30. Januar 1933 – 31. Januar 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

346
Lieber Eduard,

Das Bonner Laboratorium, auf das du so ehrfürchtig und doch mit Recht auch nicht ganz ohne den Unterton leisen Mißtrauens gegen ein solches Kontrollinstitut hinweisest1, steht augenblicklich, wenigstens was mich betrifft, still, indem ich durch die herrschende Grippe erfaßt und ins Bett geworfen bin. Die eingetretene Unsicherheit meiner Lage erkennst du schon an den unaufhörlichen Tippfehlern! Zwei Tage mit intensiven Kopfschmerzen waren sehr schlimm, und nun bin ich durch das auf Weisung des Arztes in großen Dosen genossene Chinin erheblich geschwächt. Aber anfangs nächster Woche hoffe ich wieder zu lesen, und jedenfalls besteht Aussicht, daß ich bis auf Weiteres «der Kirche erhalten bleibe». Ich liege hier in einem Sonderraum, lese Balzac wie in Krankheitszeiten immer, rauche die eine und andere Bettpfeife und bin wirklich in keiner Weise zu beklagen. Da Nelly ebenfalls darniederliegt und dito Stöffeli, Matthis, Hansjoggeli und eines von den Mädchen2, ist Lollo von der gelehrten Tätigkeit im Laboratorium zunächst ganz zum Hausfach übergegangen und entwickelt da Fähigkeiten hinsichtlich reibungs- und lautloser und doch sachgemäßer Abwickelung der hier in Betracht kommenden Geschäfte, die ich wohl in ihr |347 geahnt, aber so doch noch nie im Spiel gesehen habe. Infolgedessen bietet das Haus von ferne nicht den zerstörten Anblick, den man unter solchen Umständen wohl vermuten möchte, sondern in keinem wohlgeordneten Spital könnte größere Zufriedenheit und Harmonie herrschen … die «geordnete Unordnung»3 in geradezu paradigmatischer Gestalt. Eben habe ich z. B. eine von mir außerordentlich geliebte Hummerspeise nebst einem Glase Rotspon zu mir genommen als Abendbrot und bin gewiß in jeder Hinsicht besser dran als etwa Hitler Adolf, der ja nun heute seinen großen Tag gehabt hat4 und in dem wir nun fürs Erste die in ihrer Art gewiß auch von Gott gesetzte Obrigkeit [vgl. Röm. 13,1] zu verehren haben. Er würde, wenn er mehr Verstand hätte, heute Nacht gewiß sehr unruhig schlafen. Wenn Oeri etwas Witziges zu dieser Sache schreiben sollte5, so laß es mich doch ja wissen. Seid jedenfalls |348 auch in dieser Hinsicht unseretwegen ruhig und unbesorgt. Die Nazis werden mir nichts tun. Ich habe übrigens einen «Sturmführer» als sehr tätiges Mitglied in Sozietät und Seminar6 (entschlossen reformiert ist dieser vielfach Begeisterte auch noch!), der mir eine providentielle Spezialsendung parallel derjenigen Adolfs zuerkennt und der die braunen Häscher gewiß von mir fern halten würde. Das politische «Gespräch», wie der Fremdling7 das nennt (ich halte es für eine gigantische Kannegießerei8), muß nun eben auch einmal unter diesen Auspizien vor sich gehen dürfen.

Heute kam dein Brief samt Beilagen. Ach Eduard, warum war dein Brief nicht länger? Lollo hatte mir ihn mit einem kleinen Jubelschrei überreicht, und wir waren doch ein wenig enttäuscht, als er zwar viele, viele goldene Worte aus deiner von uns du weißt nicht wie sehr geschätzten Feder, aber doch nur wenige direkt an uns gerichtete enthielt. Schon um dir noch mehr solche zu entlocken, schreibe ich dir gleich wieder. Aber ich ahne ja wohl, wie bedrängt du mit deiner Zeit dran bist, und will dir wirklich nicht geradezu wünschen, du möchtest, um ebenfalls Zeit zum Schreiben zu bekommen, in ähnlicher Weise in die Stille geführt werden, wie es mir nun widerfahren ist.

Für heute Schluß. Lollo ist von ihren vielen Wegen wieder hieher zurückgekehrt und arbeitet im großen Seeberg9. Ich werde noch etwas Balzac lesen und dazu ein Bettbier genehmigen!

