6. März 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

102
Lieber Karl,

Ich habe allen Anlaß, sehr gebeugten Hauptes und, wenn es möglich wäre, irgendwie mit Sühnegaben beladen vor dir zu erscheinen, denn es ist wirklich unverantwortlich, wie lange ich nicht mehr das Wort ergriffen habe. Und erst noch wäre es dringend angebracht gewesen, auf deine sehr alarmierenden Nachrichten von tiefer Bettverbannung und ernstlichem Bazillenangriff sofort an dich zu kabeln oder diesmal wirklich das Bettelefon in Bewegung zu bringen und dich anzurufen. Letzteres hätte mich auch sehr geglustet1, aber ich war doch nicht so ganz sicher, ob es gelingen werde. Aber, Karl, solltest du irgendwie noch auf dem Schragen2 liegen, und sei es nur zeitweise, so laß es mich wissen, und ich werde diesen Anruf doch noch einmal an dich ergehen lassen, etwa in einer ruhigen Abendstunde. Ich hoffe zwar sehr, es habe sich wirklich alles, alles wieder einigermaßen zum Guten gewendet. Du schriebst ja in deinem ausgiebigen und mit Heilrufen ringsum aufgenommenen Rundschreiben sehr beruhigend. Möchte es doch sein, daß |103 du dich nicht getäuscht habest! Nur eines wird doch allen Ernstes zu erwägen sein, ob du nicht trotz allen Schanzplänen3 doch noch diesen Frühling für eine gute Zeit ausreißest und dich gehörig erholst. Sicher bist du einfach richtig mitgenommen, zu Ader gelassen, gebeugt und durch die Rolle gezogen4 und solltest die Rechnung, die du deinem Bruder Leib5 stellst, nicht allzuhoch anlaufen lassen. Karl, bedenke, was du deinen Zeitgenossen noch schuldig bist, heute mehr als je. Denke an die Dibeliusse ringsum, die du noch einige weitere Jahrzehnte ausgiebig bedienen6 mußt. Diese Häfelischüler7 haben deine Rute noch dringend nötig. Wie ausgezeichnet wäre es, wenn du wider alles Erwarten doch mit einem Male hierzulande auftauchen würdest, noch umwickelt mit Kopftüchern wie Lazarus [vgl. Joh. 11,14], aber durchaus wieder mobil, durchaus bereit zu einem Abstecher in die Bayrische8 oder zu einem Chryslerfährtlein etwa ins gesegnete Elsaß, was Ruedi schon hin und |104 wieder in Aussicht gestellt hat. Und auch hinter mir läge wieder für einmal die über Ostern besonders schwierige Weidung der Basler Herde, und wir könnten uns als die Gerechten freudig an freundlich gedeckten Tischen niedersetzen. Karl!

Und nun also der Basler Stand der Dinge. Daß es mir ernst, wirklich ernst war schon seit Wochen, dir zu schreiben, mußt du mir einfach glauben. Ein Zeddelein liegt vor mir, auf dem sogar in Stichworten verzeichnet steht, was an dich schon längst zu melden fällig gewesen wäre. Jedoch, wie du ja selber so schön gesagt hast: die Weidung der Basler Herde … nicht daß sie zwar, wie du wohl selber nicht glaubst, so besonders schwierig sich gestaltete, aber wirklich, des Treibens und Getriebenwerdens ist kein Ende, die Kirche frißt ihre Hirten, und man sitzt auf einer Ressliritti9, die den ewigen Umgang hat — in diesem Augenblick ertönte zum Erstaunen deutlich die Stimme von Fritz Lieb, und zwar aus dem fernen Frankfurt. Er ist auf dem Anmarsche, freilich aus einem sehr traurigen Anlaß. Erinnerst du dich noch jenes freundlichen Nachmittages auf dem ebenen Dache des Hauses Huber in Riehen, wo wir eben mit Fritz und Helmi zusammensaßen? Denk, Frau Huber10 ist gestern mittag nach einem langen und schweren Wochenbett an ihrem fünften Kindlein gestorben — Kindbettfieber! Der arme Huber, die armen Kindlein! Fritz Lieb will zur Beerdigung kommen. Uns hat dieses lange und bittere Kämpfen und Leiden natürlich ganz besonders bewegt, ein paar Wochen noch, und Marguerite wird selber in den gleichen Fall gekommen sein11, dem Frau Huber nun hat erliegen müssen. Sie war in der gleichen Schulklasse wie Marguerite, und wir sind ihr und ihrem Manne in der letzten Zeit sehr nahe getreten. Und nun bricht ihr Weg so traurig und plötzlich ab! Sie ist sehr wacker gestorben, Boll hat sich wieder einmal bewährt. Denn sie lebte ganz und gar aus einer um Blumhardt verlebten Jugend. Aber nun hat Fritz auf Befragen gemeldet, daß es nun eben doch auch dir immer noch nicht gut gehe. Nicht ohne Besorgnis hören wir seine Meldung von neuen Fiebern und neuen Ausbrüchen der Krankheit. Ach, Karl, laß jetzt auf alle Fälle den Anselm Anselm sein und tu alles, um wieder auf die Höhe zu |105 kommen. Du bist auf alle Fälle heillos mitgenommen, auch wenn schließlich alles wieder abgeklungen sein wird. Marguerite ruft dir das noch ganz besonders herzlich und dringend zu und läßt dich vielmal, vielmal grüßen. Sie ist selber auch sehr im Getriebe, muß sich rüsten auf alles Kommende und ist darum noch weniger als ich schreibfähig, aber sie gedenkt deiner mit allen guten Wünschen! Laßt uns doch wieder hören, wie es geht, wenn auch nur auf kurzer Karte. Ich bitte darum! Weil nun gerade die Krankheitsbilanz und was damit zusammenhängt zur Rede steht, sei dir doch noch gemeldet, daß Vater Kutter wohl auch im Sterben liegt. Er hat plötzlich eine Lähmung erlitten infolge einer Sepsis im Gehirn und mußte in das Spital nach St. Gallen gebracht werden. Die Seinen haben sozusagen keine Hoffnung mehr für ihn. Er ist viel bewußtlos, leidet aber, wie ich höre, weiter nicht.12 Im November habe ich ihn noch einmal besucht aus Anlaß einer Reise nach St. Gallen, da war er zwar nicht mehr bei alter Kraft, aber doch noch recht munter und zu langer Rede fähig und freudig. Nun versiegt auch seine Lebensquelle und sein Wort. Und jene Begegnung auf dem Bergli13 wird wohl dein letztes Zusammentreffen mit ihm gewesen sein.

