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8. März 1931
Deine Frage nach dem Schluß der Seminar-Aufzeichnungen hat mir Mut gemacht, sie nun abzuschließen und dir hier den Rest zu überreichen. Ich hatte immer wieder das Gefühl, daß sie dir doch zu wenig zu bieten hätten in der ganzen Flüchtigkeit, in der man solche Diskussionen ja nur festhalten kann. Es ist eben sehr schade, daß Calvin nun infolge Karls Erkrankung nicht mehr zur Sprache kam. Das ist wirklich ein schmerzliches Loch und wird von den Studenten allgemein als solches empfunden.
Wegen des nächsten Semesters mußt du mir nun eben zu wissen tun, ob du Wert legst auf weitere Aufzeichnungen: Seminar über die Einleitung zu Schleiermachers Glaubenslehre; Societät wahrscheinlich über einen Abschnitt aus der Gotteslehre.1 Die Sitzungen der Societät habe ich bis jetzt nur für Karls Gebrauch notiert, weithin in Stichworten. Wenn Du aber meinst, daß sie dich mehr interessieren als Schleierma|122cher — sie sind ja noch sehr viel bewegter als die Seminare —, will ich sie gerne auch in dieser Weise führen.
Karl geht es wirklich nur sehr langsam besser. Sein großes Müdesein macht mir Sorge, — Sorge vor allem im Hinblick auf die Fülle von Arbeit, die wartet und die ihm auch nicht die Ruhe gönnt, an eine kleine Erholungsreise zu denken. Es wäre ihm so gut, ein wenig herauszukommen. Du kannst Dir ja denken, daß wir nicht leicht leben, und auch jetzt gibt es gelegentlich «Nachtgespräche» mit Nelly, die ihm dann für die Tage viel Kraft nehmen. Ich sage das ohne Vorwurf gegen Nelly. Sie gibt sich so viel Mühe mitzukommen, und trotz aller Schwankungen, durch die wir hindurch müssen, bin ich aufs Ganze gesehen getroster als im Herbst. Es ist zu schwer, als daß wir es etwa ohne Seufzen leisten könnten, aber ich hatte inzwischen doch Berührungen mit Nelly, die mich hoffen lassen, daß wir auch da langsam, langsam weiter kommen. Aber eben: Karl sollte manchmal wenigstens durch örtliche Distanz ein wenig aufatmen dürfen von all dieser persönlichen Last, die ja nur die eine Seite ist neben der ihn immer schwerer drückenden Bürde seiner Arbeit. Andererseits muß ich mit ihm einsehen, daß ohne die nötige innere Ruhe eine solche Reise natürlich ihren Zweck verfehlt.
Wir sind euch so dankbar für euer stilles Mitgehen. Du weißt nicht, was es für uns bedeutet, in all den Jahren bei euch immer so unverrückt auf dasselbe Verstehen stoßen zu dürfen. Man ist in einer solch gefährdeten Situation so empfindlich gegen jede Art von Willkür. Daß sie bei euch so ganz fehlt, das hat einen Grund von Vertrauen gelegt, der uns in den Stunden, in denen es etwa zwischen N. und mir ganz schwer wurde, schon manchmal unsere Zuflucht dahin nehmen ließ, daß wir deinen Rat und Beistand erbitten wollten. Ich wollte dir das einmal sagen dürfen und eben auch das, wie dankbar wir — und eben alle drei gemeinsam — euch dafür sind.
An Marguerite denken wir oft. Wir wünschen ihr so von Herzen alles Gute.
Sei du mit ihr gegrüßt