7. Januar 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Bei meiner Rückkehr aus dem Schwarzwald1 fand ich eure vielfachen Sendungen vor. Den Brief an Emil! Ich habe ihn nicht ohne Erschütterung gelesen und überdacht. Also dieser Sinn hat sich dir irgendwie in endgültigem Zufallen einer Türe zwischen dir und ihm als der tief fatale Grund-sinn aller seiner theologischen Äußerungen offenbart! Damit fällst du bei dir oder hat sich bei dir gefällt eine Entscheidung über Emils theologisches Denken und Tun, die mir als Frage wahrhaftig auch schon aufgetaucht ist, die ich aber in dieser endgültigen Weise zu beantworten, beantworten zu müssen, die Freiheit oder den Zwang bisher nicht hatte. Mir schien immer noch die Möglichkeit offen, «daß wir in einigen nicht unwichtigen Worten doch dasselbe sagen»2. Ich habe das vor allem seinen Predigten gegenüber, die ich häufig zu lesen bekam, immer wieder so gesehen, viel weniger allerdings seinen eigentlichen theologischen Arbeiten gegenüber. Für dich ist es klar geworden, daß es aufs Ganze gesehen nur ein klares, hartes Nein geben kann. Ich möchte dir sagen, daß der Brief unbedingt abgehen sollte. Das ist mir fraglos. Da bin ich ganz dabei. Er ist viel zu tief aus letzten, sachlichen Nötigungen heraus geschrieben, viel zu sehr auch aus einer letzten Not um die Sache bei dir selber heraus. Man kann solchen Abklärungen nicht ausweichen, ohne Gefahr zu laufen. Auch Marguerite hat den Brief so gelesen und ist unbedingt für Absendung. Ob es für Emil doch noch ein letzter Anruf wird, auf den er hören kann? Er tut mir leid, aber erspart kann es ihm so wenig werden wie uns. Die einzige Stelle, die vielleicht nicht nötig gewesen wäre und die Emil sicher treffen wird, ist der Satz von den Reförmlern, mit denen er für dich auf eine Linie rücke.3 — |340 Mehr kann ich zunächst nicht schreiben. Ich komme eben erst zurück, die morgige Predigt wartet auf mich. — Nur dieses: Gogarten, da bin ich insofern nach wie vor anderer Meinung, als bei ihm doch bei weitem nicht jene Systematik schon vorliegt, die alles erst so gefährlich werden läßt. Ist er nicht viel zu sehr theologischer Dilettant (was ja auch nicht gerade ein Ehrenname ist), dafür aber viel weniger festgefahren, viel mehr in der Möglichkeit drin, doch wieder etwas zu sagen, das schlicht und ohne Anstoß gut ist? Ich denke an gewisse Aufsätze von ihm bezeichnenderweise gerade in der «Zeitwende»4, von denen ich sagen könnte, daß ich dabei war und mitging und Belehrung und Bestärkung empfing (ähnlich wie hin und wieder in einer Predigt Brunners), ohne daß ich viel umdeuten oder anders hören mußte, als es gesagt war. Seiner Ethik 📖 gegenüber verstehe ich deine Einwände alle. Und auch sonst kann ich ihn in seinen eigentlichen theologischen Dicta nicht rechtfertigen. Ob bei dir nicht auch eine alte, instinktive Ablehnung des feierlichen Friederich wenigstens mitspielt? Aber du wirst ihm schreiben müssen oder schon geschrieben haben, wie du eben mußtest.5 Kann ich es gelegentlich einsehen?

341 Die Gollwitzerakten gehen noch an Ruedis — ich durfte doch? Ruedis lasen davon in deinem Briefe an mich, und es ist sicher gut aufgehoben bei ihnen, das ist ja klar. Ich bin restlos einig mit euch. Ich kenne das entrüstete Pfaffengeheul über sexuelle Sünden vom letzten Winter her, wo ich mich demgegenüber ebenso entschlossen für den Pfarrer Iselin einsetzen mußte, der jetzt in Safenwil amtet und der eine solche Sache hinter sich hatte. Auch naher Freunde war ich in diesem Vorgehen nicht sicher. Es gibt eben überall solche Sammetreuthers und Langenfasse. Ich bin dir einfach dankbar für die Einsicht, die ich darein nehmen konnte. Deine Briefe sind ausgezeichnete Beispiele für das, was hier einzig gesagt und getan werden konnte.