Über dem allen verläuft mir der Trieb, noch vieles von dem, was hier und ums Minschter herum passiert, zu erzählen. Zunächst wäre zu sagen, daß ich seit Neujahr zwei freundliche Autofahrten unternommen habe. Die eine, erste, nach Bern, schon im Januar, wo ich in der Kirche von Greyerz an einem trüben Abend, während es draußen hurnigelte14, einen Vortrag über die Gegenwartsnöte der Kirche15 zu halten hatte, sehr ungleich deinem großen Berliner Schlag, sehr viel mehr auf dem unteren Känzeli, sehr viel trivialer und schweizerischer und, wie mir schien, durchaus ohne den Beifall des Mandanten zu finden. Dafür war ich der Gast deiner Mutter, und das war eine sehr gute und erquickende Sache. Sie war zur Stelle, und nach dem Vortrag fuhren wir zunächst zu |106 Lindts16 und saßen dort noch ein wenig zusammen, und dann bestiegen wir den Autoomnibus, und bald war die Waberner Höhe17 erreicht, und das treffliche Häuslein am Berge oben ging für mich auf. Lange noch saß ich mit deiner Mutter zusammen, und wie sollte es anders sein, als daß unsere Gedanken und Gespräche nach Bonn hin gingen. Nachdem wieder einmal alles, alles erwogen und bedacht war, legte ich mich zu Bette in jenem Stüblein, in dem an der Wand das Bild hängt, auf dem dein Vater und seine Freunde beim Soldätlisspielen in Aarau in der Rekrutenschule dargestellt sind, und in dem vielerlei alte Bücher stehen, die wahrscheinlich auch einst durch eure Hände gegangen sind. Andern Tags erhob ich mich spät, draußen war alles tief verschneit. Aber bald erschien Karl Lindt und zum Mittagessen auch deine Schwester und zum Schwarzen Kaffee18 noch Schädelin19 und Hubacher20, und so saßen wir zusammen bis abends, wo ich dann wieder heimwärts zu fahren hatte, nach allen Seiten erfrischt und belehrt. Bern selber kam mir allerdings sehr viel weniger unruhig und aufgestört vor als Basel. Umso bedächtiger und vielleicht fruchtbarer verläuft dort das Leben.

Die zweite Fahrt ging nach Heidelberg. Meine Arbeit über Eschatologie21 wurde dort vor der theologischen Fachschaft vorgetragen. Der Vortrag war vor der Affaire Dehn22 abgeredet23. Und warum sollte ich |107 ihn der Fachschaft nicht halten, hatte sie doch für Dehn sich eingesetzt gehabt. Aber du liebe Zeit, was für ein unerfreulicher Winkel ist doch dieses Heidelberg! Mir kam die Fakultät fast ebenso muffig und klein vor wie die Basler. Der einzig Senkrechte ist wirklich Dibelius24 dort. Sie waren auch alle irgendwie verhühnert25, verdattert. Denn daß sie in der Sache Dehn keine gute Figur gespielt haben, das kommt ihnen nachträglich offenbar selber zum Bewußtsein. Es herrschte so richtige Katerstimmung. Infolgedessen waren sie mit mir sehr freundlich, aber auch ein wenig langweilig, und ich fuhr eigentlich gern wieder andern Tages nach Basel. Aber hör an (mit Georg zu reden), sie blieben mir jedes Vortragshonorar schuldig, und erst auf mehrmaliges und dringendes Reklamieren gelang es mir endlich heute, meine Reiseunkosten herauszubekommen. Sie hätten gar kein Geld, die Fachschaft sei infolge der Wirren aufgelöst und ihrer Kasse beraubt worden, mich aber haben sie trotzdem ruhig kommen lassen! Wenig imponiert hat mir in der Diskussion der Kollege Odenwald26, am besten gefiel mir ein junger Privatdozent, Heinz Dietrich Wendland27.

