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6. März 1931
Ich habe allen Anlaß, sehr gebeugten Hauptes und, wenn es möglich wäre, irgendwie mit Sühnegaben beladen vor dir zu erscheinen, denn es ist wirklich unverantwortlich, wie lange ich nicht mehr das Wort ergriffen habe. Und erst noch wäre es dringend angebracht gewesen, auf deine sehr alarmierenden Nachrichten von tiefer Bettverbannung und ernstlichem Bazillenangriff sofort an dich zu kabeln oder diesmal wirklich das Bettelefon in Bewegung zu bringen und dich anzurufen. Letzteres hätte mich auch sehr geglustet1, aber ich war doch nicht so ganz sicher, ob es gelingen werde. Aber, Karl, solltest du irgendwie noch auf dem Schragen2 liegen, und sei es nur zeitweise, so laß es mich wissen, und ich werde diesen Anruf doch noch einmal an dich ergehen lassen, etwa in einer ruhigen Abendstunde. Ich hoffe zwar sehr, es habe sich wirklich alles, alles wieder einigermaßen zum Guten gewendet. Du schriebst ja in deinem ausgiebigen und mit Heilrufen ringsum aufgenommenen Rundschreiben sehr beruhigend. Möchte es doch sein, daß |103 du dich nicht getäuscht habest! Nur eines wird doch allen Ernstes zu erwägen sein, ob du nicht trotz allen Schanzplänen3 doch noch diesen Frühling für eine gute Zeit ausreißest und dich gehörig erholst. Sicher bist du einfach richtig mitgenommen, zu Ader gelassen, gebeugt und durch die Rolle gezogen4 und solltest die Rechnung, die du deinem Bruder Leib5 stellst, nicht allzuhoch anlaufen lassen. Karl, bedenke, was du deinen Zeitgenossen noch schuldig bist, heute mehr als je. Denke an die Dibeliusse ringsum, die du noch einige weitere Jahrzehnte ausgiebig bedienen6 mußt. Diese Häfelischüler7 haben deine Rute noch dringend nötig. Wie ausgezeichnet wäre es, wenn du wider alles Erwarten doch mit einem Male hierzulande auftauchen würdest, noch umwickelt mit Kopftüchern wie Lazarus [vgl. Joh. 11,14], aber durchaus wieder mobil, durchaus bereit zu einem Abstecher in die Bayrische8 oder zu einem Chryslerfährtlein etwa ins gesegnete Elsaß, was Ruedi schon hin und |104 wieder in Aussicht gestellt hat. Und auch hinter mir läge wieder für einmal die über Ostern besonders schwierige Weidung der Basler Herde, und wir könnten uns als die Gerechten freudig an freundlich gedeckten Tischen niedersetzen. Karl!
Und nun also der Basler Stand der Dinge. Daß es mir ernst, wirklich ernst war schon seit Wochen, dir zu schreiben, mußt du mir einfach glauben. Ein Zeddelein liegt vor mir, auf dem sogar in Stichworten verzeichnet steht, was an dich schon längst zu melden fällig gewesen wäre. Jedoch, wie du ja selber so schön gesagt hast: die Weidung der Basler Herde … nicht daß sie zwar, wie du wohl selber nicht glaubst, so besonders schwierig sich gestaltete, aber wirklich, des Treibens und Getriebenwerdens ist kein Ende, die Kirche frißt ihre Hirten, und man sitzt auf einer Ressliritti9, die den ewigen Umgang hat — in diesem Augenblick ertönte zum Erstaunen deutlich die Stimme von Fritz Lieb, und zwar aus dem fernen Frankfurt. Er ist auf dem Anmarsche, freilich aus einem sehr traurigen Anlaß. Erinnerst du dich noch jenes freundlichen Nachmittages auf dem ebenen Dache des Hauses Huber in Riehen, wo wir eben mit Fritz und Helmi zusammensaßen? Denk, Frau Huber10 ist gestern mittag nach einem langen und schweren Wochenbett an ihrem fünften Kindlein gestorben — Kindbettfieber! Der arme Huber, die armen Kindlein! Fritz Lieb will zur Beerdigung kommen. Uns hat dieses lange und bittere Kämpfen und Leiden natürlich ganz besonders bewegt, ein paar Wochen noch, und Marguerite wird selber in den gleichen Fall gekommen sein11, dem Frau Huber nun hat erliegen müssen. Sie war in der gleichen Schulklasse wie Marguerite, und wir