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7. Februar 1933
Während du wieder hoffentlich einigermaßen rüstig dein Laboratorium betreten hast, Bett und Balzac hinter dir lassend, hat es mich geschnappt, und ich werde nach einigen Tagen von Mudrigkeit1, diesen Brief geschrieben habend, noch zu guter Tagesstunde für eine Weile ins Unbewußte mich verziehen. Aber eben Fieberlein hin oder her, dieses Wort mußte noch an euch gekabelt sein. Sonst finde ich meine Ruhe im Bett nicht. Denn ich habe dir für einen ausgezeichnet tröstlichen Brief zu danken, eine wahre Oase von «Weisheit» (wie wir sie bei Emils sämtlichen Kundgebungen vermissen, während auf alle Fälle deine Briefe — ich denke an den Akt Gollwitzer — eine wahre Fundgrube davon sind) und zugleich Munterkeit, so daß ich meine Kamele gründlich daran getränkt habe, bevor ich sie weitertrieb. Und dies «Weiter» bestand in einer kleinen Fahrt nach Zürich, wo ich am Sonntag abend in Männi Tischhausers2 Tempel auf langes Drängen hin einen «Vortrag vor der Gemeinde»3 hielt und selbstverständlich Ruedis einigermaßen gründlich sah und auch sie wiederum nährte und spies mit deinem gu|355ten Briefe aus dem Bett. Im übrigen war Zürich für mich kein gutes Erlebnis. Diese Gemeindevorträge sind eine schlechthin unmögliche Sache. Man kann allenfalls im eigenen Machtbereich einmal einen solchen Vortrag halten zur Verdeutlichung der Verkündigung, aber man kann nicht plötzlich mir nichts dir nichts vor ein paar braven Kirchgängern Sonntag abends 6 Uhr, flankiert von einem schrecklichen Kirchenchor und hinter sich einen noch schrecklicheren Organisten, seine Sache sagen. Nachher bei Tischh. sah ich außer den tröstlichen Gestalten von Ruedi und Gerty auch noch den Pfarrer Theo Schmidt4 aus Niesky und unseren Freund Emil, aber es kam wirklich zu gar keinem Kontakt. Emil sitzt in seinem Zug, Männi erzählt Ragazanekdoten, Schmidt gibt über Diakonissenhäuser Auskunft. Schließlich war die gute Lösung diese, daß ich in den Chrysler steigen und zum Bahnhof sausen durfte.
Karl, was jene dir so horrible Kategorie des Prophetischen5 betrifft, die ich Georgius gegenüber auf dich anwandte, so nimm das nicht tragischer, als es von Anfang an gemeint war. Es stand immer schon zwischen Gänsefüßchen. Im übrigen ist es sicher wohl am Platz, wenn die Generalstabsoffiziere die Weisungen des Chefs ein wenig respektvoll unter sich kommentieren. Aber natürlich hast du recht, es lief einfach einmal der Krug über, die Gelegenheit war da, und nun wurde er ausgeschüttet. Wobei immerhin inhaltlich beträchtliche Worte fielen, die «alte Schlange»6 ruft man doch nicht dir nichts mir nichts an. Mir waren auf alle Fälle diese Klärungen sehr erhellend. Und ich habe den Ein|356druck, sie haben die Situation irgendwie gesäubert. Sehen wir zu, wie wir weiterfahren.
Unterdessen ist es klar geworden, daß ich abbrechen muß. Was für Träume werden mir zugemessen werden? Hoffentlich plagt mich der Hitler nicht, aber auch — was noch schrecklicher wäre — wünsche ich keinerlei Oxfordträume. Und auch der am Sonntag vor mir stehende Kinovortrag mit seiner fatalen Frage: Bin ich schuldig?7 könnte mir Albdrücken bereiten. Nur eines noch: kannst du mir wohl ein kurzes Wort sagen zu der Kundgebung wegen Genf8? Die Fragen sind nicht von mir formuliert, wohl aber die Erwägungen dazu. Die Sache gibt unterdessen zu reden. Allerhand Leute mögen nicht mehr mitmachen, vor allem die welschen Mitglieder der Kommission. Es wird noch ein Hin und Her absetzen. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir nur sagen |357 wolltest, ob du irgendwo etwas ganz Unmögliches in meinen Sätzen findest. Dann sag es mir offen. Ich bin zehnmal froh darüber. Aber wenn’s nicht geht, so gibt dir keine Extramühe.
Sei mit Lollo und Nelly und dem ganzen Hause — besonders Markus — herzlich und vielmal gegrüßt. Wenn ich mich wieder erheben kann, so wirst du ein weiteres Wort von mir bekommen.
Die Gollwitzerakten werden dann auch endlich wieder in deine Hände gelangen.