31. Januar

Hoffentlich berührt dich der gestrige Briefanfang nicht zu leichtfertig-diesseitig! Vielleicht mußte er so sein, wie er ist, schon weil ich dir nicht zum mindesten darum schreibe, um gegen deine viel zu schöne, |349 prophetische Interpretation meiner Taten und Meinungen10 als gegen eine Sache, die mich ziemlich erschreckt, Protest einzulegen. Heute hatte ich den Besuch von Herrn Lempp, der mir nun geradezu sagte: auch wenn ich mich auf den Kopf stellen wollte, so würde er, Lempp, entschlossen sein, dies «großartig» und überzeugend zu finden. Wirklich, ich bin über jeden Satz oder Satzteil froh (in deinem Brief an Georg), in welchem du mich nicht sowohl als einen mit Ziegelsteinen die Belagerung Jerusalems abbildenden, unkontrollierbar autoritativen Jeremia [vgl. Hes. 4] darstellst, sondern sagst, daß du auf der Ebene gewöhnlicher menschlicher Dinge Verständnis hast für meine Gründe. Ich muß ja zugeben, daß der Abgang meiner verschiedenen «Absagen» etwas von der Irrationalität des absoluten «Ereignisses» an sich hatte. Aber aus der Nähe besehen, stand doch Alles, wie Lollo dir bezeugen könnte, ziemlich schlicht in der Reihe längst im Gang gewesener Entwicklungen, und es wäre mir wirklich grauenhaft zu Mute, wenn man mich nur noch ehrfürchtig walten lassen, aber nicht mehr verstehen könnte, wie man irgend jemand Anderen verstehen kann. Ich würde sogar, wenn dies wirklich unmöglich wäre, der offenbar Lukas Christ näherliegenden Deutung: ob ich nicht einen kleinen Vogel im Kopf haben möchte?11 vor deiner prophetischen entschieden den Vorzug geben. Wir ha|350ben hier jedenfalls gerade über den Fall Gogarten verschiedene halbe Nächte hindurch diskutiert und seine letzten Kundgebungen z. T. Wort für Wort noch einmal vorgelesen und durchgesprochen. Du mußt auch wissen, daß speziell Lollo immer wieder für G. das vorgebracht hat, was du mir ja so oft gesagt hast: das auf der Linie: «interessanter Magier mit der spitzen Mütze» etc. Aber nun wollte eben bei mir dieser sozusagen irrationale Verweis nicht mehr recht und in der Folge gar nicht mehr verfangen angesichts dessen — nun eben dessen, was du ja offenbar auch siehst, nur daß es dir offenbar immer noch als so etwas wie ein Schnörkel erscheint, bei dem man G. gar nicht behaften dürfe, während ich behaupten muß, daß der ganze Gogarten höchst grundsätzlich und folgerichtig in eben diesem Schnörkel besteht und gar nicht ernst genommen wird, wenn man ihn hier nicht ernst nimmt, sondern im Zeichen des (von Lukas nun übrigens bis zur Abgeschmackthieit erschöpften) Bonmots mit den moutons fünfe gerade sein läßt. Ist Lukas eigentlich recht bei Trost, daß er meint, mir im Hinblick auf Gogarten oder auch nur Emil dieses — für sein Verhältnis zu Hansli Baur ja gewiß ganz brauchbare — Rezept raten zu sollen? Eine nette Gemeinschaft, die dann wirklich unter dieser siegreichen Devise friedlich beieinander bleiben würde. Nein, was mir hätte helfen können, wäre nur der Nachweis gewesen, daß eine neue Zweistöckigkeit in der Theologie nicht Gogartens Absicht sei. Diesen Nachweis, um den ich ihn ja längst direkt gebeten habe — was jetzt in der Dogmatik 📖 darüber steht, ist ihm ja seit 1 1/2 Jahren bekannt!12 —, hat weder er selbst noch sonst jemand geführt, und mir haben sich die Argumente dafür noch verstärkt, daß man ihn tatsächlich nicht führen kann, daß G. ihn auch gar nicht führen will, weil er einfach für richtig hält, was ich für falsch halten muß. Wenn ich unrecht habe, will ich mich wirklich noch jetzt gerne belehren lassen; wenn ich aber recht habe, dann möchte ich dies lieber sachlich aner|351kannt sehen als unter Verweis auf eine prophetische Eruption, die vermutlich bei mir stattgefunden habe, während ich faktisch so profan Pfeife rauchte und ein Abendbierlein trank wie nur irgendjemand.

