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21. November 1932
Lollo schreibt mir wegen des genaues Titels des Quäkerbüchleins. Er lautet so: The Challenge of Karl Barth. A critical Comment by Carl Heath, erschienen bei H. R. Allenson Ldt. 7, Racquet Court, Fleet Street, London E. C. 4.
📖 Und auf dem Umschlag ist folgendes zu lesen: «In this book conceptions of immanence and the inner light are set in contrast to the teaching of the complete otherness of God, which is characteristic of the Barthian school. The social reaction of each conception is also indicated. The argument is not that of a theological treatise but is a critical comment in the light of human experience.» Auf der letzten Seite des Büchleins ist noch ein kleiner Nachweis angeblich verarbeiteter Bücher angegeben, worunter sich folgende Titel befinden: von dir: The Word of God1 … und The Christian Life2. Von Brunner: The Theolo|295gy of Crisis3 und The Word and the World4 und dann: von R. Birch Hoyle: The Teaching of Karl Barth, Student Christian Movement5, von John McConnachie: The Significance of Karl Barth, Hodder and Stoughton6, von J. Arundel Chapman: The Theology of Karl Barth, Epworth Press7 und von W. G. Hanson: The Message of Karl Barth, Religious Tract Society8. Offenbar existiert bereits eine ganze kleine Literatur für diese Engländer. Wenn sie freilich nur [aus] Schriften der Art wie die von diesem Carl Heath besteht, dann ist davon nichts Gutes zu erwarten. Ich habe dies Büchlein ganz gelesen, schon um einmal etwas Englisches wieder zu mir zu nehmen. Aber es ist ganz schwaches Zeug und läuft einfach auf eine Beruhigungspille für Gemüter heraus, die vielleicht doch irgendwie sich haben aufrütteln lassen oder in Gefahr sind, aufgerüttelt zu werden. Theologisch ist es ganz unzulänglich.
Daß du mir keine Briefe schreiben kannst, das begreife ich mehr als gut, so sehr schön es wäre, wenn es doch einmal gelänge. Was machst du wohl in deinen Predigtübungen9? Ich bin diesmal an der Spitze einer besonders stattlichen Schar: 17 Leute sitzen um den Tisch herum. Und ich muß sehen, was ich jedesmal mit ihnen anstelle. Vorläufig habe ich nichts anderes getan als jedesmal einen Text aufgegeben, den wir dann in der Sitzung durchnehmen in der Absicht, daraus eine Predigt zu gestalten, also zunächst exegetisch möglichst gründlich, dann auf seinen ganzen Gehalt hin, sozusagen biblisch-theologisch, dann endlich erwägend, was er auf uns heutige Menschen hin gewendet sagen möchte. |296 Womöglich habe ich irgendeine Predigt darüber bereit. Soweit noch Zeit ist, bespreche ich in mehr aufs Praktische gerichteter Weise meine Kategorientafel.10 Natürlich werde ich auch durch die Studenten selber Predigtversuche anstellen lassen müssen, aber erst in der zweiten Hälfte des Semesters und dann so, daß sie sie mir privat zustellen müssen und ich sie nur in Auswahl dem Seminar vorlegen will. Es ist doch meist nicht gerade so viel damit zu machen für die gemeinsame Besprechung. Aber es bleibt auch so dies Seminar ein Problem. Manöver mit blinden Patronen mit Leuten, die doch sehr bald in den Ernstfall hineinkommen. Auch der gemeinsame Predigtbesuch in der Stadt soll wieder zur Ausführung kommen.11 Sehen wir zu! Neben der Universität habe ich während der Abwesenheit von Hartenstein in Indien, d. h. bis Weihnachten, auch im Missionshaus eine Stunde Predigtübung in der Woche.12 Dort geht es insofern ernsthafter zu, als gemeinsam gesungen und gebetet und die Predigt dann wirklich gehalten wird. Aber sogar in den heilgen Hallen dieses Hauses, wo ja im ganzen an