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30.[31.] Januar 1933
Das Bonner Laboratorium, auf das du so ehrfürchtig und doch mit Recht auch nicht ganz ohne den Unterton leisen Mißtrauens gegen ein solches Kontrollinstitut hinweisest1, steht augenblicklich, wenigstens was mich betrifft, still, indem ich durch die herrschende Grippe erfaßt und ins Bett geworfen bin. Die eingetretene Unsicherheit meiner Lage erkennst du schon an den unaufhörlichen Tippfehlern! Zwei Tage mit intensiven Kopfschmerzen waren sehr schlimm, und nun bin ich durch das auf Weisung des Arztes in großen Dosen genossene Chinin erheblich geschwächt. Aber anfangs nächster Woche hoffe ich wieder zu lesen, und jedenfalls besteht Aussicht, daß ich bis auf Weiteres «der Kirche erhalten bleibe». Ich liege hier in einem Sonderraum, lese Balzac wie in Krankheitszeiten immer, rauche die eine und andere Bettpfeife und bin wirklich in keiner Weise zu beklagen. Da Nelly ebenfalls darniederliegt und dito Stöffeli, Matthis, Hansjoggeli und eines von den Mädchen2, ist Lollo von der gelehrten Tätigkeit im Laboratorium zunächst ganz zum Hausfach übergegangen und entwickelt da Fähigkeiten hinsichtlich reibungs- und lautloser und doch sachgemäßer Abwickelung der hier in Betracht kommenden Geschäfte, die ich wohl in ihr |347 geahnt, aber so doch noch nie im Spiel gesehen habe. Infolgedessen bietet das Haus von ferne nicht den zerstörten Anblick, den man unter solchen Umständen wohl vermuten möchte, sondern in keinem wohlgeordneten Spital könnte größere Zufriedenheit und Harmonie herrschen … die «geordnete Unordnung»3 in geradezu paradigmatischer Gestalt. Eben habe ich z. B. eine von mir außerordentlich geliebte Hummerspeise nebst einem Glase Rotspon zu mir genommen als Abendbrot und bin gewiß in jeder Hinsicht besser dran als etwa Hitler Adolf, der ja nun heute seinen großen Tag gehabt hat4 und in dem wir nun fürs Erste die in ihrer Art gewiß auch von Gott gesetzte Obrigkeit [vgl. Röm. 13,1] zu verehren haben. Er würde, wenn er mehr Verstand hätte, heute Nacht gewiß sehr unruhig schlafen. Wenn Oeri etwas Witziges zu dieser Sache schreiben sollte5, so laß es mich doch ja wissen. Seid jedenfalls |348 auch in dieser Hinsicht unseretwegen ruhig und unbesorgt. Die Nazis werden mir nichts tun. Ich habe übrigens einen «Sturmführer» als sehr tätiges Mitglied in Sozietät und Seminar6 (entschlossen reformiert ist dieser vielfach Begeisterte auch noch!), der mir eine providentielle Spezialsendung parallel derjenigen Adolfs zuerkennt und der die braunen Häscher gewiß von mir fern halten würde. Das politische «Gespräch», wie der Fremdling7 das nennt (ich halte es für eine gigantische Kannegießerei8), muß nun eben auch einmal unter diesen Auspizien vor sich gehen dürfen.
Heute kam dein Brief samt Beilagen. Ach Eduard, warum war dein Brief nicht länger? Lollo hatte mir ihn mit einem kleinen Jubelschrei überreicht, und wir waren doch ein wenig enttäuscht, als er zwar viele, viele goldene Worte aus deiner von uns du weißt nicht wie sehr geschätzten Feder, aber doch nur wenige direkt an uns gerichtete enthielt. Schon um dir noch mehr solche zu entlocken, schreibe ich dir gleich wieder. Aber ich ahne ja wohl, wie bedrängt du mit deiner Zeit dran bist, und will dir wirklich nicht geradezu wünschen, du möchtest, um ebenfalls Zeit zum Schreiben zu bekommen, in ähnlicher Weise in die Stille geführt werden, wie es mir nun widerfahren ist.
Für heute Schluß. Lollo ist von ihren vielen Wegen wieder hieher zurückgekehrt und arbeitet im großen Seeberg9. Ich werde noch etwas Balzac lesen und dazu ein Bettbier genehmigen!