108

Inzwischen hat dann in Basel der ja heute sehr viel berufene Eckert28 aus dem benachbarten Mannheim einen in seiner Art wirklich rassigen Krachvortrag gehalten. Ich muß sagen: trotz Georg und trotz unserem Freund Querbein und trotz wirklich eher windiger Theologie hat mir dieser Mann nicht schlecht gefallen. Und auf alle Fälle ist die badische Regierung und Kirche schlecht beraten, wenn sie diesen Krachschlager Gottes nun heraushängen wollen. Er ist auf alle Fälle ganz anderes Kaliber als Ragaz29, hat eine eminente Gabe, zum Volke zu reden, und ist irgendwo ein ganz geradliniger und einfacher Mensch. In der Diskussion hat er unsere Kommunisten, die Schuß auf Schuß gegen ihn aufprotzten, einfach meisterhaft abgefertigt. Er war ihnen wirklich gewachsen. Solch einen Hausknecht sollte die Kirche nicht selber herausschmeißen, in der jetzigen Lage weniger als je.30 Aber eben die Kirche …! |109 Auch die Basler Kirche! … Wir machen gerade jetzt einen Versuch, wie du aus dem beiliegenden Zeddel31 ersehen kannst. Der Sämi Dieterle hat den ersten Schlag bereits geführt, im Ausholen war er unübertrefflich, weniger unübertrefflich im Zugriff selber. Er hat zwar geschwitzt wie seinerzeit Bader in Tambach.32 Und irgendwie wurde «es» auch in |110 kühnen Behauptungen hingestellt. Sehen wir zu, wie es weiter geht. Sehe vor allem ich selber zu, was ich mit dem Klassenkampf anstelle. Leider hat der Drucker schon eine Dummheit begangen, daß er mein Thema mit dem fatalen «oder» (oder Volksgemeinschaft) versah, was ich natürlich nicht meinen kann. Es sollte «und» heißen. Mir bangt vor diesem roten Kinosaal und seinem Kunstlichte, und wer weiß, ob wir weiterhin überhaupt das Volk haben werden, das uns diese Sonntagsvormittagsreden abkauft. Das richtige Volk, auf das es eigentlich abgesehen war, hat sich auf alle Fälle nicht gerade in Scharen eingestellt. So einfach sind die nicht herzubekommen. Und die ordligen33 Leute, die ihrem Pfarrer überall hin nachlaufen, wenn’s sein muß auch in den Kino, zählen in diesem Falle nicht. Und sieh, während am Morgen des letzten Sonntags also das Arbeitervolk durchaus auch im Kino uns nicht ins Garn gehen wollte, fand am Abend eine Großfeier im Münster statt, veranstaltet von der Basler Mission, die der Heimatgemeinde ihren eben aus China eingetroffenen befreiten Gefangenen, den 20 Monate unter den Räubern verlorenen Missionar Walter, vorzeigen wollte.34 |111 Und da allerdings hat sie sich nicht lumpen, nicht lange suchen lassen, sondern sie war in hellen Scharen eingetroffen. Als ich als erster Redner auf die Kanzel kam, um von der Kirche her ein Wort zu sagen, da sah ich ein wogenden Meer von solchen, die mich wahrscheinlich möglichst schnell wieder von der Kanzel herunterwünschten, um dann den Zeugen selber ins Auge zu fassen und im warmen, hell erleuchteten Minschter einen möglichst gruseligen Bericht über die Untaten dieser chinesischen Bolschewiki entgegenzunehmen. Ich habe das Meinige getan, um ihnen den Genuß dieses Abends nicht allzu leicht zu machen. Aber das Ganze war nicht nach meinem Geschmack. Ja, die Kirche! Im übrigen bin ich gegenwärtig im Endspurt des Unterrichts und habe also ungezählte Besuche zu machen, sehe mich jeden Tag einmal in irgendeiner Basler Visitenstube auf die Mamme35 warten, sitze in tiefen Fauteuils, betrachte die Gemälde, auf denen ich meist die eben hereintretende Mamme selber in irgendeinem jugendlichen Stadium mir entgegenlächeln sehe, um mich dann alsbald in eingehende Gespräche zu vertiefen über irgendein Susi oder Bethli, einen Fritz oder Beter36, die nun also auch schon soweit sind. Bald wird auch das alles wieder für einmal hinter mir liegen, und ich werde aufatmen.

Und nun, Karl, vielen Dank für deinen Berlinervortrag! Das ist eine ganz ausgezeichnete Speise. Ich habe ihn zuerst und dann hat Marguerite ihn gelesen, Wort für Wort schlürfend wie ein Glas Celui en question37. Und dann habe ich ihn unverzüglich meinem gerade zusammengekommenen Lesabendkreis38 vorgelesen. Und nun ist er in Ruedis |112 Händen und wird von dort nach Bern39 gelangen. Ich kann dir nicht sagen, wie heilfroh ich bin, daß dieses Wort nun gesagt ist. In den Buchhandlungen liegt natürlich schon der Dibelius40 auf. Aber wehe diesem Ahnungslosen, bald wird dein Wort samt Nachwort41 auch vorliegen. Sollte das eigentlich nicht als Sonderdruck herauskommen? Ich meine, das sollte unbedingt sein! Laß den nicht allein auf dem Felde herumspazieren, diesen Dibelius! Und in Zw.d.Z. ist dein Wort diesmal doch nicht allgemein genug zugänglich! Ja, da liegt irgendwie eine Abschattung von jeremianischen Situationen vor, wenn solche blinde Leute sich als Führer ausgeben, die vor dir warnen zu müssen glauben! Wehe! Und es scheint, daß diese Sorte [Leute] auf alle Fälle einen ausgezeichneten Öffentlichkeitsdienst zur Verfügung haben, die Presse spielt doch mehr oder weniger zu ihren Gunsten, wenigstens sah ich solche wie mir schien inspirierten Meldungen gleich nach deinem Vortrag, Hartenstein sandte mir eine Nummer des schwäbischen Merkur42. Aber sie werden trotz allem ihre Lehre schon noch erhalten. Dein Rundbrief gab dann noch ausgezeichnete Schilderungen vom äußeren Her- und Zugehen, für die wir natürlich sehr dankbar waren. Ein erster damenhaft verzückter Bericht war mir schon via Gerty aus der Feder |113 der Frau Fischer43 in Berlin zugekommen. Sicher war es sehr gut, daß du auf das Quousque tandem 📖 diese ausführliche Ergänzung hast folgen lassen. Das Feld ist auf alle Fälle sehr in Bewegung geraten!

