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25. November 1932
Morgen gehen die ersten drei Protokolle der Predigtübungen an dich ab, die dir wenigstens in Umrissen zeigen werden, welchen Weg Karl zunächst bei diesem Thema einschlägt. Wir beschäftigen uns noch mit der Geschichte der Homiletik, besser des Predigtbegriffes, und haben nach Besprechung der Definitionen von Hollaz, Schleiermacher, Vinet, Palmer und Nitzsch noch die von Joh. Bauer-Heidelberg (einem Kriegstheologen!) und K. Fezer-Tübingen vor uns liegen, bis wir bei der Formulierung, die Karl geben wird, dann diesen historischen Teil abschließen und uns sachlichen Grundfragen zuwenden werden.1 Wie stark diese auch jetzt schon anklingen, wirst du aus den Protokollen ersehen. Karl wird ja sicher auch diese praktischen Übungen nicht anders als sehr grundsätzlich behandeln können, und so wie es bis jetzt läuft, glaube ich nicht, daß das ein Nachteil sein muß. Es haben sich über 100 Teilnehmer eingefunden trotz Karls ausdrücklicher Mahnung, daß man bei ihm schwerlich Anweisung zu Predigten bekommen wird, wie sie vielleicht das Koblenzer Examen verlangt. —
Die Protokolle des Calvin-Seminars2, die für dich vielleicht nicht solch aktuelle Bedeutung haben, schicke ich dir am Ende des Semesters dann gesammelt zu. Diese Übungen, in denen wir streng Satz für Satz die Institutio III
📖 durchgehen und zu interpretieren versuchen, scheinen mir etwas vom Fruchtbarsten und Lehrreichsten. Mag sein, daß Karl das Denken Calvins doch in besonderer Weise entspricht, mehr als etwa das Luthers, dessen Großer Katechismus
📖 den Besprechungen unserer Sozietät zugrunde liegt und der sich ja freilich mit seinen häufigen Durchbrechungen des systemarischen Gedankenganges zu einer schulischen Übung schlecht eignet, wobei man ja freilich dann gerade bei ihm immer wieder Stellen begegnet, die alles Andere hinter sich zurücklassen und um derentwillen man auch seine tollsten Exkurse in Kauf nimmt.
303 Die Vorlesungen über das 18. Jahrhundert3 sind das Entzücken von Jung und Alt (!) — wirklich buchstäblich, denn schon die Kinder naschen sich diese und jene Rosine aus diesem Kuchen. Ein wenig Heimweh nach der Dogmatik habe ich aber trotz diesen lebendigen und interessanten und für Karl sicher sehr erfrischenden Ausführungen doch.—
Der eigentliche Anlaß, dir diesen Brief zu schreiben, ist aber der erste offene Abend, der vorgestern stattfand und der die Besprechung der Brunnerschen Ethik4 eröffnete. Hellmut Traub hielt ein gutes Referat5, in dem er den Inhalt des ersten Abschnittes (die natürliche Sittlichkeit) wiedergab und kritisch dazu Stellung nahm, sehr kritisch, darf man sagen, denn letztlich mündeten seine Ausführungen in der Frage, ob auf diesen ersten 38 Seiten des Brunnerschen Buches nicht doch, und zwar gerade wegen der darin versuchten Ablehnung und Aufhebung der natürlichen Sittlichkeit, ein heimliches Angelegtsein des Menschen auf Gott vorausgesetzt sei, ob der Begriff des Sünderseins hier seine volle Geltung noch haben kann oder ob zu ihm nicht gerade die Bejahung dieser Wirklichkeit, die Bejahung des Vorhandenseins natürlicher Sitt|304lichkeit, gehört? Die Kritik an der Widerlegung Brunners6
als solcher und an Einzelnem (etwa seine Auffassung von Kant und seine Diskreditierung der natürlichen Ethik) war dieser letzten zugespitzten Frage vorangegangen.—
Karl versuchte zunächst in seiner Antwort, dieser Frage noch aus dem Wege zu gehen, indem er sich zu erklären bemühte, daß Brunners Absichten mit diesen 38 Seiten ja lediglich dem Bedürfnis entsprächen, das Gespräch mit der philosophischen Ethik aufzunehmen, d. h. der «eristischen Aufgabe» zu genügen, und daß diesem Versuch von Brunner aus theologisches Gewicht noch nicht zukomme. Es bleibt dann freilich zu fragen, einmal: ob dieser Versuch dem Gesprächspartner gerecht wird oder ob hier nicht die doch immerhin respektable Leistung [der] heidnischen Philosophie, aber auch der eines Kant wahrhaftig zu wenig ernst genommen und zu sehr obenhin