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Wabern bei
Bern, 2. April 1931
Nein, ich bin durchaus in Bern, und es bedeutet eine arge Glunggerei1, daß ich mich nicht längst bei dir gemeldet und nun auch noch |128 nicht einmal zur Sophie Christine gratuliert habe. Laß mich damit anfangen. Ich freue mich von Herzen, daß dieses Ereignis hinter euch und das Kindlein gesund in seinem Wägelein liegt. Du bist nun Vater von vier Töchtern. Das ist eine große Sache: meine Mutter meint, die Frauenbewegung werde dich nun bald sehr existentiell angehen. Ich meinerseits erwäge, ob es für unsere beiden Häuser nicht das Angemessenste wäre, ich würde, wenn jeweilen einer meiner vier Buben das letzte Examen gemacht, einen nach dem andern nach Basel schicken, um secundum ordinem um die Hand deiner Töchter anzuhalten. Nach Gogartens Lehre2 müßte es solche Vereinbarungen eigentlich geben und damit das erotische Problem für alle Teile in Ordnung gebracht sein. Aber vorläufig wollen wir Sophie Christine in ihrem Wägelein selbst über ihre Zukunft disponieren lassen. Was hat sie für schöne Namen voll Gehalt und Ausblick! Bitte grüße Marguerite ganz besonders von mir. Ich wünsche ihr eine fröhliche Erholung, zu der ja nun die Osterzeit das schönste Zeichen sein wird, und daß sie viel Freude und Trost an diesem ihrem fünften erleben möchte. — «Irgendwie» müssen wir uns sicher sehen in diesen Wochen. Aber die Sache mit dem Bergli klappt diesmal nicht. Ich muß und will am 11. (Samstag) heimfahren, da das Karussell in Bonn dann bald wieder beginnt und noch allerhand zu tun ist. Fatalerweise werden zu jener Zeit Heiner und Gertrud gerade hier sein, so daß ich nicht am 10. bei ihnen absteigen und dich dann aufsuchen kann. Aber mir fällt ein, daß ich bei Karl Sartorius anfragen könnte. Würdest du an jenem Abend (Freitag) frei sein? Laß es mich bald wissen, damit ich mich einrichten kann. Daß ich bei euch einkehre, kommt für mich als «erfahrenen Reisenden», wie deine Tante Lieb3 sagen würde, nicht in Betracht. Du sollst also Marguerite gar nicht erst erschrecken durch die Frage, ob es nicht doch ginge.
129Ja, ich habe deinen und Heiners Nachruf auf Kutter gelesen. Denk, ich wollte es zunächst gar nicht glauben, daß das von Heiner sei!! Es ist doch einfach ein Pfarrer an ihm verloren gegangen. Findest du nicht? Vielleicht gehört das auch zu seiner gewissen Tragik. Deinen Artikel habe ich sehr gern gelesen und gleich nach Bonn weitergeschickt, wo er auch aufmerksam gelesen und sogar mit erhobener Stimme vorgelesen wurde. Ja, Helmi Vischer steht unter den Alttestamentlern kein besseres Los bevor als uns unter den sonstigen Theologen. Man kann sich wirklich nur freuen an ihm. Könnte man eigentlich nicht durch ihn einen sanften Druck auf seinen fatalen Vater4 ausüben, er solle nun aufhören zu käppelen5? Was war das wieder im Kirchenblatt über Harnack6 und in den Basler Nachrichten über Overbeck7! Und unser Schüler Knabe Nigg aus diesem Munde und darum gelobt. Schädelin sei übrigens über der Leistung von Niggius in sein gewohntes bewunderndes «Herrgottdonner» ausgebrochen!!
130 Was ich mache? Ich sitze in dem dir nun auch bekannten Dachstüblein mit dem Militärbild8 samt Augustin und Monnika9. Welch letztere Gruppe ich im übrigen mit meiner Mutter zusammen stelle!! Die «Theologiesorgen» bin ich nicht eben los, sondern bin knietief — ausgerüstet mit einem erlesenen Geschwader aus meinem Zeddelkasten10 — an der neuen Fassung der Prolegomena
📖, die diesen Sommer zu lesen und im Herbst zu drucken ist.11 Wenn es so weitergeht wie bisher, so wird es wie 1920 der Römerbrief
📖 ein ganz neues Buch mit vielen neuen Schießscharten und unterirdischen Gängen.12 Der Anfang ist eben zum Tippen nach Bonn abgegangen.13 Wenn du dich etwa gerne wieder auf Lieferungen abonnierst, so wird es mir ein Vergnügen sein, dich zu bedienen. Das ruhige Arbeiten ohne den Zwang der Vorlesungen ist mir wirklich die schönste Erholung. Aber ganz bei Kräften bin ich noch nicht, und darum habe ich die Vorträge für den Sommer (Wädenswil14
|131 und Elberfeld15) abgesagt — ich werde die Sommerferien saftig für die Dogmatik zu brauchen haben — und werde auch meine 2. angekündigte Vorlesung (Enzyklopädie) absagen. Schade. Aber mit 2 x 2 Stunden Seminar und 4 Stunden Vorlesung16 bin ich reichlich versorgt. Es war nun eben in diesen Ferien nichts mit der Vorbereitung, die ich für die Enzyklopädie gebraucht hätte.
Es ist höchste Zeit, meine Mutter ruft schon17 zum abendlichen Halma.
Sei also für diesmal herzlich gegrüßt