Außer dem deinigem las ich auch Briefe von Erica Küppers mit allerlei guten und bewegten Berichten über das Bonner Semester und vor allem einen ausgiebigen und lebhaften Kampfbericht aus der Feder Georgs über jenen Abend mit Helmi in Bonn44. Sehr interessiert hat mich in Erica Küppers’ Brief die Darstellung eines Vortrages des französischen Sozialisten in deinem Seminar45. Mir hat das Wenige, das Erica Küppers darüber schrieb, sehr eingeleuchtet an dem Manne, vor allem die Konstruktion von der Christologie her, die dieser Mann zur sozialen Frage versucht. War das wirklich so gut und einleuchtend, wie es dem Berichte nach schien? Hat es auch deinen Beifall gefunden? Querbein rümpft eher die Nase über diesen Mann und meint, es sei nicht mehr hinter ihm als gewöhnlicher religiöser Sozialismus. Helmis Vortrag in den Theologischen Blättern46 war wieder eine jener ausgezeichneten und unmittelbar einleuchtenden Arbeiten, wie nur er sie liefern kann. Vielleicht ist das Einzige, was mich wenigstens manchmal ein klein wenig an dieser Art, Theologie der Offenbarung zu treiben, beunruhigt, dieses, daß die Koinzidenz von Glauben und Wissen fast zu reibungslos herauskommt, daß das Ärgernis der historischen Tatsächlichkeit fast zu sehr |114 einleuchtend wird, einleuchtend gewiß als Ärgernis, aber eben einleuchtend, ungemein einleuchtend, so daß, wer es anders sehen muß, als unbelehrbarer Dubel47 zurückbleibt. Aber warum soll es nicht auch einmal so gehen dürfen? Verstehst du, was ich meine? Oder teilst du diese leise, ferne Unruhe gar nicht? Sicher ruht auf Helmi eine besondere Gnade.

Es ist unterdessen Mitternacht geworden, und morgen wartet die Predigtarbeit auf mich, und nächste Woche muß also der Klassenkampfspruch gedeichselt werden. Wärest, o wärest du doch näher, dann könnte ich gewiß jetzt, wo du doch noch Patient sein mußt, irgendeinmal eine gute Stunde an deinem Bettrand verbringen und deines schwer zu entbehrenden Rates mich erfreuen bei der Weidung meiner Herde. Und überhaupt, es wäre so manches zu bereden! Das Leben wird zweifellos nicht leichter, das theologische schon gar nicht. Karl, wenn es uns doch erginge wie unserer treuen Freundin Gerty, die mir — aber nicht wahr, ich kann dir das unter dem Siegel der großen Diskretion mitteilen, nicht wahr, du spielst es ihr gegenüber gar nie aus! — also die mir vor einiger Zeit schrieb: «ich befinde mich seit vielen Monaten in einem stetigen, unerklärlichen Glück, angesichts der allgemeinen Notlage ein kleines Phänomen, das ich immer wieder zu ergründen suche. Du hast einmal beschrieben, wie da über jedem eine Form sei, in die das Leben ausfüllend hineinwachse oder auch nicht. Mir scheint, diese meine Form habe sich erfüllt, nach allen Richtungen sei ich bis zur Grenze gelangt. Aber das läßt sich nicht weiterdenken …»48 Ja, das ist Gerty, das sind nicht wir. Das ist auch Ruedi durchaus nicht. Wir wollen froh sein, wenn die nicht auszufüllende Form unseres Lebens nicht allzu vernichtend über unseren Häuptern sichtbar wird! Und uns im übrigen unseres Lebens getrösten, so gut es gehen mag von Tag zu Tag. Möchte nicht allzu Schwieriges und Dunkles auf uns warten. Möchte auch dein Haupt sich in Bälde wieder erheben dürfen!

Damit schreibe ich dir nun fast einen Neujahrswunsch, sehr verspätet, aber da er zur rechten Zeit ausgeblieben ist, mag er hingehen. Und endlich noch herzlichen Dank für das dritte Reich49! Du kannst dir denken, daß ich dieses Dokument wenn auch nicht ganz, so doch in |115 wesentlichen Teilen zur Kenntnis genommen habe. Es kam mir sehr zu Statten in allerlei Gesprächen über die aktuelle Lage. Und Markus, ja, Markus danke ich für die vortreffliche Leistung, die er mit seiner Übersetzung50 zu Weihnachten mir dargebracht hat. Heute erzählte Heiner das Traurige, daß sein wackerer Vetter Ueli in Bern leider bei der Aufnahmsprüfung ins Gymnasium wenig Glück gehabt habe, so daß nun irgendwie auf dem Wege besonderer Nachhilfe sein Wagen flott gemacht zu werden versucht werden muß.51 Der Arme! Er war gewiß einfach verdattert in Bern. Hoffentlich gelingt es trotzdem, ihn der ihm bestimmten Klasse zuzuführen. Peter hätte ich als einem Schulfreunde52 wirklich herzlich gewünscht, dieser Start wäre reibungslos gelungen. — Bei uns belebt sich der Tisch auch immer mehr mit Mitteilungen aus Gymnasialgeschichten, Matthys und Dorothee treiben ihr Latein und was drum und dran hängt munter und täglich. Und man ist froh, wenn es ohne allzugroße Reibungen vor sich geht.

Und nun herzliche Grüße. Dieser Tage reiste Freund Emil hier vorbei, um begleitet von seiner Frau53 eine dreiwöchige Vortragsreise in England und Schottland zu absolvieren. Der Donnerwetter hatte natürlich wieder fix und fertig ausgearbeitet fünf, nicht weniger als fünf große theologische Vorträge bei sich auf englisch54 und reiste mit jener |116 ihm eigenen stolzen Bescheidenheit, jenem bescheidenen Stolze über Paris dem Kanal entgegen, wie wir es an ihm kennen. In Kürze, dann, wenn ich eben in den Tunnel der Festtage einfahren muß, wird er siegreich zurückkehren. Auch er hat seine besondere Gnade.

Nellys und Lollos gedenken wir in Treue. Nelly hat Marguerite vor einiger Zeit einen so guten, warmen Brief geschrieben. Wir haben uns einfach herzlich gefreut, daß er kam. Daß das Tragen und Kämpfen weiter geht, wissen wir und sind still und weiter und weiter alles bedenkend und mit besorgend bei euch.

Dein
Eduard

Erhalte ich gelegentlich den Schluß der Aufzeichnungen über «Heiligung»55? Sie waren mir so sehr dienlich! Vielen Dank dafür!

