2. April 1931

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Nein, ich bin durchaus in Bern, und es bedeutet eine arge Glunggerei1, daß ich mich nicht längst bei dir gemeldet und nun auch noch |128 nicht einmal zur Sophie Christine gratuliert habe. Laß mich damit anfangen. Ich freue mich von Herzen, daß dieses Ereignis hinter euch und das Kindlein gesund in seinem Wägelein liegt. Du bist nun Vater von vier Töchtern. Das ist eine große Sache: meine Mutter meint, die Frauenbewegung werde dich nun bald sehr existentiell angehen. Ich meinerseits erwäge, ob es für unsere beiden Häuser nicht das Angemessenste wäre, ich würde, wenn jeweilen einer meiner vier Buben das letzte Examen gemacht, einen nach dem andern nach Basel schicken, um secundum ordinem um die Hand deiner Töchter anzuhalten. Nach Gogartens Lehre2 müßte es solche Vereinbarungen eigentlich geben und damit das erotische Problem für alle Teile in Ordnung gebracht sein. Aber vorläufig wollen wir Sophie Christine in ihrem Wägelein selbst über ihre Zukunft disponieren lassen. Was hat sie für schöne Namen voll Gehalt und Ausblick! Bitte grüße Marguerite ganz besonders von mir. Ich wünsche ihr eine fröhliche Erholung, zu der ja nun die Osterzeit das schönste Zeichen sein wird, und daß sie viel Freude und Trost an diesem ihrem fünften erleben möchte. — «Irgendwie» müssen wir uns sicher sehen in diesen Wochen. Aber die Sache mit dem Bergli klappt diesmal nicht. Ich muß und will am 11. (Samstag) heimfahren, da das Karussell in Bonn dann bald wieder beginnt und noch allerhand zu tun ist. Fatalerweise werden zu jener Zeit Heiner und Gertrud gerade hier sein, so daß ich nicht am 10. bei ihnen absteigen und dich dann aufsuchen kann. Aber mir fällt ein, daß ich bei Karl Sartorius anfragen könnte. Würdest du an jenem Abend (Freitag) frei sein? Laß es mich bald wissen, damit ich mich einrichten kann. Daß ich bei euch einkehre, kommt für mich als «erfahrenen Reisenden», wie deine Tante Lieb3 sagen würde, nicht in Betracht. Du sollst also Marguerite gar nicht erst erschrecken durch die Frage, ob es nicht doch ginge.

129Ja, ich habe deinen und Heiners Nachruf auf Kutter gelesen. Denk, ich wollte es zunächst gar nicht glauben, daß das von Heiner sei!! Es ist doch einfach ein Pfarrer an ihm verloren gegangen. Findest du nicht? Vielleicht gehört das auch zu seiner gewissen Tragik. Deinen Artikel habe ich sehr gern gelesen und gleich nach Bonn weitergeschickt, wo er auch aufmerksam gelesen und sogar mit erhobener Stimme vorgelesen wurde. Ja, Helmi Vischer steht unter den Alttestamentlern kein besseres Los bevor als uns unter den sonstigen Theologen. Man kann sich wirklich nur freuen an ihm. Könnte man eigentlich nicht durch ihn einen sanften Druck auf seinen fatalen Vater4 ausüben, er solle nun aufhören zu käppelen5? Was war das wieder im Kirchenblatt über Harnack6 und in den Basler Nachrichten über Overbeck7! Und unser Schüler Knabe Nigg aus diesem Munde und darum gelobt. Schädelin sei übrigens über der Leistung von Niggius in sein gewohntes bewunderndes «Herrgottdonner» ausgebrochen!!

