16. März 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Eine ausgezeichnete Nachricht traf gestern ein: du wirst also nun doch Anselm und einiges andere hinter dir lassen und den D-Zug besteigen und heim nur heim! Deine Mutter war gestern schnell in Basel und brachte diese Kunde. Sehr gut! Laß dich’s nicht gereuen. Es wird sicher, sicher das einzig Wahre sein. Solche plötzlichen Beschlüsse sind meistens sogar von einer besonderen Gnade begleitet. Mehr als je ist der Rat und Wunsch am Platze: Karl, erhalte dich der Kirche! Und nun möchte ich dir nur mitteilen, daß ich bei deiner Einreise nur im Hintergrund sichtbar werden möchte. Dein Bruder Heiner muß irgendwie den Wunsch geäußert haben, diesmal möchte er dich einmal mit Ehren empfangen. Du wirst ja nur von einem Bahnhof zum anderen2 in Basel sein, meint deine Mutter. Und da solltest du nun Heiners, wirklich diesmal Heiners den Vortritt geben, also ihnen melden, wann du am badischen Bahnhof eintriffst, damit sie dich dann empfangen und geleiten. Ich würde dann nur, sofern es mir mit Unterrichtsstunden klappt, am Bundesbahnhof zu deiner Abfahrt eintreffen. Es läßt sich auch dort noch ein kurzer Hock3 einschalten. Und dann wird es sich ja sicher machen lassen, daß wir uns im Innern der Schweiz irgendeinmal treffen und sehen und vielleicht auf deiner Ausfahrt wieder, wo du dann, wenn alles geht, wie wir hoffen, unser Fünftes wirst begrüßen können.

Ich möchte dir wirklich auch meinerseits nahelegen, Heinern mit ausgezeichneten Ehrenbezeugungen entgegenzutreten. Er leidet ja irgendwie unter seinem sonstigen Im-Winkel-Stehen. Kürzlich saß er bei mir, und da kam es wirklich aus ihm heraus, daß es ihn plage, nicht daß er nicht Professor geworden sei, sondern daß er überhaupt mit seinen Auffassungen nicht durchdringe. Er glaube etwas zu sehen, was sonst Niemand sieht, und doch werde er einfach nicht recht gelesen und angenommen in Deutschland. Fragt man nach dem Gehalte dieses von ihm Vertretenen, so redet er von der Ideen- und Freiheitslehre, wie |124 er sie in Fortbildung der Marburger vertritt.4 Und mir steigt dabei meist ein leises Unbehagen auf, weil ich fürchte, er werde eigentlich und im Grunde auch in mir drin nicht wirklich angenommen werden können. Und ich sehe den Augenblick kommen, wo das zu seiner und meiner Unlust irgendwie herausbrechen könnte. Ich fürchte, auch Ihr werdet in der Sache sehr vorsichtig miteinander reden müssen, wenn es nicht hin und wieder Scherben gibt. Wie werden z. B. Heiners geplante Augustinstudien5 ausfallen? Umso mehr ist also alle menschliche Vorsicht am Platze. Und menschlich dauert er mich ja auch immer wieder. Vielleicht läßt sich ja freilich in Basel nun doch noch etwas für ihn tun.6

Und nun herzlichen Dank für deinen umgehenden Brief, der mich wie immer tröstlich und ermunternd ansprach. Ich habe ihn ausge|125zeichnet brauchen können. Man ist ja doch schließlich auf einer Insel und kann es brauchen, wenn der Mitinsulaner zu einem herüberkommt über die sieben Berge und man wieder einmal zusammen reden kann. Und das konnte an Hand deines Briefes wirklich geschehen. Unterdessen bekam ich brühwarme Briefe von der Tochter7 aus Bonn mit dem merkwürdigen Namen, den ich nicht behalte. Am Sonntag um 12 Uhr stand sie nach dem Kinovortrag plötzlich da und wurde gerade Zeuge, wie mir einer heillos wüst sagte8. Es war ein — natürlich, möchte man fast sagen! — Berner, ein Pfarrer von Steiger9, ehedem in Koppigen, der in allen seinen Junkergefühlen und seinem Bernerbärentum10 tief verletzt war durch meine Darbietung. Hätte ich nicht gewußt, wie grob man sich in Bern bedienen kann11, so hätte ich gestaunt. Zu alledem hat er nun noch in die Zeitung geschrieben, aber dank meinen vorzüglichen Verbindungen mit Karl Sartorius konnte ich es abbremsen. Im übrigen war der Kino gesteckt voll, auch die Sozialisten waren wirklich da, so daß auf alle Fälle nicht einfach ins Leere geredet werden mußte.

Den Aufsatz von Michel Müller habe ich sofort gelesen, das Heft lag zufällig gerade bei mir. Wirklich eine Sache, der man nur beistimmen kann, merkwürdig nahe deinen ethischen Auffassungen! Sicher, bei dem kann noch etwas erwartet werden. Man hat auch seine gewisse Frechheit nicht ungern. Er versteht es, die Suppe wirklich auch zu salzen, und zwar nicht mit jenem unguten Bittersalz, wie es sein Antipode Gogarten im Gebrauch hat. Natürlich will das nicht sagen, daß er uns gegenüber nicht gut tun würde, sich etwas besser aufzuführen! Fritz |126 Lieb habe ich also auch kurz gesehen und vor allem seltsame und seltene Mitteilungen von ihm vernommen über nächtliche Gürzenichballerlebnisse in Köln, wohin er also versehen nur mit einem Nachthemd und Zahnbürstli in Begleitung von Karl Ludwig Schmidt eines Abends abgereist sein soll, um fern von Ruth eine reine Männernacht, man könnte auch sagen, eine Art Rittertag zu begehen. Ganz läßt er sich das also auch in Bonn nicht nehmen.