sind ihr und ihrem Manne in der letzten Zeit sehr nahe getreten. Und nun bricht ihr Weg so traurig und plötzlich ab! Sie ist sehr wacker gestorben, Boll hat sich wieder einmal bewährt. Denn sie lebte ganz und gar aus einer um Blumhardt verlebten Jugend. Aber nun hat Fritz auf Befragen gemeldet, daß es nun eben doch auch dir immer noch nicht gut gehe. Nicht ohne Besorgnis hören wir seine Meldung von neuen Fiebern und neuen Ausbrüchen der Krankheit. Ach, Karl, laß jetzt auf alle Fälle den Anselm Anselm sein und tu alles, um wieder auf die Höhe zu |105 kommen. Du bist auf alle Fälle heillos mitgenommen, auch wenn schließlich alles wieder abgeklungen sein wird. Marguerite ruft dir das noch ganz besonders herzlich und dringend zu und läßt dich vielmal, vielmal grüßen. Sie ist selber auch sehr im Getriebe, muß sich rüsten auf alles Kommende und ist darum noch weniger als ich schreibfähig, aber sie gedenkt deiner mit allen guten Wünschen! Laßt uns doch wieder hören, wie es geht, wenn auch nur auf kurzer Karte. Ich bitte darum! Weil nun gerade die Krankheitsbilanz und was damit zusammenhängt zur Rede steht, sei dir doch noch gemeldet, daß Vater Kutter wohl auch im Sterben liegt. Er hat plötzlich eine Lähmung erlitten infolge einer Sepsis im Gehirn und mußte in das Spital nach St. Gallen gebracht werden. Die Seinen haben sozusagen keine Hoffnung mehr für ihn. Er ist viel bewußtlos, leidet aber, wie ich höre, weiter nicht.12 Im November habe ich ihn noch einmal besucht aus Anlaß einer Reise nach St. Gallen, da war er zwar nicht mehr bei alter Kraft, aber doch noch recht munter und zu langer Rede fähig und freudig. Nun versiegt auch seine Lebensquelle und sein Wort. Und jene Begegnung auf dem Bergli13 wird wohl dein letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen sein.
Über dem allen verläuft mir der Trieb, noch vieles von dem, was hier und ums Minschter herum passiert, zu erzählen. Zunächst wäre zu sagen, daß ich seit Neujahr zwei freundliche Autofahrten unternommen habe. Die eine, erste, nach Bern, schon im Januar, wo ich in der Kirche von Greyerz an einem trüben Abend, während es draußen hurnigelte14, einen Vortrag über die Gegenwartsnöte der Kirche15 zu halten hatte, sehr ungleich deinem großen Berliner Schlag, sehr viel mehr auf dem unteren Känzeli, sehr viel trivialer und schweizerischer und, wie mir schien, durchaus ohne den Beifall des Mandanten zu finden. Dafür war ich der Gast deiner Mutter, und das war eine sehr gute und erquickende Sache. Sie war zur Stelle, und nach dem Vortrag fuhren wir zunächst zu |106 Lindts16 und saßen dort noch ein wenig zusammen, und dann bestiegen wir den Autoomnibus, und bald war die Waberner Höhe17 erreicht, und das treffliche Häuslein am Berge oben ging für mich auf. Lange noch saß ich mit deiner Mutter zusammen, und wie sollte es anders sein, als daß unsere Gedanken und Gespräche nach Bonn hin gingen. Nachdem wieder einmal alles, alles erwogen und bedacht war, legte ich mich zu Bette in jenem Stüblein, in dem an der Wand das Bild hängt, auf dem dein Vater und seine Freunde beim Soldätlisspielen in Aarau in der Rekrutenschule dargestellt sind, und in dem vielerlei alte Bücher stehen, die wahrscheinlich auch einst durch eure Hände gegangen sind. Andern Tags erhob ich mich spät, draußen war alles tief verschneit. Aber bald erschien Karl Lindt und zum Mittagessen auch deine Schwester und zum Schwarzen Kaffee18 noch Schädelin19 und Hubacher20, und so saßen wir zusammen bis abends, wo ich dann wieder heimwärts zu fahren hatte, nach allen Seiten erfrischt und belehrt. Bern selber kam mir allerdings sehr viel weniger unruhig und aufgestört vor als Basel. Umso bedächtiger und vielleicht fruchtbarer verläuft dort das Leben.