130 Was ich mache? Ich sitze in dem dir nun auch bekannten Dachstüblein mit dem Militärbild8 samt Augustin und Monnika9. Welch letztere Gruppe ich im übrigen mit meiner Mutter zusammen stelle!! Die «Theologiesorgen» bin ich nicht eben los, sondern bin knietief — ausgerüstet mit einem erlesenen Geschwader aus meinem Zeddelkasten10 — an der neuen Fassung der Prolegomena 📖, die diesen Sommer zu lesen und im Herbst zu drucken ist.11 Wenn es so weitergeht wie bisher, so wird es wie 1920 der Römerbrief 📖 ein ganz neues Buch mit vielen neuen Schießscharten und unterirdischen Gängen.12 Der Anfang ist eben zum Tippen nach Bonn abgegangen.13 Wenn du dich etwa gerne wieder auf Lieferungen abonnierst, so wird es mir ein Vergnügen sein, dich zu bedienen. Das ruhige Arbeiten ohne den Zwang der Vorlesungen ist mir wirklich die schönste Erholung. Aber ganz bei Kräften bin ich noch nicht, und darum habe ich die Vorträge für den Sommer (Wädenswil14 |131 und Elberfeld15) abgesagt — ich werde die Sommerferien saftig für die Dogmatik zu brauchen haben — und werde auch meine 2. angekündigte Vorlesung (Enzyklopädie) absagen. Schade. Aber mit 2 x 2 Stunden Seminar und 4 Stunden Vorlesung16 bin ich reichlich versorgt. Es war nun eben in diesen Ferien nichts mit der Vorbereitung, die ich für die Enzyklopädie gebraucht hätte.

Es ist höchste Zeit, meine Mutter ruft schon17 zum abendlichen Halma. Sei also für diesmal herzlich gegrüßt
Deinem
Karl