Lollo vielen herzlichen Dank für alle Mühe, die sie mit meiner Bedienung immer wieder hat. Dir und ihr vielen Dank für die guten Briefe! Vor allem aber auch für die fabelhafte Weihnachtsbüchersendung! Karl, was hast du gedacht, mir meine Wünsche mit einer nur noch an Ruedi gemahnenden Generosität einfach zu erfüllen! Schluß für heute!

Herzlich
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Thurneysens hatten über den Jahreswechsel ein paar Ferientage im Schwarzwald verbracht.↩
2
Zitat aus Barths Brief an Brunner (s. oben S. 337, Anm. 1): «Hier, hier auf der Ebene dieser drei Vorhaltungen [Brunners gegen Barth in seinem Brief vom 13.12.1932] müßte es sich zeigen, ob wir in der Christologie, in der Rechtfertigungslehre, im Schriftprinzip etc. einig sind, und wenn wir uns hier nur noch übereinander wundern können, wie sollte dann nicht auch dort Alles verschieden gemeint sein, auch wenn wir in einigen nicht unwichtigen Worten dasselbe zu sagen scheinen?» (Bw.Br., S. 216 📖).↩
3
A.a.O., S. 215 📖: «Mit Althaus und Heim fängt aber für mich — trotz der schwachen Stunde, in der ich mich breitschlagen ließ, mit ihnen eine Schriftenreihe [«Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus 📖», seit 1927] herauszugeben — die Phalanx derer an, die ich nur als theologische Gegner respektieren und behandeln kann. [Forts. im Entwurf:] Irgendwo in dieser Reihe gibt es dann auch noch die Reformer etc., aber wenn es mit der Gemeinschaft theologischen Wollens einmal aus ist, was haben dann diese Unterschiede — die Unterschiede zwischen denen, mit denen man nicht einig ist — für ein wesentliches Interesse?»↩
4
Die 1925 gegründete, von O. Gründler, Fr. Langenfaß und T. Klein herausgegebene protestantische Zeitschrift «Zeitwende» bot in einem «dezidiert akademischen Stil … kulturpolitische und geisteswissenschaftliche Analysen und Interpretationen» (Fr. Brandi-Hinnrichs, Von der personalen zur politischen Theologie. Die theologie- und kulturgeschichtlichen Hintergründe der Theologie Friedrich Gogartens zwischen 1924 und 1934. Mit einem Vergleich zu Emil Brunner [Diss. theol. Hamburg, Rigorosum: 27.6.1990], masch.-schriftlich, o. J., S. 417 📖). Bis zum Briefdatum waren in der «Zeitwende» von Gogarten erschienen: Protestantischer Glaube, Jg. 3 (1927), S. 299–318 📖 (auch in: ders., Glaube und Wirklichkeit, Gesammelte Aufsätze, Jena 1928, S. 91–117 📖); Die Krisis der Religion, Jg. 7 (1931), S. 22–38 📖 (wieder abgedruckt in: ders., Gehören und Verantworten. Ausgewählte Aufsätze, in Zusammenarbeit mit M. Bultmann hrsg. von H. G. Göckeritz, Tübingen 1988, S. 62–88 📖); Goethes Frömmigkeit, Jg. 8 (1932), S. 161–173. 📖 Zur Charakterisierung der Zeitschrift vgl. Brandi-Hinnrichs, S. 416–424.429.431-433.440-446.↩
5
Am 3.1.1933 hatte Barth Gogarten — auch mit Rücksicht auf ein weiteres Zusammengehen in ZZ — brieflich um ein Gespräch über seine Bedenken hinsichtlich dessen theologischer Haltung gebeten. Gogarten sagte den vorgeschlagenen Termin aus Zeitmangel ab (Postkarte an Barth vom 6.1.1933; das ist die letzte erhaltene Postsendung Gogartens an Barth). Barth sandte einen Durchschlag dieses Briefes an Thurneysen.↩