erledigt werde? und andererseits: ob dieser Versuch nicht eben doch — ungewollt — theologisch höchst belangvoll sei, insofern er eben doch — nicht in der Absicht, aber in der Wirkung — die Gefahr der natürlichen Theologie heraufbeschwört? Durfte Brunner in dieser Weise die noch dazu vom Philosophen aus gesehen vielleicht sehr illegitime Diskreditierung der philosophischen Ethik benutzen, um gewissermaßen Raum zu schaffen für die Notwendigkeit der theologischen Ethik? Weist — und hier spitzt sich die Frage nun doch auf den zuvor abgelehnten Punkt zu — nicht diese ganze apologetische Steigerung dieser 38 Seiten auf das Vorhandensein einer wenn auch nur formalen Syntheresis7 hin? — Über diese Frage kamen wir trotz vielem Hin und Her nicht hinaus, sondern Karl konnte zum Schluß nur beschwichtigend sagen, daß, selbst wenn wir sie bejahen müßten, damit eben nur das höchst Gefährliche solcher «eristischen» Versuche erwiesen sei, der Fortgang des Buches davon unabhängig aber diesen «Unglücksfall» hinter sich lassen könne! —
Gestern abend war Heiner Barth da, und man versuchte, mit ihm diese Fragen zu besprechen. Er konnte und wollte natürlich auf die theologische Fragestellung nicht eintreten, aber was er lediglich auf Grund des von ihm erarbeiteten philosophischen Befundes dieses Buches |305 meinte sagen zu können, konnte eigentlich nur für die Berechtigung dieser unserer letzten Frage an Brunner sprechen. Aber es ist ja sicher besser, sie zunächst nun wieder fallen zu lassen und weiterzulesen.— Das nächste Mal wird ein sehr begabter Kandidat über das 1. Kapitel der Gogarten-Ethik sprechen.8 Ich will versuchen, einige Notizen zu machen, wenn die Mitteilungen in solch aphoristischer Form auch nur im geringsten dienlich sein können? —
Karl tippt nebenan einen langen und sehr schwierigen Brief nach München, wo man einen seiner Schüler angeblich wegen «ethischer Haeresie» (es geht um den dir sicher dem Namen nach bekannten H. Gollwitzer9) aus der bayrischen Kandidatenliste gestrichen hat. Die Sache ist noch weithin ungeklärt, Karl schickt dir später einmal die entscheidenden Dokumente zu. Uns beschäftigt sie in diesen Tagen sehr, und zwar in mehrfacher Hinsicht, nicht zuletzt darum, weil man sie natürlich Karls Theologie bzw. mangelnder Ethik auf das Konto setzt.10
|306 Was immer auch das Studentlein verbrochen haben mag, es passiert ganz sicher von [der] Kirche aus jetzt dort unten etwas Ungutes. Ach, Eduard, was ist es auch Schauderhaftes um diesen «Pfarrerernst», der eigentlich immer nur dann ganz «ernst» wird, wenn es um die Bedrohung sittlichen Gutes geht? Du mußt das nicht mißverstehen: ich bin wirklich auch erschrocken an dem Vorgang als solchem und der sicher labilen ethischen Haltung dieses jungen Menschen, der uns persönlich na|307hesteht, — es hat eine Fülle auch sehr mich angehender Erwägungen in mir ausgelöst und mir die Verantwortung wirklich wieder ganz neu gezeigt — aber die Frage: wo bleibt die Kirche in solchen Fällen? ist doch noch erschreckender. — Aber behalte das bei dir; ich wollte dich nur von der Tatsache in Kenntnis setzen, weil sie unsere Gedanken erfüllt und weil sie mir nicht ohne Tragweite scheint. —
Dein Brief hat Karl sehr wohlgetan, er wird ihn dir sicher, wenn er einmal ein bißchen aufatmen darf, beantworten. Er eilt von einer Arbeit zur anderen, und ein 2stündiger Morgenritt jeden Samstag ist der einzige Luxus, den er sich leistet. — Das häusliche Leben läuft ruhig, relativ ruhig. Eine Jugendfreundin von Nelly — Nelly Ferrero11 — aus Genf ist für ein paar Wochen zu Gast, und ihre französische Lebhaftigkeit ist manchmal etwas ermüdend. Aber, was wichtiger ist, sie hat aus einem eigenen schweren und einsamen Leben heraus Distanzgefühl den Schicksalen anderer gegenüber, und ihre Anwesenheit bedeutet darum keine Belastung, für N. vielleicht sogar eine ganz wohltuende Zerstreuung.
Lieber Eduard, bleib uns gut. Wir denken oft an dich und deine sicher mitunter schwere Arbeit. Grüße Marguerite, der es hoffentlich gut geht.