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Auch ich wollte dir längst einen Gruß zurufen. Wir haben deiner öfters gedacht, denn es schien uns heute vor acht Tagen in Basel, als ob du müde und bedrückt seiest. Wir freuen uns, dich dann in mehr Ruhe wieder zu sehen. Noch können wir nicht sagen, wann, denn noch ist uns Rudi, der gestern in den Schwarzwald fuhr, um seine Kindlein von dort abzuholen, nicht wiedergeschenkt, und bekanntlich hängen solche Unternehmungen nicht zum Wenigsten von seinen Plänen und Freudigkeiten ab. Wir wollen ihm aber den 23. August empfehlend vortragen. Auch unsererseits ist zunächst von nichts Anderem als von wohltä|165tiger Rast und Erquickung zu berichten. Die Abwesenheit der bewußten so lieben Kindlein hat hier eine Atmosphäre angenehmster Stille, wie Richard Rothe sie liebte1, geschaffen, und wir haben sie genützt, uns vorderhand ganz der Beschaulichkeit hinzugeben. Ich habe nur drei Examensarbeiten censuriert2 und eine Dissertation kopfschüttelnd zur Verbesserung an ihren Urheber zurückgehen lassen, im übrigen ein von Gerty mir überreichtes Buch über die Geschichte der Medizin gelesen, viel und lang geschlafen, Pfeife geraucht (die schweizerische Marke Maryland, die mich einst bei der doppelten Wanderung durch den Römerbrief begleitet hat und bei so mancher Predigt, erfüllt mich mit ganz neuer Befriedigung!), Grammophon gehört, Waldspaziergänge mit Lollo (mit Dauerlaufübungen!) gemacht und über nicht allzuviel nachgedacht, sondern die Zügel ein wenig schleifen lassen. So hat man’s eben gerne; das Andere kommt dann schon wieder. Eine Fahrt ins Toggenburg mit anschließender abendlicher Speisung im bekannten Hurden3 (Forellen, Eduard!) brachte schöne Abwechslung. An einem anderen Abend erschien Pfarrer Walser4, der aber, wie mir scheint, keine großen Töne mehr von sich gibt, sondern eher etwas vereinfacht scheint, ferner Hertha, unsere immer wieder rätselhafte und sympathische Freundin, mit ihrem geliebten Sohne Toby5. Ich wollte wohl, es ginge so weiter |166 und es käme gar nicht dazu, daß man von jenen Besuchen6 empfangen und machen muß, zu denen man sich erst innerlich in Positur setzen muß. Etwas Derartiges droht allerdings, indem Gerty aus der Stadt die Nachricht mitbrachte, «Theo und Vreneli»7 hätten den phantastischen Plan, sich samt ihren Kindern für acht Tage (von heute ab!) im … unteren, dem christlichen Bergli8, niederzulassen. Rudi ist außer sich über die Aussicht auf diesen Belagerungszustand, der uns da droht, und wir sind es nicht minder. Wir hoffen noch immer, es komme aus irgendwelchen Gründen nicht dazu, aber das Wetter ist wieder prächtig geworden, und so müssen wir nun jede Stunde erwarten, daß uns, indem wir hoffen, Unheil schon betroffen9 habe. Habe ich nicht recht gehabt, wenn ich dieser Dame schon vor 12 Jahren ins Gesicht gesagt habe, sie sei mir zu dämonisch? Daß sie damals in Leutwil den Poltergeistern gerufen hat, scheint mir erwiesener als je.10 Nun, irgendwie wird auch das zu überstehen sein, aber eine allgemeine Flucht ins Tessin ist doch schon in Erwägung gezogen worden.