31. Januar
Hoffentlich berührt dich der gestrige Briefanfang nicht zu leichtfertig-diesseitig! Vielleicht mußte er so sein, wie er ist, schon weil ich dir nicht zum mindesten darum schreibe, um gegen deine viel zu schöne, |349 prophetische Interpretation meiner Taten und Meinungen10 als gegen eine Sache, die mich ziemlich erschreckt, Protest einzulegen. Heute hatte ich den Besuch von Herrn Lempp, der mir nun geradezu sagte: auch wenn ich mich auf den Kopf stellen wollte, so würde er, Lempp, entschlossen sein, dies «großartig» und überzeugend zu finden. Wirklich, ich bin über jeden Satz oder Satzteil froh (in deinem Brief an Georg), in welchem du mich nicht sowohl als einen mit Ziegelsteinen die Belagerung Jerusalems abbildenden, unkontrollierbar autoritativen Jeremia [vgl. Hes. 4] darstellst, sondern sagst, daß du auf der Ebene gewöhnlicher menschlicher Dinge Verständnis hast für meine Gründe. Ich muß ja zugeben, daß der Abgang meiner verschiedenen «Absagen» etwas von der Irrationalität des absoluten «Ereignisses» an sich hatte. Aber aus der Nähe besehen, stand doch Alles, wie Lollo dir bezeugen könnte, ziemlich schlicht in der Reihe längst im Gang gewesener Entwicklungen, und es wäre mir wirklich grauenhaft zu Mute, wenn man mich nur noch ehrfürchtig walten lassen, aber nicht mehr verstehen könnte, wie man irgend jemand Anderen verstehen kann. Ich würde sogar, wenn dies wirklich unmöglich wäre, der offenbar Lukas Christ näherliegenden Deutung: ob ich nicht einen kleinen Vogel im Kopf haben möchte?11 vor deiner prophetischen entschieden den Vorzug geben. Wir ha|350ben hier jedenfalls gerade über den Fall Gogarten verschiedene halbe Nächte hindurch diskutiert und seine letzten Kundgebungen z. T. Wort für Wort noch einmal vorgelesen und durchgesprochen. Du mußt auch wissen, daß speziell Lollo immer wieder für G. das vorgebracht hat, was du mir ja so oft gesagt hast: das auf der Linie: «interessanter Magier mit der spitzen Mütze» etc. Aber nun wollte eben bei mir dieser sozusagen irrationale Verweis nicht mehr recht und in der Folge gar nicht mehr verfangen angesichts dessen — nun eben dessen, was du ja offenbar auch siehst, nur daß es dir offenbar immer noch als so etwas wie ein Schnörkel erscheint, bei dem man G. gar nicht behaften dürfe, während ich behaupten muß, daß der ganze Gogarten höchst grundsätzlich und folgerichtig in eben diesem Schnörkel besteht und gar nicht ernst genommen wird, wenn man ihn hier nicht ernst nimmt, sondern im Zeichen des (von Lukas nun übrigens bis zur Abgeschmackthieit erschöpften) Bonmots mit den moutons fünfe gerade sein läßt. Ist Lukas eigentlich recht bei Trost, daß er meint, mir im Hinblick auf Gogarten oder auch nur Emil dieses — für sein Verhältnis zu Hansli Baur ja gewiß ganz brauchbare — Rezept raten zu sollen? Eine nette Gemeinschaft, die dann wirklich unter dieser siegreichen Devise friedlich beieinander bleiben würde. Nein, was mir hätte helfen können, wäre nur der Nachweis gewesen, daß eine neue Zweistöckigkeit in der Theologie nicht Gogartens Absicht sei. Diesen Nachweis, um den ich ihn ja längst direkt gebeten habe — was jetzt in der Dogmatik
📖 darüber steht, ist ihm ja seit 1 1/2 Jahren bekannt!12 —, hat weder er selbst noch sonst jemand geführt, und mir haben sich die Argumente dafür noch verstärkt, daß man ihn tatsächlich nicht führen kann, daß G. ihn auch gar nicht führen will, weil er einfach für richtig hält, was ich für falsch halten muß. Wenn ich unrecht habe, will ich mich wirklich noch jetzt gerne belehren lassen; wenn ich aber recht habe, dann möchte ich dies lieber sachlich aner|351kannt sehen als unter Verweis auf eine prophetische Eruption, die vermutlich bei mir stattgefunden habe, während ich faktisch so profan Pfeife rauchte und ein Abendbierlein trank wie nur irgendjemand.