Bei Emil liegt ja Alles viel eindeutiger. Wir sind in seiner Ethik wieder ein gutes Stück weitergekommen und haben nun auch das Ehe-Familien-Kapitel und die Wirtschaftslehre13 hinter uns. Es wird Alles — immer in derselben Richtung — je länger je schlimmer. Wie ist es auch nur möglich, daß er nicht versteht, daß mein Protest wirklich zum Wenigsten gegen seine eristische Schrulle als solche geht, sondern gegen die geradezu mammuthaft-thomistische Unverfrorenheit, mit der er sich erlaubt, im Oberlicht von etwas angeblicher «Offenbarung» alle, aber auch alle seine entscheidenden Sätze (bei den konkreten Fragen wird das noch viel manifester!) einfach in Form einer kühn gewagten anthropologischen Analyse zu entwickeln (wobei ich übrigens der Philosoph auch nicht sein möchte, der dieses Zeug nun etwa philosophisch zu verantworten hätte!). Ist dir an irgend einer Stelle dieses Wälzers auch nur etwas begegnet, das dir den Eindruck von «Weisheit» (im Sinn der Sprüche Salomos!) gemacht hätte, wie man sie in einer christlichen Ethik doch gewiß suchen dürfte? Ist da nicht Alles ein Gemisch von Biederkeit und Gscheitelei, bei dem es einem weder warm noch kalt werden, vor dem man nur entsetzt die Flucht ergreifen kann? Und woher kommt das? Gewiß nicht davon, daß Emil ein schaler Geselle wäre oder nicht richtig gläubig! Wohl aber davon, daß hier das Erstgeburtsrecht der Theologie schon im Ansatz um ein Linsengericht verkauft ist [vgl. Gen. 25,29–34], und nun darf man eben diese Linsensuppe löffeln. Kannst du ihm denn das gar nicht klar machen, daß ich ihm den Spaß mit dem mit der Welt zu führenden eristischen Gespräch ja gerne lassen würde, wenn es nur nicht so handgreiflich deutlich wäre, daß er auch und gerade da, wo nun offenkundig auch er zur Sache reden will, so völlig, aber auch völlig zu einer anderen Sache redet? Warum versteht er nicht wenigstens — ich glaube wirklich, daß ich hier mit G. einfacher dran wäre, wenn ich ihn einmal vor die Klinge bringen könnte —, daß und wo ich ihn nicht verstehe und er mich nicht? Warum kann er mir ganze Briefe lang vorschwätzen über seine besondere Mission an die un|352gläubigen Gebildeten usw.14, wo er doch merken müßte, daß wir über die Mission überhaupt und als solche alles Andere als im Reinen sind? Aber nein, er merkt es also nicht. Ach, Eduard, welche babylonische Verwirrung! Wirklich, welche «Sichtungszeit»15!

Ich hatte heute mit Herrn Lempp natürlich auch eine Aussprache über ZdZ und konnte auch ihm nur sagen, was ich dir schreiben wollte, daß ich durchaus nicht mit der Vorstellung von einem notwendigen Ende von ZdZ schwanger gehe, sondern für jede humane, im besten Sinn zwischenzeitliche Lösung durchaus offen bin. Eine solche haben wir denn nun auch bis auf Weiteres vereinbart. Es ist die in meinem Brief an Georg16 auch schon erwogene: Streichung aller drei offiziellen «Mitarbeiter», als schlichte Tatsache, also ohne eine öffentliche Erklärung über den Grund. Der mag dann durchsickern oder auch nicht durchsickern — verschwiegen zu werden braucht er niemandem, der danach fragen sollte —, das falsche Bild, das jetzt gestellt wird, hört auf, und jeder steht nach außen nur noch für seine Sachen ein. Mehr wollte ich nicht, und wenn es sich so machen läßt — ich hatte angenommen, Georg würde auch das nicht tragbar finden —, so bin ich’s wohl zufrieden.