der subjektiven Ernsthaftigkeit der Schüler nicht zu zweifeln ist, scheint mir dies Verfahren nicht ganz überzeugend zu sein. Dort im Missionshaus fehlt es eigentlich nicht so sehr an einem ernsthaften exegetischen Bemühen und an dem Versuche, auch in der Predigt selbst, möglichst am Texte zu bleiben, aber es zeigt sich, daß auch damit noch nicht wirklich geholfen ist, sofern eben das, was da aus dem Texte, durchaus aus dem Texte heraus gezogen wird, so eine brave — wie sagte jeweilen unser alter Lehrer Mezger13, wenn seine Frau die Bowle mit zu wenig Schnaps versah? — Weiberbowle ist, so wenig rasant und lebhaft, daß man eben wieder fast irgendeine Ketzerei herbeisehnte, wenn sie wenigstens schmissig wäre, irgendein religiössoziales oder meinetwegen auch oxforderisches Über-die-Schnur-Hauen. Ich empfehle diesen Anfängern zur Belebung ihrer Studien und der daraus fließen sollenden Verkündigung neuerdings wieder einfach nicht nur Lektüre von Cremer14, |297 Schlatter15, Bornhäuser16, auch nicht nur Erhebung der Meinung Luthers und Calvins, sondern ganz einfach Blumhardt, Zündel17 und dergleichen ja sicher einseitigere und vielleicht ärmere, jedenfalls weniger vielseitige, aber dafür vielleicht doch ein wenig weniger brave Auslegungen. Auf was man eben immer wieder stößt, das ist einerseits zu wenig klare Grunderkenntnisse dogmatischer Art und dann vor allem: die Exegese ist heute immer noch ganz sicher tief, tief im Argen auf der Universität. Die armen Kerle können einen Text zwar philologisch ganz ordentlich auslegen. Das hat gebessert18, aber sie können ihn nicht flüssig machen seinem Gehalt nach. Wenn ich an unsere hiesige Exegese denke, so wundert mich das auch keineswegs. Wenn deine fünf Mei|298sterbände19 heraus sind, dann, Karl, mußt du für den Rest deines Lebens nur noch Auslegungen schreiben! Es gibt ja doch keine anderen, die das wirklich können, wenigstens fürs neue Testament. Und Helmi müßte bei Leibesstrafe verpflichtet werden, dasselbe fürs A. T. in Kürze zu liefern. Die Kirche braucht das einfach. Gute Dogmatik und gute Auslegung — wenn das nicht kommt, gehen wir unter. In der Auslegung wären wir doch wohl auch den Katholiken voraus, wenn wir uns auf unsere wirkliche Schrifterkenntnis besännen. Teil mir doch, wenn du je zum Schreiben kommst, ein klein wenig mit, was diese deine praktischen Übungen machen, vielmehr, was du da mit deinen Jünglingen machst.
Was Lollo über den guten Herrn Otten schreibt, ist mir fabelhaft neu20. Daß er zu mir eine besondere Nähe habe, ist mir wirklich ganz unbekannt geblieben. Ich habe ein freundliches kleines Nachtessen, zu dem ich ihn in meiner Strohwitwerzeit in ein Lokal eingeladen hatte kurz vor Semesterschluß, in guter Erinnerung und lasse ihn durchaus wieder grüßen. In diesen Tagen wird der strenge Heiner nun auch einmal in Bonn auftauchen nach einer sicher guten und siegreichen Vortragsreise zu den Bremern21 und doch auch zu unserem ami Querbein. Wenn nur die hiesige Philthege (wie sie genannt wird — d. h. die Philosoph.-theolog. Gesellschaft) etwas siegreicher verliefe! Und so sehr Heiner sich Mühe gibt, nett zu sein auch mir gegenüber, und so sehr ich mir Mühe gebe, auch seinen Göttern gebührend zu opfern, irgendwie schmissig ist die Sache nach wie vor nicht. Und zwar bin ganz sicher nicht ich allein daran schuld! Heiner ist einfach von einer solchen Umständlichkeit in der Wahrung der hochphilosophischen Belange, daß einfachere Gemüter wirklich immer wieder vom Karren herunterfliegen. Neuerdings wirft uns Heiners oberherrlicher Mund philosophischen Defaitismus