3. Januar 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

da schicke ich dir einen Brief an Brunner, den Karl heute Nacht schrieb und den — zunächst — nicht abzuschicken ich ihn bat.1 Nach längerem Hin und Her bat ich ihn, diesen Brief dir vorlegen zu dürfen und es von deiner Ansicht abhängig zu machen, ob er abgehen soll. Wenn du also dafür hältst, daß er notwendig sei, so retourniere ihn bitte umgehend an uns. — Karl hat augenblicklich einfach schwere Tage im Gedanken an seine theologischen Freunde: das Echo von Brunner2 und Althaus3 (der gestern auch einen sehr ablehnenden Brief4 bekam), die Beschäftigung mit Gogartens Ethik 📖5, das alles macht ihm wund und weh und zeigt ihm das Alleinsein in seiner Arbeit und auf seinem Weg.6 Dazu kam vorgestern Abend Privatdozent Fuchs7, ein junger radikaler Württemberger, Schmidts Assistent, und hielt ihm seine bisherige Position, das Zusammengehen (nach außen!) mit einem Gogarten, Brunner, ja mit dem Autorenkreis von Z.d.Z. als unmöglich und in gefährlicher Weise mißverständlich vor. Das traf bei K. nur zu offene Oh|338ren, und besonders auch die schwerwiegenden Vorwürfe gegen Gogarten (er sprach ihm geradezu die theologische Intention ab) trafen nur zu sehr mit Karls eigenen Mißbilligungen zusammen. — Nun ist ja sicher sachlich etwas dran und liegen wirklich sehr tiefgehende Unterschiede vor. Aber meinst du nicht doch, es sei besser, jetzt nicht nach allen Seiten Absageerklärungen loszulassen, sondern durch die eigene positive Arbeit die nötige Abgrenzung etwa gegenüber einem Br. und G. zu vollziehen? Ich bin wirklich auch unsicher. Gogarten ist ja mit sachlichen Belegen wirklich schwer zu decken, und K. erklärt, dein und mein Eintreten für ihn sei ihm einfach darum nicht ganz überzeugend, weil wir uns letztlich doch auch auf einen irrationalen Eindruck zurückziehen müßten. — Schreib du vielleicht Karl, wenn du irgend Zeit findest. Er hat es sehr nötig. Es ist ja mehr als nur eine Stimmung. Es ist wirklich ein durch die Jahre hindurch gewachsener Zorn, dem gegenüber wirklich nicht leicht etwas Gültiges zu sagen ist. Mir kam heute Nacht zum erstenmal der Gedanke, ob er nicht vielleicht doch sachlich notwendig sich jetzt in dieser etwas gewaltsamen Form von diesem Kreis um ihn befreien muß? Laß dir bitte das alles einmal durch den Kopf gehen und verzeih diese etwas chaotischen Andeutungen. Meine Tage sind voll und übervoll, da ich neben allem Anderen ja in zwei Monaten in Berlin das Examen machen will.8 Die nur zu oft erwähnten Protokolle9 sollen heute fertig werden.

Sei von Herzen gegrüßt und bedankt von
deiner
Lollo

Grüße Marguerite!

Sachfußnoten

1
Briefentwurf vom 2.1.1933, weitgehend textidentisch mit dem tatsächlich abgeschickten Brief an Brunner vom 10.1.1933 (s. Bw.Br., S. 213–217 📖); vgl. unten S. 339, Anm. 2.↩
2
Brief Brunners an Barth vom 13.12.1932 über KD I/1 📖; s. oben S. 311, Anm. 7.↩
3
Brief Althaus’ an Barth vom 9.12.1932, veranlaßt durch Übersendung eines Freiexemplars KD I/1. 📖↩
4
Brief an Althaus vom 2.1.1933; Teilabdruck in: Th.Ex.h. 1933, S. 155–157. 📖↩
5
In den Offenen Abenden; vgl. oben S. 305, Anm. 8.↩
6
Im März 1933 grenzte Barth sich in dem Kopenhagener Vortrag (s. oben S. 334, Anm. 62) öffentlich von P. Althaus, E. Brunner und Fr. Gogarten, außerdem auch von R. Bultmann und E. Hirsch ab, a.a.O., bes. S. 308f.311f. 📖 (=Th.Fr.u.A, S. 137f.141f 📖).↩
7
Ernst Fuchs (1903–1983), 1931 Lic. theol., 1930–1932 Assistent von K. L. Schmidt, 1932–1933 Privatdozent für Neues Testament in Bonn, danach Pfarrer in Württemberg, 1951–1970 Dozent in Tübingen, dann Professor für Neues Testament in Berlin und Marburg.↩
8
Bereits mit Schreiben vom 30.7.1932 hatte die «Prüfungsstelle für die Zulassung zum Studium ohne Reifezeugnis» in Berlin Ch. von Kirschbaum ihre Zulassung zur Prüfung im Herbst 1932 mitgeteilt. Sie beantragte bereits am 7.8.1932 die Verlegung des Prüfungstermins auf das Frühjahr 1933 (Brief an Ch. von Kirschbaum und Abschrift ihres Schreibens im Karl Barth-Archiv). Am 10.3.1933 schickte sie aus Berlin ein Telegramm an Barth nach Aarhus (vgl. unten S. 368) mit dem Text: «Mit sehr gut bestanden / Lol[l]o».↩
9
Es läßt sich nicht mehr ermitteln, welche Protokolle gemeint sind (Ch. von Kirschbaums Ausdruck könnte sich auch auf die Offenen Abende oder die Predigtübungen beziehen). Im Karl Barth-Archiv befindet sich außer dem Protokollheft der Predigtübungen auch eine Abschrift aus Thurneysens Besitz. Es ist jedoch auch eine Abschrift der Protokolle des Calvin-Seminars vorhanden (das originale Protokollheft fehlt).↩