Noch einmal: Ach Eduard, es ist Alles so schwierig! «Der Starke ist am mächtigsten allein!»17 Ich kenne dieses Sprüchlein aus Emils Briefen |353 längst so gut wie das von den moutons aus denen von Lukas. Ist es denn wirklich eine solche Übermenschengebärde, daß ich mich darin nun eben doch in aller Bescheidenheit von dem großen Hitleradolf unterscheiden möchte, daß ich in einer «Harzburgerfront»18 nun eben lieber nicht mittue? Was habe ich denn davon, allein zu sein? Muß man denn gleich ein Prophet oder ein wenig nervös sein oder eine Art Herrenmensch, wenn man von Zeit zu Zeit kund tun muß, daß man in das allgemeine kollegiale «Ich danke dem Herrn Vorredner!» nicht unter allen Umständen einzustimmen gesinnt ist?

Doch genug des Geklönes19! Lollo hat, während ich an diesem Briefe tippte in meinem behaglichen Bett, tausend Nöte gehabt mit einem widerspenstigen Zentralheizungsofen, der auszukratzen und mit Kohlen neu zu füllen war. Im rechten Augenblick erschien dann Markus, aber sie sitzt nun doch ganz erschöpft da, ein vorwurfsvoller Anblick für mich. Markus war übrigens in der Stadt und brachte von da die Nachricht mit, daß dort nun doch so etwas wie ein nächtlicher Krawall zwischen den Nazis und den Kommunisten sich vorbereite. Wenn dies in dem etwas weingemütlichen Rheinland unvermeidlich ist, wie mag es dann erst an der Ruhr etc. aussehen? Aber ich möchte vorderhand bei der Diagnose bleiben, daß das Personal auf beiden Seiten zu unbedeutend ist, als daß es zu ernsthaften Unruhen kommen könnte.

Ich muß Schluß machen, obwohl ich gerne auch noch zu deinem Aufruf betr. Genf und zu dem Erlaß Heiners20 das Wort ergriffen hätte. Aber das Erstere ganz besonders würde noch einmal einen ganz neuen |354 Anlauf des Nachdenkens bedeuten, zu dem ich heute nicht mehr fähig bin. Sei nur gewiß, daß ich Alles das auch mit bedenke.

Lollo grüßt dich sehr herzlich mit mir!

Es grüßt dich dein
Karl

[Nachschrift von Markus Barth:]

Und Markus grüßt!

