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8. März 1931
Dein Brief kam zu guter Stunde. Sonntag Morgen. Ich sitze rekonvaleszent mit einer Binde ums Ohr im sonnenbeschienenen Studierzimmer, an Kirchenbesuch ist aus hygienischen und anderen Gründen nicht zu denken, in der Ferne rollen die Läufe und Triller von Fränzelis Klavierstudium. Die Anderen sind zur Kirche gegangen. Nur Lollo sitzt als zweiter einsamer Vogel neben mir auf der Stange zwischen Himmel und Erde. Und eben in diese Situation hinein hat der Postbote deinen Brief getragen, den ich nun, bedächtig genießend, zweimal gelesen habe. So hat man’s gerne. Wir wurden uns sofort darüber einig, daß der Dank nur in einem sofortigen Gegengruß bestehen könne.
Ich danke dir für alle Nachrichten aus Basel und der Schweiz. Auch die Fastnachtszeitung1 hat mich lebhaft in die teure Vaterstadt und mit|117ten in das Geräusch aller ihrer bösen Mäuler versetzt. Der Gesamteindruck von solchen Bildern aus der Ferne ist ja freilich immer der — es wird dir nicht anders gehen —, daß es überall dasselbe ist, dasselbe Veranstalten von allerhand ernsthaften und humoristischen, freiwillig und unfreiwillig komischen Türken2, hinter denen der Mensch in bewundernswerter Kunst immer aufs neue zu verbergen weiß, wie wenig wohl es ihm eigentlich in seiner eigenen Haut ist. Zu diesen mannigfachen Türken gehören ja sicher neben dem Gorps und der schaurigen Bolschewiki-Feier im Basler Münster3 auch unsere eigenen Unternehmungen, Berliner Vorträge, Anselm-Forschungen usw. Und ich finde merkwürdiger Weise, daß man nur dann den jeweils immer wieder nötigen Anlauf zu seinem Tun findet, wenn man sich über diese Zusammengehörigkeit sehr klar ist. Aber leichter wird das Leben auch im Lichte dieser Einsicht in der Tat nicht. Und man möchte doch immer wieder die Anderen, die wenigstens nicht geradezu Theologen sein müssen, beneiden um die relative Glückseligkeit, deren sie sich in ihrem ernsten und heiteren Tun scheinbar weithin zu erfreuen haben. Um von den Möglichkeiten geradezu eschatologischer Erfüllung, wie sie nach deinen Mitteilungen in unserem engsten Freundeskreis Ereignis geworden sind und jenseits derer eigentlich nur noch eine kleine Himmelfahrt in Betracht kommten könnte (der wir Anderen dann mit verzückten El Greco-Augen beiwohnen dürfen werden!), nicht zu reden!! Ja, wie verschieden kann man dran sein, auch bei sonst so großer Nähe.
Die Nachricht vom Tode von der Frau Huber, die wir freilich nicht näher gekannt haben, hat uns auch sehr bewegt, schon weil er der guten Frau Lieb ungewöhnlich nahe gegangen ist. Und erst recht gibt mir zu denken, was ich bereits über das, wie es scheint, nahe Zu-Ende-Gehen Kutters wußte. Wie schwierig wäre ich dran, wenn ich jetzt eine wirklich wahrheitsgetreue Schilderung der Geschichte meiner Beziehungen |118 zu diesem seltenen und auch ganz seltsamen Mann geben sollte. Er wird irgendwo im Schlußteil meiner Ethik, den Fritz Lieb vorletzte Woche mit Vollmacht den Studenten vorgetragen hat, ehrenvoll erwähnt4, und Fritz hat den guten Gedanken gehabt, jene Stelle aus eigener Initiative durch einen kleinen Hinweis darauf, daß er im Sterben liege, zu ergänzen. Daß in dem vielfachen Wechsel meiner Begegnungen mit ihm nun gerade eine solche, in der die wohl gegenseitige Abstoßung überwog, die letzte gewesen sein soll, hat etwas Schmerzliches für mich, aber das hat nun vielleicht sein müssen. — Ich freue mich, daß du so gründlich bei meiner Mutter gewesen bist und mit ihr geredet hast. Ich denke ja auch manchmal mit Besorgnis an sie. Und weil ich weiß, wie gut du zu ihr reden kannst und wie gern sie auf dich hört, bin ich dir wirklich dankbar für die Stunden, die du ihr hast widmen können. — Deine Eindrücke von den Heidelbergern entsprechen den meinigen bis aufs Einzelne. Auch mir hat sich Wendland eingeprägt und Odenwald nicht eingeprägt bzw. negativ eingeprägt. Sehr wertvoll ist mir das, was du über Eckert schreibst. Es ist eigentlich das erste Mal, daß ich etwas Gutes von dem Mann höre, aber weil es nun gerade von dir kommt, ist es mir entscheidend, und ich werde mir das, was du über ihn sagst, für alle Fälle merken.
