du mußt mit einer indirekten Sendung vorlieb nehmen, indem ich dir einen Durchschlag meines Briefes an Georg1 zusende, woraus du entnehmen kannst, wie ich die Dinge sehe. Ich war am Montag in Zürich2 und konnte dort Einsicht nehmen in die dorthin geleiteten Briefe, |342 sie werden alle am Montag auf die Post gegeben werden und so wieder in eure Hände kommen. Georg hat eben an mich geschrieben3, daher der Bescheid wegen Zw.d.Z. an ihn. Wegen des Eingehens unserer Hefte4 mußt vor allem du ganz frei entscheiden. Ich arbeite relativ wenig mit und müßte auch sonst nichts entbehren, wenn sie eingingen, weil ich deine Arbeiten ja auch so erhielte. Eben ist eine Sendung der Vorlesung5 aus Bern von deiner Mutter her bei mir eingetroffen. Ich denke aber an allerlei Leute, die auf diesem Wege und nur auf ihm ihre |343 Belehrung weiterhin empfangen. Eben hat mir dein Schüler Frey erzählt, wie er alte Jahrgänge zusammengekauft habe, um auch entlegenere Aufsätze der «Meister» zu besitzen. Es ist eine merkwürdige Lage, in die wir geraten sind, daß wir unser Schiff auf Grund gehen lassen möchten, nicht weil wir nicht mehr weiterfahren wollten, aber weil wir allein weiterfahren möchten und uns der anderen nur so glauben entledigen zu können, daß wir gleich die ganze Barke ersaufen lassen. Zleid!6
Ich lege dir noch den Entwurf eines Sendschreibens an die Pfarrer bei, den ich im Auftrag der sog. Sozialen Studienkommission zu kanzeln hatte7. Er hat die merkwürdige Vorgeschichte, daß er aus einer verworrenen Beratung heraus entsprang, wo die Religiös-Sozialen alter und echter Observanz natürlich einen flammenden antimilitaristischen Protest in aller Öffentlichkeit haben wollten, um dann darauf einzugehen, den nun versuchten Weg zu beschreiten. Und weil ich diesen Weg als allenfalls möglich vorgeschlagen hatte, mußte ich nun diesen Türken8 auch auf die Beine stellen. — In Basel tobt gegenwärtig ein seltsamer Händel wegen des Schulgebets, das plötzlich vom Erziehungsrat verboten wurde, wogegen die Menge des Kirchenvolkes sich fanatisch erhob.9 Ich habe mich in dieser Sache gar nicht eingemischt, weil sie |344 mir zu wenig eindeutig vorkam. Dagegen hat sich der alte Eberhard Vischer die Finger verbrannt, weil er als Erziehungsrat aus Gründen besonderer und übersteigerter Gebetstheorie10 (er stützte sie fatalerweise |345 in der Öffentlichkeit mit Zitaten aus Heiler) für das Verbot eingetreten war11 und nun von dem Freidenker Haenssler und Anderen als Kronzeuge verwertet wurde12. Was ihm wiederum von dem Mann auf der Straße als theologische Konfusion und Kompliziertheit gedeutet wurde.13