Bei Emil liegt ja Alles viel eindeutiger. Wir sind in seiner Ethik wieder ein gutes Stück weitergekommen und haben nun auch das Ehe-Familien-Kapitel und die Wirtschaftslehre13 hinter uns. Es wird Alles — immer in derselben Richtung — je länger je schlimmer. Wie ist es auch nur möglich, daß er nicht versteht, daß mein Protest wirklich zum Wenigsten gegen seine eristische Schrulle als solche geht, sondern gegen die geradezu mammuthaft-thomistische Unverfrorenheit, mit der er sich erlaubt, im Oberlicht von etwas angeblicher «Offenbarung» alle, aber auch alle seine entscheidenden Sätze (bei den konkreten Fragen wird das noch viel manifester!) einfach in Form einer kühn gewagten anthropologischen Analyse zu entwickeln (wobei ich übrigens der Philosoph auch nicht sein möchte, der dieses Zeug nun etwa philosophisch zu verantworten hätte!). Ist dir an irgend einer Stelle dieses Wälzers auch nur etwas begegnet, das dir den Eindruck von «Weisheit» (im Sinn der Sprüche Salomos!) gemacht hätte, wie man sie in einer christlichen Ethik doch gewiß suchen dürfte? Ist da nicht Alles ein Gemisch von Biederkeit und Gscheitelei, bei dem es einem weder warm noch kalt werden, vor dem man nur entsetzt die Flucht ergreifen kann? Und woher kommt das? Gewiß nicht davon, daß Emil ein schaler Geselle wäre oder nicht richtig gläubig! Wohl aber davon, daß hier das Erstgeburtsrecht der Theologie schon im Ansatz um ein Linsengericht verkauft ist [vgl. Gen. 25,29–34], und nun darf man eben diese Linsensuppe löffeln. Kannst du ihm denn das gar nicht klar machen, daß ich ihm den Spaß mit dem mit der Welt zu führenden eristischen Gespräch ja gerne lassen würde, wenn es nur nicht so handgreiflich deutlich wäre, daß er auch und gerade da, wo nun offenkundig auch er zur Sache reden will, so völlig, aber auch völlig zu einer anderen Sache redet? Warum versteht er nicht wenigstens — ich glaube wirklich, daß ich hier mit G. einfacher dran wäre, wenn ich ihn einmal vor die Klinge bringen könnte —, daß und wo ich ihn nicht verstehe und er mich nicht? Warum kann er mir ganze Briefe lang vorschwätzen über seine besondere Mission an die un|352gläubigen Gebildeten usw.14, wo er doch merken müßte, daß wir über die Mission überhaupt und als solche alles Andere als im Reinen sind? Aber nein, er merkt es also nicht. Ach, Eduard, welche babylonische Verwirrung! Wirklich, welche «Sichtungszeit»15!
Ich hatte heute mit Herrn Lempp natürlich auch eine Aussprache über ZdZ und konnte auch ihm nur sagen, was ich dir schreiben wollte, daß ich durchaus nicht mit der Vorstellung von einem notwendigen Ende von ZdZ schwanger gehe, sondern für jede humane, im besten Sinn zwischenzeitliche Lösung durchaus offen bin. Eine solche haben wir denn nun auch bis auf Weiteres vereinbart. Es ist die in meinem Brief an Georg16 auch schon erwogene: Streichung aller drei offiziellen «Mitarbeiter», als schlichte Tatsache, also ohne eine öffentliche Erklärung über den Grund. Der mag dann durchsickern oder auch nicht durchsickern — verschwiegen zu werden braucht er niemandem, der danach fragen sollte —, das falsche Bild, das jetzt gestellt wird, hört auf, und jeder steht nach außen nur noch für seine Sachen ein. Mehr wollte ich nicht, und wenn es sich so machen läßt — ich hatte angenommen, Georg würde auch das nicht tragbar finden —, so bin ich’s wohl zufrieden.
Noch einmal: Ach Eduard, es ist Alles so schwierig! «Der Starke ist am mächtigsten allein!»17 Ich kenne dieses Sprüchlein aus Emils Briefen |353 längst so gut wie das von den moutons aus denen von Lukas. Ist es denn wirklich eine solche Übermenschengebärde, daß ich mich darin nun eben doch in aller Bescheidenheit von dem großen Hitleradolf unterscheiden möchte, daß ich in einer «Harzburgerfront»18 nun eben lieber nicht mittue? Was habe ich denn davon, allein zu sein? Muß man denn gleich ein Prophet oder ein wenig nervös sein oder eine Art Herrenmensch, wenn man von Zeit zu Zeit kund tun muß, daß man in das allgemeine kollegiale «Ich danke dem Herrn Vorredner!» nicht unter allen Umständen einzustimmen gesinnt ist?
Doch genug des Geklönes19! Lollo hat, während ich an diesem Briefe tippte in meinem behaglichen Bett, tausend Nöte gehabt mit einem widerspenstigen Zentralheizungsofen, der auszukratzen und mit Kohlen neu zu füllen war. Im rechten Augenblick erschien dann Markus, aber sie sitzt nun doch ganz erschöpft da, ein vorwurfsvoller Anblick für mich. Markus war übrigens in der Stadt und brachte von da die Nachricht mit, daß dort nun doch so etwas wie ein nächtlicher Krawall zwischen den Nazis und den Kommunisten sich vorbereite. Wenn dies in dem etwas weingemütlichen Rheinland unvermeidlich ist, wie mag es dann erst an der Ruhr etc. aussehen? Aber ich möchte vorderhand bei der Diagnose bleiben, daß das Personal auf beiden Seiten zu unbedeutend ist, als daß es zu ernsthaften Unruhen kommen könnte.
Ich muß Schluß machen, obwohl ich gerne auch noch zu deinem Aufruf betr. Genf und zu dem Erlaß Heiners20 das Wort ergriffen hätte. Aber das Erstere ganz besonders würde noch einmal einen ganz neuen |354 Anlauf des Nachdenkens bedeuten, zu dem ich heute nicht mehr fähig bin. Sei nur gewiß, daß ich Alles das auch mit bedenke.
Lollo grüßt dich sehr herzlich mit mir!
[Nachschrift von Markus Barth:]
Und Markus grüßt!