Sachfußnoten

1
= gelüstet.↩
2
= Bett.↩
3
Übertragen etwa: Arbeitspläne, Vorhaben.↩
4
Vgl. M. Luther, Predigt über Ps. 26 am Freitag nach Jubilate 12.5.1525, WA 17/I, 236,15-17 📖: «Derhalben so ist es gut, das sie wol durch die Rolle gezogen und gepantzerfeget würden, auff das die Lere in dem Leben ein wenig etwas erfare.» Predigt über 1.Kor. 15,8–11 (1532), WA 36, 514,18-22 📖: «Denn er wil nicht solche sichere, vermessene geister dazu haben, sondern solche leute, die zuvor wol durch die rolle gezogen, versucht und gebrochen sind und solchs wissen bekennen müssen, das sie böse buben gewesen sind, wie S. Paulus gewest war, und mit solchen Sünden beladen, die rechte grosse sünde heissen fur Gott, als Gottes und des Herrn Christi feinde …»↩
5
Der Ausdruck stammt aus der Überlieferung um Franz von Assisi; s. Speculum perfectionis seu S. Francisci Assisiensis legenda antiquissima auctore fratre Leone (Cap. 97), hrsg. von P. Sabatier (Collection de documents pour l’histoire religieuse et littéraire du Moyen âge, Tome I), Paris 1898, S. 191, Z.3–12 📖: «Considerans et intelligens pater sanctissimus propter animam corpus esse creatum et actus corporales propter spirituales esse agendos, dicebat: ‹Servus Dei in comedendo et bibendo et dormiendo et alias necessitates corporis sumendo debet cum discretione suo corpori satisfacere ita quod frater corpus non valeat murmurare dicens: Non possum stare erectus et insistere orationi nec in tribulationibus mentis laetari nec alia bona opera operari quia non fatisfacis [andere Lesart: satisfacis] indigentiae meae.›» Ferner: Ebd., Z.14–19. — Thomas von Celano, Vita secunda S. Francisci, n.129, in: Analecta Franciscana, Vol.X, Ad Claras Aquas 1926-1941, S. 206 📖: «Dixit etiam aliquando sanctus [Franciscus]: ‹Fratri corpori cum discretione providendum est, ne ab eo tempestas commoveantur acediae.›» Ferner: op. cit., n.211, S. 251. ↩
6
Hier etwa: ihnen entgegentreten.↩
7
= Kindergartenkinder (die man noch auf das «Häfeli» setzen muß).↩
8
Es gab zwei Lokale mit Namen «Alte Bayrische Bierhalle» in Basel.↩
9
(oder Rössliritti) = Karussell.↩
10
Maria Tabitha Huber, geb. Zweifel (1893–1931), erste Ehefrau von Gottlieb Fritz Huber (1892–1944; 1927–1944 Pfarrer am Basler Waisenhaus).↩
11
Vgl. unten S. 121, Anm. 11.↩
12
Hermann Kutter starb am 22.3.1931.↩
13
Siehe Bw.Th. II, S. 663. 📖 ↩
14
= «schneeregnete».↩
15
Thurneysen hatte auf Einladung der Vereinigung unabhängiger Kirchengenossen am 25. Januar abends in der Berner Johanneskirche gesprochen, an der Karl von Greyerz (1890–1949) 1918–1935 Pfarrer war. Eine Zusammenfassung des Vortrags erschien in dem Artikel: B., Kirchliche Gegenwartsnöte. Vortrag von Pfr. E. Turneysen [sic], in: Berner Tagblatt, Jg. 43 (1931), Nr. 41 vom 27.1.1931, S. 3. 📖 ↩
16
Karl («Kari») (1893–1948) und Gertrud («Trudi») Lindt (1896–1979), K. Barths Schwager und Schwester. K. Lindt war nach Pfarrämtern in Gadmen und Beatenberg (Kanton Bern) seit 1926 Pfarrer der Heiliggeistgemeinde in Bern, außerdem Direktionsmitglied der dortigen Neuen Mädchenschule und Religionslehrer am Seminar dieser Schule.↩
17
Vgl. oben S. 17, Anm. 2.↩
18
Nach Schweizer Sitte wird anschließend an das Mittagessen Kaffee, mit oder ohne etwas Gebäck, gereicht. Hierzu können Gäste eingeladen werden, die nicht an der Mahlzeit teilgenommen haben.↩
19
Albert Schädelin (1880–1961), 1911–1952 Pfarrer am Berner Münster, 1928–1951 a.o. Professor für Praktische Theologie in Bern; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister) sowie K. Barths Festschriftbeitrag in Briefform zu Schädelins 70. Geburtstag in: O. Br. 1945-1968, S. 184–194. 📖 ↩
20
Ernst Albert Hubacher (1888–1963), 1922–1952 Pfarrer an der Berner Friedenskirche.↩
21
Vermutlich: E. Thurneysen, Christus und seine Zukunft. Ein Beitrag zur Eschatologie, in: ZZ, Jg. 9 (1931), S. 187–211. 📖↩
22
Die Heidelberger Theologische Fakultät hatte Günther Dehn im Dezember 1930 auf den Lehrstuhl für Praktische Theologie berufen. Obwohl Dehn den Ruf schon angenommen hatte, erklärte sie unter dem Eindruck eines denunzierenden Artikels in den «Eisernen Blättern» Anfang 1931 und der darauf folgenden Angriffe von Studenten in einem Votum an Senat und Kultusministerium (am 26.1.1931 M. Dibelius), sie halte Dehn «auf Grund der ihr erst jetzt bekannt gewordenen Akten für das hiesige Amt des ordentlichen Professors der Praktischen Theologie und Leiters des Praktisch-Theologischen Seminars nicht für geeignet» (Voten der Fakultät Heidelberg zur Berufung des D. Dehn, in: CW, Jg. 45 [1931], Sp. 205f. 