Die zweite Fahrt ging nach Heidelberg. Meine Arbeit über Eschatologie21 wurde dort vor der theologischen Fachschaft vorgetragen. Der Vortrag war vor der Affaire Dehn22 abgeredet23. Und warum sollte ich |107 ihn der Fachschaft nicht halten, hatte sie doch für Dehn sich eingesetzt gehabt. Aber du liebe Zeit, was für ein unerfreulicher Winkel ist doch dieses Heidelberg! Mir kam die Fakultät fast ebenso muffig und klein vor wie die Basler. Der einzig Senkrechte ist wirklich Dibelius24 dort. Sie waren auch alle irgendwie verhühnert25, verdattert. Denn daß sie in der Sache Dehn keine gute Figur gespielt haben, das kommt ihnen nachträglich offenbar selber zum Bewußtsein. Es herrschte so richtige Katerstimmung. Infolgedessen waren sie mit mir sehr freundlich, aber auch ein wenig langweilig, und ich fuhr eigentlich gern wieder andern Tages nach Basel. Aber hör an (mit Georg zu reden), sie blieben mir jedes Vortragshonorar schuldig, und erst auf mehrmaliges und dringendes Reklamieren gelang es mir endlich heute, meine Reiseunkosten herauszubekommen. Sie hätten gar kein Geld, die Fachschaft sei infolge der Wirren aufgelöst und ihrer Kasse beraubt worden, mich aber haben sie trotzdem ruhig kommen lassen! Wenig imponiert hat mir in der Diskussion der Kollege Odenwald26, am besten gefiel mir ein junger Privatdozent, Heinz Dietrich Wendland27.
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Inzwischen hat dann in Basel der ja heute sehr viel berufene Eckert28 aus dem benachbarten Mannheim einen in seiner Art wirklich rassigen Krachvortrag gehalten. Ich muß sagen: trotz Georg und trotz unserem Freund Querbein und trotz wirklich eher windiger Theologie hat mir dieser Mann nicht schlecht gefallen. Und auf alle Fälle ist die badische Regierung und Kirche schlecht beraten, wenn sie diesen Krachschlager Gottes nun heraushängen wollen. Er ist auf alle Fälle ganz anderes Kaliber als Ragaz29, hat eine eminente Gabe, zum Volke zu reden, und ist irgendwo ein ganz geradliniger und einfacher Mensch. In der Diskussion hat er unsere Kommunisten, die Schuß auf Schuß gegen ihn aufprotzten, einfach meisterhaft abgefertigt. Er war ihnen wirklich gewachsen. Solch einen Hausknecht sollte die Kirche nicht selber herausschmeißen, in der jetzigen Lage weniger als je.30 Aber eben die Kirche …! |109 Auch die Basler Kirche! … Wir machen gerade jetzt einen Versuch, wie du aus dem beiliegenden Zeddel31 ersehen kannst. Der Sämi Dieterle hat den ersten Schlag bereits geführt, im Ausholen war er unübertrefflich, weniger unübertrefflich im