21. August 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

Lieber Karl,

ich muß dir noch eine kleine Begrüßung zuschicken, bevor wir uns also am Sonntag, falls die Sterne über dem Bergli günstig stehen1, selber sehen werden. Ich habe eben den Weg durch die Dogmatikumschrift hinter mir, in einem Gang und Zug, und kann dir nur meine überzeugte, restlose und bewundernde Zustimmung bekunden. Ich habe zögernd begonnen, wohl auch angefüllt mit den kritischen Fragen, die unsereiner vom vorderen Graben aus im Stillen an den Generalstab richtet, und bin in ein ganz atemloses und mitgenommenes Lesen und Lesen hineingekommen wie (wenn auch in anderer Weise) beim 2. Römerbrief 📖. Nur daß hier nun wirklich auch jenes Attribut der wachsenden sommerlichen Reife, das du Ruedis Reisebericht (übrigens sehr mit Recht!) zuteiltest2, in Kraft tritt. Es ist nun noch im Unterschied zur 1. Auflage alles durchgeklärt und in eine ganz seltene Flüssigkeit der Darlegung getaucht, ganz einfältig, aber ganz wuchtig zugleich steht eines nach dem andern auf und da. Da ist wirklich etwas zu Ende gebracht. Ich war ganz glücklich, als ich durch war. Und es scheint mir, es sei schlechthin ein letztes Wort gesagt und nichts mehr dagegen einzuwenden. Ich bin auch als Pfarrer einfach gestärkt von-dieser Tafel aufgestanden. Wie klar ist das zentrale Anliegen der Sonntagspredigt herausgestellt.3 Und wie gefüllt mit Verantwortung und Verheißung in einem. |171 Und dazu ist das theologische Gespräch in letzter Grundsätzlichkeit geführt. Tillich4 und Gogarten5 sind sachgemäß schlechthin einleuchtend bedient. Und der römische Partner wahrhaftig erst recht.6 Die Abklärungen der 1. Fassung gegenüber sind einfach überzeugend und glücklich. Ich kann nur hoffen, Ihr, Lollo und du, könnet möglichst ungehemmt weiterarbeiten. Das Buch wird ein Grundstein werden nicht weniger als der Römerbrief. Ich bewundere auch die Simplizität und Kraft seines Stiles. Es steckt nicht umsonst die gesammelte Arbeit all der letzten Jahre dahinter. Das spürt man an jeder Zeile. Und es ist mir auch aufs neue klar geworden, daß du das ohne Lollo nicht hättest schaffen können. Ich bin ihr nun ganz neu dankbar geworden für ihr Eingreifen und noch im besonderen für die Erstellung der Abschriften an mich. Ich kann nur sagen, daß ich von dieser Speise auf lange hin leben werde.

Eben ist Markus von Fritz Lieb her (der eben die Nachricht erhalten haben soll, er sei a.o. Professor geworden!)7 bei uns eingetroffen, und wir haben trotz Wind und Wolken im See gebadet.

Sei mit Lollo und Ruedis herzlich und also im Blick auf ein gutes Wiedersehen am Sonntag gegrüßt!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Vermutlich Anspielung auf G. Pestalozzis astrologische Neigungen; vgl. oben S. 44, Anm. 9.↩
2
Vermutlich kannte Thurneysen Barths Geburtstagsbrief an R. Pestalozzi vom 24.7.1931, in dem es in bezug auf dessen Bericht über die Jugoslawienreise (vgl. oben S. 138, Anm. 34) heißt: «Es liegt über diesem Heft — wie sollen wir sagen — etwas von jener von den Dichtern so oft besungenen schweren, noch immer heiteren und doch von weitem schon wehmütigen, aber auch in der Wehmut getrosten Reife des Hochsommers unmittelbar vor seinem Übergang in den Spätsommer. Legte man die verschiedenen Jahrbücher eurer Reisen nebeneinander, dann müßte einem das Anwachsen der Weisheit, Güte und Freiheit, die aus diesen Blättern spricht …, unmöglich verborgen bleiben können.»↩
3
Vgl. etwa KD I/1, S. 47–89 📖: § 3: Die kirchliche Verkündigung als Stoff der Dogmatik.↩
4
A.a.O., S. 48.55.63-65.75f. (für weitere Belege vgl. dort das Namenregister). 📖 ↩
5
A.a.O., S. 128–135. 📖 ↩
6
Vgl. etwa a.a.O., S. 33–35.39.65-71. 📖 ↩
7
Lieb war 1930 bis SS 1931 Privatdozent, ab WS 1931/32 (bis zu seiner Entlassung am 21.11.1933) a.o. Professor für östliches Christentum in Vergangenheit und Gegenwart in Bonn.↩