📖; Zitat dort Sp. 205; und in: Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente zum Halleschen Universitätskonflikt, mit einem Nachwort von G. Dehn, Berlin o. J. [1931], S. 40–43 📖; Zitat dort S. 41; vgl. auch M. Rade, Unerfreuliches aus Heidelberg, in: CW, Jg. 45, Sp. 186–188 📖; G. Dehn, Kirche und Völkerversöhnung. Vortrag in der Ulrichskirche zu Magdeburg gehalten am 9. November 1928 [mit einem Nachwort vom 13.2.1931], in: CW, Jg. 45, Sp. 194–204 📖, bzw. in: Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente …, S. 6–23 [ohne dieses Nachwort]). Dehn folgte dann statt dessen einem Ruf nach Halle, wo wiederum Studenten gegen ihn agitierten. Zum «Fall Dehn», seiner Vorgeschichte und weiteren Entwicklung vgl. Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente …; G. Dehn, Die alte Zeit …, a.a.O. (S. 95, Anm. 18), S. 250–262 📖; Scholder I, S. 217–224, und S. 783, Anm. 15 (Literatur) 📖.↩
23
= abgesprochen.↩
24
Dr. phil. Lic. theol. Martin Dibelius (1883–1947), ein Vetter von O. Dibelius, 1915–1947 o. Professor für Neues Testament in Heidelberg.↩
25
= kopflos, verwirrt.↩
26
Theodor Odenwald (1889–1970), seit 1923 zunächst Privatdozent, dann a.o. Professor, 1929–1945 o. Professor für Systematische Theologie in Heidelberg.↩
27
Heinz Dietrich Wendland (1900–1992), 1929–1937 Privatdozent für Neues Testament und Sozialethik in Heidelberg, 1937–1955 Professor für Neues Testament in Kiel, dann bis 1968 für christliche Gesellschaftswissenschaften in Münster.↩
28
Erwin Eckert (1893–1972), aktiver und radikaler Sozialist (1911 Eintritt in die SPD, am 3.10.1931, einen Tag nach seinem Parteiausschluß, Eintritt in die KPD), seit 1927 Pfarrer an der Trinitatiskirche in Mannheim. Er wurde nach längeren kirchenrechtlichen Verfahren im Dezember 1931 seines Amtes enthoben und trat darauf aus der Kirche aus. Vgl. Fr.-M. Balzer / K. U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert, Zum Verhältnis von Protestantismus und Faschismus am Ende der Weimarer Republik, mit einem Geleitwort von H. Prolingheuer, Köln 1987 📖; ferner: Fr.-M. Balzer, Erwin Eckert und der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der protestantischen Landeskirchen und der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik, Marburg 1972. 📖 ↩
29
Leonhard Ragaz (1868–1945), zunächst liberaler Theologe, neben H. Kutter Begründer der religiös-sozialen Bewegung, nach Tätigkeit als Pfarrer und Religionslehrer in Graubünden 1902–1908 Pfarrer am Basler Münster, 1908–1920 Professor für Dogmatik, Ethik und Praktische Theologie in Zürich, ab 1921 freie Lehrer- und Schriftstellerarbeit; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
30
Auf Einladung der Vereinigung sozialistischer Kirchgenossen sprach Eckert am 17.1.1931 im überfüllten Unionssaal des Volkshauses über das Thema «Warum kämpfen wir als Christen gegen den Kapitalismus?». Ein Bericht der Arbeiterzeitung gibt die Atmosphäre der Veranstaltung wieder: «… so mag sich die zirka 700 Personen zählende Zuhörerschaft ungefähr zu gleichen Teilen aus Sozialisten und Bürgerlichen zusammengesetzt haben. Dazwischen, technisch gut plaziert, etwa 50 Kommunisten. … Die bis Mitternacht dauernde Diskussion setzte mit einer wahren Geduldsprobe ein. Ein volles halbes Dutzend Kommunisten ließ in ermüdender Ausführlichkeit hören, was im Grund auf zwei Sätze hinauslief: erstens Religion ist Opium für’s Volk und zweitens die Sozialdemokraten sind Verräter. … Im Schlußwort des Genossen Eckert fanden die Kommunisten einen Meister, wie sie ihn kaum erwartet hatten. Mit überlegener Kenntnis von Marx und Lenin, mit scharfem Humor — köstlich, wie er die Zwischenrufe Theo Dunkels abfertigte — und mit packendem Ernst wies er die Zuhörer noch einmal auf das hin, was den religiösen Sozialisten am Wichtigsten ist: auf die nur aus den Quellen tiefster Wirklichkeit strömende Zuversicht auf den Sieg des Sozialismus» (R.S., Warum kämpfen wir als Christen gegen den Kapitalismus, in: AZ, Jg. 11 [1931], Nr. 16 vom 20.1.1931, S. 5 📖; vgl. auch -gg-, «Warum bekämpfen wir als Christen den Kapitalismus?», in: BN, Jg. 87 [1931], Nr. 19 vom 20.1.1931, 1. Beilage 📖). — In einem Brief an G. Merz schilderte Thurneysen seinen Eindruck von Eckert, mit dem er am folgenden Tag noch eine Stunde zusammensaß, noch ausführlicher (Brief vom 3.2.1931, Durchschlag im Nachlaß Thurneysen 📖).↩
31