Sachfußnoten

1
= Trödelei, Nachlässigkeit.↩
2
Vgl. etwa Fr. Gogarten, Ich glaubt an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über Glauben und Geschichte, Jena 1926, S. 206–212, bes. S. 208 und S. 211: 📖 «Den Anderen in seinem Stande, also z. B. die Frau als Frau, den Richter als Richter, den Pfarrer als Pfarrer, den Herrn als Herrn erkennen, das heißt, daß es diese Erkenntnis nur im Glauben gibt, in ihnen und ihrem Anspruch, den sie als Frau, als Richter, als Pfarrer, als Herr stellen, den Willen Gottes erkennen, es heißt, sich eben diese Frau von Gott als Frau geben lassen.» Ders., Wider die Ächtung der Autorität, Jena 1930, S. 9.23f.31-35.41-44. 📖 ↩
3
Wohl eine der beiden Schwestern von Thurneysens Schwiegermutter: Julie (1858–1937) oder Lina Lieb (briefliche Auskunft von Pfr. Th. Lieb vom 29.5.1998).↩
4
Eberhard Vischer (1865–1946), 1902–1907 a.o. Professor, 1907–1938 o. Professor für alte und mittelalterliche Kirchengeschichte und Neues Testament in Basel. Barth hielt im akademischen Jahr 1945/46 die akademische Gedenkrede auf ihn: K. Barth, Zum Andenken an Eberhard Vischer, in: KBRS, Jg. 102 (1946), S. 54–56. 📖 ↩
5
Das Wort hängt vielleicht mit dem abschätzig verwendeten «chäppelen» (= «von Kapelle zu Kapelle gehen, um zu beten») zusammen; dann dürfte hier gemeint sein, Vischer solle aufhören, die Darlegungen anderer «nachzubeten» oder sie zu verehren (briefliche Auskunft von Dr. R. Suter über Dr. W. Vischer vom 20.11.1999).↩
6
E. Vischer, Adolf von Harnack, in: KBRS, Jg. 87 (1931), Nr. 7 vom 26.3.1931, S. 105f. 📖 ↩
7
E. Vischer, Franz Overbeck, in: Sonntagsblatt der BN, Jg. 25 (1931), Nr. 13 vom 29.3.1931, S. 54–56 📖; der Artikel stellt eine ausführliche, überwiegend positive Rezension des Buches von W. Nigg über Fr. Overbeck (vgl. oben S. 27, Anm. 38) dar. Zu den wenigen Kritikpunkten gehört Niggs Behandlung angeblicher Äußerungen E. Vischers über Overbeck. Einverstanden erklärt sich Vischer mit Niggs Ablehnung von K. Barths Overbeck-Interpretation (a.a.O., S. 54f.). «In Overbeck … begrüßen der Professor der systematischen Theologie in Bonn Karl Barth und seine Gesinnungsgenossen nicht nur den verdienten Scharfrichter der ihnen vorausgehenden, auf falsche Wege geratenen, sondern den verkannten Propheten und Vorkämpfer ihrer eigenen christlichen Theologie, und halten allem Widerspruche zum Trotz an diesem Urteile über den ‹selten frommen Mann›, den ‹rückwärts schauenden kritischen Blumhardt› fest» (a.a.O., S. 54). — Bereits 1922 war es zwischen Vischer und Barth zu einer öffentlichen Kontroverse über Overbeck gekommen; vgl. V.u.kl.A. 1922-1925, S. 58–64. 📖 ↩
8
Vgl. oben S. 106 nach Anm. 17.↩
9
Vgl. A. Augustinus, Confessiones, 9,10 📖 (CSEL 33,215-218). 📖 ↩
10
Im Sommer 1928 hatte Barth mit der Anlage einer Kartei («Zeddelkasten») begonnen, in der Zitate aus der theologischen Literatur von der Alten Kirche bis zur Gegenwart, geordnet nach 21 in sich wiederum unterteilten Sachgebieten, gesammelt wurden. Nach einigen Jahren gab er diese Arbeitsweise wieder auf und benutzte anscheinend die Kartei auch kaum noch. Die Eintragungen auf den über 5000 Karten im Format 8,2 x 12,8 cm stammen je zu einem großen Teil von Barth und Ch. von Kirschbaum; doch auch zahlreiche andere Handschriften sind vertreten. Denn im November 1928 hatte er in seinem Offenen Abend «einer sich meldenden kühnen Schar von Freiwilligen» unter den Studenten «einen hohen Stoß von lauter Dogmatiken aller Kaliber» ausgeteilt «mit dem gemessenen Auftrag, sie unter Anleitung einer Anzahl von Stichwörtern abzusuchen und für meine Kartothek zu exzerpieren. Ich wäre selber nie auch nur annähernd an alle diese Kerle herangekommen, mit denen ich doch im Frühling, wenn die Dogmatikschreibung losgeht, einige Fühlung haben muß» (Brief vom 27.11.1928 an G. Merz). Aus dieser Kartei stammten «alle die schönen Verweisungen …, die du gewiß auch schon an meinen Werken bewundert hast», und er «wollte nur, ich hätte schon 20 Jahre früher so angefangen» (Brief an W. Loew vom 17.9.1929).↩
11
Vgl. unten S. 142, Anm. 6.↩
12
Im Herbst 1920 begann Barth mit der Neubearbeitung seines Römerbrief-Kommentars, die ihn bis zum Herbst 1921 beschäftigte: Römerbrief 2 📖; zum Verhältnis von 1. und 2. Auflage s. «Vorwort zur zweiten Auflage», a.a.O., S. VI-XXVII, bes. S. VIf. (Zürich 198915: S. XII-XXVI, bes. S. XII-XIV 📖). Vgl. Bw.Th. I, S. 435–442 📖, und fast durchgehend bis S. 523; Busch, S. 129–135.138 📖.↩
13
D. h. an Ch. von Kirschbaum.↩
14
Siehe oben S. 89, Anm. 13.↩
15
Geplant war ein Vortrag über das Thema «Das Geschichtsproblem im Hinblick auf den Anfang und das Ende der Wege Gottes» (Brief K. Barths an W. Niesel vom 15.1.1931) an der 4. Theologischen Woche des Reformierten Bundes in Elberfeld (13. - 15.10.1931); Barth sagte W. Niesel am 22.3.1931 schriftlich ab.↩
16
D. h. neben dem systematischen Seminar und der Sozietät (s. oben S. 121, Anm. 1) die «Prolegomena zur Dogmatik 📖» (vierstündig). Die abgesagte zweistündige Vorlesung war unter dem Titel «Theologische Enzyklopädie (Was heißt und zu welchem Ende studiert man Theologie?)» angekündigt.↩
17
Entzifferung der Worte «ruft schon» unsicher.↩