7. August 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum

161
Lieber Karl, liebe Lollo,

Vergangene Nacht habe ich euch im Traume so lebhaft begrüßt wie kaum im Wachsein, auch kam es zu guten Gesprächen dabei, daß ich euch schon deshalb einen Gruß ins Törli1 senden muß. Wie steht’s wohl auf Eurer Seite? Entfaltet der Ferienlebtig2 noch gar nicht seine Problematik, sondern nur erst seine freundlichste Seite? Ich möchte es euch so herzlich wünschen, denn ihr kamt abgekämpft genug von den Schlachtfeldern des Semesters. Es sollte nun fürs erste wirklich ein dichter und ungestörter Friedensraum euch aufnehmen vom Erklingen des Hohenfriedbergers3 an am frühen Morgen bis zum letzten Glas Celui en question4 am Abend. Hoffentlich seid ihr auch zunächst möglichst arbeitslos. Ich bin’s auf alle Fälle. Morgenpfeife — Baden — Essen — Schlafen und ein wenig Lesen — so steht es hierseits. Auch eine kleine Wallfahrt mit meinem Sohn Matthys zu einer «der heiligen Quellen der |162 Schweiz», zum Bruder Klaus5 per Velo6 wurde schon unternommen, freilich mehr interessant durch Gewitter und weggerissene Straßen und Brücken als durch den Seligen selbst, dem die Katholiken ein ziemlich plagueurhaftes7 und unnötiges Gemälde in der einen Kapelle gewidmet haben: die brave Schweiz als Insel des Friedens mitten im Weltkrieg darstellend8. Markus bemerkte schon zur 1. Augustrede auf dem Münsterplatz, die Schweiz meine offenbar, sie sei der Mittelpunkt der Welt.9 Markus wird einfach gut. Ich sah ihn ja nur kurz, weil ich zu tun hatte. Er bestand darauf, die Predigt im Münster noch zu hören, und fuhr dann los. Ganz schnell im Vorbeifahren begrüßten wir noch den Strei|163ter mit dem Pokale Fritz Lieb. Gelt: vergiß nicht, ihn einmal ernstlich zu ermahnen, auch auf die Gefahr hin, daß er dann zunächst brummt, es gehe dich einen Dreck an … Ich lege dir einen sichtlich betrübten Brief von Lukas10 bei. Ich vermute, die Störung seiner Ferien rühre vom Zusammenbruch der Bank seines Bruders11 her. Wer weiß, muß da nun auch Lukas darunter leiden. Auf alle Fälle gab es da ungefreute12 Gespräche und Sorgen. Lukas mit seinen neun Kindern13 würde mich dauern! Bei uns ist alles wieder wohlauf. Das Häuslein ist das geräumigste von allen, die wir bisher hatten, so daß die Enge nicht fühlbar wird. Wir sind vergnügt zusammen. An einem der kommenden Sonntage erwarten wir euch also — nur nicht schon am nächsten, da anderer Besuch angesagt ist. Wäre euch u. U. der 23. August recht? Es ist hier in der Nähe ein Telefon Nr. 39, zum Schlüssel, an das man uns zwar nicht rufen, durch das man aber Bescheid ausrichten lassen kann. Der Anselm wird euch nun bald wieder mit Beschlag belegen wie vor einem Jahr in Adelboden14. Ich bin voll Erwartung auf dieses gute und dringend notwendige Gegenstück zu Heims würdigem «Glaube und Denken»15. Sofort gehe ich nun hinter die Dogmatik. Laßt auch von Euch hören. Ruedi danken wir für die Helgen16! Euch sei hier eine Ga|164be ab der Schweizerinsel überreicht, der Zwinglikalender, unverkennbar das Gerüchlein noch an sich tragend, das dem ehemals religiös-sozialen Wachtturm auf der Spitze des Berges anhaftete; er steht ja eigentlich nicht mehr, aber auf seinen heiligen Trümmern finden sich also immer noch Bader, Brunner, Maurer, Walthard und doch auch ich zusammen und bieten dem Volk der Hirten alljährlich diese Speise bis hin zu Rätselecke, der Warnung vor Alkohol und Geschlechtslust.17 Und neben Zwingel wurde also diesjahr auch noch «Papa» beschworen!18 «Schweiz, hüte deine Quellen!»