Vielleicht die Anzeige: «Im Kino Forum / St. Johanns-Vorstadt / Die Gottesfrage in der Not der Gegenwart / Vier Vorträge jeweilen Sonntag vormittag 11 Uhr am / 1., 8., 15. und 22. März / Am 1. März: / Sind die Grundlagen des Lebens erschüttert? / (Herr Pfarrer Samuel Dieterle) / Am 8. März: / Gott und die Götzen in unserer Zeit / (Herr Professor Herm. Bächtold) / Am 15. März: / Klassenkampf oder Volksgemeinschaft? / (Herr Pfarrer Dr. Ed. Thurneysen) / Am 22. März: / Völkerkrieg oder Völkerfriede? / (Herr Pfarrer J. Eya) / Jedermann ist freundlich willkommen / Bitte ausschneiden und aufbewahren», in: AZ, Jg. 11 (1931), Nr. 49 vom 27.2.1931, S. 6 📖; Berichte über die einzelnen Vorträge: A. B. G., Kirche im Kino, in: a.a.O., Nr. 55 vom 6.3.1931, S. 4 📖 (zu S. Dieterle mit Zusammenfassung des Vortrags); ders., Es knistert im Gebälk …. Kirche im Kino, in: a.a.O., Nr. 64 vom 17.3.1931, S. 5 📖 (zu H. Bächtold); ders., Kirche im Kino III, in: a.a.O., Nr. 75 vom 27.3.1931, S. 4f. 📖 (zu E. Thurneysen); ders., Kirche im Kino TV: Am Maschinengewehr steht der Teufel, in: a.a.O., Nr. 77 vom 1.4.1931, S. 6 📖 (zu J. Eya).↩
32
Hans Bader (1875–1935), 1911 bis zu seinem Tod Pfarrer an der Johanneskirche in Zürich-Außersihl. «In seinem Pfarrhaus und auf seine Initiative hin entstand die kirchliche Gruppe, die man die religiös-soziale nennt.» Doch durch das Studium von Barths Römerbrief-Kommentar vollzog er eine Wendung zur dialektischen Theologie (vgl. Hans Bader [Nach dem bei der Beerdigung von Pfarrer Tischhauser vorgetragenen Lebenslauf des Verstorbenen], in: Totenschau zum Jahrgang 1936 des schweizerischen Pfarrerkalenders [Beilage], S. 2–4 📖; Zitat dort S. 3; sowie Bw.Th. I 📖 und II 📖 [Namenregister]). Auf der religiös-sozialen Konferenz in Tambach (22.-25.9.1919), auf der Barth — nachdem sein Bruder Peter abgesagt und G. Wieser dessen Vertretung abgelehnt hatte — seinen folgenreichen Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» hielt, hatte Bader — in Vertretung von L. Ragaz — das zweite Referat «Der Christ im Staate» übernommen, dessentwegen er hinterher von Barth offenbar scharf angegriffen wurde (Brief nicht erhalten; zu den Absagen vgl. Bw.Th. I, S. 339, Anm. 5 und S. 342f.). In einem Brief vom 27.10.1919 an Barth erklärte sich Bader: «Nun war ich mir freilich klar darüber, daß meine Darbietung in Tambach durchaus nicht einwandfrei gelang, und zwar nicht zum mindesten deswegen, weil ich mich nicht recht vorbereiten konnte. … Am liebsten hätte ich daraufhin abgesagt. Es schien mir aber nicht recht zu sein …, mich in die Reihe der schweizerischen Versager zu stellen. … Und so kam es teilweise in meinen Darbietungen zum ‹Predigen›.» Vermutlich sprach Bader aus diesem Grund frei, zumindest ohne ausgearbeitetes Konzept, denn kurz darauf schrieb er an Barth, er habe inzwischen eine stenographische Mitschrift seines Vortrags empfangen und sei «entsetzt über meine Darbietung» (Brief an Barth vom 1.11.1919).↩
33
= ordentlichen. Original: «um die ordligen»; Streichung von der Hrsgin.↩
34
Vgl. den kurzen Bericht über die Feier vom 1.3.1931: Die Begrüßungsfeier für Missionar Walter, in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 60 vom 2.3.1931 📖; darin: «Wohl werden viele von den Besuchern aus Neugierde gekommen sein. Aber der Verlauf der Feier hat doch in erfreulicher Weise gezeigt, daß es möglich war, die Gefahr einer Sensation zu vermeiden. Die einleitende Ansprache von Herrn Pfarrer Thurneysen lenkte die Blicke weg von dem Menschen auf das, was Gott getan und was er uns durch diese Tat der Befreiung sagen will.» — Ernst Walter war zusammen mit dem Missionar Ernst Fischle vom 17.8.1929 bis zu seiner Befreiung durch seine eigenen Wächter am 11.12.1930 im Namen der kommunistischen Gegenregierung der chinesischen Provinz Kanton unter erbärmlichen Bedingungen zur Erpressung von Lösegeld gefangengehalten worden; vgl. E. Fischle, 16 Monate in chinesischer Gefangenschaft, mit einem Vorwort und 6 Zeichnungen von E. Walter, Stuttgart/Basel 1931 📖; E. Walter, Mein Leben und die Mission, Stuttgart/Basel 1932 📖 (zu den politischen Umständen siehe E. Fischle, a.a.O., S. 79– 89).↩
35
= Mutter.↩
36
= Peter.↩
37
Wahrscheinlich ein familiärer Ausdruck für Neuenburger Wein im Freundeskreis um R. Pestalozzi; vgl. Brief K. Barths an E. Thurneysen vom 30.5.1929 (Auslassung in Bw.Th. II, S. 663 📖): «Da sah man Rauchwolken von dicken schweren Cigarren gen Himmel steigen. Da sah man Rudi nach seinem besten Neuenburger Wein eilen (Marke: Celui en question).»↩
38
Monatlich trafen sich diejenigen jüngeren weiblichen Gemeindeglieder, die sich für E. Thurneysens Wahl nach Basel eingesetzt hatten, mit Marguerite Thurneysen im Pfarrhaus «zur Lektüre wichtiger Bücher, z. B. von Werken Kierkegaards oder von Adams ‹Wesen des Christentums› [richtig: des Katholizismus]. Mit der Zeit entstanden daraus kleinere selbständige Gruppen, die sich an eigentliche Bibelarbeit heranwagten» (Typoskript M. Thurneysen, S. 12f.).↩
39
Zu Barths Mutter oder seinem Schwager K. Lindt.↩
40
Siehe oben S. 94, Anm. 13↩
41
Siehe oben S. 87, Anm. 6.↩
42