Du fragst mich nach dem Vortrag des André Philip. Querbein, der Edelkonservative, soll sich nur ganz still halten. Es war wirklich gut, was der Mann hier vortrug und was er auf das Kreuzfeuer von Fragen, dem wir ihn unterwarfen, zu antworten wußte. Es war eine ganz neue und in ihrer Art einfach gute Situation. Ich hatte übrigens die schwierige Doppelfunktion eines Diskussionsleiters und eines Dolmetschers bei dieser Sache zu versehen. Der Fall liegt so, daß er freilich auf der einen Seite, nämlich praktisch, mit der ganzen unerhörten französischen Verve zum Sozialismus als Christ meint Ja sagen zu sollen, auf der anderen Seite aber nun wirklich kein System aus diesem Ja macht, sondern, durchaus dialektisch denkend, einsieht, daß Alles auch anders sein könnte, aber für ihn nun eben nicht anders ist. Es stand zum Schluß tatsächlich so, daß weder ich noch meine ziemlich geschulten und (sowohl als Deutsche gegen die Franzosen wie als Konservative gegen den Sozialisten) ziemlich scharf gemachten Legionäre etwas Entscheidendes |119 gegen die Grundhaltung des Mannes anzumerken, wohl aber Anlaß, uns an seiner Eigenart zu freuen, hatten. Nach den Quellen seiner Erkenntnisse gefragt (er ist reiner Nationalökonom) wußte er eigentlich nur von biblischen Studien zu berichten, die er gemacht hatte, während ihm sowohl die Reformatoren wie unsere nicht genug zu preisende eigene Theologie so ziemlich böhmische Dörfer zu sein schienen. Es geht also gelegentlich auch so. Und es ist ja auch wirklich nicht einzusehen, warum es nicht auch im verrufenen Westen Abrahams Kinder [vgl. Lk. 19,9] geben soll, denen gegenüber als Hüter des Grals sich zu gebärden uns dann übel anstehen würde. Das ist die erteilte Lehre, die ich nachher meinen Seminarleuten feierlich als Ereignis darzustellen suchte.
Wegen meines Befindens darfst du trotz der Rezidive, von denen dir Fritz berichtet hat, nun wirklich beruhigt sein. Die Ausflüsse des in mir wohnenden bösen Wesens haben nahezu gänzlich aufgehört. Ich bin wieder fast den ganzen Tag auf den Füßen, die Pfeife ist wieder munter in Brand, und wenn ich mich auch in Bezug auf eigentliche Arbeit noch dran fühle wie einer, der einen Klotz am Fuß hätte, so geht es doch in immer merklicher werdender Besserung weiter und wird hoffentlich bald wieder ganz gut werden. Eben war der Doktor hier, hat in das Ohr hineingesehen und in seiner geheimnisvollen Weise Ingredienzien hineingeblasen und Alles für erfreulich erklärt. — Ich habe übrigens in diesen Krankheitswochen sehr viel — Balzac gelesen und verstehe nun erst, warum ihn Rodin so schlechthin gigantisch meinte darstellen zu müssen5. Was sich einem da entrollt an stupendem Wissen um Welt und Mensch, wenn man den Kosmos seiner Romane so nach und nach als ein Ganzes kennen lernt, das ist ganz unerhört. Rudis besondere Liebe zu Frankreich wird mir bei der Lektüre sehr verständlich. Ich meine dieses Land und diese Leute, ohne je dort gewesen zu sein, nun wirklich auch schon zu kennen und ganz dort zu Hause zu sein. Wenn du je Zeit und Lust dazu hast, so laß dich von Rudi nicht abhalten, getrost zu der umfassenden deutschen Übersetzung des Rowohltverlags6 zu greifen. |120 Sie scheint mir das, worauf es ankommt, durchaus zu vermitteln, und ich ließ mir von einem französischen Studenten sagen, daß Balzacs Französisch nun gerade nicht das Bedeutende an ihm sei, sondern zu schweren Einwänden Anlaß gebe. A propos Lektüre: Gestern Abend las ich einen ganz vorzüglichen Aufsatz von H. M. Müller in der «Eiche» zum Problem der Sozialethik7, in dem er Brundstäd und Wünsch, Tillich und die Frau von Tiling in wirklich lehrreicher Weise gegeneinander ausspielt. Der Mann gehört zu der grundunsympathischen Grisebachblase8 und ist einmal notiert wegen schlechten Benehmens gegen mich9, aber es ist mir keine Frage, daß er zu den wenigen bedeutsamen Köpfen der jüngeren Generation (jedenfalls unter den Dozenten) gehört und daß es sehr angebracht ist, auf ihn zu hören. — Ebenfalls im Bett las ich das Jahrbuch 1931 der deutschen evangelischen Missionen10 und fand eigentlich wider Erwarten, daß die Missionsleute eine unverhältnismäßig viel bessere Sprache sprechen, viel sachlicher und nach allen Seiten offener sind als die Dibeliusse. Auch wenn sie sich nicht geradezu wie Hartenstein, der in jenem Jahrbuch nicht vertreten ist, zur reinen Lehre bekennen. Solche Pluszeichen muß man in der allgemeinen Dämmerung, in der wir uns befinden, doch auch buchen.
Den Schluß der Mitteilungen aus meinem Seminar wird dir Lollo noch zusenden. Zu einem eigentlichen Abschluß ist es nun freilich, weil die beiden letzten Sitzungen ausfielen, nicht mehr gekommen. Viel Neues konntest du ja daraus kaum entnehmen, aber es war mir wirklich auch eine Freude, dich in dieser Weise zum fernen Mithörer zu |121 haben. — Wenn ich nun nur wüßte, wie ich mit Allem, was geschehen sollte und was bei mir so unbarmherzig seine Zeit haben will — ich bin einfach noch immer und immer wieder ganz unfähig, die Sachen zu schmeißen —, zu Rande kommen werde. Aber da hilft nun nichts als gesund werden und warten und dann eben den Stier bei den Hörnern nehmen.
Sage Marguerite, daß ich ihr für ihre Teilnahme an dieser meiner leiblichen Beschwerde herzlich dankbar sei. Und daß ich auch ihrer und des Schweren, das ihr nun bevorsteht11, aufrichtig gedenke. Wir werden wirklich mit euch von einer Sorge befreit sein, wenn ihr uns erst die erwünschte gute Nachricht werdet geben können.
Viel Unsagbares mag auch diesmal ungesagt bleiben. Wir grüßen
euch.