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Beckenried [Kanton Nidwaiden], 7. August 1931 Lieber Karl, liebe Lollo,
Vergangene Nacht habe ich euch im Traume so lebhaft begrüßt wie kaum im Wachsein, auch kam es zu guten Gesprächen dabei, daß ich euch schon deshalb einen Gruß ins Törli1 senden muß. Wie steht’s wohl auf Eurer Seite? Entfaltet der Ferienlebtig2 noch gar nicht seine Problematik, sondern nur erst seine freundlichste Seite? Ich möchte es euch so herzlich wünschen, denn ihr kamt abgekämpft genug von den Schlachtfeldern des Semesters. Es sollte nun fürs erste wirklich ein dichter und ungestörter Friedensraum euch aufnehmen vom Erklingen des Hohenfriedbergers3 an am frühen Morgen bis zum letzten Glas Celui en question4 am Abend. Hoffentlich seid ihr auch zunächst möglichst arbeitslos. Ich bin’s auf alle Fälle. Morgenpfeife — Baden — Essen — Schlafen und ein wenig Lesen — so steht es hierseits. Auch eine kleine Wallfahrt mit meinem Sohn Matthys zu einer «der heiligen Quellen der |162 Schweiz», zum Bruder Klaus5 per Velo6 wurde schon unternommen, freilich mehr interessant durch Gewitter und weggerissene Straßen und Brücken als durch den Seligen selbst, dem die Katholiken ein ziemlich plagueurhaftes7 und unnötiges Gemälde in der einen Kapelle gewidmet haben: die brave Schweiz als Insel des Friedens mitten im Weltkrieg darstellend8. Markus bemerkte schon zur 1. Augustrede auf dem Münsterplatz, die Schweiz meine offenbar, sie sei der Mittelpunkt der Welt.9 Markus wird einfach gut. Ich sah ihn ja nur kurz, weil ich zu tun hatte. Er bestand darauf, die Predigt im Münster noch zu hören, und fuhr dann los. Ganz schnell im Vorbeifahren begrüßten wir noch den Strei|163ter mit dem Pokale Fritz Lieb. Gelt: vergiß nicht, ihn einmal ernstlich zu ermahnen, auch auf die Gefahr hin, daß er dann zunächst brummt, es gehe dich einen Dreck an … Ich lege dir einen sichtlich betrübten Brief von Lukas10 bei. Ich vermute, die Störung seiner Ferien rühre vom Zusammenbruch der Bank seines Bruders11 her. Wer weiß, muß da nun auch Lukas darunter leiden. Auf alle Fälle gab es da ungefreute12 Gespräche und Sorgen. Lukas mit seinen neun Kindern13 würde mich dauern! Bei uns ist alles wieder wohlauf. Das Häuslein ist das geräumigste von allen, die wir bisher hatten, so daß die Enge nicht fühlbar wird. Wir sind vergnügt zusammen. An einem der kommenden Sonntage erwarten wir euch also — nur nicht schon am nächsten, da anderer Besuch angesagt ist. Wäre euch u. U. der 23. August recht? Es ist hier in der Nähe ein Telefon Nr. 39, zum Schlüssel, an das man uns zwar nicht rufen, durch das man aber Bescheid ausrichten lassen kann. Der Anselm wird euch nun bald wieder mit Beschlag belegen wie vor einem Jahr in Adelboden14. Ich bin voll Erwartung auf dieses gute und dringend notwendige Gegenstück zu Heims würdigem «Glaube und Denken»15. Sofort gehe ich nun hinter die Dogmatik. Laßt auch von Euch hören. Ruedi danken wir für die Helgen16! Euch sei hier eine Ga|164be ab der Schweizerinsel überreicht, der Zwinglikalender, unverkennbar das Gerüchlein noch an sich tragend, das dem ehemals religiös-sozialen Wachtturm auf der Spitze des Berges anhaftete; er steht ja eigentlich nicht mehr, aber auf seinen heiligen Trümmern finden sich also immer noch Bader, Brunner, Maurer, Walthard und doch auch ich zusammen und bieten dem Volk der Hirten alljährlich diese Speise bis hin zu Rätselecke, der Warnung vor Alkohol und Geschlechtslust.17 Und neben Zwingel wurde also diesjahr auch noch «Papa» beschworen!18 «Schweiz, hüte deine Quellen!»
Herzliche Grüße dem ganzen Bergli!