Zugriff selber. Er hat zwar geschwitzt wie seinerzeit Bader in Tambach.32 Und irgendwie wurde «es» auch in |110 kühnen Behauptungen hingestellt. Sehen wir zu, wie es weiter geht. Sehe vor allem ich selber zu, was ich mit dem Klassenkampf anstelle. Leider hat der Drucker schon eine Dummheit begangen, daß er mein Thema mit dem fatalen «oder» (oder Volksgemeinschaft) versah, was ich natürlich nicht meinen kann. Es sollte «und» heißen. Mir bangt vor diesem roten Kinosaal und seinem Kunstlichte, und wer weiß, ob wir weiterhin überhaupt das Volk haben werden, das uns diese Sonntagsvormittagsreden abkauft. Das richtige Volk, auf das es eigentlich abgesehen war, hat sich auf alle Fälle nicht gerade in Scharen eingestellt. So einfach sind die nicht herzubekommen. Und die ordligen33 Leute, die ihrem Pfarrer überall hin nachlaufen, wenn’s sein muß auch in den Kino, zählen in diesem Falle nicht. Und sieh, während am Morgen des letzten Sonntags also das Arbeitervolk durchaus auch im Kino uns nicht ins Garn gehen wollte, fand am Abend eine Großfeier im Münster statt, veranstaltet von der Basler Mission, die der Heimatgemeinde ihren eben aus China eingetroffenen befreiten Gefangenen, den 20 Monate unter den Räubern verlorenen Missionar Walter, vorzeigen wollte.34
|111 Und da allerdings hat sie sich nicht lumpen, nicht lange suchen lassen, sondern sie war in hellen Scharen eingetroffen. Als ich als erster Redner auf die Kanzel kam, um von der Kirche her ein Wort zu sagen, da sah ich ein wogenden Meer von solchen, die mich wahrscheinlich möglichst schnell wieder von der Kanzel herunterwünschten, um dann den Zeugen selber ins Auge zu fassen und im warmen, hell erleuchteten Minschter einen möglichst gruseligen Bericht über die Untaten dieser chinesischen Bolschewiki entgegenzunehmen. Ich habe das Meinige getan, um ihnen den Genuß dieses Abends nicht allzu leicht zu machen. Aber das Ganze war nicht nach meinem Geschmack. Ja, die Kirche! Im übrigen bin ich gegenwärtig im Endspurt des Unterrichts und habe also ungezählte Besuche zu machen, sehe mich jeden Tag einmal in irgendeiner Basler Visitenstube auf die Mamme35 warten, sitze in tiefen Fauteuils, betrachte die Gemälde, auf denen ich meist die eben hereintretende Mamme selber in irgendeinem jugendlichen Stadium mir entgegenlächeln sehe, um mich dann alsbald in eingehende Gespräche zu vertiefen über irgendein Susi oder Bethli, einen Fritz oder Beter36, die nun also auch schon soweit sind. Bald wird auch das alles wieder für einmal hinter mir liegen, und ich werde aufatmen.