vor. Du wirst dir vorstellen können, was er mit diesem gewiß wieder sehr treffend geprägten Stichwort zu sagen beliebte. |299 Aber was soll man antworten, wenn solch ein Verdikt fällt! Aber, gelt, du sagst ihm wirklich nichts, gar nichts von diesem Giletheulen22 von mir zu dir, wenn er kommt. Gelt, wirklich nicht, jedenfalls nichts Genaueres! Sonst geht es dann hierzulande wieder nicht. Hoffentlich habt ihr ein wirklich gutes Zusammensein, woran ich auch schlechterdings nicht zweifle. Hoffentlich ist Heiner auch mit Lollo so ganz nett, wie es sein muß. Ich habe beruhigt via Bergli gehört, daß der Besuch Georgs bei euch ends aller Ende23 wirklich freundlich und positiv verlaufen ist. Ich muß sagen: ich hatte ein wenig Unruhe deswegen. Denn an diesem Punkte war mein Gespräch mit ihm ziemlich heiß und nicht ganz einfach. Ich habe wie einst mir dir in der Bayrischen24 mit ihm zusammengesessen und lang, lang auf ihn eingeredet, am zweiten Abend nach Entgegennahme des wirklich trefflichen Films «Träumender Mund
📖» dann noch in der bekannten Stube an der Augustinergasse25. Es kam schließlich auch zwischen uns gut. Aber ich spürte doch, wie anders da, vor allem wo’s ins Politische und speziell Deutsche hineingeht, die Wege laufen bei ihm und bei mir. Umso besser, daß ihr euch doch gefunden habt! Eben ist hier die Nachricht eingetroffen von Hitlers Regierungsübernahme.26 Wenn das nur gut kommt! Der Papen war ja wirk|300lich nicht sympathisch, aber wie auch sein Rücktritt zeigt, doch nicht einfach ein Tyrann. Hitler möchte einer sein — ohne doch sicher das Zeug und Format dazu zu haben, und das sind gerade die verfluchtesten. Warten wir ab! Wir hierzulande haben den Genfer Skandal mit dem Maschinengewehrschießen in die Menge27 hinter uns. Das Blatt unseres Freundes Karl Sartorius tut sich — sicher auch nicht zu seiner Freude — wieder einmal hervor in kräftigen Ausrufen seiner eigenen bürgerlichen Unfehlbarkeit.28 Und auf der linken Seite ist man wieder weit über das eigene Maß hinaus rrrrevolutionär. Die bekannte schweizerische sterile Situation.
Hast du gesehen, zu was für einem Großkampf Peter im kommenden Jahre antreten wird? Ausgerechnet unserem fatalen Freund Lemaître29 gegenüber wird er also deine Belange zu vertreten haben.30 Hof|301fentlich gelingt der hier wieder einmal geplante Friedensschluß zwischen Dialektik und liberaler Erfahrungstheologie nicht trotz der Anrufung der Gottlosenfront31! Mach du selber den Peter gelegentlich noch ein wenig scharf. Wir hatten die Freude, sein wirklich ausgezeichnetes Gertrudli32 für ein Retourbillet lang33 als unser Gästlein zu haben. Ein freundlicheres und wirklich ausgeglicheneres Kindlein kann man sich nicht mehr wünschen. Alle guten Geister Marburgs34 und von der Vaterseite her scheinen hier bei einander zu liegen. Wahrscheinlich sind jedenfalls meine Töchter weniger ausgeglichen, trotzdem ich das Apostolikum ganz lese35!
Schluß! Wie geht es euch allen? Und wie geht es wohl euch miteinander? Ich frage das wirklich aus treuem Gedenken an alles, was auf jedem von euch liegt — Nelly, Lollo, du … Auf mir liegt Brunners Ethik, die nun endlich ihre Rezension haben soll.36 Seid Ihr auch schon daran? Und kannst du mir irgendeinen Wink geben? Es ist schwierig, dieses Buch einzureihen und an seinen Ort zu stellen. Heiner hat es bereits besprochen, wenigstens ist die Besprechung geschrieben.37 Hoffentlich hat Helmi Vischers Frau ihre Krankheit nun wirklich überstanden.38 Ihr werdet auch sehr beunruhigt gewesen sein mit ihnen um ihr Ergehen.
Marguerite grüßt vielmal mit. Herzlich