Herzliche Grüße dem ganzen Bergli!
Euer
Eduard

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 44, Anm. 5.↩
2
= das Ferientreiben.↩
3
Preußischer Militärmarsch, angeblich von Friedrich dem Großen nach seinem Sieg bei Hohenfriedberg (Schlesien) 1745 komponiert.↩
4
Siehe oben S. 111, Anm. 37.↩
5
Unterhalb des Ortes Flüeli (Kanton Nidwaiden) im Ranft liegen zwei Kapellen, die dem 1669 seliggesprochenen Nikolaus von der Flüe — genannt Bruder Klaus — geweiht sind, die untere und die obere Ranft-Kapelle mit Bruderklausen-Zelle, bei der eine Quelle entspringt; vgl. R. Dreyer, Die Kunstdenkmäler des Kantons Unterwalden, Basel 1971, S. 286–297.1139-1143; zur Quelle dort S. 291 📖. ↩
6
= mit dem Fahrrad.↩
7
= prahlerisches.↩
8
1920/21 ließ der Schweizerische Katholische Volksverein — in Erfüllung eines Gelübdes, falls die Schweiz im 1. Weltkrieg verschont bliebe — eine fachmännische Renovierung der 1501 erbauten unteren Ranft-Kapelle durchführen. Das im Zuge dieser Arbeiten entstandene, von Robert Durrer (1867–1934) entworfene und von Albert Hinter ausgeführte Votivgemälde an der Rückwand der Kapelle zeigt die Schweiz als Friedensinsel, umgeben von einem Kranz schwebender Engel, inmitten des tobenden Kriegsgeschehens, das durch apokalyptische Reiter, Trümmer und Totengebein dargestellt ist. Auf der Spitze der Friedensinsel kniet Nikolaus im Gebet für die Rettung des Landes. Das Gemälde ist von einem Schriftband umgeben: «Im August 1914 als der Weltkrieg Tod und Verderben brachte haben wir dich um deine Fürbitte bei Gott angerufen. Lob und Dank dir seliger Bruder Klaus.» Die Fußzeile lautet: «Unser liebes Vaterland blieb wunderbar behütet & verschont». Vgl. P. R. Amschwand, Führer durch die Heiligtümer Sachseln-Flüeli-Ranft, Sachseln 19928, S. 27 📖; R. Dreyer, a.a.O., S. 1143, Anm. 3. 📖 ↩
9
Markus Barth befand sich, einige Strecken mit dem Zug überbrückend, allein auf einer Fahrradtour von Bonn in die Schweiz (Basel, Bergli, Wabern). Die Bundesfeier am 1. August, 1891 erstmals in der ganzen Schweiz als patriotischer Feiertag begangen, ist dem Gedenken an die Gründung der Eidgenossenschaft durch Uri, Schwyz und Unterwalden und an die Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz gewidmet. Die Festrede 1931 von Regierungsrat Carl Ludwig, gehalten nach einem Aufmarsch vom Marktplatz über das St. Jakobs-Denkmal zum Münsterplatz und dem Vortrag von Heimatliedern durch die Kunstgesangvereine vor einer «vieltausendköpfige[n] Versammlung», ist in ihren Hauptteilen abgedruckt in: Die Baselstädtische Bundesfeier, in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 209 vom 3.8.1931, Beilage. 📖 ↩
10
Nicht erhalten.↩
11
Am 13.7.1931 hatte die Privatbank und Kommanditgesellschaft Paravicini, Christ & Co., der Paul Christ (1879–1950) seit 1908 als Teilhaber angehörte, infolge des Zusammenbruchs der geschäftlich eng mit ihr verbundenen Banque de Genève schließen müssen. In Zusammenhang mit einer Meldung über den raschen Fortgang der Firmen-Liquidation schrieben die Basler Nachrichten: «Die Familien der Partner sind mit ihren Forderungen von rund 12 1/2 Mill. Fr. hinter die Ansprüche der Bankkunden zurückgetreten, wodurch die Lage bedeutend verbessert wird»; Bank Paravicini, Christ & Co., in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 193 vom 17.7.1931, 2. Beilage 📖. Vgl. Eine Basler Privatbank schliesst ihre Schalter, a.a.O., Nr. 191 vom 15.7.31 📖; H. L. Freyvogel, Basler Chronik vom 1. Oktober 1930 bis 30. September 1931, in: Basler Jahrbuch 1932, hrsg. von A. Huber und E. Jenny, Basel o. J., S. 348. 📖 ↩
12
= unerfreuliche.↩
13
Agathe Katharina (geb. 1909), Ursula Maria (geb. 1911), Anna Barbara (1913–1992), Clara Regina (geb. 1915), Lukas Balthasar (1918–1981), Hans Ambrosius (geb. 1921), Martin Abraham (geb. 1923), Judith Kunigund (geb. 1926) und Anna Dorothea (geb. 1929). Auch keines der älteren Kinder hatte 1931 eine Berufsausbildung.↩
14
Vgl. oben S. 14, Anm. 26.↩
15
Siehe oben S. 132, Anm. 2.↩
16
= Bilder, vermutlich von der Jugoslawienreise.↩
17
Zwinglikalender, Jg. 14 (1932), Basel [1931] 📖; darin: H. Bader, Das Loch im Hag, S. 73–75 📖; E. Brunner, Das Geld und der Haushalt Gottes. Ein seltsamer Katechismus, S. 35–37 📖; A. Maurer, Gedicht und Geleitwort, S. 14f. 📖; ders., Die dumme Rosa, S. 17–22 📖; ders., Der Bücherwurm [Gedicht], S. 23 📖; ders., Die neue Zürcherbibel, S. 26 📖; ders., O Heimatland [Gedicht], S. 27 📖; ders., O Jugend [Gedicht], S. 55 📖; ders., Umschau, S. 83–90 📖; Fr. Walthard, Der Bücherwurm [Originalzeichnung], S. 23 📖; E. Thurneysen, Die Predigt, S. 63–65 📖; Allerlei Kurzweil [«Rätselecke»], S. 91 📖; S. Gfeller, Das Vaterantlitz, S. 44f. 📖; Anzeige des Vereins für Mässigkeit und Volkswohl «Alkoholfreie Restaurants in Basel», S. 98. Die von Thurneysen Genannten gehörten zum Mitarbeiterkreis des von A. Maurer herausgegebenen Zwinglikalenders.↩
18
Im Kalendarium des Zwinglikalenders 📖, S. 2–13, erschienen jeweils ein Spruch H. Zwinglis in der Kopfzeile sowie von H. Zündel zusammengestellte Wochensprüche von H. Kutter †. Daneben O. Farner, Die Bekehrung Zwinglis, a.a.O., S. 24f. 📖; Leben. Aus dem Nachlaß von Hermann Kutter †, S. 55. 📖 ↩