarprofessor der philosophischen Fakultät Bonn für Religionsgeschichte des Hellenismus, altchristliche und byzantinische Literatur, später Professor für Theologie am Päpstlichen Institut für christliche Archäologie in Rom. Peterson, der sich bereits im Herbst 1928 dazu entschlossen hatte, die evangelisch-theologische Fakultät zu verlassen, teilte Barth in seinem Brief vom 31.12.1930 aus Rom seinen — am 23. Dezember erfolgten — Übertritt zur römisch-katholischen Kirche mit. Auf Anraten Barths in seinem Antwortbrief vom 2.1.1931 wurde der Brief abgedruckt in: ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 60, mit einer Vorbemerkung von Barth und K. L. Schmidt: Zu Erik Petersons Uebertritt zum römischen Katholizismus, dort Sp. 59f. 📖 Zum Verhältnis Petersons zu Barth und zu Petersons Konversion vgl. B. Nichtweiß, Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk, Freiburg i. Br./Basel/Wien 1992, S. 526–532.831–843 📖; vgl. auch Bw.Th. II 📖 (Namenregister).↩
2
Spitzname von Wilhelm Loew.↩
3
Karl Ludwig Schmidt (1821–1956), 1922–1937 Schriftleiter der Theologischen Blätter, nach Professuren in Gießen und Jena 1929 bis zu seiner Entlassung im September 1933 Professor für Neues Testament in Bonn, nach verschiedenen Pfarrvertretungen in der Schweiz 1935–1953 Professor für Neues Testament in Basel; vgl. Bw.Th. II 📖 (Namenregister); Mühling 📖.↩
4
Walther Wolff (1870–1931), 1919–1931 Präses der Rheinischen Provinzialsynode.↩
5
In einer außerordendichen Seminarsitzung am 17.1.1931, an der auch die beiden Bonner Professoren für Altes Testament G. Hölscher und Fr. Horst, K. L. Schmidt, sein Assistent Ernst Fuchs, Fr. Lieb und G. Merz teilnahmen, der die lebhaft verlaufene Sitzung in einem Rundbrief vom 20.1.1931 ausführlich beschrieb. Am 19.1.1931 schrieb Horst an Barth, Vischers Ansatz bedeute «eine völlige Entleerung der Geschichte», indem das Alte Testament allegorisch ausgelegt werde, als ob die Wissenschaft nicht existiere. Als dann auch Hölscher, der sich bereits in der Seminarsitzung scharf von Vischer distanziert hatte, schrieb, hier werde theologische Exegese zur Allegorese, der Text mit ihm fremdem Gedankengut unterlegt, welche «intellektuelle Unsauberkeit» ihm «ganz peinlich, gründlich zuwider» sei (Brief an Barth vom 11.3.1931 in Reaktion auf einen Artikel Vischers), nahm Barth in einem Brief an Horst vom 17.3.1931 zu den Angriffen gegen Vischer Stellung: «Man wird zu schnell mit ihm fertig, wenn man ihn einfach als orthodoxen Repristinationstheologen anspricht und behandelt, wie Hölscher es von seinem rein positivistischen und wie doch auch Sie es von Ihrem, wenn ich so sagen darf, vermittlungstheologischen Standpunkt aus getan haben.» — Zu Wilhelm Vischer (1895–1988), 1918–1928 Pfarrer in Tenniken-Zunzgen (Kanton Basel-Landschaft), 1928–1934 (seit 1933 suspendiert) Dozent für Altes Testament an der Theologischen Schule Bethel, später Pfarrer und Privatdozent in Basel und 1947–1965 Professor für Biblische Theologie in Montpellier; vgl. Bw.Th. II 📖 (Namenregister); O.Br. 1945-1968, S. 355 📖; O. Bächli, Das Alte Testament in der Kirchlichen Dogmatik von Karl Barth, Neukirchen-Vluyn 1987, S. 41–45. 📖 ↩
6
K. Barth, Die Not der evangelischen Kirche (Vortrag, gehalten in Berlin am 31.1., in Bremen am 13.2. und in Hamburg am 14.2.1931), in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 89–117 📖 (anschließend [S. 117–122] ein zum Vortrag von O. Dibelius [s. unten S. 94, Anm. 13] Stellung nehmendes Nachwort), und in: K. Barth, «Der Götze wackelt». Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 33–62. 📖 ↩
7
Eduard Ellwein (1898–1974), 1924–1926 Stadtvikar in München-Sendling, 1926 Reiseprediger, dann Pfarrer in München-Solln, 1948–1963 Dozent am Pastoralkolleg in Neuendettelsau, ab 1949 zugleich an der dortigen Augustana-Hochschule im Fach reformatorische Exegese. — Ein Durchschlag von Barths am 5.1.1931 verfaßter Stellungnahme zu dessen Dissertation «Römer VI-VIII in der Exegese der Reformationszeit. Eine systematische Untersuchung zur Lehre vom neuen Leben» befindet sich im Karl Barth-Archiv. Eine überarbeitete Fassung der Dissertation wurde veröffentlicht unter dem Titel Vom neuen Leben. De novitate vitae. Eine systematische Untersuchung zur Lehre vom neuen Leben. Durchgeführt an einem Ausschnitt aus der Römerbrief-Exegese der Reformationszeit (Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus, Reihe 5, Bd. 1), München 1932. 📖 ↩
8
Albert Lempp (1884–1943), seit 1911 Inhaber der Chr. Kaiser Buchhandlung in München und Begründer des Chr. Kaiser Verlags, in dem bis zu Barths Publikationsverbot in Deutschland 1937 dessen Werke erschienen; vgl. Bw.Th. I, S. 370, Anm. 4 📖, sowie Bw.Th. I und II 📖 (Namenregister).↩
9
Nico Stufkens (1890–1964), theologisch interessierter Jurist, bis 1930 Sekretär der Nederlandse Christenlijke Studenten-Vereniging, war Barth von seiner Vortragsreise nach Holland 1926 bekannt (vgl. Bw.Th. II, S. 417 📖).↩
10
Brief vom 7.1.1931 an K. Barth.↩
11
Die Vorlesung kam nicht zustande; vgl. unten S. 131.↩
12
Im SS 1931 begann Barth zum dritten Mal einen Vorlesungszyklus über Dogmatik. Den ersten Teil der vorigen Fassung (Münster, WS 1926/27 bis WS 1927/28), die Prolegomena, hatte er 1927 veröffentlicht (s. oben S. 10, Anm. 7). Zur Durchführung des neuen Vorhabens s. unten S. 142, Anm. 6,S. 208, Anm. 2, S. 251, Anm. 6.↩
13
Der Titel des für September geplanten Vortrags sollte «Die Gemeinschaft der Heiligen» lauten (Brief Barths vom 25.9.1930 an Prof. W. Gut). Barth sagte Dekan Albert Schreiber, Wädenswil (Kanton Zürich), am 22.3.1931 schriftlich ab.↩
14
Siehe oben S. 40, Anm. 8.↩