Vermutlich die Nummer vom 8.2. mit einem Artikel über Barths Vortrag «Die Not der evangelischen Kirche 📖» in Berlin, in dem der anonyme Verfasser abschließend urteilt: «Kein Zweifel, daß in Karl Barth der evangelischen Kirche von heute ein scharfer und unerbittlicher Kritiker erstanden ist; aber das Gewicht dieser Kritik hebt sich selbst auf, weil sie die Berührung mit der sichtbaren Kirche verliert und sich in ein Zwischenreich flüchtet, von dem aus keine sinnvolle Kritik mehr möglich ist» (Neue Bewegung in der Theologie, in: Schwäbischer Merkur. Mit schwäbischer Kronik [sic] und Handelszeitung, [Jg. 141], Nr. 31 vom 8.2.1931 📖). Außerdem erschien in dieser Nummer — ebenfalls auf dem Titelblatt beginnend — ein Artikel über Motivation und Zielsetzung der evangelischen Reichs- und Landesausschüsse für kommunale Arbeit, «die evangelischen Kreise zum verantwortungsvollen Dienst am Volk in und durch die Kommunen heranzuführen. Sie wollen vor allem auch darauf achten, daß allen den Bestrebungen und Maßnahmen entgegen[ge]treten wird, die unserem deutschen Volk die sittlich-religiösen Grundlagen entziehen und es damit dem sicheren Untergang entgegenführen wollen.» Sie ständen damit mit all denen «auf einer Linie, die für die Stärkung christlich-evangelischen Geistes im öffentlichen Leben eintreten» (V. Löber, Kirche und Gemeinde, ebd. 📖).↩
43
«… dieser Tage kamen über Basel auch ein langer Brief von Georg … neben Briefen von Erica [Küppers] und Hedi Fischer in Berlin, die sehr anschaulich über Deinen dortigen Vortrag und die nachfolgende Zusammenkunft bei Bier und Eisbein berichteten und sowohl für Deine geistige überragende Persönlichkeit wie für das sympathisch menschliche [sic] Deines Wesens überaus treffende Worte fanden» (Brief R. Pestalozzis an K. Barth vom 9.2.1931). Das Ehepaar Hedi und Wilhelm Fischer — er war Elektroingenieur in Berlin — war häufig auf dem Bergli zu Gast.↩
44
Rundbrief vom 20.1.1931; vgl. oben S. 87, Anm. 5.↩
45
Vortrag von André Philip (vgl. oben S. 92, Anm. 7). Im Karl Barth-Archiv befindet sich ein 37 1/2 seitiges Protokoll über die Seminarsitzung mit seinem Vortrag, vermutlich geschrieben von Walter Stadelmann. — A. Philip (1902–1970), seit 1926 Mitglied der juristischen Fakultät der Universität Lyon, 1940 Gründer der Résistance-Bewegung «Libération Sud», bekleidete nach seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil z. T. hohe politische Ämter (1946/47 Wirtschafts- und zeitweise Finanzminister) in französischen und europäischen Institutionen.↩
46
W. Vischer, Das Alte Testament und die Verkündigung (Vortrag in der Freien Evangelischen Theologenschaft der Universität Münster i.W. am 16. Mai 1930), in: ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 1–12. 📖 ↩
47
= Dummkopf.↩
48
Der Brief ist nicht erhalten.↩
49
Wohl Barths Weihnachtsgeschenk an Thurneysen: [A.] Moeller van den Brück, Das dritte Reich, Berlin 19262. 📖 ↩
50
Nicht erhalten.↩
51
Am 20.4.1931 schrieb Martin Ulrich («Ueli») Barth (1916–1994), Sohn vom Peter und Marie Helene Barth (also der Vetter von Markus Barth), an seinen Patenonkel K. Barth: «Eventus bonus est! Mit Freude teile ich Dir mit, daß ich heute Morgen das Examen bestanden habe.»↩
52
Der Ausdruck bezieht sich vermutlich auf P. Barths grundsätzlich positive Einstellung zum Schweizer Schulsystem. So schrieb er z. B. in einem «Generalbericht» an den Synodalrat: «Das Verhältnis zur Schule ist freundlich» (undatiert, vermutlich aus den 20er Jahren, im Besitz von S. Barth). Bei gelegentlichen Besuchen Schädelins, einem entschiedenen Gegner des Schulsystems, bei P. Barth kam es immer wieder zu kontroversen Gesprächen über das Thema «Schule» (briefliche Auskünfte von Pfarrer i.R. Sebastian Barth an Dr. H. Stoevesandt vom 23.6.1994). — Peter Barth (1888–1940) war 1918–1940 Pfarrer in Madiswil (Kanton Bern).↩
53
Margrit Brunner, geb. Lauterburg (1895–1979), unabgeschlossene Ausbildung als «Zeichnungslehrerin» in Bern und München (wegen Ausbruch des 1. Weltkriegs vorzeitige Rückkehr in die Schweiz), seit 1917 verheiratet mit E. Brunner.↩
54
Brunner hielt in der Zeit vom 2.3. bis 5.3.1931 am King’s College in London folgende Vorträge: «The Word of God and Reason», «The Word of Christ and History», «The Word of the Spirit and Psychology», «The Word of the Bible and Science» und «The Word of the Church and Society», sämtlich in: E. Brunner, The Word and the World, London 1931 📖; einige wiederholte er am Trinity College in Glasgow (9./10.3.) und am New College in Edinburgh (11.-13.3.); vgl. Deutsche Theologen im Ausland, in: ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 139f. 📖 (über Brunner dort Sp. 139).↩
55
Abschrift der Protokolle des Seminars «Die reformatorische Lehre von der Heiligung»; vgl. oben S. 83, Anm. 7.↩