Sachfußnoten

1
Barth bezieht sich auf Thurneysens Brief an Merz vom 27.1.1933 (s. oben S. 341, Anm. 1), in dem es heißt: «Zudem herrscht in dem Laboratorium in Bonn eine so gescheite und scharfe Luft, daß alles, was nicht ganz gargekocht ist, unnachsichtlich in seiner Fragwürdigkeit durchschaut wird. Und daß es eine solche strenge Kontrollstelle gibt, darüber kann man ja auch wieder nicht froh genug sein. Selbst wenn unsereiner auch noch und immer wieder auch aus Gerichten seine Nahrung zieht, die dort notwendig verworfen werden müssen.»↩
2
Hausmädchen.↩
3
Von Barth in seiner Ethik eingeführter Begriff, wo er auf den «Grenzbegriff» Ehescheidung zu sprechen kommt, worunter «grundsätzlich jeder Akt» zu verstehen sei, «durch den die Ehe negiert wird, … in dem die Einheit, die Ganzheit, die Dauer der Ehe unterbrochen wird» (Ethik I, S. 406f. 📖). Unter den «fortwährend auch geordnete[n] Formen dieses unordnungsmäßigen Wesens» gebe es möglicherweise «endlich und zuletzt in der Tat auch den Kompromiß, den man Ehescheidung im juristischen Sinne nennt,» der immer ein Bruch der «Ordnung der Ehe» sei: «Sofern dabei geordnete Unordnung vorliegt, ist auch hier Gehorsam nicht unmöglich, sofern es doch nur geordnete Unordnung ist, ist dasselbe Tun Ungehorsam. Etwas Anderes ist die Vergebung, etwas Anderes die Anerkennung der menschlichen Sünde» (Ethik I, S. 407).↩
4
Am 30.1.1933, von den Nationalsozialisten als Tag der «Machtergreifung» gefeiert, wurde Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Zur Atmosphäre des Tages vgl. etwa Scholder I, S. 277f. 📖; zu Barths Einschätzung der Lage vgl. den Teilabdruck seines Briefes an seine Mutter vom 1.2.1933, a.a.O., S. 279f. ↩
5
Oeris «Tagesbericht» zur «Machtergreifung» auf der Titelseite der Basler Nachrichten vom 31.1.1933 (O[eri], Das Kabinett Hitler, in: BN, Jg. 89 [1933], Nr. 31 📖) beginnt mit den Sätzen: «Das Duell in der Dunkelkammer, das die Führer der diversen deutschen Rechtsrichtungen letzter Tage mit langen Bratenmessern gegen einander ausgetragen haben, ist zu Ende. Als das Licht angedreht wurde, lag General von Schleicher als Leiche da, und in Siegerpose stolzierte der neue Reichskanzler Adolf Hitler.» Im weiteren wird Hitler mit einem wilden Bären verglichen, der sich einen Nasenring habe anlegen lassen. «Freilich: Bär bleibt Bär, auch wenn man ihm einen Ring durch die Nase zieht und ihn an der Leine führt. Seine Gefährlichkeit hängt nicht vom Ring und von der Leine, sondern von der Geschicklichkeit und Energie des Bärenführers und des sonstigen Wartepersonals ab. Bärenführer ist im vorliegenden Fall Herr von Papen.» Dieser habe «des Widerspenstigen Zähmung» vollbracht und werde «nun dafür zu sorgen haben, daß sein Virtuosenstück kein böses Ende für das Reich nimmt». Wenn er, die Minister von Blomberg und von Neurath, Reichspräsident und Reichstag wachsam seien, «wird Germania an dem ‹nikotinfreien› Nationalsozialismus, den man ihr jetzt zu rauchen gibt, nicht lebensgefährlich erkranken. Besser wäre es ja, wenn die Dame überhaupt nicht rauchte. Aber rauchen will sie nun einmal!»↩
6
Reinhold Paul Johannes Thyssen (1911–1944), nach Studium in Bonn, Tübingen und Berlin 1935–1944 Pfarrer in Wasserhorst bei Bremen, zugleich bis September 1937 Landesjugendpfarrer.↩
7
Alfred de Quervain; s. oben S. 153 bei Anm. 34.↩
8
Siehe oben S. 317, Anm. 25.↩
9
R. Seeberg, Lehrbuch der Dogmengeschichte (Sammlung Theologischer Lehrbücher), 4 Bde., Erlangen/Leipzig (mehrere Auflagen seit 1895) 📖; oder: ders., Christliche Dogmatik, 2 Bde., Leipzig 1924f 📖. ↩
10
Thurneysens Beurteilung der Abgrenzungen Barths gegenüber den früheren theologischen Weggefährten in seinem Brief an Merz (s. oben S. 341, Anm. 1) endete mit den Worten: «Und nun hat Karl also rücksichtslos aufgedeckt, was da im Verborgenen schwebte. ‹Ihr habt einen anderen Geist als wir.› Mir ist überhaupt, die ganze Auseinandersetzung sei irgendwie in der Nähe des ‹Marburger Gesprächs› zu sehen und von da aus zu deuten und zu begreifen. Auch in dem Sinne, daß die große Nähe der wirklich brennenden Punkte, an die Karls Arbeit uns herangeführt hat, es bewirkt, daß die Konflikte zwischen den ‹Meistern› selber ausbrechen müssen. Das wäre an sich noch kein schlechtes Zeichen. Ich habe Karls ganze Scheidebriefaktion irgendwie als einen ‹prophetischen› Akt aufgefaßt, wie sie in der Kirche ja vorkommen können. Und daß da nicht weiter dreinzureden ist von uns her, das ist klar.» Der Ausdruck «‹prophetischer› Akt» begegnet in dem Brief, ebenfalls mit Anführungszeichen, noch ein weiteres Mal: «Anders gefragt: soll der ‹prophetische› Akt so weit ausgedehnt werden, daß das allerdings verfängliche ‹Zwischen den Zeiten›bühnelein ebenfalls einzugehen hat?»↩