Und nun, Karl, vielen Dank für deinen Berlinervortrag! Das ist eine ganz ausgezeichnete Speise. Ich habe ihn zuerst und dann hat Marguerite ihn gelesen, Wort für Wort schlürfend wie ein Glas Celui en question37. Und dann habe ich ihn unverzüglich meinem gerade zusammengekommenen Lesabendkreis38 vorgelesen. Und nun ist er in Ruedis |112 Händen und wird von dort nach Bern39 gelangen. Ich kann dir nicht sagen, wie heilfroh ich bin, daß dieses Wort nun gesagt ist. In den Buchhandlungen liegt natürlich schon der Dibelius40 auf. Aber wehe diesem Ahnungslosen, bald wird dein Wort samt Nachwort41 auch vorliegen. Sollte das eigentlich nicht als Sonderdruck herauskommen? Ich meine, das sollte unbedingt sein! Laß den nicht allein auf dem Felde herumspazieren, diesen Dibelius! Und in Zw.d.Z. ist dein Wort diesmal doch nicht allgemein genug zugänglich! Ja, da liegt irgendwie eine Abschattung von jeremianischen Situationen vor, wenn solche blinde Leute sich als Führer ausgeben, die vor dir warnen zu müssen glauben! Wehe! Und es scheint, daß diese Sorte [Leute] auf alle Fälle einen ausgezeichneten Öffentlichkeitsdienst zur Verfügung haben, die Presse spielt doch mehr oder weniger zu ihren Gunsten, wenigstens sah ich solche wie mir schien inspirierten Meldungen gleich nach deinem Vortrag, Hartenstein sandte mir eine Nummer des schwäbischen Merkur42. Aber sie werden trotz allem ihre Lehre schon noch erhalten. Dein Rundbrief gab dann noch ausgezeichnete Schilderungen vom äußeren Her- und Zugehen, für die wir natürlich sehr dankbar waren. Ein erster damenhaft verzückter Bericht war mir schon via Gerty aus der Feder |113 der Frau Fischer43 in Berlin zugekommen. Sicher war es sehr gut, daß du auf das Quousque tandem
📖 diese ausführliche Ergänzung hast folgen lassen. Das Feld ist auf alle Fälle sehr in Bewegung geraten!
Außer dem deinigem las ich auch Briefe von Erica Küppers mit allerlei guten und bewegten Berichten über das Bonner Semester und vor allem einen ausgiebigen und lebhaften Kampfbericht aus der Feder Georgs über jenen Abend mit Helmi in Bonn44. Sehr interessiert hat mich in Erica Küppers’ Brief die Darstellung eines Vortrages des französischen Sozialisten in deinem Seminar45. Mir hat das Wenige, das Erica Küppers darüber schrieb, sehr eingeleuchtet an dem Manne, vor allem die Konstruktion von der Christologie her, die dieser Mann zur sozialen Frage versucht. War das wirklich so gut und einleuchtend, wie es dem Berichte nach schien? Hat es auch deinen Beifall gefunden? Querbein rümpft eher die Nase über diesen Mann und meint, es sei nicht mehr hinter ihm als gewöhnlicher religiöser Sozialismus. Helmis Vortrag in den Theologischen Blättern46 war wieder eine jener ausgezeichneten und unmittelbar einleuchtenden Arbeiten, wie nur er sie liefern kann. Vielleicht ist das Einzige, was mich wenigstens manchmal ein klein wenig an dieser Art, Theologie der Offenbarung zu treiben, beunruhigt, dieses, daß die Koinzidenz von Glauben und Wissen fast zu reibungslos herauskommt, daß das Ärgernis der historischen Tatsächlichkeit fast zu sehr |114 einleuchtend wird, einleuchtend gewiß als Ärgernis, aber eben einleuchtend, ungemein einleuchtend, so daß, wer es anders sehen muß, als unbelehrbarer Dubel47 zurückbleibt. Aber warum soll es nicht auch einmal so gehen dürfen? Verstehst du, was ich meine? Oder teilst du diese leise, ferne Unruhe gar nicht? Sicher ruht auf Helmi eine besondere Gnade.