Nächste Woche sollte es nun in der Tat rüstig hinter den Anselm gehen. Ich bin etwas besorgt, ob es mir gelingen wird, die fast unübersehbaren Fäden und Fädlein, an denen ich da im letzten Herbst und Winter gesponnen habe, ordentlich wieder aufzunehmen, mich selbst wieder zu verstehen und Alles zu einem guten Ende zu führen. Als Gegenstück zu Heim war die Sache ja nicht gerade gedacht, und ob sie als das wirken wird, ist mir auch eher zweifelhaft. Ich bin eher besorgt, ob der historische Aufzug, den sie eben haben wird, nicht ermüden und enttäuschen wird und ob mir nicht dann erst noch bessere Mittelalterkenner wüst die Parade fahren werden. Doch das wird sich nun Alles zei|167gen. Viel mehr bewegt mich ja innerlich die Aussicht auf die, nach den Dimensionen dieses Sommerfeldzuges zu schließen, sicher nur in Quenstedtformat11 mögliche Fortsetzung der Dogmatik, für die mir in der heutigen Reformierten Kirchenzeitung von Kolfhaus bereits Vorschußlorbeeren gereicht werden12. O schönes Tempo, o schönes Pathos der Safenwiler Zeit! So geht’s eben jetzt nicht mehr, und — bei Allem, was man von den Vorzügen der wachsenden Altersbreite sagen mag — wer weiß, ob ich jetzt nicht Holzhackerarbeit tue, von der man nachher reden wird, wie man eben von solchen Alterswerken zu reden pflegt. Ich las eben die Korrektur einer Predigt … von dir («Der tote Punkt» heißt sie13 und ist voll übermütigen Spottes über die «Menschlein», ihre Weltgeschichte etc., wie wir es damals liebten!), die von irgendwelchen Deutschen in einem Sammelband nachgedruckt wird14 — du bist gewiß |168 damit einverstanden, wenn ich deine Ferienruhe nicht erst damit störte, sondern den Fall gleich erledigte —, und mußte mich doch fragen, ob wir nicht damals (wo, von heute aus gesehen, Alles erst Zurüstung war) wenn nicht das Beste, so doch unser Eigentlichstes geleistet haben, während uns oder doch mir die Engel seither nur noch etwas gelangweilt zuhören, während das Knäblein, auf das sie nunmehr ihre Hoffnung setzen — wir gedachten seiner Existenz wohl schon früher — mittlerweile bereits irgendwo in die Sekunda oder gar Prima vorgerückt ist und in wenigen Jahren das Bessere sagen wird, das die H. M. Müller und Kons[orten] heute schon gerne gegen uns und über uns hinaus sagen möchten, aber noch nicht können. Jä, jä, jä… Riehen15 rückt näher, und vielleicht wird uns Ritsch Preiswerk16, wenn es ihm gelingt, sich solange zu erhalten, als uralter Mümmelgreis noch dort erwarten und begrüßen.*
Sag einmal, hast du jetzt deine Andachten für Jacobi17 fertig? Ich hörte neulich irgendwo in Deutschland ein unruhiges Fragen danach, und ich glaube, du wirst allmählich geradezu berühmt für deine Technik in der Ablieferung von Manuskripten. Aber ich weiß, ich weiß, daß sie dann jeweilen nur umso besser werden. Übrigens hörten wir hier schon ein paarmal eine Platte, nicht unbedingt eindeutigen Inhalts, betitelt «Nur Ich und Du»18, von der Gerty uns mitteilte, sie sei «eine Lieblingsplatte von Eduard». Sie wird nun mit dieser Erklärung den jeweils neu eintreffenden Gästen vorgetragen, und Alle freuen sich mit und an dir. Deinen Aufsatz über die Predigt19 habe ich gerne gelesen. Wie hast du dir die Kraft solcher volkstümlichen Mitteilung zu erhalten gewußt! Aber denk auch an die vielen anderen Werke, die du uns noch schuldig |169 bist: vom Matthäusevangelium20 bis zur Sexualethik21. Im Ernst: es fehlt durchaus nicht an Leuten, die dich viel lieber lesen als z. B. mich und die auf eine Speise wie die verheißene christliche Pädagogik heftig warten. Solltest du nicht wenigstens diesen Wagen nun nachdrücklich ins Rollen bringen? — Doch jetzt hast du Ferien, und du hast es verdient, Edi22. Werde also nicht muderig23 ob dieser Erinnerung. Genug für heute. Bis zum 23. ist’s eigentlich ein bißchen lange. Könntest du nicht einmal herüberkommen, rasch nachzusehen, wie es uns geht? Man trinkt jetzt hier außer Neuenburger auch Bier, und zwar aus malerischen Steinguttöpfen. Es würde auch dir schmecken. Lollo grüßt dich mit mir. Sie sitzt mir gegenüber und liest in einem neuerdings von Gerty heftig empfohlenen und verbreiteten Buche: «Das Wunschkind» von Ina Seidel24. Heil Eduard! Deutschland erwache!25 Ja, wenn’s morgen da draußen26 nur nicht neues Unheil gibt mit der Abstimmung27!
* Lollo konstatiert beim Durchlesen dieses Briefes, wir litten wohl beide etwas an Alterspsychose!! — Soeben ist unter großem Jubelgeschrei das Auto mit Esther, Frieder und den Zwillingen28 eingefahren.