Lollo danke ich herzlich für die gute Sendung! Und Nelly und die Kinder lassen wir beide, Marguerite und ich, vielmal grüßen. Marguerite kann sozusagen täglich damit rechnen, daß sie ins Bett muß, obwohl es auch noch bis Ende des Monats gehen kann. Meist kommen aber unsere Kinder früher als gedacht und vor allem plötzlich, plötzlich!

Schluß! Sei herzlich gegrüßt mit Lollo
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Irrtümlich datiert auf den 16. April 1931.↩
2
Dem in Kleinbasel liegenden deutschen Badischen Bahnhof und dem Schweizer Bundesbahnhof in Großbasel.↩
3
= geselliges Beisammensitzen (von «hocken» = sitzen).↩
4
Vgl. hierzu: H. Barth, Philosophie der Praktischen Vernunft, Tübingen 1927, S. 1–15; dort S. 4 📖: «Und der ‹Standpunkt›? … Es handelt sich um einen augenscheinlich verspäteten Nachzügler der sog. Marburger Schule, der vielleicht die überaus wichtige Tatsache noch nicht vernommen hat, daß heute wieder Metaphysik getrieben wird. In der Tat liegt der Ausgangspunkt des Verfassers im ‹kritischen Idealismus‹, wie er in jener Schule gelehrt wird. Er hat aber seine ehrwürdigen Lehrer, H. Cohen und P. Natorp, nicht dahin mißverstanden, daß er durch ihren Vortrag zum Verweilen auf einem bestimmten Standorte veranlaßt wurde.» S. 5: «Der kritische Idealismus, wie er von den sog. Neukantianern gelehrt wurde, erfordert zwar eine erhebliche Ausweitung und Bereicherung; denn er sieht sich vor die Aufgabe einer Einbeziehung jener … Problematik gestellt, wie sie in den mehrfachen Formen der geschichtlich gegebenen Metaphysik angetroffen wird. Die Tatsache dieses Desiderates darf aber nicht zum Anlaß werden, das philosophische Problem der in der Idee begründeten Krisis preiszugeben.» S. 15: «Was an gewissen deutschen Universitäten als erledigt ausgerufen wird, ist für denjenigen, der sich nicht ohne Notwendigkeit ablenken läßt, noch nicht abgetan. Für den Verfasser steht mit dem Begründungsprinzip des kritischen Idealismus ein Letztes auf dem Spiele. … will die vorliegende Arbeit nicht nur die Repristination einer verblichenen Schultradition bieten. Sie will vielmehr der philosophischen Erneuerung dienen.» Seinen Band Philosophie der Erscheinung. Eine Problemgeschichte, Teil II: Neuzeit, Basel/Stuttgart 1959 📖, widmete H. Barth «Dem Andenken an Paul Natorp» und schrieb dazu: «Wie er [Natorp] die ‹Philosophie der Erscheinung› beurteilt hätte, wissen wir nicht. Doch weiß ihr Verfasser um eine Kontinuität seines Denkens zu der dort empfangenen Belehrung» (a.a.O., S. 10f.).↩
5
Im SS 1931 hielt H. Barth eine zweistündige Vorlesung über «Augustins Konfessionen und Jugendschriften (nach ihrem philosophischen Gehalte)»; vgl. auch: H. Barth, Zur Erkenntnis Augustins, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 319–331 📖; ferner: ders., Die Freiheit der Entscheidung im Denken Augustins, Basel 1935. 📖 ↩
6
Vgl. oben S. 59, Anm. 17.↩
7
= junges Mädchen.↩
8
= mir gehörig die Meinung sagte (wüst sagen = schimpfen).↩
9
Ernst Rudolf Friedrich von Steiger (1865–1933), ehemaliger Pfarrer in Sigriswil, Koppigen (Kanton Bern), Marseiile und Hindelbank (Kanton Bern), verlebte seinen Ruhestand (seit 1929) in Basel.↩
10
Vgl. zu diesem Begriff etwa Barths Deutung des «langsam, aber sicher schräg aufwärts steigenden Bären» auf dem Berner Wappen: «das überaus sprechende Symbol dessen, was man in Bern zu allen Zeiten wollte und nicht wollte. Man wollte in Religionssachen Ordnung, Bestimmtheit, Faßlichkeit, man wollte nicht: geistige Aufregungen aller Art, unübersehbare gedankliche Tiefen und Freiheiten, vor allem keine Willkürlichkeiten und Absonderlichkeiten, die den ruhigen Gang des Regierungsgeschäftes stören konnten» (K. Barth, Die Theologie Calvins. Vorlesung Göttingen Sommersemester 1922, in Verb. mit A. Reinstädtler hrsg. von H. Scholl [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1993, S. 457 📖). Vgl. auch unten S. 623, Anm. 11.↩
11
= wie grob man sich … die Wahrheit ins Gesicht sagen kann.↩