Es ist unterdessen Mitternacht geworden, und morgen wartet die Predigtarbeit auf mich, und nächste Woche muß also der Klassenkampfspruch gedeichselt werden. Wärest, o wärest du doch näher, dann könnte ich gewiß jetzt, wo du doch noch Patient sein mußt, irgendeinmal eine gute Stunde an deinem Bettrand verbringen und deines schwer zu entbehrenden Rates mich erfreuen bei der Weidung meiner Herde. Und überhaupt, es wäre so manches zu bereden! Das Leben wird zweifellos nicht leichter, das theologische schon gar nicht. Karl, wenn es uns doch erginge wie unserer treuen Freundin Gerty, die mir — aber nicht wahr, ich kann dir das unter dem Siegel der großen Diskretion mitteilen, nicht wahr, du spielst es ihr gegenüber gar nie aus! — also die mir vor einiger Zeit schrieb: «ich befinde mich seit vielen Monaten in einem stetigen, unerklärlichen Glück, angesichts der allgemeinen Notlage ein kleines Phänomen, das ich immer wieder zu ergründen suche. Du hast einmal beschrieben, wie da über jedem eine Form sei, in die das Leben ausfüllend hineinwachse oder auch nicht. Mir scheint, diese meine Form habe sich erfüllt, nach allen Richtungen sei ich bis zur Grenze gelangt. Aber das läßt sich nicht weiterdenken …»48 Ja, das ist Gerty, das sind nicht wir. Das ist auch Ruedi durchaus nicht. Wir wollen froh sein, wenn die nicht auszufüllende Form unseres Lebens nicht allzu vernichtend über unseren Häuptern sichtbar wird! Und uns im übrigen unseres Lebens getrösten, so gut es gehen mag von Tag zu Tag. Möchte nicht allzu Schwieriges und Dunkles auf uns warten. Möchte auch dein Haupt sich in Bälde wieder erheben dürfen!
Damit schreibe ich dir nun fast einen Neujahrswunsch, sehr verspätet, aber da er zur rechten Zeit ausgeblieben ist, mag er hingehen. Und endlich noch herzlichen Dank für das dritte Reich49! Du kannst dir denken, daß ich dieses Dokument wenn auch nicht ganz, so doch in |115 wesentlichen Teilen zur Kenntnis genommen habe. Es kam mir sehr zu Statten in allerlei Gesprächen über die aktuelle Lage. Und Markus, ja, Markus danke ich für die vortreffliche Leistung, die er mit seiner Übersetzung50 zu Weihnachten mir dargebracht hat. Heute erzählte Heiner das Traurige, daß sein wackerer Vetter Ueli in Bern leider bei der Aufnahmsprüfung ins Gymnasium wenig Glück gehabt habe, so daß nun irgendwie auf dem Wege besonderer Nachhilfe sein Wagen flott gemacht zu werden versucht werden muß.51 Der Arme! Er war gewiß einfach verdattert in Bern. Hoffentlich gelingt es trotzdem, ihn der ihm bestimmten Klasse zuzuführen. Peter hätte ich als einem Schulfreunde52 wirklich herzlich gewünscht, dieser Start wäre reibungslos gelungen. — Bei uns belebt sich der Tisch auch immer mehr mit Mitteilungen aus Gymnasialgeschichten, Matthys und Dorothee treiben ihr Latein und was drum und dran hängt munter und täglich. Und man ist froh, wenn es ohne allzugroße Reibungen vor sich geht.
Und nun herzliche Grüße. Dieser Tage reiste Freund Emil hier vorbei, um begleitet von seiner Frau53 eine dreiwöchige Vortragsreise in England und Schottland zu absolvieren. Der Donnerwetter hatte natürlich wieder fix und fertig ausgearbeitet fünf, nicht weniger als fünf große theologische Vorträge bei sich auf englisch54 und reiste mit jener |116 ihm eigenen stolzen Bescheidenheit, jenem bescheidenen Stolze über Paris dem Kanal entgegen, wie wir es an ihm kennen. In Kürze, dann, wenn ich eben in den Tunnel der Festtage einfahren muß, wird er siegreich zurückkehren. Auch er hat seine besondere Gnade.
Nellys und Lollos gedenken wir in Treue. Nelly hat Marguerite vor einiger Zeit einen so guten, warmen Brief geschrieben. Wir haben uns einfach herzlich gefreut, daß er kam. Daß das Tragen und Kämpfen weiter geht, wissen wir und sind still und weiter und weiter alles bedenkend und mit besorgend bei euch.
Erhalte ich gelegentlich den Schluß der Aufzeichnungen über «Heiligung»55? Sie waren mir so sehr dienlich! Vielen Dank dafür!