1. April 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Eben heute abend wollte ich Heiner anläuten, um zu erfahren, wie es dir eigentlich gehe und wo du eigentlich steckst. Doch sicher noch in Bern? Oder bist du bereits mit deiner Mutter irgendwohin über die Berge entwichen? Heiner war nämlich nicht aufzutreiben am Telephon. Daraus schloß ich halber1, am Ende sei das Häuslein in Bern bereits von Heiner und Gertrud bevölkert, während du irgendwo anders an der Sonne liegest. Deine Durchreise vollzog sich in vollkommener Eile und incognito. Aber ich war wirklich froh, dich nun doch in der Schweiz und in guter Obhut zu wissen. Du hast sicher eine Erholung sehr dringend nötig. Laß alle Theologiesorgen und die anderen, soweit es möglich ist, dahinten und schlafe und ruhe und rauche! Mir selber geht es ja vorläufig noch nicht so gut. Immerhin ist der Palmsonntag dahinten mit seiner immer gleich fraglichen Konfirmation. Aber nun muß ich an Karfreitag und Ostern denken. Und dazu sind diese Tage bei uns gerade sehr unruhig und ausgefüllt durch das Buschi2! Aber Gottlob ist alles gut gegangen und geht weiter gut. Marguerite kann sich sichtlich erholen, und die Christine scheint ein lebenskräftiges |127 Kind zu sein. Wir sind froh und überfroh, daß alles so freundlich ablaufen durfte. Nun stehen die Dinge bei mir so, daß ich in der zweiten Woche nach Ostern auf dem Bergli eintreffen darf für acht Tage, das heißt, es werden nicht ganz acht Tage sein können, aber immerhin … Ob es gehen wird, daß du dann auch droben sein wirst? Das wäre eine ganz ausgezeichnete Sache. Laß es dir durch den Kopf gehen und sieh zu, ob es nicht zu machen ist!

Letzte Woche haben wir also Kutter beerdigt.3 Eine nachdenkliche Sache. Du wirst Heiners ausgezeichneten Nachruf4 gesehen haben? Auch ich habe auf dem unteren Känzeli eine kleine Nachrede gehalten in den Basler Nachrichten5, du wirst es gesehen haben? Ich lege es dir nochmals bei für alle Fälle. Gestern abend habe ich mit Helmi Vischer zusammen eine Flasche Neuenburger in einem stillen Winkel getrunken und mich ausgezeichnet mit ihm verstanden. Eine wirklich gute Gestalt. Leider sind sie so selten! Die splendid isolation nimmt, wie mir manchmal scheinen will, wieder zu und zu. Und zum Schluß werden wir wie alte Pfründer6 aus den achtziger Jahren unter einem ganz und gar anders orientierten Geschlechte wandeln müssen.

Ich will zu Bette gehen. Es ist spät, und morgen muß ich an die Predigt gehen. Sei mit Frau Professor7 herzlich gegrüßt und laß einmal etwas von dir hören!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
= halbwegs.↩
2
= Baby. Kleinformatige gedruckte Geburtsanzeige im Karl Barth-Archiv.↩
3
Am 24.3.1931.↩
4
H. Barth, Hermann Kutter †, in: NZ, Jg. 89 (1931), Nr. 140 vom 25.3.1931. 📖 ↩
5
E. Th[urneysen], † Hermann Kutter, in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 83 vom 25.3.1931, 2. Beilage. 📖 ↩
6
«Armi Pfruend» wurden die Bewohner der Abteilung für Minder- und Unbemittelte des «Pfrundhauses», des Altersheims des Basler Bürgerspitals, genannt.↩
7
Anna Barth, K. Barths Mutter.↩