11
Barth bezieht sich auf eine Stelle aus Thurneysens Brief an Merz vom 27.1.1933: «Lukas Christ habe ich von der Sache mit Emil Kenntnis gegeben: er meinte, ob nicht auch etwas Nervosität von Seiten Karls mitspiele. Noch vor 5 Jahren, denke er, hätte Karl sich viel mehr an den schönen Wahlspruch gehalten: ‹il faut laisser pisser les moutons›, hätte diese Kleineren reden lassen und sich gesagt, daß es in der Kirche immer und zu allen Zeiten so gewesen sei, daß der starke Wein der wirklich Einsichtigen ohne besondere Schuld ein wenig verschnitten werde und daß man sich darüber nicht weiter aufregen müsse.» Schon am 27.7.1932 hatte L. Christ Thurneysen in bezug auf Barths offene Briefe an Wobbermin und Kolfhaus geschrieben: «Früher hat er sich doch kaum um all diese Anfechtungen gekümmert. Ich werde ihm wohl wieder einmal meinen Wahlspruch empfehlen müssen, den ich von meinem Vater geerbt habe: Il faut laisser pisser les moutons» (Nachlaß Thurneysen 📖).↩
12
Siehe oben S. 288, Anm. 14.↩
13
Vgl. E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen, a.a.O. (S. 213, Anm. 6), S. 324–368: Die Lebensgemeinschaft, Ehe und Familie; S. 369–425: Die Arbeitsgemeinschaft 📖. ↩
14
Vgl. etwa Brunners Brief vom 13.12.1932 (vgl. oben S. 311, Anm. 7), worin er — im Gegensatz zu Barths mit KD I/1 📖 eingeschlagener «Richtung auf die theologia perennis» — seine Ausrichtung «auf eine solche Dogmatik [vertrat], die gerade darin ihren Dienst sieht, daß sie auf die Fragen antwortet, die gerade der heutige Mensch stellt … In ihren besten Zeiten hat sich die theologische Arbeit nicht in erster Linie an die Pfarrer sondern an das denkende Christenvolk gewendet.» Für ihn sei die «Aufgabe theologischer Arbeit … im Grunde nichts anderes als eine bestimmte Art der Evangelisation, nämlich der Kampf gegen unser heidnisches Denken.» Zitate in: Bw.Br., S. 210. 212 📖. ↩
15
In einem Strafbrief an die Gemeinen deutete Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 1749 die Jahre seit etwa 1743 — eine Zeit schwärmerischer und enthusiastischer Frömmigkeit in den Gemeinen — in Anlehnung an Lk. 22,31 als «Sichtungszeit»; vgl. G. Meyer, Einführung in die Sichtungszeit, in: N. L. von Zinzendorf, Hauptschriften in sechs Bänden, hrsg. von E. Beyreuther und G. Meyer, Bd. III: Reden während der Sichtungszeit in der Wetterau und in Holland, Homilien über die Wunderlitanei, Zeister Reden, Hildesheim 1963, S. VI-XXV 📖. Thurneysen hatte den Ausdruck am Ende seines Briefes an Merz gebraucht.↩
16
Siehe oben S. 342, Anm. 4. Teilabdruck von Merz’ Antwortbrief an Barth vom 24.1.1933 bei Lichtenfeld, S. 192 📖. ↩
17
Fr. Schiller, Wilhelm Tell, I, 3 📖, von Brunner auf Barth angewendet in seinen Briefen vom 12.6.1930 und vom 16.1.1933 (s. Bw.Br., S. 199.221 📖).↩
18
Auf einer Tagung in Bad Harzburg am 11.10.1931 hatten sich rechtsgerichtete Parteien und Verbände (u. a. die NSDAP) als sog. nationale Opposition («Harzburger Front») gesammelt und in einer z. T. direkt an den Reichspräsidenten gerichteten Entschließung den Rücktritt der Regierung Brüning und einen politischen Richtungswechsel gefordert; vgl. Hillgruber, S. 205–207 📖. ↩
19
= Klagens.↩
20
Thesenpapier H. Barths (1 S.) vom «[8.] Januar 1933» überschrieben: «An die Mitglieder der ‹Philosophisch-Theologischen Vereinigung›», beginnend: «Der Unterzeichnete erlaubt sich, Ihnen in einer Folge von Sätzen zusammenzufassen, was für ihn das Ergebnis der bisherigen Diskussion über ‹Vernunft und Offenbarung[›]ist[,] in der Meinung, daß dies zur Klärung der Lage oder zum mindesten zur Erleichterung der Orientierung beitragen könnte.» Eines der beiden Exemplare im Karl Barth-Archiv ist mit der Bleistift-Aufschrift: «Privatmemorandum von Heiner!» (in Thurneysens Handschrift am oberen Blattrand), verschiedenen Anstreichungen und der Ergänzung des Datums versehen; ein weiteres Exemplar im Nachlaß H. Barth 📖.↩